Neurodermitis | Krankheitslexikon

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Ohne Zweifel gehört die Neurodermitis zu den häufigsten Krankheitserscheinungen unserer heutigen Zeit. In der Bundesrepublik Deutschland sind schätzungsweise vier Prozent der Bevölkerung betroffen. Der Anteil bei Kindern liegt sogar noch höher.
Neurodermitis gehört zu den häufigsten chronisch-entzündlichen Hauterkrankungen und stellt für Betroffene oft eine große körperliche wie seelische Belastung dar.
Neurodermitis – Artikelübersicht:
- Was ist Neurodermitis?
- Warum entsteht Neurodermitis?
- Wie äußert sich Neurodermitis?
- Neurodermitis oder Psoriasis?
- Diagnose
- Moderne Therapie
- Leben mit Neurodermitis
- Sauna und Neurodermitis – Welche Arten sind geeignet?
- Informationsstellen
- Linktipps
Starker Juckreiz, wiederkehrende Entzündungsschübe und sichtbare Hautveränderungen prägen den Alltag vieler Neurodermitis Patientinnen und Patienten.
Gleichzeitig hat sich das medizinische Verständnis der Erkrankung in den vergangenen Jahren deutlich erweitert, sodass heute zahlreiche wirksame und individuell anpassbare Behandlungsmöglichkeiten zur Verfügung stehen.
Was ist Neurodermitis?
Neurodermitis, medizinisch als atopische Dermatitis oder atopisches Ekzem bezeichnet, ist eine chronisch-entzündliche Hauterkrankung, die schubweise verläuft.
Charakteristisch sind trockene, empfindliche Haut, entzündliche Ekzeme und ein ausgeprägter Juckreiz.
Die Erkrankung beginnt häufig im Säuglings- oder Kindesalter, kann aber grundsätzlich in jedem Lebensabschnitt erstmals auftreten.
Der Begriff „atopisch“ beschreibt eine besondere Überempfindlichkeit des Immunsystems gegenüber Umweltreizen. Viele Betroffene leiden zusätzlich unter Heuschnupfen, allergischem Asthma oder Nahrungsmittelallergien. Neurodermitis ist nicht ansteckend und keine Folge mangelnder Hygiene.
In Mitteleuropa sind etwa 3 bis 7 Prozent der Erwachsenen betroffen, bei Kindern sogar bis zu 20 Prozent. Obwohl Neurodermitis nicht heilbar ist, lassen sich die Beschwerden heute in den meisten Fällen gut kontrollieren.
Warum entsteht Neurodermitis?
Die Entstehung der Neurodermitis beruht auf einem Zusammenspiel mehrerer Faktoren. Eine zentrale Rolle spielt die genetische Veranlagung. Bestimmte Genveränderungen beeinträchtigen den Aufbau der Hautbarriere. Dadurch verliert die Haut schneller Feuchtigkeit und wird durchlässiger für Reizstoffe, Allergene und Krankheitserreger.
Ein weiterer wichtiger Faktor ist eine Fehlregulation des Immunsystems. Das Immunsystem reagiert übermäßig stark auf eigentlich harmlose Substanzen. Häufig findet sich ein erhöhter Spiegel des Immunglobulins IgE, was auf eine gesteigerte allergische Bereitschaft hinweist.
Zusätzlich können zahlreiche äußere und innere Einflüsse Schübe auslösen oder verstärken:
– Hausstaubmilben, Pollen, Tierhaare
– Bestimmte Nahrungsmittel
– Klimatische Faktoren wie Kälte, trockene Luft oder Hitze
– Starkes Schwitzen
– Infektionen
– Psychischer Stress
– Hormonelle Veränderungen
Man spricht daher von einer multifaktoriellen Erkrankung.
Wie äußert sich Neurodermitis?
Das Krankheitsbild ist individuell sehr unterschiedlich und hängt vom Lebensalter ab.

Typisches Erscheinungsbild der Neurodermitis, auch atopische Dermatitis oder atopisches Ekzem genannt. Fotocredit: Fotolia
Bei Säuglingen treten häufig nässende, krustige Hautveränderungen im Gesicht und am behaarten Kopf auf, der sogenannte Milchschorf.
Im Kindesalter finden sich meist Ekzeme in Armbeugen, Kniekehlen, am Hals oder an den Handgelenken.
Jugendliche und Erwachsene entwickeln häufig trockene, schuppige, teils verdickte Hautareale an Händen, Füßen, Nacken, Gesicht oder Oberkörper.
Das Leitsymptom ist der starke Juckreiz. Er kann so ausgeprägt sein, dass Schlafstörungen, Erschöpfung und Konzentrationsprobleme entstehen.
Kratzen verschafft kurzfristige Linderung, schädigt jedoch die Haut und verstärkt die Entzündung. Es entsteht der typische Juckreiz-Kratz-Teufelskreis.
Bei vielen Betroffenen verläuft die Erkrankung schubweise. Beschwerdearme Phasen wechseln sich mit aktiven Schüben ab.
Neurodermitis oder Psoriasis?
| Merkmal | Neurodermitis | Psoriasis (Schuppenflechte) |
|---|---|---|
| Juckreiz | Sehr stark | Meist mäßig |
| Hautbild | Ekzematös, trocken, entzündet | Scharf begrenzte Plaques |
| Schuppen | Fein | Silbrig-weiß, grob |
| Typische Stellen | Beugen, Hals, Gesicht | Streckseiten, Kopfhaut |
Diagnose
Die Diagnose wird in erster Linie anhand des typischen Hautbildes und der Krankengeschichte gestellt. Zusätzlich werden familiäre Allergien oder atopische Erkrankungen erfragt.
Ergänzend können Allergietests, Blutuntersuchungen oder Hautabstriche sinnvoll sein. Wichtig ist die Abgrenzung zu anderen entzündlichen Hauterkrankungen.
Moderne Therapie
Die Behandlung der Neurodermitis folgt heute einem Stufenkonzept.
Basispflege
Die tägliche Hautpflege ist die Grundlage jeder Therapie. Empfohlen werden parfumfreie, rückfettende Cremes oder Salben. Kurze, lauwarme Duschen und seifenfreie Reinigungsprodukte schonen die Hautbarriere.
Entzündungshemmende Lokaltherapie
Bei Schüben kommen kortisonhaltige Cremes oder Calcineurin-Inhibitoren (Tacrolimus, Pimecrolimus) zum Einsatz. Bei richtiger Anwendung sind diese Medikamente sicher und effektiv.
Systemische Therapie
Bei schweren Verläufen können moderne Biologika, JAK-Inhibitoren oder andere Immunmodulatoren eingesetzt werden. Diese Medikamente greifen gezielt in Entzündungsprozesse ein.
Begleitende Maßnahmen
Antihistaminika können den Juckreiz lindern. Bei bakteriellen Infektionen sind Antibiotika notwendig. UV-Lichttherapie kann bei ausgewählten Patienten hilfreich sein.
Leben mit Neurodermitis – realistische Perspektive
Eine Neurodermitis-Diagnose bedeutet heute keineswegs mehr, sich dauerhaft mit stark eingeschränkter Lebensqualität abfinden zu müssen.
Die medizinischen Möglichkeiten haben sich in den letzten Jahren erheblich weiterentwickelt, insbesondere durch gezielte Wirkstoffe, die direkt in die Entzündungsprozesse eingreifen.
Viele Betroffene erleben dadurch längere beschwerdearme Phasen oder sogar nahezu vollständige Symptomfreiheit.
Gleichzeitig zeigt die klinische Erfahrung, dass sich der Krankheitsverlauf bei einem großen Teil der Patientinnen und Patienten im Laufe des Lebens abschwächt. Besonders bei Kindern verschwinden die Symptome häufig ganz oder werden im Jugend- und Erwachsenenalter deutlich milder.
Auch bei Erwachsenen kann sich das Hautbild mit konsequenter Pflege und individueller Therapie langfristig stabilisieren.
Ein wichtiger Bestandteil eines guten Krankheitsmanagements ist das Verständnis für die eigenen Auslöser und Frühwarnzeichen. Wer lernt, beginnende Schübe rechtzeitig zu erkennen und gegenzusteuern, gewinnt ein hohes Maß an Kontrolle über die Erkrankung.
Dieses Gefühl der Selbstwirksamkeit wirkt sich oft positiv auf das seelische Wohlbefinden aus.
Neurodermitis bleibt zwar eine chronische Erkrankung, doch sie definiert nicht den gesamten Lebensweg. Mit einer passenden Behandlung, ärztlicher Begleitung und einem realistischen Umgang mit der eigenen Haut können Beruf, Familie, Sport und soziale Aktivitäten in der Regel ohne größere Einschränkungen ausgeübt werden.
Für viele Betroffene entwickelt sich die Neurodermitis im Laufe der Zeit von einer dominierenden Belastung zu einer gut handhabbaren Begleiterkrankung.
Sauna und Neurodermitis – Welche Arten sind geeignet?
Ein Saunabesuch kann bei Neurodermitis grundsätzlich möglich sein, allerdings hängt dies stark vom Hautzustand ab.
Unterschiedliche Saunaarten wirken unterschiedlich auf die Haut:
| Saunaart | Vorteile | Risiken | Empfehlung für Neurodermitis |
|---|---|---|---|
| Finnische Sauna | Fördert Durchblutung, intensiv schwitzen | Hohe Hitze (80–100 °C) kann Haut austrocknen, akute Schübe verschlimmern | Nur bei stabiler Haut, kurze Aufenthalte, milde Temperaturen (60–70 °C), danach sofort eincremen |
| Infrarotkabine | Sanfte Wärme, gute Durchblutungsförderung, kurze Aufenthalte ausreichend | Zu lange oder zu heiße Sitzungen können Juckreiz verstärken | Sehr gut geeignet, besonders bei trockener Haut, Temperatur individuell anpassen |
| Dampfbad / Türkisches Bad | Hohe Luftfeuchtigkeit, weichere Haut, gute Hydration | Feuchte Wärme kann Schübe triggern, Pilz- oder Infektionsrisiko höher | Nur kurze Aufenthalte, direkt danach sanft abtrocknen und eincremen |
| Biosauna / Kräutersauna | Moderate Temperaturen (50–60 °C), angenehme Feuchtigkeit, oft weniger belastend | Duftstoffe in Kräutern oder Aromen können Haut reizen | Geeignet, auf individuelle Verträglichkeit der Aromen achten |
Praktische Tipps für Neurodermitiker beim Saunabesuch:
- Auf die Hautverträglichkeit achten – nur bei beschwerdearmer Haut saunieren.
- Kurz und mild saunieren, Temperatur individuell wählen.
- Nach dem Saunagang sofort sanft abkühlen, duschen und rückfettend eincremen.
- Auf akute Ekzeme oder stark gereizte Haut verzichten.
- Regelmäßig beobachten, wie die Haut reagiert, und den Saunagang entsprechend anpassen.
Informationsstellen:
Informationsplattform neurodermitis-online.at
Speziell für Betroffene in Österreich: kompakte Infos zu Ursachen, Auslösern und Therapie, ein kurzer Selbst-Check, Vorbereitungshilfen für den Arzttermin sowie ein Hautarztfinder.
Arbeitsgemeinschaft Pädiatrische Dermatologie (AGPD) – Neurodermitis-Schulung
Bietet strukturierte Neurodermitis-Schulungen für Eltern und Kinder, Hintergrundinfos zur Erkrankung und Anlaufstellen;
Spezialisierte dermatologische Einrichtung mit Schwerpunkt Neurodermitis (Babys, Kinder, Erwachsene), ausführlicher Beratung, Diagnostik (inkl. Allergietests) und moderner Therapie inkl. Biologika.
Niederhofstraße 39, 1120 Wien
Telefon: 0043 1 817 49 93
In Österreich gibt es nur wenige explizite Neurodermitis‑Selbsthilfegruppen, vieles läuft über allgemeine Allergie‑ und Atopie‑Vereine. Die wichtigsten Anlaufstellen:
Österreichische Lungenunion – Selbsthilfegruppen
Bundesweit tätiger Selbsthilfeverein für Menschen mit Asthma, Allergien und auch Neurodermitis; bietet Information, Erfahrungsaustausch, Veranstaltungen und telefonische/online Beratung.
Auf dem Portal neurodermitis-online.at (gesponsert durch das biopharmazeutischen Unternehmen AbbVie) soll ein Neurodermitis-Test mit 10 Fragen Patient*innen dabei helfen, ihre Situation besser einzuschätzen und sich optimal auf das Arztgespräch vorzubereiten.
Hinweis: Der Neurodermitis-Selbsttest erteilt keine medizinischen Ratschläge oder Diagnose. Das Ergebnis des Selbsttests ist ohne Gewähr und ersetzt nicht die Beratung durch einen Hautarzt.
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Quellen:
¹ S3-Leitlinie Atopische Dermatitis (AD) [Neurodermitis; atopisches Ekzem] – PDF
² Neurodermitis: Viren als neue Therapie-Option entdeckt (Meduni Wien; 2023)
Fotohinweis: sofern nicht extra anders angegeben, Fotocredit by Fotolia.com (bzw. Adobe Stock)
Linktipps
– Was ist Dermatologie?
– Heilpflanzenlexikon: Nachtkerze gegen Neurodermitis
– Kopfschuppen – Was tun?
– Ist die Sauna gesund?
– Wie die Psyche Psoriasis beeinflusst
– Blutschwämmchen & Feuermale
– Bioresonanztherapie gegen Neurodermitis?


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