Wie Ketamin die Behandlung psychischer Erkrankungen verändert

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Ketamin gilt als einer der spannendsten, aber auch umstrittensten Wirkstoffe der modernen Psychiatrie.
Einst als Anästhetikum entwickelt, rückt es heute wegen seiner schnellen antidepressiven und antisuizidalen Wirkung bei Depressionen, PTSD und Sucht in den Fokus.
Ketamin gestützte Psychotherapie: Artikelübersicht
- Von der Narkose zum Therapie-Tool: Warum Ketamin in der Psychiatrie neu entdeckt wird
- Schnelle Wirkung bei Depression – Hoffnung für Betroffene?
- Ketamin-gestützte Psychotherapie gegen die Folgen von Krieg und Terror
- Wie Ketamin im Gehirn wirkt: Ein chemischer Neustart?
- PTBS, Sucht, Angst: Wo Ketamin-Therapie helfen kann – und wo nicht
- Risiken, Nebenwirkungen und offene Fragen
- Wer profitiert – und wer lieber vorsichtig sein sollte
- Ketamin ist kein Wundermittel – aber ein Türöffner
- Linktipps
Psychische Erkrankungen zählen weltweit zu den größten gesundheitlichen Herausforderungen unserer Zeit. Depressionen, Angststörungen, posttraumatische Belastungsstörungen und Substanzgebrauchsstörungen nehmen seit Jahren zu.
Globale Krisen, Kriege, Terroranschläge und gesellschaftliche Verunsicherung wirken dabei als Verstärker. Gleichzeitig wächst der therapeutische Bedarf bei Patienten, die auf etablierte Behandlungsansätze nur unzureichend ansprechen.
In diesem Spannungsfeld rückt ein Wirkstoff verstärkt in den Fokus der Psychiatrie, der lange Zeit primär als Anästhetikum bekannt war und zugleich wegen seiner Nutzung als Clubdroge als umstritten gilt: Ketamin.
Die ketamin-gestützte Psychotherapie wird heute als innovativer Ansatz diskutiert, insbesondere bei therapieresistenten Depressionen, Suizidalität, PTSD, Sucht und anderen Substanzgebrauchsstörungen.
Der Wirkstoff verbindet neurobiologische Effekte mit einem veränderten Bewusstseinszustand, der psychotherapeutische Interventionen vertiefen kann.
Gleichzeitig bestehen Risiken, offene Fragen zur Langzeitwirkung und ethische Herausforderungen.
Im folgenden Artikel beleuchten wir evidenzbasiert Chancen, Risiken und den klinischen Einsatz der ketamin-gestützten Psychotherapie.
Von der Narkose zum Therapie-Tool: Warum Ketamin in der Psychiatrie neu entdeckt wird
Ketamin wurde in den 1960er-Jahren als dissoziatives Anästhetikum entwickelt und ist bis heute fester Bestandteil der Notfall- und Intensivmedizin.
Im Unterschied zu anderen Narkosemitteln erhält es die Spontanatmung und wirkt gleichzeitig stark schmerzlindernd. Bereits früh fiel auf, dass Patienten nach einer Ketamin-Narkose nicht nur schmerzfrei, sondern oft auch kurzfristig stimmungsaufgehellt waren.
Diese Beobachtungen blieben lange unbeachtet, da sich die Psychopharmakologie über Jahrzehnte auf klassische Antidepressiva konzentrierte. Erst ab den frühen 2000er-Jahren wurde der antidepressive Effekt systematisch untersucht.
Studien zeigten, dass Ketamin in niedriger Dosierung depressive Symptome rasch lindern kann, selbst bei Patienten, die auf mehrere Medikamente nicht angesprochen hatten.
Der Wandel vom reinen Anästhetikum zum psychiatrischen Therapie-Tool markiert einen grundlegenden Perspektivwechsel. Ketamin wird heute nicht mehr nur als pharmakologische Substanz betrachtet, sondern als möglicher Katalysator psychischer Veränderungsprozesse.
Schnelle Wirkung bei Depression – Hoffnung für Betroffene?
Depressionen gehören zu den häufigsten psychischen Erkrankungen weltweit. Etwa ein Drittel der Betroffenen leidet unter therapieresistenten Verläufen.
Klassische Antidepressiva benötigen oft Wochen bis Monate, bis eine Wirkung eintritt. Gerade bei ausgeprägter Suizidalität stellt dies ein erhebliches Risiko dar.
Ketamin unterscheidet sich hier fundamental. Bereits wenige Stunden nach der Verabreichung berichten viele Patienten über eine deutliche Reduktion depressiver Symptome.
Besonders relevant ist die antisuizidale Wirkung. Suizidgedanken nehmen häufig rasch ab, unabhängig von der allgemeinen Stimmungsverbesserung.
Dieser Effekt hat Ketamin zu einem wichtigen Instrument in akuten Krisensituationen gemacht.
Esketamin, das S-Enantiomer von Ketamin, ist unter dem Namen Spravato zugelassen und wird als Nasenspray eingesetzt. Es ist für therapieresistente Depressionen sowie depressive Episoden mit akuter Suizidgefahr vorgesehen.
Racemisches Ketamin wird hingegen off-label verwendet, meist intravenös. Fachlich wird diskutiert, ob das racemische Präparat durch seine breitere pharmakologische Wirkung Vorteile bietet, insbesondere in Bezug auf Wirksamkeit und Kosten.
Ketamin-gestützte Psychotherapie gegen die Folgen von Krieg und Terror
Ketamin findet zunehmend Anwendung bei Kriegsveteranen und Einsatzkräften, die unter den Folgen von Fronteinsätzen leiden.
Posttraumatische Belastungsstörungen, Albträume, Flashbacks und ausgeprägte Angststörungen sind häufige Symptome, die den Alltag stark beeinträchtigen.
Klinische Studien zeigen, dass Ketamin die Symptomlast kurzfristig reduzieren und die psychische Flexibilität erhöhen kann, wodurch psychotherapeutische Interventionen effektiver werden.
Auch Opfer von Terroranschlägen profitieren in spezialisierten Programmen von ketamin-gestützter Therapie. Die gezielte Gabe in niedriger Dosierung kann den Patienten helfen, traumatische Erlebnisse zu verarbeiten, ohne von Angst überwältigt zu werden.
Der Ansatz ermöglicht eine schnellere Stabilisierung in akuten Krisensituationen und kann den Weg zu nachhaltiger Remission bereiten.
Wie Ketamin im Gehirn wirkt: Ein chemischer Neustart?
Während klassische Antidepressiva primär das serotonerge System beeinflussen, setzt Ketamin an einem anderen neurobiologischen Mechanismus an. Als NMDA-Rezeptor-Antagonist wirkt es auf das glutamaterge System, das für neuronale Aktivität, Lernen und Gedächtnis zentral ist.
Aktuelle Modelle gehen davon aus, dass eine glutamatergische Dysregulation an der Entstehung von Depressionen, Angststörungen und PTSD beteiligt ist.
Ketamin blockiert NMDA-Rezeptoren auf inhibitorischen Interneuronen, was zu einer vermehrten Glutamatfreisetzung führt. In der Folge werden Signalwege aktiviert, die synaptische Plastizität fördern.
Vereinfacht gesprochen ermöglicht Ketamin eine kurzfristige Erhöhung der psychischen Flexibilität.
Starre Denk- und Gefühlsmuster verlieren an Dominanz. Dieser Zustand erhöhter Offenheit kann durch gezielte psychotherapeutische Interventionen genutzt werden, um nachhaltige Veränderungen zu unterstützen.
PTBS, Sucht, Angst: Wo Ketamin-Therapie helfen kann – und wo nicht
Neben Depressionen wird Ketamin zunehmend bei PTSD erforscht. Viele Betroffene leiden unter Flashbacks, Albträumen, Schlaflosigkeit und dauerhafter innerer Wachsamkeit.
Studien zeigen, dass Ketamin diese Symptome vorübergehend deutlich reduzieren kann. Gleichzeitig berichten Patienten, dass traumatische Inhalte im therapeutischen Setting besser zugänglich sind, ohne überwältigend zu wirken.
Auch bei Sucht und anderen Substanzgebrauchsstörungen gibt es Hinweise auf positive Effekte. Ketamin kann Craving reduzieren und die Motivation zur Abstinenz fördern, insbesondere bei Alkoholabhängigkeit.
Der veränderte Bewusstseinszustand wird häufig als sinnstiftend erlebt und kann neue Perspektiven auf das eigene Verhalten eröffnen.
Bei Angststörungen ist die Datenlage differenzierter. Während einige Patienten profitieren, können andere vorübergehend verstärkte Angst erleben. Ketamin ist daher kein universelles Mittel und erfordert eine sorgfältige Indikationsstellung.
Risiken, Nebenwirkungen und offene Fragen
Zu den häufigsten Nebenwirkungen zählen vorübergehender Blutdruckanstieg, Schwindel, Übelkeit, Dissoziation und Wahrnehmungsveränderungen.
Diese Effekte sind in der Regel kurzzeitig. Im Vergleich zu klassischen Antidepressiva treten weniger sexuelle Funktionsstörungen oder Gewichtszunahme auf.
Langzeitrisiken sind jedoch noch nicht abschließend geklärt. Bei missbräuchlichem Konsum sind Blasenprobleme und kognitive Einschränkungen bekannt. Diese Risiken tragen dazu bei, dass Ketamin trotz medizinischer Anwendung weiterhin als umstritten gilt.
Ein weiteres Thema ist das Abhängigkeitspotenzial. Bei kontrollierter medizinischer Anwendung gilt es als gering, dennoch ist bei Patienten mit bestehender Suchtanamnese besondere Vorsicht geboten.
Wer profitiert – und wer lieber vorsichtig sein sollte
Besonders profitieren Patienten mit therapieresistenten Depressionen, akuter Suizidalität oder chronischer PTSD. Auch bei komorbiden Substanzgebrauchsstörungen kann Ketamin hilfreich sein, sofern eine enge therapeutische Begleitung erfolgt.
Vorsicht ist geboten bei Psychosen, schweren Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder instabilen Persönlichkeitsstörungen.
Ohne begleitende Psychotherapie bleibt die Wirkung oft kurzfristig. Die Nachhaltigkeit lässt sich durch strukturierte psychotherapeutische Interventionen deutlich erhöhen.
Weiters können auch weitere beleitende Verfahren eingesetzt werden , etwa die
Transkranielle Gleichstromstimulation (tDCS). Dabei handelt es sich um ein nicht-invasives Verfahren, das schwache Gleichströme über Elektroden auf der Kopfhaut nutzt, um die Erregbarkeit der Nervenzellen im Gehirn zu modulieren und so die neuronale Aktivität zu beeinflussen, was bei neurologischen und psychiatrischen Erkrankungen wie Depressionen, chronischen Schmerzen (z.B. Fibromyalgie), Schlaganfallfolgen und Migräne zur Linderung der Symptome eingesetzt wird.
Kosten einer Behandlung mit Ketamin-Infusionen
Ein nicht zu unterschätzender Faktor sind die Kosten. Während Esketamin teilweise erstattet wird, müssen Ketamininfusionen häufig privat bezahlt werden, da es sich um eine “Off-Label”-Anwendung handelt.
Die Kosten für eine Ketamininfusion pro Infusionssitzung betragen typischerweise zwischen 200.- Euro und 300.- Euro, abhängig von der Praxis und ob zusätzliche Verfahren wie tDCS genutzt werden. Sie werden in der Regel nicht von gesetzlichen Krankenkassen übernommen und sind somit als Wahl- oder Selbstzahlerleistungen anzusehen. Eine komplette Behandlung umfasst häufig mehrere Sitzungen.
Dies wirft Fragen der Zugänglichkeit und sozialen Gerechtigkeit auf.
Ketamin ist kein Wundermittel – aber offenbar ein Türöffner
Ketamin verändert die psychiatrische Behandlung nachhaltig. Seine schnelle Wirkung, insbesondere bei Depressionen und Suizidalität, eröffnet neue therapeutische Möglichkeiten. Gleichzeitig ersetzt es weder Psychotherapie noch langfristige Behandlungskonzepte.
Sein größtes Potenzial liegt in der Kombination aus pharmakologischer Wirkung und psychotherapeutischer Integration.
Ketamin kann Türen öffnen, durch die Patienten gemeinsam mit dem Therapeuten gehen müssen.
Zwischen Hoffnung und Risiko bleibt ein verantwortungsvoller, evidenzbasierter Einsatz entscheidend.
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Quellen:
¹ The Impact of Ketamine for Treatment of Post-Traumatic Stress Disorder: A Systematic Review With Meta-Analyses (Hernandez A. et al. in Ann Pharmacother; 2024 Jul;58(7):669-677.) PMID: 37776285
² Ketamin-gestützter Psychotherapie gegen die Folgen des Ukaine-Krieges (DER STANDARD)
Fotohinweis: sofern nicht extra anders angegeben, Fotocredit by Fotolia.com (bzw. Adobe Stock)
Linktipps
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– Depression und ihre Auswirkung auf den Körper
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