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Frauenspezifische Gesundheitsvorsorge

Frauenspezifische Gesundheitsvorsorge

Gesundheitsvorsorge Frauen

Männer sind vom Mars und Frauen von der Venus – es gibt wohl keinen Lebensbereich, auf den dieses Schlagwort nicht zutrifft. Auch bezüglich Gesundheit, bzw. Gesundheitsvorsorge hat der Spruch seine Gültigkeit! Frauen haben einfach andere körperliche und psychische Voraussetzungen als Männer. Doch nicht nur das – auch die Lebensumstände spielen eine Rolle und auch die Methoden der Forschung.



Gesundheitsberatung, die auf weibliche Lebensmuster zugeschnitten ist, ist ein Gebot der Stunde und natürlich müssen auch Vorsorgeuntersuchungen auf besondere frauenspezifischen Bedürfnisse und Anforderungen Rücksicht nehmen. Frauen erkranken nicht nur an anderen Krankheiten als Männer, sie erkranken auch ‚anders’ als Männer. Obwohl Frauen eine höhere Lebenserwartung haben haben sie im Vergleich weniger gesunde Lebensjahre als Männer.

Unterschiedliche Lebenserwartung

Frauen leben laut Statistik Austria im Schnitt zwar länger als Männer, sind allerdings auch um 4,4 Jahre – nämlich durchschnittlich 22,6 Lebensjahre – durch „funktionale Beeinträchtigungen“ eingeschränkt. Hauptgrund dafür sind wohl die typisch weiblichen Doppelbelastungen durch Beruf und Familie und der Lebensstil von Frauen. Denn Frauen sind großteils noch immer darauf programmiert, tendenziell eher auf alle anderen Rücksicht zu nehmen und Kinder und Angehörige zu umsorgen, anstatt – zeitgerecht – auf sich selbst zu und erste Krankheitshinweise zu achten. Doch auch die traditionelle Medizin ist für diesen Umstand mitverantwortlich.

Die Theorie der Gender-Medizin erforscht Unterschiede und Gemeinsamkeiten von Krankheit und Gesundheit bei Männern und Frauen bereits seit einigen Jahrzehnten. Ziel der Gendermedizin ist es, geschlechtsspezifische Unterschiede zu berücksichtigen und so zu einer besseren Behandlungs- und Lebensqualität beider Geschlechter beizutragen. Die Ergebnisse der Gendermedizin sind allerdings erst ansatzweise in der Praxis angekommen.

Abgesehen von unterschiedlichen Lebensentwürfen und entsprechend unterschiedlichen Anforderungen müssten auch und gerade angesichts der höheren Lebenserwartung von Frauen spezifische Risiken gesehen und speziell berücksichtigt werden. Doch das geschieht noch immer viel zu wenig…

Medizinischer Fortschritt – geschlechtsspezifisch?

Dass der Fortschritt der Medizin Frauen und Männern nicht gleichermaßen zugute kommt ist ein Faktum, auf dass Wissenschafter schon seit längerem hinweisen. Wie in allen Lebensbereichen orientieren sich Studien, Therapien und Diagnoseformen nach wie vor vornehmlich an der Lebenssituation von Männern – und an deren ‚Gesundheits- bzw. Krankheitsempfinden‘. Doch Frauen nehmen Gesundheit und Krankheit anders wahr und bewältigen auch entsprechende Belastungen auf andere Art und Weise als Männer.

Galt noch vor zwei Generationen vornehmlich unterschiedlicher Bildungs- und Informationsstand von Frauen und Männern als Hauptargument für unterschiedliche gesundheitsspezifische Wahrnehmungen und Krankheitsverläufe, so steht heute außer Streit, dass sozioökonomische Faktoren eine maßgebliche Rolle spielen. Unterschiedlichen Krankheitsverläufe, geschlechtsdifferente Krankheitswahrnehmung, Krankheitsbewältigung und Präventionsmaßnahmen sind Ergebnis und Folge individuell unterschiedlicher Lebensumstände und Biographien. Es geht nicht nur um die biologische Konstitution von Frauen und Männern, sondern auch um die Möglichkeiten und Ressourcen Gesundheit zu fördern und auf Beschwerden adäquat zu reagieren.

Frauenspezifische Leiden und Erkrankungen sind somit kein Phänomen, das ausschließlich medizinisch definiert werden kann. Gesellschaftliche Rahmenbedingungen sowie eine spezielle Sicht auf psychologische und soziokulturelle Faktoren aus weiblicher Sicht müssen in die medizinische Diagnose und Behandlung einfliessen.

Klar ist auch, dass frauenspezifische Gesundheitsvorsorge von Land zu Land anders auszusehen hat: Kulturelle, religiöse, wirtschaftliche und auch politische Faktoren sind lebensstilbeeinflussend und müssen immer mitgedacht werden.

Frauengesundheit

Das Erkennen geschlechtsspezifischer Ursachen und Krankheitsausprägungen ist der erste Schritt um unterschiedliche Bedürfnisse zu erkennen und darauf basierend neue – geschlechtsspezifische – medizinische Konzepte zu erarbeiten. Hier ein paar Beispiele zu geschlechtsspezifischen medizinischen Unterschieden in der westlichen Welt:

  • Frauen sind hellhöriger gegenüber Störungen ihres Körpers und nehmen mögliche Krankheitsanzeichen früher wahr
  • Bei Frauen werden signifikant häufiger psychosomatische und funktionelle Beschwerden diagnostiziert
  • Der Anteil der Frauen, die an Depressionen und an rheumatoider Arthritis leiden ist doppelt so hoch wie jener der Männer
  • Deutlich mehr Männer sind suchtkrank, aber rund 70 Prozent aller Medikamentenabhängigen sind Frauen
  • Frauen erleiden im Schnitt seltener und später einen Herzinfarkt – die Letalität nach Herzinfarkt ist bei unter 50-jährigen Patientinnen allerdings höher als bei Männern

Natürlich gibt es auch eine Reihe von Krankheiten, die physiognomisch begründet nur Frauen betreffen. Diesbezüglich gibt es bei uns ein recht dichtes Netz an frauenspezifischen Gesundheitsvorsorgemaßnahmen.

Krankheiten, die nur Frauen betreffen

  • Menstruationsleiden
  • Schwangerschaftsrisiken
  • Eierstockkrebs
  • Erkrankungen der weiblichen Geschlechtsorgane
  • Herz-Kreislauf-Risiko in der Schwangerschaft
  • Postpartale Erkrankungen
  • Menopausale Beschwerden
  • Gebärmutterhalskrebs
  • Brustkrebs
  • Endometriose

Darüberhinaus gibt es Krankheiten die bei Frauen häufiger auftreten, bzw. sich anders äußern:

Krankheiten, die bei Frauen häufiger vorkommen als bei Männern

  • Depression
  • Migräne
  • Osteoporose
  • Essstörungen
  • Autoimmunerkrankungen
  • Schilddrüsenerkrankung

Krankheiten, die sich bei Frauen durch andere Symptome äußern als bei Männern

  • Akute Herz-Kreislauf-Symptome
  • Geschlechtskrankheiten
  • Drogensucht
  • HIV/AIDS/STI
  • Psychische Erkrankungen

Allein als Ergebnis dieser Aufzählungen wird klar, dass auch Therapien geschlechtsspezifische Faktoren berücksichtigen müssen. Ja drüber hinaus müssen auch Therapieangebote auf die typischen Lebenswelten von Frauen Rücksicht nehmen. Und es ist nach wie vor ein Faktum, dass Betreuung von Kindern und Pflege von Angehörigen noch immer eher weiblich dominierte Domänen sind – und zudem sehr zeitaufwändige…

Früherkennung durch Vorsorgeuntersuchungen

Die als ‚Gesundenuntersuchung‘ bekannte kostenlose Vorsorgeuntersuchung gibt es in Österreich seit 1974. Sie kann von allen Österreichern ab dem 19. Lebensjahr in Anspruch genommen werden. Seit dem Jahre 2005 gibt es die Vorsorgeuntersuchung „Neu“ als Vorsorge-Früherkennungs-Programm. Sie umfasst ein Basisprogramm sowie ein auf den jeweiligen Lebensabschnitt von Frauen abgestimmtes gynäkologisches Zusatzangebot. Diese „Vorsorgeuntersuchung neu“ kann zu Recht als frauenspezifische Gesundheitsvorsorge bezeichnet werden, zieht sie doch moderne lebensstilbezogene Erkenntnisse mit ein.

Die frauenspezifischen Krebsvorsorgeuntersuchungen zielen auf die Früherkennung von Zervixkarzinomen (Gebärmutterhals-Krebs) sowie auf die Früherkennung von Brustkrebs ab. Das ‚neue‘ Brustkrebs-Früherkennungsprogramm „früh erkennen“ startete im Jänner 2014 – es handelt sich um ein Screeningverfahren mittels Mammographie. Für die Früherkennung von Gebärmutterhals-Krebs ist ein jährlicher PAP-Abstrich für Frauen ab dem 18. Lebensjahr seit Jahrzehnten die sicherste Methode zur Früherkennung.

Exkurs FEM und MEN in Wien

In Österreich gibt es zudem spezifische Einrichtungen für Frauen- und Männergesundheit. Die Frauengesundheitszentren FEM und FEM Süd und das Männergesundheitszentrum MEN wurden in den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts gegründet und haben sich als international anerkannte Kompetenzzentren für gendergerechte Gesundheitsförderung etabliert. Auszeichnungen der WHO und der Stadt Wien würdigen die immer neuen Ansätzen und Konzepte, die auch international Vorbildfunktion für zahlreiche Initiativen und Einrichtungen im Gesundheitsbereich hatten und noch immer haben.

FEM, FEM Süd – und MEN für Männergesundheit – bieten kompetente und niederschwellige geschlechtsspezifische Gesundheitsinformation an. Neben direkter Beratung verstehen sich die Zentren auch als Orientierungshilfe im Medizinsystem – auch muttersprachliche Beratungen für die verschiedenen in Wien lebenden Ethnien sind ein Service dieser Gesundheitseinrichtungen. Genau jene Menschen zu erreichen, für die aufgrund sprachlicher, kultureller oder anderer Barrieren der Zugang zu Gesundheitsangeboten erschwert ist und deren Hemmschwelle dem Gesundheitssystem gegenüber hoch ist, ist das Ziel. Um das zu erreichen wird auch aufsuchende Medizin- und Sozialarbeit geleistet. So werden Menschen in öffentlichen Einrichtungen, Wohnheimen, Schulen, Kindergärten und Betrieben angesprochen um sie für geschlechtsspezifische medizinische Themen zu sensibilisieren.

Die Teams sind dabei interdisziplinär zusammengesetzt. Psychologen, Therapeuten, Mediziner, Pharmazeuten, Ernährungswissenschafter, Ergotherapeuten, und viele andere soziale und medizinische Professionen versuchen maßgeschneiderte und auf die Bedürfnisse der Menschen zugeschnittene Angebote zu erstellen, um Gesundheit zu fördern und Menschen möglichst lange unbeeinträchtigte Lebensjahre zu ermöglichen. Und frauenspezifische Gesundheitsvorsorge ist dabei eine der essentiellen Säulen.

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Quellen:

– Brustkrebsvorsorgeprgramm ‚früh erkennen‘
– HPV Impfung
– Krebshilfe: Krebsvorsorge Frauen
– F.E.M.

Linktipps:

– Vorsorgeuntersuchungen für Frauen
– Brustkrebs – Selbstuntersuchung
– Gendermedizin – geschlechtsspezifische Medizin
– HPV Impfstoff umstritten