Hörtest bei Babys: Audiometrie so früh wie möglich

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Hörtest bei Babys: Audiometrie so früh wie möglich

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Je früher Schwerhörigkeit mittels Hörtest bei Babys diagnostiziert wird, desto rascher kann man gegensteuern und Entwicklungsverzögerungen verhindern.

Wir haben Vertreter der internationalen non-profit Organisation Hear-it AISBL mit Sitz in Brüssel gefragt, warum Hörscreenings bei Neugeborenen so wichtig sind, wie die Untersuchung abläuft und was Eltern tun können um das Gehör Ihres Babys selbst zu testen.

Hear-it AISBL beschäftigt sich mit nahezu allen themenbezogenen Sachverhalten, die mit Gehörschädigungen zu tun haben, z.B.:

  • Vorbeugung von Schwerhörigkeit
  • Konsequenzen von Hörverlust für den Einzelnen und für die Gesellschaft
  • praktische Informationen für Hörgeschädigte
  • Informationen und nützliche Hinweise für Angehörige und Fachpersonal

Hörschäden bei Babys oft lange unbemerkt

Hörschäden bei Kindern werden häufig erst bemerkt, wenn andere Kinder im Alter von zwei bis drei Jahren zu sprechen beginnen. Gehörlose und schwerhörige Kinder sind in der Lage, ihre fehlende Wahrnehmung durch Beobachtung und Geruch auszugleichen, was auch zu einer verspäteten Diagnose führen kann.

„Hörschäden werden bei Kindern oft viel zu spät entdeckt. Die Folgen können schwer wiegende Störungen in der sozialen und geistigen Entwicklung sein. Gerade die ersten zwei Lebensjahre sind aber für die Entwicklung entscheidend: Das Gehirn muss das Hören erst lernen.

Ein gesundes Ohr leitet den Schall weiter und trainiert so die Nervenbahnen zwischen Innenohr und Gehirn. Fehlen akustische Reize in der frühen Kindheit, weil eine Schädigung vorliegt, verkümmert der direkte Draht zwischen Ohr und Hirn. Die wesentliche Reifung der Hörbahnen spielt sich sogar in den ersten neun Monaten ab.“

Was können Eltern tun um das Gehör Ihres Babys selbst zu testen?

Hörstörungen sind die häufigsten angeborene Sinnesbehinderung, doch das ist vielen Eltern unbekannt. Umso wichtiger ist es das Bewusstsein zum Thema Hörstörung zu schärfen um angeborene Schwerhörigkeit möglichst früh erkennen zu können.

In einem ersten Schritt können Eltern auch zuhause überprüfen, ob ein Baby gut hört. Dies geschieht am besten, während das Kind schläft – so lässt sich vermeiden, dass etwaige Reaktionen des Kindes mißverstanden werden können. Denn hörgeschädigte Babys versuchen schon früh, Geräusche mit anderen Sinnen wahrzunehmen und „verstecken“ so ihre Hörbeeinträchtigung.

Beispiel: Klatscht ein Elternteil zum Beispiel in die Hände, reagieren sie, weil sie es gesehen oder weil sie den Luftzug gespürt haben.

Zu beachten ist dabei, dass Babys in den ersten Lebenswochen nur laute Geräusche hören. Eltern können in dieser Zeit also etwa mit einem Quietschtier oder einer Rassel Geräusche erzeugen. Im oberflächlichen Schlaf reagiert ein Kind mit gesundem Gehör darauf mit einer veränderten Atmung. Es holt zum Beispiel tief Luft.

Ab dem dritten Lebensmonat sollten Babys auch auf leise Geräusche reagieren, etwa auf das Rascheln von Seidenpapier.

Eine Hörstörung können Eltern auch daran erkennen, dass ein Baby irgendwann verstummt. Hören und Sprechen gehören nämlich zusammen: Wer Wörter nicht hört, kann sie nicht nachahmen und auf diese Weise sprechen lernen.

Hörgeschädigte Babys beginnen zwar ganz normal zu lallen, das Lallen geht dann aber nicht wie bei hörgesunden Kindern ungefähr ab dem sechsten Monat in ein Brabbeln über, sondern verbleibt auf dem Niveau von Lallen.

Video: Hörtest beim Neugeborenen

Das Kurzvideo zeigt den Ablauf einer Audiometrie mittels AABR-Messung.

Welche Folgen hat eine verspätete Diagnose?

In Deutschland (ähnliche Zahlen sind in Österreich zu vermuten) kommen etwa 2 bis 4 von 1.000 Neugeborenen mit einer behandlungsbedürftigen Schwerhörigkeit zur Welt. Dennoch wurden versorgungsbedürftige Hörstörungen lange erst im Alter von zweieinhalb Jahren oder später entdeckt. Geringgradige oder einseitige Hörstörungen werden häufig überhaupt erst bei der Schuleingangsuntersuchung durch Schulärzte festgestellt.

Deshalb wird von Experten dringend die Einführung eines universellen Neugeborenen-Hörscreenings bereits in der ersten Lebenswoche des Neugeborenen empfohlen, um so möglichst früh angeborene Hörstörungen erkennen zu können. In Österreich wird das Hör-Screening bei Neugeborenen nicht flächendeckend angeboten, deswegen sollen sich Eltern umgehend bei Ihrer Kinderärztin/Ihrem Kinderarzt darüber erkundigen.

Ab dem vierten Lebensjahr kann dann noch die Aussprache (möglicher s-Fehler oder ähnliches) sowie die Selbstreinigungsfunktion der Ohren kontrolliert werden.

Dadurch, dass hörgeschädigte oder gehörlose Kinder ihre fehlende Wahrnehmung durch andere Fähigkeiten ausgleichen können, werden Hörschäden nicht immer rechtzeitig entdeckt. Der Vorsorge durch frühe Hörtests kommt daher die ganz essentielle Bedeutung zu, Kinder vor negativen Folgen in der körperlichen und geistigen Entwicklung bei einer möglicherweise vorliegenden Hörschädigung zu bewahren.

Wird eine Schwerhörigkeit oder Taubheit zu spät erkannt, kann dies gravierende Folgen sowohl für die körperliche, als auch die geistige Entwicklung des Kindes haben. Kinder mit unerkannten Hörschäden erlernen – wenn überhaupt – nur eingeschränkt sprechen und sind dadurch in ihrem sozialen Umfeld stark eingeschränkt, oft einsam und isoliert. Hörgeschädigte Kinder wirken auf andere verträumt, eigenbrötlerisch und finden dadurch schwerer Zugang zu anderen Kindern.

Dadurch, dass Kinder mit Hörschäden auch von vielen Informationsquellen abgeschnitten sind, ihnen zum Beispiel Gespräche verschlossen bleiben, wird auch die Entwicklung ihres Denkvermögens beeinträchtigt. So ist es möglich, dass ein intelligentes Kind mit einer zu spät erkannten Hörschädigung eine Sonderschule besucht.

Was sind die Ursachen?

Wie erwähnt kommen bis zu vier Babys von 1.000 Neugeborenen schwerhörig zur Welt. Die Ursachen dafür sind mannigfaltig:

  • Genetische Vorbelastung (schwerhörige Familienmitglieder), die Schwerhörigkeit ist angeboren
  • Andere Fehlbildungen, mit denen Schwerhörigkeit auftreten kann, zum Beispiel beim Down-Syndrom
  • Risiken während der Schwangerschaft, wie Infektionskrankheiten oder die Einnahme von Medikamenten und Drogen durch die Mutter
  • Probleme während der Geburt: Unterversorgung mit Sauerstoff bei verlangsamten Geburtsvorgang
  • Infektionen im Kleinkinderalter, wie z.B. Hirnhautentzündung oder ein Tuben-Mittelohr-Katarrh

Moderne Hörgeräte

Es werden mittlerweile vielfältige, immer modernere Hörgeräte angeboten. Sie können bereits bei Kleinkindern zur Verbesserung des Hörens führen und werden durch entsprechende kindergerechte Gestaltungen mit unterschiedliche Farben und Mustern besser angenommen als zum Beispiel von Senioren, wo diese Geräte nicht selten im Nachtkästchen verschwinden. Hierbei ist die Akzeptanz von großer Bedeutung.

Ist ein normales Hörgerät nicht ausreichend, kann eine Innenohr-Prothese helfen. „Als Ersatz für ein nicht funktionsfähiges Innenohr wird ein elektronisches Gerät eingesetzt, das eine elektrische Stimulation des Hörnervs bewirkt.“ Ein intakter Hörnerv ist hier allerdings Voraussetzung.

Alternative Gebärdensprache

Wenn die moderne Technik nicht helfen kann, sollten gehörlose Kinder und Kinder mit Hörschäden die Gelegenheit erhalten, die Gebärdensprache zu erlernen und anzuwenden. „Die Gebärdensprache fördert die intellektuellen und sozialen Fähigkeiten in gleichem Maße wie die gesprochene Sprache.“

Fratz & Co.

Rechtzeitige Hörtests zur Vorbeugung

Audiometrie: unter diesem Begriff versteht man in der Medizin verschiedene apparative Verfahren, mit deren Hilfe die Gehörfunktion überprüft werden kann. Sie dienen primär der Diagnose der Hörleistung aber auch dem Erkennen von Erkrankungen der Hörorgane.

In der Audiometrie werden zwei Messmethoden beim Neugeborenen-Hörscreening unterschieden:

  • 1. TEOAE = Transitorisch evozierte otoakustische Emission (Schallaussendungen des Innenohres)
  • Mit dem so genannten OAE Echo-Screening, einen Hörtest für Neugeborene, kann in den ersten Lebenstagen des Babys eine Schwerhörigkeit bzw. mögliche Schädigung des Gehörs diagnostiziert werden. Im Fall eines ernsthaften Hörschadens kann umgehend mit der Therapie begonnen, die Heilungschancen gesteigert und Defizite in der Entwicklung weitestgehend vermieden werden.

    Dabei wird mittels Ohrsonde die akustische Antwort des Innenohrs auf einen kurzen, breitbandigen akustischen Reiz (einer schnellen Serie leiser Test-Töne) registriert. Wenn diese sogenannten Otoakustische Emssionen (OAE) nachweisbar sind, funktionieren Mittelohr und Hörschnecke bis hin zu den empfindlichen Sinneszellen (äußere Haarsinneszellen).

  • 2. AABR-Messung = Automated auditory brainstem response (Antworten des Hirnstammes auf Schallreize)
  • Bei der automatisierten Hirnstammaudiometrie (AABR), wird ebenfalls ein Schallreiz mittels Sonde angeboten. gemessen wird aber die Reaktion des Gehirns auf den Sondenton. Dazu werden zuvor auf die Stirn, den Nacken und den Wangenknochen kleine Elektroden aufgeklebt oder die Messung erfolgt über die im Screeninggerät integrierten Elektroden.

    Sind diese Reizantworten, die als AABR bezeichnet werden, sicher nachweisbar, dann ist klar, dass Mittelohr, Hörschnecke, Hörnerv wie auch die unteren Abschnitte der zentralen Hörbahn auf Hirnstammebene funktionsfähig sind.

    Beim 1-stufigen Hörcreening wird gleich AABR eingestzt, egal, ob es sich um gesunde Neugeborene oder Risikokinder handelt.
    Üblicherweise wird im 2-stufigen Hörscreening zuerst TEOAE bei gesunden Neugeborenen angewendet, während AABR: bei allen Risikokindern, sowie allen Kindern mit auffälligen TEOAE- Ergebnis zum Einsatz kommt.

    Beide Verfahren sind für das Baby vollkommen schmerzfrei, dauern nur wenige Minuten und sind für das Baby in keiner Weise belastend.

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    Quelle:

    ¹ – Hörtest für Kinder (hear-it.org)

    Fotohinweis: sofern nicht extra anders angegeben, Fotocredit by Fotolia.com (bzw. Adobe Stock)

    Linktipps

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