Erstmals Mikroplastik im menschlichen Körper entdeckt

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Erstmals Mikroplastik im menschlichen Körper entdeckt

Österreichische Forscher haben erstmals Mikroplastik im menschlichen Körper entdeckt. Die gefundenen Teilchen sind bis zu 0,5 Millimeter groß. Alle Studienteilnehmer haben zuvor Getränke aus PET-Flaschen und in Plastik verpackte Lebensmittel konsumiert. Diese Kunststoffe konnten dann auch im Stuhl nachgewiesen werden. Was das für uns bedeutet, haben wir eine der Studienautorinnen gefragt.

Mikroplastik im menschlichen Körper – Artikelübersicht:

Video: Studienautorin im Interview

Kleine Studie, großes Ergebnis

In einer vergleichsweise kleinen Studie haben österreichische Wissenschafter erstaunliches nachgewiesen. In der von Umweltbundesamt und Medizinischer Universität Wien durchgeführten Pilotstudie wurde vom Wissenschaftsteam rund um Bettina Liebmann und Philipp Schwabl erstmals Mikroplastik im menschlichen Stuhl nachgewiesen – und das bei allen der acht internationalen TeilnehmerInnen.

Die erstmalige Entdeckung von Mikroplastik im menschlichen Körper kommt trotz des Wissens um die gigantischen Mengen an Plastikmüll und dem bereits erbrachten Nachweis von Mikroplastik in Meerestieren, überraschend.

Das Ergebnis, das soeben am internationalen UEG-Gastroenterologie-Kongress 2018 in Wien präsentiert wurde stellt daher auch eine gute Grundlage für weitere Untersuchungen in größerem Umfang dar. Verblüffend sind zweifellos die Mengen, die im Stuhl jedes Studienteilnehmers gefunden wurden. Die Forschergruppe hat Partikel in der Größe von 50 bis 500 Mikrometer in den Stuhlproben nachweisen können. Immerhin 20 Kunststoffteilchen pro 10 Gramm Stuhl wurden im Labor in verschiedenen Größen und Formen gefunden.

Die Studie war vorerst als Pilotstudie angelegt, um die Werkzeuge und Methoden zu erforschen, um Mikroplastik im Stuhl identifizieren zu können. Die Pilotstudie ist aufgrund der geringen Teilnehmeranzahl nicht repräsentativ – dass bei allen acht Probanden, die alle aus unterschiedlichen Ländern kommen, Mikroplastikteilchen gefunden wurden, ist aber schon ein Indiz dafür, dass es sich um ein größeres Problem handeln dürfte. In einer weiteren, größer angelegten Studie muss nun erforscht werden, wie genau das Mikroplastik in den Körper gelangt sowie welche Auswirkungen und mögliche Schäden es dort anrichtet.

Interview: Details der Studie

Bettina Liebmann, Umweltbundesamt

Im Gespräch mit einer der Studienautoren, der Umweltanalytikerin Bettina Liebmann haben wir in Zusammenarbeit mit Plan B, der Plattform für digitalen Videojournalismus, versucht herauszufinden, was diese Entdeckung für die Wissenschaft bedeutet.

Frage: Was ist das Besondere an dieser Studie?

Bettina Liebmann: In den Körpern von Tieren sind Forscher bereits in früheren Untersuchungen auf Mikroplastik gestoßen. Nun konnte aber zum ersten Mal Mikroplastik im menschlichen Körper entdeckt werden.

Frage: Inwieweit war das Ergebnis überraschend?

Bettina Liebmann: Das für uns erstaunliche war, dass wir in allen 8 Stuhlproben Mikroplastikteilchen gefunden haben. Damit hätten wir nicht gerechnet. Im Mittel sind es ca. 20 Teilchen aus Kunststoff, die wir pro 10 Gramm Stuhl nachweisen konnten.

Frage: Können Sie uns ein paar Hardfacts zur Studie geben?

Bettina Liebmann: Alle Studienteilnehmer haben zuvor Getränke aus PET-Flaschen und in Plastik verpackte Lebensmittel konsumiert. Diese Kunststoffe konnten dann auch im Stuhl nachgewiesen werden. Die gefundenen Teilchen sind bis zu 0,5 Millimeter groß.

Frage: Die Studienergebnisse gelten regelrecht als Sensation, denn der Nachweis von Plastik im Stuhl ist nicht leicht …

Bettina Liebmann: Einerseits wissen wir aus Studien, dass Mikroplastik in Fischen, in Meereslebewesen nachgewiesen ist. Es gibt auch Studien, die Mikroplastik in abgefülltem Trinkwasser nachgewiesen haben. Aber auch wenn ich zuhause selbst koche, besteht leider die Möglichkeit, dass ich auf einem Kunststoffschneidebrett zum Beispiel kleine Mikroplastikteilchen aus diesem Brett herausschneide.

Welche Herausforderungen wir bei der Untersuchung von Mikrostuhl haben, wussten wir selbst nicht so genau. Wir hatten aus der Literatur keinerlei Anhaltspunkte. Das hatte noch niemand vor uns versucht.

Frage: Wie genau wurde die Untersuchung durchgeführt?

Bettina Liebmann: In einem eigens entwickelten Verfahren wurden die Proben verflüssigt und mittels Infrarot-Strahlung auf Plastik untersucht. Diese Spektroskopie gibt Auskunft darüber, aus welchem Material einzelne Feststoffe, einzelne Teilchen bestehen. Und wir können hier die Materialien, 10 verschiedene Kunststoffarten, in der Mikroanalyse untersuchen.

Frage: Inzwischen ist auch die Politik auf das Problem aufmerksam geworden. Das EU-Parlament hat beinahe Zeitgleich mit Veröffentlichung der Studie mit breiter Mehrheit für ein Verbot von Einwegplastik gestimmt. Was denken Sie in diesem Zusammenhang?

Bettina Liebmann: Also aus Forschungssicht ist glaub ich jede Aktion, die dazu beiträgt, dass weniger Kunststoffe in die Umwelt gelangen, ein Schritt in die richtige Richtung. Für eine plastikfreie Zukunft braucht es aber auch den Willen eines jeden Einzelnen, auf Plastik zu verzichten.

Frage: Welche Schlüsse ziehen Sie persönlich aus den Ergebnissen dieser Pilotstudie?

Bettina Liebmann: Ich glaub, man tut gut daran, sein eigenes Konsumverhalten zu überdenken. Und auch wirklich abzuwägen: wo benötige ich Plastik in diesem Fall? Aber auch zu überlegen, wo gibt es Anwendungen, die jetzt nicht wirklich notwendig sind? Wo ich etwas einsparen könnte, ohne dass ich in meinem täglichen Leben irgendwie beeinträchtigt wäre. Vielleicht einfach nur eine Verhaltensänderung. Zum Beispiel von Einweg auf Mehrweg umzusteigen.

Auswirkungen von Mikroplastik auf den Menschen noch unbekannt

Woher Mikroplastik kommt, ist bekannt, unbekannt ist die gesundheitliche Auswirkung auf den Menschen. Vor allem Autoreifen-Abrieb, Plastikverpackungen aller Art, zerkleinerter Bauschutt oder auch Kosmetika sind hauptsächlich für das Vorkommen der winzigen Plastikpartikel in der Umwelt verantwortlich. Besonders stark betroffen sind Gewässer.

Die winzigen Kunststoffpartikel tauchen aber mittlerweile überall auf dem Planeten auf, selbst in den entlegensten Regionen der Arktis und Antarktis, sowie abgeschiedenen Inseln sind Forscher bereits auf die Partikel gestoßen. Selbst die Tiefsee ist nicht mehr unberührt.

Entsprechend wenig überrascht vom Fund der österreichischen Forscher, zeigte sich das Deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR). „Die Aufnahme von Mikroplastik in den Magendarmtrakt und damit der Nachweis im Kot ist erwartbar, da etwa Zahnpasta mit Mikroplastik auch versehentlich verschluckt werden kann oder Lebensmittel solche Teilchen als Kontaminanten enthalten können“, teilte das BfR am Dienstag der Deutschen Presse-Agentur mit.

Über die Folgen für die Umwelt und die Gesundheit von Pflanzen, Tieren und Menschen ist bislang noch wenig bekannt. Auch das BfR sieht sich derzeit noch nicht im Stande, eine gesundheitliche Risikobewertung für die Aufnahme von Mikroplastik über die Nahrung aufzustellen.

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Quellen:

¹ Plan B – Plattform für digitalen Videojournalismus
² Assessment of microplastic concentrations in human stool – Preliminary results of a prospective study – Philipp Schwabl, Bettina Liebmann, Sebastian Köppel, Philipp Königshofer, Theresa Bucsics, Michael Trauner, Thomas Reiberger, präsentiert im Rahmen der UEG Week 2018 in Wien am 24. Oktober 2018.

Linktipps

– Wie gesund ist Leitungswasser?
– Gefährliche Lebensmittelverpackungen
– Gefahr Plastikspielzeug?
– Clean Eating – was ist das?

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