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Die Postpartale Depression

Die Postpartale Depression

Postpartale Depression - PPD

Es sollte alles so toll sein: Die Geburt des herbeigesehnten Töchterchens oder Söhnchens ist geschafft, die Anstrengung ist vorbei, jetzt sollte die frischgebackene Mutter doch eigentlich erschöpft in den Kissen liegen können und mit einem seligen Lächeln ihr neues Familienmitglied begutachten. Soweit das Klischee – die Praxis sieht jedoch oft anders aus.



Viele Mütter verspüren nach der Geburt leider gar nichts vom überströmenden Glück – im Gegenteil: Sie weinen, sind erschöpft und können sich nicht richtig über den Familienzuwachs freuen. Das allein ist aber noch nicht schlimm. Prof. Dr. Heinz Katschnig, Klinikvorstand der Psychiatrie im Wiener Allgemeinen Krankenhaus betont: „Das ist der Baby-Blues. Dieses Phänomen wurde früher „Heultage“ genannt und tritt sehr häufig nach einer Geburt auf.

Postpartale Depression (PPD)

Davon zu trennen ist die eigentliche postpartale Depression (PPD).“ Auch Dr. Claudia Klier, Fachärztin für Psychiatrie und Neurologie im AKH-Wien erläutert: „Der Baby-Blues ist sehr häufig, etwa 80 Prozent der Frauen leiden daran. Die Symptome des Blues gehen rasch vorüber und verschwinden gewöhnlich von selbst, so schnell, wie sie gekommen sind. Bei manchen Müttern läuft es leider nicht so gut. Sie leiden nicht am Baby-Blues, sondern an einer postpartalen Depression (PPD).

Dr. Klier: „10 bis 15 Prozent der Frauen erkranken an einer postpartalen Depression, die üblicherweise nicht im Wochenbett beginnt, sondern erst nach und nach, am häufigsten zwischen dem dritten und sechsten Monat, auftritt. Eine solche postpartale Depression liegt dann vor, wenn Symptome wie Antriebslosigkeit, Freudlosigkeit, Müdigkeit, Schuldgefühle, Ängste und Reizbarkeit länger als 14 Tage andauern. Bisher wurde diese Krankheit viel zu selten erkannt und adäquat behandelt. Gerade die richtige Behandlung kann aber die Depression heilen und die Depressionsdauer entscheidend verkürzen. Diese Krankheit einem breiten Fachpublikum besser bekannt zu machen, sieht der Klinikvorstand der Psychiatrie im AKH, Prof. Dr. Heinz Katschnig als wichtige Aufgabe.

Dr. Klier: „Nur wenige Mütter finden den Weg in eine Behandlung und dann wird ihnen leider oft das falsche gesagt: Naja, Frauen geht es immer schlecht nach der Geburt.` Es wird ihnen gesagt, sie sollen sich zusammenreißen.“ Dabei ist es sehr wichtig, die Symptome frühzeitig zu erkennen. Das hat zwei Gründe: Zum einen ist die PPD eine sehr gut behandelbare Krankheit. Zum anderen leidet nicht nur die Mutter-Kind-Beziehung, wenn eine Mutter an PPD leidet, auch die Kinder selbst entwickeln – dies wurde in einer Studie der englischen Forscherin Lynne Murray 1999 bewiesen – später signifikant häufiger Verhaltensauffälligkeiten.

Üblicherweise geht eine PPD nach 6 bis 9 Monaten zwar von selbst wieder zurück, trotzdem sollte sie unbedingt behandelt werden, meint Dr. Klier, weil „die Mutter in dieser Zeit eine spezifisch-schwierige Aufgabe hat, nämlich ein Baby zu versorgen. Viele Mütter sind nach der Depression oft sehr traurig, weil sie quasi das erste Jahr mit ihrem Baby versäumt haben, weil es ihnen nicht möglich war, eine Bindung zum Kind einzugehen.

Behandlung einer PPD

„Die Behandlung der PPD erfolgt heute meistens auf zwei Ebenen, medikamentös, und/oder psychotherapeutisch, wobei Frauen psychologische Verfahren bevorzugen: Psychotherapeutisch wurden mit vielen Therapieformen (z. B. Verhaltenstherapie, interpersoneller Therapie, Gruppentherapie) sehr gute Erfahrungen gemacht. Manche antidepressive Medikamente dürfen auch während des Stillens genommen werden, wenn das Kind gesund ist. Gut erforscht sind, laut Dr. Klier, die meisten Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer (SSRI). Um die Frauen, die an PPD leiden, besser betreuen zu können sind mehrere Faktoren wichtig: Zum einen ein stabiles soziales Umfeld, zum anderen eine gute medizinische Versorgung.

Interdisziplinäre Zusammenarbeit kann hier die Bedingungen verbessern, wie Dr. Klier meint: „Die Gemeinde Wien (unter Frau Prof. Beate Wimmer-Puchinger, Frauengesundheitsbeauftragte der Stadt Wien) hat jetzt ein Projekt gestartet, in dem Hebammen besonders geschult werden, damit sie erste Anzeichen von Depressionen erkennen können. Das verhindert die Depressionen zwar nicht, kann ihre Auswirkungen auf Mutter und Kind jedoch minimieren und sie verkürzen.“

Für Prof. Dr. Heinz Katschnig ist die interdisziplinäre Zusammenarbeit das um und auf der sogenannten sekundären Prävention, d. h. der Früherkennung und Frühbehandlung.“ Vermeiden lässt sich die PPD kaum, wohl aber kann man, bei entsprechend früher Erkennung, möglichst früh mit der Behandlung beginnen und damit eine Verschlimmerung der PPD verhindern. Die sekundäre Prävention ist die Aufgabe jener Berufsgruppen, die nahe am Patienten dran sind, wie Hebammen, GynäkologInnen und KinderärztInnen.“ Immerhin können 90 Prozent aller PPDen ambulant behandelt werden, erst wenn Suizidgefahr besteht, müssen Frauen, die an dieser Depression leiden stationär behandelt werden. Früherkennung spielt hier eine wesentliche Rolle, damit es erst gar nicht so weit kommt.

Linktipps:

– Drei-Monats-Koliken (Babykoliken)
– Antidepressiva auf dem Prüfstand
– Gestose – schwangerschaftsspezifische Erkrankung
– Webfamilie Österreich
– La Leche Liga Österreich (Stillberaterinnen / Stillgruppen)