Trotzphase: wie Eltern richtig reagieren wenn Kinder trotzen

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Trotzphase - troziges Mädchen

Mit ungefähr zwei Jahren erleben Kinder sich erstmals als selbständige Persönlichkeiten. Anstatt von sich selbst in der dritten Person zu sprechen, sagen sie „Ich!“. „Ich will!“ Oder „Ich kann!“ Doch wehe etwas gelingt nicht wie geplant.

Doch wie umgehen mit Kindern, die sich in der sogenannten Trotzphase schreiend am Boden wälzen oder nach ihren Liebsten treten, um ihren Willen durchzusetzen?

Trotzphase – Artikelübersicht:

Die Trotzphase ist sicher eine der herausforderndsten Zeit für Familien. Eltern, Geschwister, aber auch die lieben Kleinen selbst geraten häufig an ihre physischen und psychischen Grenzen. Doch was soll man tun, wenn der Zweijährige sich vor lauter Toben nicht einkriegt, putterot anläuft und sich selbst und/oder andere durch sein Treten gefährdet? Wir haben die wichtigsten Tipps rund um die Trotzphase für Sie zusammengetragen.

Wozu braucht es die Trotzphase?

Rund um den zweiten Geburtstag erfahren Kinder ihre wachsende Eigenständigkeit. Selbst essen, sich selbst anziehen, selbst Stufen steigen… alles tolle Erfahrungen, die ausgelebt werden wollen. Doch nicht immer passt der Wunsch der Kleinen sich selbst anzuziehen in das Zeitkorsett der Eltern.

Oft stoßen kleine Kinder beim Wunsch der Selbstverwirklichung nämlich auf unangenehme Eigenschaft der Wirklichkeit. Doch ein sich gerade selbstherausbildendes „Ich“ hat kein Verständnis für andere Notwendigkeiten.

Der trotzphasen-typische Satz „Ich will aber!“ nervt zwar die Umwelt, ist andererseits aber ein eindeutiger und wundervoller Beleg dafür, dass hier eine Persönlichkeit mit eigenen Wünschen heranreift.

Die Trotzphase ist somit zu recht berühmt-berüchtigt, aber andererseits auch völlig normal. Sorgen sollten sich Eltern hingegen dann machen, wenn diese anstrengende Phase im Alter zwischen zwei und vier Jahren überhaupt nicht auftritt.

Selbst brave Kinder „müssen“ die Trotzphase durchleben, um sich selbst zu erleben. Das Ausbleiben hingegen deutet auf eine Entwicklungsstörung hin und gehört medizinisch bzw- therapeutisch abgeklärt.

Erregungszustand aus einer Enttäuschung heraus

Entwicklungspsychologen und Pädagogen sind in den letzten Jahren dazu übergegangen, die „Trotzphase“ um die Phase des „Erregungszustand aus einer Enttäuschung heraus“ um zu benennen.

Was etwas holprig klingt hat einen nachvollziehbaren Hintergrund. Schließlich dient dieses Wortungetüm dazu, die Sicht der Kleinen einzunehmen anstatt die, der – durch den vermeintlichen Trotz – genervten Großen.

Fakt ist, dass Kinder in der sogenannten Trotzphase ihrem Unmut laut und deutlich Ausdruck verleihen, wenn das, was sie alleine verrichten wollen, nicht klappt. Dabei ist es völlig irrelevant, ob das Scheitern selbst verursacht ist oder von außen beeinflusst erfolgt.

Ein Beispiel: Wenn Martin einen Tobsuchtsanfall bekommt, weil er seine Jacke nicht selbst anziehen kann, ist letztlich irrelevant, warum er scheitert. Ob er selbst die Knöpfe nicht schließen kann, weil seine Finger noch zu unkoordiniert sind, oder weil Papa ihm die Jacke zuknöpft, weil die Zeit drängt, ist egal.

Fakt ist: Martin ist gescheitert – und darüber ist er wütend. Er ist „aus einer Enttäuschung heraus erregt“, um im Psychologen-Sprech zu bleiben. Und das äußert sich eben in einem Wut- oder Trotzanfall.

Perspektivenwechsel

Eltern tun sich sicher leichter, wenn sie statt ihrere eigenen, diese kindliche Perspektive der Enttäuschung wahr- und einnehmen. Und vor allem ernst nehmen. Auch, und gerade wenn sich diese Enttäuschung angesichts der akuten Trotzphase etwas ungebührlich – nämlich laut, unmittelbar und direkt – äußert.

Kinder in einer akuten Trotzphase werden sich rascher beruhigen, wenn sie erkennen, dass sie in ihrem Wunsch der Eigenständigkeit und ihrer Enttäuschung, dass etwas nicht gelungen ist, ernst genommen werden.

Entwicklungspsychologen raten daher, dem Kind klar und deutlich zu vermitteln, dass man sowohl den Wunsch als auch die Enttäuschung ernst nimmt. Das kann beispielsweise gelingen, indem man klar und deutlich beschreibt, was man sieht.

„Ich merke, dass du traurig und enttäuscht bist, weil du dir die Jacke nicht selbst anziehen konntest. Das macht dich wütend, und das kann ich verstehen.“

Wichtig ist auch, in Kontakt mit dem Kind zu bleiben. In den Arm nehmen, die Hand halten, in die Augen blicken… all das gibt dem Kind ein Gefühl des Ernstgenommen-werdens.

Und dass wir uns alle rascher wieder beruhigen, wenn wir ernst genommen werden, ist kein Geheimnis. Wir fühlen umso so intensiver je weniger wir das Gefühl haben verstanden zu werden. Am Größten ist Zorn wenn er mit Hilflosigkeit einhergeht.

Anders ausgedrückt: wenn ich in meinem Anliegen nicht ernst genommen werde und nichts dazu beitragen kann, diesen Zustand zu ändern, werde ich zornig/traurig/unglücklich.

Nicht anders ergeht es Kindern in der Trotzphase. Nur noch ein wenig intensiver, weil sie mitten im Lernprozess der Durchsetzungsfähigkeit stecken und ihnen der Wortschatz ebenso fehlt wie Erfahrungen, auf die sie zurückgreifen können.

Richtig reagieren: Reden hilft!

„Ein Kind ist schon ein Mensch und muss nicht zu einem erzogen werden“. So hat es Janusz Korczak, ein wunderbar weitsichtiger Warschauer Pädagoge, der leider viel zu früh den Nazigräueln zum Opfer fiel, vor fast 100 Jahren formuliert.

Was er damit meint: Jedes Kind hat das Recht auf seinen eigenen Weg. Eltern, die sich auf die Grundwerte Liebe, Achtung und Wertschätzung besinnen, werden ihre Kinder in ihren Bedürfnissen also ernst nehmen und – nach Möglichkeit – entsprechend agieren.

Wenn Martin allerdings aufs Fensterbrett klettert, weil die Aussicht dort schöner ist, ist langes Ausverhandeln jedenfalls mal nicht der richtige erste Schritt.

Denn natürlich sind dem Tun der Kleinen auch Grenzen gesetzt. Wenn es um Selbst- oder Fremdgefährdung geht, ist Verhandeln fehl am Platz. Zumindest unmittelbar muss die Situation unter Kontrolle gebracht werden – reden kann man dann nachher.

Ansonsten gilt: Erklären sie sich! Erklären Sie Ihrem Kind, dass Sie es verstehen, dass Sie seinen Wunsch nach Selbständigkeit und seinen Ärger übers Scheitern verstehen. Erklären Sie aber auch Ihre Position, und die Notwendigkeiten Ihres Lebens. Manchmal gibt es einfach Zeitdruck, oder einen anderen Grund, warum man ein Kind nicht sich selbst ausprobieren lassen kann.

Fassen Sie diesem Umstand in kindgerechte Worte, halten Sie Augen- oder Körperkontakt und/oder bieten Sie einen Kompromiss an. Wenn Kinder in der Trotzphase lernen, dass sie in ihrem Schmerz ernst genommen werden ist das eine wichtige Lernerfahrung.

Strafen und Schimpfen hilft nicht

Wertschätzung und Achtung sind in jeder Hinsicht Schlüsselbegriffe des zwischenmenschlichen Zusammenlebens – auch in der Kindererziehung. Grenzen werden von und allen am besten akzeptiert, wenn sie nachvollziehbar und fair sind.

Das bedeutet einerseits, dass man selbst nicht cholerisch rumbrüllt, wenn etwas nicht klappt wie erwartet, andererseits aber auch, dass man seinen Mitmenschen – auch den Kleinen – mit Respekt begegnet.

Wir alle wollen wissen, woran wir sind, was möglich ist, und was nicht geht. Kinder erleben das nicht anders. Allerdings sind für Kinder in der Trotzphase Grenzen, also Verbote, oft nicht nachvollziehbar. Was Kinder aber sehr wohl spüren, ist die Emotionalität der Eltern.

Kinder merken, wenn sie anecken. Sie merken aber auch, wenn man versucht ihnen Halt und Sicherheit zu geben und sie liebevoll an Grenzen heranführt. Das geschieht meist nicht über Worte, sondern nonverbal. Schließlich geht eine Großteil unserer Kommunikation über Mimik und Gestik und gerade kleine Kinder, die ja Sprache erst lernen, sind für Tonfall und Haltung noch viel empfänglicher als Erwachsene.

Fazit

Die Trotzphase werden Sie am ehesten gut überstehen, wenn Sie Vorbild sind. Das heißt: nicht diktieren, sondern ermöglichen, beobachten und Gelegenheit zur Nachahmung geben.

Geduld, Toleranz und Ausgeglichenheit sind Schlüsseleigenschaften in der Erziehung. Fast noch wichtiger ist es aber, sich auch einzugestehen und zu akzeptieren, dass man ohne Zweifel Fehler macht.

Genau das, seinen Kindern in der Trotzphase ehrlich und authentisch zu vermitteln, dass man sich bemüht, aber nicht fehlerfrei ist, ist wahrscheinlich das beste was man in dieser Zeit (aber auch danach) tun kann.

Wir alle, ob groß oder klein, geben uns Mühe. Doch wir werden nicht immer erfolgreich sein. Nach Misserfolgen wieder aufzustehen, das Krönchen zu richten und weiter zu gehen, ist aber der beste Weg um zu wachsen und Fehler in Lernerfahrungen zu übersetzen.

Das gilt für einen selbst, aber umso mehr für Kinder, denen man – auch, aber nicht nur in der Trotzphase – ein Vorbild ist. Eltern müssen Sicherheit vermitteln, dass Traurigkeit oder Ärger über das eigene Scheitern oder das (momentane) Unvermögen normal sind. Die entscheidende Frage ist nur, wie man diesen Ärger kanalisiert ohne seine Umwelt zu terrorisieren.

Last but not least: Seien Sie sicher – jede Trotzphase hat eine Ende und was Sie heute zur Weißglut bringt ist in ein paar Jahren eine gern erzählte Familienanekdote. In diesem Sinn: Viel Kraft und Langmut :-).

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Quelle:

¹ Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung: Kindliches Trotzverhalten – wie damit umgehen?

Fotohinweis: sofern nicht extra anders angegeben, Fotocredit by Fotolia.com (bzw. Adobe Stock)

Linktipps

– Eltern als Vorbild
– Kindgerechter Umgang mit Handy und Smartphone
– Faulenzen – Dürfen Kinder denn das?
– Das Zappelphillip Syndrom

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