Bullying unter Kindern und Jugendlichen: Wenn der Schulhof zum Spießrutenlauf wird

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Auslachen, Ausgrenzen, Bloßstellen: Was für Außenstehende wie ein harmloser Kinderstreit aussieht, kann für Betroffene zum täglichen Albtraum werden.
Bullying trifft Kinder dort, wo sie dazugehören möchten – in der Schule, im Freundeskreis und zunehmend auch im Internet. Wie erkennt man die Warnsignale, wer ist besonders gefährdet und was können Eltern und Lehrkräfte dagegen tun?
Artikelübersicht
- Wenn aus Spaß bitterer Ernst wird
- Mobbing oder Bullying: Gibt es einen Unterschied?
- Welche Formen von Bullying gibt es?
- Wie häufig ist Bullying – und wer ist besonders betroffen?
- Cyberbullying: Der Schulhof endet nicht mehr am Schultor
- Wenn der Turnunterricht zum Problem wird: Das Beispiel Völkerball
- Opfer und Täter: Wer ist gefährdet?
- Was Eltern tun können
- Was Lehrkräfte und Schulen tun müssen
- Prävention: Eine Schulkultur, in der Ausgrenzung nicht funktioniert
Wenn aus Spaß bitterer Ernst wird
„War doch nur Spaß!“ – ein Satz, der auf Schulhöfen vermutlich ebenso häufig fällt wie die Pausenglocke.
Ein Kind wird wegen seines Gewichts verspottet, ein anderes beim Fußball konsequent zuletzt gewählt, ein drittes aus einer WhatsApp-Gruppe ausgeschlossen.
Die Umstehenden lachen, manche schauen weg. Und wer sich wehrt, gilt schnell als empfindlich oder humorlos.
Für Erwachsene sind solche Szenen mitunter schwer einzuordnen. Schließlich gehören Konflikte, Neckereien und Auseinandersetzungen zum Aufwachsen dazu.
Nicht jede Beleidigung ist Mobbing, nicht jeder Streit Ausdruck einer systematischen Ausgrenzung.
Entscheidend ist jedoch, was dahintersteckt: Wiederholt sich das Verhalten? Entsteht ein Machtgefälle? Kann sich das betroffene Kind überhaupt noch aus eigener Kraft wehren?
Bullying ist kein gewöhnlicher Konflikt unter Gleichgestellten. Es kann die psychische Gesundheit, das Selbstwertgefühl und die schulische Entwicklung nachhaltig beeinträchtigen. Besonders tückisch ist, dass viele Vorfälle außerhalb des Blickfelds Erwachsener stattfinden – oder von ihnen als harmlose Rangelei, Gruppendynamik oder Teil des Erwachsenwerdens abgetan werden.
Mobbing oder Bullying: Gibt es einen Unterschied?
Im deutschsprachigen Raum werden die Begriffe Mobbing und Bullying weitgehend synonym verwendet.
In der internationalen Forschung bezeichnet „bullying“ vor allem wiederholte aggressive Handlungen unter Kindern und Jugendlichen, bei denen ein tatsächliches oder wahrgenommenes Machtungleichgewicht besteht. Der Begriff „Mobbing“ wird im deutschsprachigen Alltag darüber hinaus häufig für systematische Schikanen am Arbeitsplatz verwendet.
Drei Merkmale sind für Bullying besonders wichtig:
- Wiederholung: Beleidigungen, Bedrohungen oder Ausgrenzungen ereignen sich wiederholt oder es besteht eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass sie sich wiederholen.
- Machtungleichgewicht: Die betroffene Person kann sich nur schwer wehren – etwa weil mehrere Kinder gegen sie stehen, ein Angreifer körperlich überlegen ist oder innerhalb der Klasse mehr Einfluss besitzt.
- Schädigende Absicht beziehungsweise Wirkung: Das Verhalten dient dazu, jemanden herabzusetzen, einzuschüchtern oder auszugrenzen. Auch wenn sich die Beteiligten auf angeblichen Spaß berufen, müssen die tatsächlichen Auswirkungen ernst genommen werden.
Ein einmaliger Streit zwischen zwei Kindern mit vergleichbaren Möglichkeiten, sich zu behaupten, ist daher nicht automatisch Bullying. Er kann dennoch verletzend sein und muss gegebenenfalls aufgearbeitet werden. Umgekehrt darf man systematische Schikanen nicht deshalb verharmlosen, weil einzelne Vorfälle für sich betrachtet unbedeutend erscheinen. Entscheidend ist das Gesamtbild.
Welche Formen von Bullying gibt es?
Bullying ist nicht immer laut und körperlich. Gerade psychische und soziale Formen bleiben Erwachsenen oft lange verborgen.
Verbales Bullying: Beschimpfungen, Drohungen, abwertende Spitznamen, sexistische Bemerkungen oder das Lächerlichmachen von Sprache, Herkunft und Leistungen. Auch ständige ironische Kommentare können Teil einer systematischen Herabsetzung sein.
Körperliches Bullying: Schlagen, Treten, Schubsen, Festhalten, absichtliches Stolpernlassen oder das Beschädigen und Wegnehmen persönlicher Gegenstände. Körperliche Übergriffe sind besonders leicht zu erkennen, aber nicht zwangsläufig die häufigste Form.
Soziale Ausgrenzung: Ein Kind wird absichtlich nicht in Gruppen aufgenommen, bei gemeinsamen Aktivitäten ignoriert oder von anderen unter Druck gesetzt, bestimmte Mitschüler nicht mehr zu treffen. Gerüchte können Freundschaften zerstören und Betroffene sozial isolieren.
Bodyshaming: Gewicht, Körpergröße, Hautprobleme, Akne, Frisur, Kleidung oder körperliche Entwicklungsunterschiede werden zum Anlass für Spott. Gerade in der Pubertät, wenn sich der Körper stark verändert und das Bedürfnis nach Zugehörigkeit wächst, können solche Angriffe das Selbstbild nachhaltig beschädigen.
Sexualisiertes Bullying: Anzügliche Kommentare, sexualisierte Beschimpfungen, unerwünschte Berührungen oder das Verbreiten intimer Bilder. Dazu gehören auch abwertende Aussagen über vermutete sexuelle Orientierung oder Geschlechtsidentität.
Diskriminierendes Bullying: Kinder werden aufgrund ihrer Herkunft, Hautfarbe, Religion, einer Behinderung, ihrer sozialen Lage oder ihrer vermeintlichen Andersartigkeit angegriffen.
Cyberbullying: Demütigungen, Drohungen, manipulierte Bilder, beleidigende Kommentare oder gezielte Ausgrenzung über digitale Plattformen. Online-Angriffe können mit Vorfällen in der Schule eng verbunden sein.
Die verschiedenen Formen treten häufig gemeinsam auf. Ein Kind, das wegen seines Aussehens verspottet wird, kann gleichzeitig aus Gruppen ausgeschlossen und in sozialen Medien bloßgestellt werden.
Wie häufig ist Bullying – und wer ist besonders betroffen?
Bullying ist kein Randphänomen. Die internationale WHO-Studie HBSC, die 2021/2022 Daten von Jugendlichen aus 44 Ländern und Regionen auswertete, zeigt das Ausmaß deutlich: Rund 11 Prozent der Jugendlichen berichteten, in der Schule gemobbt worden zu sein.
Etwa 15 Prozent hatten Cyberbullying erlebt. Damit war ungefähr jeder sechste Jugendliche von digitaler Schikane betroffen. Gegenüber 2018 nahm Cyberbullying zu. Die Werte beziehen sich auf die internationale Untersuchung und dürfen nicht ungeprüft als österreichische Einzelwerte interpretiert werden.
Alter und Geschlecht
Bullying kann bereits in der Volksschule beginnen. Jüngere Kinder äußern Konflikte häufiger unmittelbar, etwa durch Schubsen, Beschimpfen oder das Verweigern gemeinsamer Spiele.
Mit zunehmendem Alter gewinnen soziale Rangordnungen, Gruppenzugehörigkeit und die Angst vor öffentlicher Bloßstellung an Bedeutung. In der Pubertät kommen Körperbild, romantische Beziehungen und sexuelle Identität als mögliche Angriffsflächen hinzu. Ältere Jugendliche sind zudem stärker digitalen Kommunikationsräumen ausgesetzt.
Unterschiede zwischen den Geschlechtern betreffen vor allem die Formen: Buben berichten im Durchschnitt häufiger von körperlichen Aggressionen und körperlichen Auseinandersetzungen.

Auch unter Mädchen wird gemobbt – Fotocredit: AdobeStock | AI
Mädchen erleben teilweise häufiger indirekte soziale Aggression und bestimmte Formen digitaler Schikane.
Die Überschneidungen sind allerdings groß; kein Geschlecht ist vor Bullying geschützt. Auch dürfen solche statistischen Unterschiede nicht dazu führen, dass verbale oder körperliche Angriffe bei einem Geschlecht weniger ernst genommen werden.
Religion, Herkunft und sexuelle Orientierung
Eine religiöse Zugehörigkeit allein erlaubt keine verlässliche Aussage darüber, wie wahrscheinlich ein Kind von Bullying betroffen ist. Internationale Daten zeigen jedoch, dass Kinder, die als „anders“ wahrgenommen werden, häufiger zur Zielscheibe werden können.
Dazu zählen auch religiöse Symbole wie ein Kopftuch, zugeschriebene kulturelle Merkmale, Hautfarbe, Akzent oder die Herkunft der Familie. Solche Angriffe können sich mit rassistischen Vorurteilen oder sozialer Ausgrenzung verbinden.
Besonders deutlich ist die Problematik bei sexueller Orientierung und Geschlechtsidentität.
Eine von UNESCO und IGLYO veröffentlichte Erhebung unter mehr als 17.000 jungen Menschen zwischen 13 und 24 Jahren ergab, dass 54 Prozent der befragten LGBTQI-Personen in der Schule mindestens einmal aufgrund ihrer sexuellen Orientierung, Geschlechtsidentität, ihres Geschlechtsausdrucks oder körperlicher Geschlechtsmerkmale Bullying erlebt hatten. Das ist ein alarmierender Befund, aber kein repräsentativer Wert für alle Jugendlichen in Österreich.
Wichtig ist: Nicht eine bestimmte Eigenschaft macht ein Kind zum Problem. Entscheidend sind die Vorurteile, Machtverhältnisse und Gruppennormen, die andere ausnutzen. Wer Prävention ernst nimmt, muss deshalb nicht nur einzelne Betroffene schützen, sondern auch diskriminierende Einstellungen und Verhaltensweisen in der Gruppe thematisieren.
Cyberbullying: Der Schulhof endet nicht mehr am Schultor
Früher konnte ein Kind nach Unterrichtsschluss zumindest räumlich Abstand zu den Angreifern gewinnen.
Heute können Beleidigungen, Gerüchte und peinliche Bilder rund um die Uhr auf dem Smartphone weitergehen. Inhalte lassen sich speichern, vervielfältigen und an ein großes Publikum verbreiten. Selbst wenn ein ursprünglicher Beitrag gelöscht wird, können Screenshots weiter kursieren.
In Österreich zählten laut Jugend-Internet-Monitor 2024 WhatsApp, Instagram, YouTube, TikTok, Snapchat und Pinterest zu den meistgenutzten sozialen Netzwerken bei 11- bis 17-Jährigen. Welche Plattformen aktuell besonders relevant sind, kann sich rasch verändern.
Nicht jede dieser Apps ist grundsätzlich gefährlich; entscheidend sind Nutzung, Einstellungen, Gruppendynamik und konkrete Inhalte.
- WhatsApp: Klassen- und Freundesgruppen können zu Orten gezielter Ausgrenzung werden. Beleidigungen, abwertende Sticker, Gerüchte oder das absichtliche Entfernen einzelner Mitglieder wirken oft wie eine digitale Fortsetzung des Schulhofs.
- Instagram: Abwertende Kommentare, manipulierte Fotos, öffentliche Bloßstellung oder anonyme Gerüchte können das soziale Ansehen eines Jugendlichen beschädigen.
- TikTok: Videos, Duette und Kommentare können einzelne Kinder lächerlich machen und eine Demütigung einem großen Publikum zugänglich machen.
- Snapchat: Vergängliche Nachrichten vermitteln ein falsches Gefühl von Sicherheit. Screenshots oder Bildschirmaufnahmen können Inhalte dennoch dauerhaft festhalten.
- YouTube und Gaming-Plattformen: Beleidigungen, Bloßstellungen in Videos oder aggressive Chats können auch außerhalb klassischer sozialer Netzwerke auftreten.
Nicht nur die Plattformen selbst sind relevant. Auch private Gruppenchats, Online-Spiele und schulbezogene Kommunikationskanäle können für Cyberbullying genutzt werden. Entscheidend ist deshalb weniger eine vermeintliche „Problem-App“ als die Frage, wie Kinder miteinander umgehen und ob sie Unterstützung bekommen, wenn etwas schiefläuft.
Eltern sollten mit ihren Kindern vereinbaren, problematische Inhalte zu dokumentieren, nicht weiterzuverbreiten und Angreifer gegebenenfalls zu blockieren und zu melden. Bei schwerwiegenden Vorfällen sind Screenshots, Datum und Kontext wichtige Belege. Das Kind sollte nicht vorschnell für seine Online-Nutzung bestraft werden: Wer aus Angst vor Handyverboten schweigt, sucht womöglich noch später Hilfe.
Wenn der Turnunterricht zum Problem wird: Das Beispiel Völkerball
Ein gutes Beispiel für die Grauzone zwischen vermeintlich harmlosem Spiel und verletzender Gruppendynamik ist Völkerball. Was für manche Kinder ein lustiger Wettkampf ist, kann für andere eine regelmäßig wiederkehrende Erfahrung des Ausgeliefertseins sein.
Wer wird zuerst abgeschossen? Wer ist so ungeschickt, dass er ständig getroffen wird? Wer steht am Rand, während die anderen gezielt auf ihn werfen? Und wer muss damit rechnen, dass Mitschüler über seine Angst, seine mangelnde Treffsicherheit oder seine körperlichen Fähigkeiten lachen?
Die Regeln des Spiels sind nicht automatisch Bullying. Problematisch wird es, wenn sich wiederkehrende Muster bilden: Bestimmte Kinder werden bevorzugt ins Visier genommen, die Gruppe macht sich über sie lustig, und die Lehrkraft übersieht oder duldet die Demütigung. Das Spiel kann dann bestehende Machtverhältnisse sichtbar machen und verstärken.
Dass Betroffene solche Erfahrungen als emotionale „blaue Flecken“ beschreiben, ist nachvollziehbar. Allerdings gibt es keine belastbare Grundlage für die pauschale Behauptung, Völkerball hinterlasse bei den meisten Kindern bleibende psychische Schäden. Entscheidend sind die konkreten Erfahrungen, die soziale Situation und der Umgang damit.
Die pädagogische Frage lautet deshalb nicht, ob jedes Kind vor Wettbewerb und Frustration geschützt werden muss. Vielmehr geht es darum, ob der Unterricht allen Kindern eine faire, sichere Teilnahme ermöglicht.
Lehrkräfte können Regeln verändern, alternative Spielformen anbieten, Teams nicht öffentlich nach Leistungsfähigkeit einteilen und gezielte Angriffe unterbinden. Niemand sollte regelmäßig zum unfreiwilligen Mittelpunkt einer Demütigung werden, nur weil ein Spiel traditionell so organisiert ist.
Das Beispiel zeigt ein grundsätzliches Problem: Ausgrenzung muss nicht allein von einzelnen Kindern ausgehen. Auch Regeln, Rituale oder institutionelle Gewohnheiten können sie begünstigen, wenn Erwachsene die Perspektive schwächerer oder weniger beliebter Kinder nicht ausreichend berücksichtigen.
Opfer und Täter: Wer ist gefährdet?
Es gibt kein typisches Opferprofil. Betroffen sein können selbstbewusste Kinder ebenso wie zurückhaltende, beliebte ebenso wie sozial isolierte.
Faktoren wie sichtbare körperliche Unterschiede, eine Behinderung, Sprachprobleme, geringe soziale Unterstützung oder eine als ungewöhnlich wahrgenommene Identität können das Risiko erhöhen. Sie machen Bullying aber weder unvermeidlich noch sind sie die Ursache des Fehlverhaltens.
Auch bei den Kindern, die andere schikanieren, gibt es unterschiedliche Hintergründe. Manche genießen hohes Ansehen und nutzen ihre soziale Macht, um andere zu kontrollieren.
Andere orientieren sich an einer dominanten Gruppe, wollen dazugehören oder haben Schwierigkeiten, Impulse zu kontrollieren und die Gefühle anderer zu berücksichtigen. Belastungen im familiären Umfeld oder eigene Gewalterfahrungen können eine Rolle spielen, erklären das Verhalten aber nicht automatisch.
Deshalb ist es wenig hilfreich, Kinder dauerhaft als „Opfer“ oder „Täter“ festzuschreiben. Ein Kind kann in einer Situation andere schikanieren und in einer anderen selbst betroffen sein.
Wichtig ist, das konkrete Verhalten zu benennen, Verantwortung einzufordern und Veränderungen zu ermöglichen. Verständnis für mögliche Hintergründe bedeutet keinesfalls, Übergriffe zu entschuldigen.
Was Eltern tun können
Wenn ein Kind von Bullying erzählt, ist Zuhören der wichtigste erste Schritt. Erwachsene sollten ruhig bleiben, nach konkreten Situationen fragen und vermitteln, dass das Kind keine Schuld an den Übergriffen trägt. Sätze wie „Du musst dich halt besser wehren“ oder „Ignorier sie einfach“ können den Eindruck verstärken, selbst für die Lösung verantwortlich zu sein.
Achten Sie auch auf Veränderungen: Manche Kinder klagen häufiger über Bauch- oder Kopfschmerzen, schlafen schlechter, ziehen sich zurück oder wollen nicht mehr in die Schule.
Andere werden plötzlich still, gereizt oder verlieren die Lust an Aktivitäten, die ihnen zuvor Freude bereitet haben. Solche Anzeichen beweisen kein Bullying, sollten aber ernst genommen werden.
Eltern sollten Vorfälle möglichst konkret dokumentieren und zeitnah das Gespräch mit der Klassenleitung suchen. Dabei helfen Fragen: Was ist wann passiert? Wer war anwesend? Gab es ähnliche Situationen? Welche Maßnahmen werden vereinbart, und wann wird überprüft, ob sie wirken?
Bei Cyberbullying sollten Eltern Beweise sichern, Inhalte melden und gemeinsam mit dem Kind geeignete Schutzmaßnahmen setzen. Bei anhaltender Belastung können Schulpsychologie, Beratungsstellen oder psychotherapeutische Unterstützung sinnvoll sein. Bei akuter Selbstgefährdung ist unverzüglich professionelle Hilfe erforderlich.
Was Lehrkräfte und Schulen tun müssen
Ein wirksamer Umgang mit Bullying beginnt nicht erst, wenn ein Vorfall eskaliert. Schulen benötigen klare Regeln, verlässliche Ansprechpersonen und nachvollziehbare Abläufe. Dazu gehören:
- Früh hinschauen: Pausen, Garderoben, Schulwege, Umkleiden und digitale Gruppen sind besonders aufmerksam zu beobachten, wenn Hinweise auf Ausgrenzung bestehen.
- Verhalten klar benennen: Beleidigungen und gezielte Demütigungen dürfen nicht als „Spaß“ oder normaler Gruppenkonflikt abgetan werden.
- Betroffene schützen: Gespräche sollten zunächst vertraulich und ohne unnötige Öffentlichkeit stattfinden. Das Kind darf nicht gezwungen werden, sich vor der Klasse zu rechtfertigen.
- Verantwortung einfordern: Mit den beteiligten Kindern sind klare Grenzen und konkrete Konsequenzen zu vereinbaren. Eine bloße Entschuldigung reicht nicht, wenn das Verhalten weitergeht.
- Die Gruppe einbeziehen: Mitschüler, die schweigen oder mitlachen, beeinflussen die Dynamik entscheidend. Sie brauchen Möglichkeiten, Hilfe zu holen und Ausgrenzung zu unterbrechen, ohne sich selbst unnötig zu gefährden.
- Wirkung kontrollieren: Eine Intervention ist nicht abgeschlossen, wenn ein Gespräch stattgefunden hat. Die Schule muss überprüfen, ob die Übergriffe tatsächlich aufhören.
Ein gemeinsames Gespräch mit allen Beteiligten oder eine Mediation ist nicht in jeder Situation geeignet. Bei einem deutlichen Machtgefälle kann sie Betroffene zusätzlich unter Druck setzen. Schutz, Aufklärung und Verantwortungsübernahme haben Vorrang.
Wenn Mitschüler zu „Glaubenswächtern“ werden
Eine besondere Form sozialer Kontrolle beschäftigt Schulen in Österreich: Buben und Burschen, die sich auf religiöse Regeln berufen und muslimischen Mitschülerinnen vorschreiben wollen, wie sie sich zu kleiden, mit wem sie sprechen oder ob sie am Turnunterricht teilnehmen dürfen.
Solche sogenannten „Sitten- oder Glaubenswächter“ können Mädchen unter erheblichen sozialen Druck setzen – etwa durch Beschimpfungen, Gerüchte, Einschüchterung oder die Drohung, ihr Verhalten vor der Familie oder der Klassengemeinschaft bloßzustellen.
Solche Vorfälle dürfen weder aus falsch verstandener Rücksichtnahme verschwiegen noch pauschal einer Religion oder Herkunft zugeschrieben werden. Nicht jeder religiös begründete Wunsch ist Zwang, und muslimische Jugendliche sind ebenso vielfältig wie andere.
Wo Mitschüler jedoch Selbstbestimmung und Gleichberechtigung anderer einschränken, muss die Schule klare Grenzen setzen.
Religionsfreiheit schützt den eigenen Glauben, nicht das Recht, anderen verbindliche Verhaltensregeln aufzuzwingen.
Lehrkräfte sollten konkrete Vorfälle dokumentieren, betroffene Mädchen vertraulich anhören und sie vor weiterer Einschüchterung schützen.
Je nach Schwere kommen Gespräche mit den Beteiligten und ihren Erziehungsberechtigten, schulische Erziehungsmaßnahmen, die Einbindung der Schulleitung sowie Schulpsychologie und Kinderschutzteams infrage. Bei Drohungen, Gewalt oder einem Verdacht auf Gefährdung sind weitere zuständige Stellen einzubeziehen. Entscheidend ist, dass die betroffenen Mädchen nicht selbst für die Lösung verantwortlich gemacht werden.
Auch im Unterricht gehören Gleichberechtigung, Religionsfreiheit und persönliche Selbstbestimmung offen thematisiert.
Die Botschaft muss für alle gelten: Niemand darf wegen seiner Kleidung, seines Glaubens oder seiner Lebensweise ausgegrenzt werden – und niemand darf anderen vorschreiben, wie sie ihren Glauben zu leben haben.
Prävention: Eine Schulkultur, in der Ausgrenzung nicht funktioniert
Einzelne Projekttage gegen Mobbing sind ein guter Anfang, reichen allein aber kaum aus. Erfolgreiche Prävention ist langfristig angelegt und verbindet Unterricht, Schulorganisation und Elternarbeit.
Kinder sollten früh lernen, Konflikte fair auszutragen, Grenzen zu respektieren und Hilfe zu holen. Digitale Kompetenzen müssen dabei ebenso dazugehören wie Empathie und der Umgang mit Vorurteilen.
Lehrkräfte benötigen Zeit, Fortbildung und Unterstützung durch Schulleitung und Schulpsychologie. Eltern sollten wissen, an wen sie sich wenden können und wie die Schule mit Meldungen umgeht.
Regeln für Sport und Unterricht müssen regelmäßig daraufhin geprüft werden, ob sie unbeabsichtigt einzelne Kinder bloßstellen oder ausschließen.
Auch die Erwachsenen selbst sind Vorbilder: Wer über das Aussehen eines Kindes spottet, diskriminierende Witze duldet oder Beschwerden reflexartig abwehrt, schwächt die Prävention. Umgekehrt entsteht Sicherheit, wenn Kinder erleben, dass Grenzen gelten, Hilfe erreichbar ist und niemand wegen seiner Andersartigkeit abgewertet wird.
Bullying ist kein unvermeidlicher Teil des Aufwachsens. Kinder müssen lernen, mit Konflikten und Frustration umzugehen. Sie müssen aber nicht lernen, Demütigungen auszuhalten. Eltern, Lehrkräfte und Mitschüler können viel bewirken, wenn sie Ausgrenzung früh erkennen, konsequent handeln und deutlich machen: Zugehörigkeit ist kein Privileg, das sich Kinder durch Anpassung verdienen müssen.
Hinweis: Bis zum 14. Geburtstag gilt man in Österreich als unmündiger Minderjähriger und ist damit nicht strafbar, selbst wenn man gegen ein Gesetz verstößt. Ab 14 Jahre bis zur Volljährigkeit wird betreffend dem Strafausmaß das Jugendstrafrecht angewendet. Jedoch können die Eltern in jedem Fall schadenersatzpflichtig werden, wenn sie ihre Aufsichtspflicht verletzt haben!
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Quellen und weiterführende Informationen:
¹ StopBullying.gov: What Is Bullying? – Definition und Formen von Bullying.
² Saferinternet.at: Jugend-Internet-Monitor 2024 – Nutzung sozialer Netzwerke bei 11- bis 17-Jährigen in Österreich.
³ Schulpsychologische Beratung (Bundesministerium für Bildung): Mobbing
Die Die Ombudsstelle für Schulen im Bundesministerium für Bildung hilft vertraulich bei Fragen oder Probleme, die noch nicht an Ihrer Schule oder mit den zuständigen Behörden vor Ort geklärt oder gelöst werden konnten.
Telefon Hotline: 0800/311305
Montag bis Donnerstag, 9:00 – 15:00 Uhr und freitags 9:00 – 12:00 (österreichweit gebührenfrei)
oder
per Mail: Ombudsstelle-schule@bildung.gv.at
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