Langeweile fördert die Fantasie

1 Star2 Stars3 Stars4 Stars5 Stars (5 Bewertungen, Durchschnitt: 4,00 Sterne von 5)

Langeweile fördert die Fantasie

Hier Kinderhotels, die mit „Bei uns kommt keine Langeweile auf“ werben, da Eltern, die das Gefühl haben, Ihre Kinder rund um die Uhr bespaßen zu müssen.

Ergebnis: Kinder, die von einem Termin zum nächsten hetzten (oder gebracht werden). Alles nur um dem Müßiggang vorzubeugen. Dabei heißt es doch, Langeweile fördert die Fantasie. Was also tun, mit Kindern, denen soooo fad ist…?

Langeweile fördert die Fantasie – Artikelübersicht:

Ein nicht zu leugnender Erziehungstrend ist es, dass Eltern ihren Kindern keine Langeweile mehr zumuten möchten. In ihrem strukturierten und durchgetaktetem Alltag soll kein Platz für Müßiggang sein. Doch Langeweile ist wichtig für die kindliche Entwicklung, sie fördert Fantasie und Kreativität der Kinder.

Die Dauerberieselung durch Smartphones, Internet oder Fernsehen wiederum, fördert Passivität, motorische Unterentwicklung und nicht selten soziale Isolation.

Aber sind Kinder heutzutage überhaupt „stimulationssüchtig“, wie es da und dort behauptet wird? Und wenn ja – was ist der Grund dafür und was tun? Entgegen wirken oder weiter bespaßen? Soll man sich freuen, wenn der Nachwuchs voll Tatendrang steckt und nach ununterbrochener Anregung sucht oder ist ein „mir ist so langweilig“ der bessere Grund zur Freude? Wie so oft liegt die Wahrheit in der Mitte.

Langeweile fördert die Fantasie

„Langeweile fördert die Fantasie“ ein oft gehörter Stehsatz, sicher. Aber was wir theoretisch wissen, müssen wir deswegen noch lange nicht in unserem Alltag – und besonders in dem unserer Kinder – integrieren können. Dass Langeweile die Fantasie fördert, ist mittlerweile fast eine Binsenweisheit. Doch auch die Angst, unsere Kinder nicht ausreichend zu fördern, sitzt verantwortungsvollen Eltern im Nacken.

Was also soll man gestressten Eltern, deren Kinder Ihnen mit „mir ist sooooo fad“ Sagern den letzten Nerv ziehen, raten? Fakt ist: Langeweile hat ein unglaubliches Potential für Neues. Nur wer Zeit und Muße hat, seine Gedanken schweifen zu lassen, hat den Kopf frei für neue Ideen.

Das Problem heutzutage ist nur – wir (und damit auch unsere Kinder) haben vergessen und verlernt uns zu langweilen. Sobald sich nur der Anflug von Langeweile einstellt,
greifen wir zum Smartphone um zu sehen, was die anderen so gegen ihre Langeweile tun.

Damit verhindern wir das „Gedankenwandern“. Dieser Begriff aus der Psychologie bezeichnet den Zustand, wenn unser Gehirn mit nichts beschäftigt ist/wird und sich so auf die Suche nach neuen Ideen macht. Unsere Gedanken wandern dann quasi in unserem Hirn herum und in neue Hirnregionen hinein.

Langeweile schickt also unsere Gedanken auf die Reise um neue Möglichkeiten der Beschäftigung zu erkunden. Wir sind dadurch gezwungen anders, bzw. umzudenken. Das wiederum ist nichts anderes, als das Wecken von Kreativität.

Und dennoch fürchten wir Langeweile – aber warum?

Warum macht Langeweile Angst?

Langeweile ist eine Art Zivilisationskrankheit. Über Jahrhunderte waren Menschen damit befasst, Nahrung zu erjagen, sich gegen Feinde zu wehren und so unter mehr oder weniger widrigen Umständen ihren Lebensunterhalt zu bestreiten und zu überleben. Wer sich ablenken ließ, den bestrafte im wahrsten Wortsinn oft sehr rasch das Leben. Nach dem Motto: Einmal nicht aufgepasst, und der Säbelzahntiger beißt zu.

Unaufmerksamkeit, bzw. Langeweile waren gefährlich. Auch Kinder waren von klein auf in diesen Überlebenskreislauf involviert. Weder gab es all zu viel Zeit für Langeweile, noch Ablenkung von den essentiellen Themen des Lebens, wie Sicherheit, Nahrung besorgen und Lebensunterhalt sichern. Kinder waren vielmehr Teil der Gemeinschaft – auch und gerade wenn sie arbeiten und ihren Beitrag leisten mussten. Und sie waren so gut wie nie alleine, sondern immer in Gesellschaft anderer Kinder.

Die Natur war ihr angestammter gemeinsamer (Spiel)Platz. Diese kollektiv menschheitsgeschichtliche Erfahrung steht in krassem Widerspruch zu der heutigen Erlebniswelt von Kindern. Nichts tun zu müssen, und das eventuell auch noch (als Einzelkind) allein in einem geschlossen Raum, macht Angst. Langeweile als Ausdruck des Nichts-Tuns wird rasch als unangenehm erlebt.

Exkurs: Nichts zu tun zu haben, fühlt sich auch für Erwachsene meist leer an. Studien über Arbeitslosigkeit haben belegt, dass Betroffen sich rasch nutz- und wertlos fühlen. Und das macht über kurz oder lang Angst.

Wer sich langweilt hat für diesen Moment den Bezug zu sich selbst verloren. Sich darauf einzulassen, und aus dieser vermeintlichen Unterforderung neue Kraft und neue Ideen zu generieren, ist die Herausforderung. Doch was ist der Unterschied zwischen Unterforderung und Langeweile?

Unterforderung versus Langeweile

Wer kleine Kinder beobachtet wird rasch bemerken – von Langeweile keine Spur. Schon Babys (und Kleinkinder erst recht) zeigen Interesse an Dingen, die sie natürlich umgeben. Sei das ein Lichteinfall, ein Zweig, eine Blume, oder ein Alltagsgegenstand wie z.B. ein Löffel.

Ältere Kinder lieben es mit Töpfen zu hantieren, oder bauen sich aus Tüchern ein Zelt, oder aus Büchern einen Turm.. – jedenfalls solange man sie lässt und die vermeintliche „Unordnung“ aushält.

Etwas größere Kinder wiederum, die in der Natur aufwachsen, wissen sich im Ferien zu beschäftigen. Egal wie widrig die äußeren Umstände auch sein mögen, und egal ob in der Wüste Afrikas, in den Bergen Nepals, im Amazonasgebiet, oder auf unseren heimischen Wiesen und Feldern. Gesunde Kinder beschäftigen sich gern und spielerisch im Freien. Die Ideen gehen ihnen dabei nicht aus.

Wenn Kinder hingegen von klein auf äußere Reize gewohnt sind, also quasi darauf warten, dass etwas Spektakuläres geschieht, dann wird sie ein spannender Lichteinfall oder ein sich im Wind wiegender Zweig nicht wirklich beeindrucken. Wer immer nur von außen animiert wurde, dessen Fantasie verkümmert einfach über kurz oder lang.

Die Wissenschaft ist schon lange der Meinung, dass kleine Kinder von Beginn an lernen sollten, sich regelmäßig (auch) alleine zu beschäftigen…. und sei es nur für ein paar Minuten.

Um kein Missverständnis aufkommen zu lassen: Natürlich steht außer Streit, dass Eltern mit ihren Kinder verbal und nonverbal kommunizieren, sich mit ihnen beschäftigen und sie in all ihren Bedürfnissen ernst nehmen sollen und müssen. Aber wenn Eltern das Gefühl haben, ihr Kind schon zu vernachlässigen, wenn sie nur mal in Ruhe duschen wollen, dann haben sie hier etwas missverstanden.

Sobald Kinder sprechen, kann man mit ihnen kommunizieren und Absprachen treffen. „Ich brauch jetzt ein wenig Zeit für mich, aber nach dem Essen spiel ich mit dir“, ist zum Beispiel ein Satz, den auch kleine Kinder schon gut annehmen können.

Es ist ein großer Irrtum, wenn Eltern glauben, die „Spielregie“ für ihre Kinder übernehmen zu müssen. Meist unterschätzen Eltern, wie viel Kreativität in den Kleinen steckt. Kinder haben noch eine überbordernde Fantasie, die uns, der Eltern- und Großelterngeneration leider oft schon verloren gegangen ist. Doch Langweile (wieder) auszuhalten kann man trainieren. Und zwar am besteb nit Kindern.

Kinder müssen sich auch mal langweilen

Wichtig ist, Kindern das Gefühl zu geben, dass Langeweile gut, erwünscht und normal ist. Das können wir selbst vor-leben, in dem wir auch mal einfach in die Luft schauen, statt aufs Handydisplay oder in den Fernseher. Es geht darum, Kindern ihre natürliche Spielfreude und ihre Neugier zu erhalten oder wieder zu geben.

Haben Sie auch den Mut, einmal auf die berüchtigte Ansage „Mir ist so fad..“ kein unmittelbares Angebot zu machen. Spielen Sie statt dessen den Ball zurück und fragen Sie „Was möchtest du denn machen?“ Wenn keine Antwort kommt probieren Sie’s doch mal mit „Lass uns doch einfach mal gemeinsam langweilen und Wolken beobachten…“. Sie werden staunen, was sich aus so einfachen Ideen ergeben kann….

Apropos: nicht nur übervolle Terminkalender (eigene und die der Kinder), auch ein Überangebot an Spielzeug sind der Langweile – und der Kreativität – Feind. Meist ist weniger mehr. Durchforsten Sie mal das Kinderzimmer und besprechen miteinander, welche Spielsachen überhaupt (noch) erwünscht sind. Eine Puppe statt fünf oder ein Lieblingsstofftier statt dem siebten Teddy sind manchmal der Anfang einer wundervollen gemeinsamen Fantasiereise.

Begleiten Sie ihr Kind bei diesen Abenteuern im Kopf und lassen Sie es die Führung übernehmen. Seien Sie offen für noch so verrückte Ideen und lassen Sie sich selbst verzaubern. Sie werden staunen, wie viel Spaß so aus dem Nichts entstehen kann. Es ist wunderschön gemeinsam mit Kindern der Langeweile neue, fantastische Seiten abzugewinnen. Glauben Sie uns – wir sprechen aus Erfahrung …

= [abo] =

———–

Quelle:

¹ FAZ: Was Kinder von der Langeweile lernen können

Fotohinweis: sofern nicht extra anders angegeben, Fotocredit by Fotolia.com (bzw. Adobe Stock)

Linktipps

– Eltern als Vorbild
– Kindgerechter Umgang mit Handy und Smartphone
– Faulenzen – Dürfen Kinder denn das?
– Das Zappelphillip Syndrom

Das könnte Sie auch interessieren …