Bio-Lebensmittel: Nur das EU-Bio-Logo bringt Sicherheit!

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Bio-Lebensmittel erfreuen sich großer Beliebtheit. Welche Kriterien muss ein Lebensmittel erfüllen, um sich als „biologisch“ oder „ökologisch“ bezeichnen zu dürfen? Und welche Merkmale machen Bio-Produkte unverwechselbar gegenüber Trittbrettfahrern? Lebensmittelexpertin Petra Lehner im Gespräch.

gesund.co.at: Was bedeutet „Bio“ im Zusammenhang mit Lebensmitteln?

Lehner: Das Kürzel „Bio“ steht für „biologische Produktion“, es ist gleichbedeutend mit „Öko“ für „ökologische Produktion“. Diese Bezeichnungen sind EU-weit einheitlich geregelt. Es gibt klare gesetzliche Vorschriften, was „Bio“ sein muss, was „Bio“ nicht sein darf, und diese Regeln gelten in allen 27 Mitgliedsstaaten der Europäischen Union. Übrigens auch für Produkte, die aus Drittstaaten in die EU eingeführt werden.

Auch alle Bezeichnungen, die suggerieren, dass es sich um ein Bio- oder Öko-Produkt handeln würde, sind in die Regelung eingebunden, man darf zum Beispiel nicht „naturnah“ oder „spritzmittelfrei“ verwenden, weil dies beim Verbraucher eine Täuschung in Richtung „Bio“ auslösen würde.

gesund.co.at: Wie wird geprüft, ob es sich um ein Bio-Produkt handelt?

Lehner: „Bio“ ist die einzige Kategorie, bei der vorgeschrieben ist, dass es neben den üblichen Kontrollen der Lebensmittelaufsicht mindestens einmal jährlich eine zusätzliche Überprüfung durch eine auf „Bio“ akkreditierte Kontrollstelle geben muss. Der Code von dieser Kontrollstelle muss auf der Verpackung aufgedruckt sein, dieser beginnt mit dem Landeskürzel, zum Beispiel mit „AT“ für Österreich. Alles in allem kann man sagen: Bio-Produkte werden öfter und gründlicher geprüft als herkömmliche Lebensmittel.

gesund.co.at: Bio-Lebensmittel können pflanzlichen oder tierischen Ursprungs sein. Beginnen wir bei den Pflanzen: Was zeichnet Bio-Obst und -Gemüse aus?

Lehner: Im Acker- bzw. Pflanzenbau steht der Verzicht auf Stickstoffdünger im Vordergrund. Vorgeschrieben sind weiters mehrjährige Fruchtfolgen, damit der Boden lebendig bleibt. Heimische Pflanzensorten sind zu bevorzugen, damit dient „Bio“ auch der Erhaltung der natürlichen Vielfalt. Was die Pestizide betrifft, gelten wesentlich strengere Regelungen als beim herkömmlichen Landbau, die Verwendung ist extrem eingeschränkt.

gesund.co.at: Wie sieht es mit der Tierhaltung aus?

Lehner: Die Regeln für die „artgerechte Tierhaltung“ umfassen zunächst Vorschriften über die sogenannten „Besatzdichten“, womit den Tieren eine ausreichende Fläche garantiert ist. Die Regelungen gehen sogar noch über das österreichische Tierschutzgesetz hinaus! Es sind heimische Rassen zu bevorzugen. Weiters muss ein gewisser Anteil der Futtermittel aus der eigenen Produktion stammen. Das Futter darf keine synthetischen Aminosäuren oder Wachstumsförderer enthalten. Es dürfen nur bestimmte Futtermittelzusatzstoffe, meist Vitamine, beigefügt werden, jedoch keine chemisch-synthetischen Komponenten. Schließlich ist das Sortiment an Arzneimitteln stark eingeschränkt.

gesund.co.at: Welche Regeln gelten für die Verarbeitung?

Lehner: Hier besteht zunächst ein Verbot der Bestrahlung, aber auch des Einsatzes von gentechnisch veränderten Organismen. Die Liste der zulässigen Zusatzstoffe und Verarbeitungshilfsstoffe ist stark eingeschränkt, dies betrifft vor allem Emulgatoren und Konservierungsmittel. Farbstoffe müssen natürlichen Ursprungs sein. Ein kleiner Kompromiss ist die Zulässigkeit von 5 % Nicht-Bio-Rohstoffen in den Fertigprodukten, dies dient der Vervollständigung der Angebotspalette, wie etwa bei Ananas-Joghurt.

gesund.co.at: Woran erkenne ich ein Bio-Produkt? Gibt es ein zuverlässiges Gütesiegel?

Lehner: Zunächst muss entweder „biologisch“ oder „ökologisch“ draufstehen. Das wichtigste Merkmal ist jedoch das einheitliche EU-Bio-Logo, das verpflichtend auf jeder Verpackung angebracht sein muss. Es EU-Bio-Logoexistiert ja eine Reihe von Bio-Labels, aber eben dieses eine Symbol ist Pflicht. Es ist ein Blatt aus weißen Sternen auf grünem Hintergrund. Neben diesem EU-Label ist auch anzugeben, ob es sich um ein Bio-Produkt aus europäischer Landwirtschaft oder nicht-europäischer Landwirtschaft handelt. Wenn alle landwirtschaftlichen Rohstoffe aus einem Land kommen, etwa aus Österreich, steht als Herkunftsangabe auch „Österreich“ dabei.

gesund.co.at: Gibt es Trittbrettfahrer?

Lehner: Trittbrettfahrer sind, zumindest nach den Buchstaben des Gesetzes, ausgeschlossen. Natürlich gibt es – wie in allen Branchen – Gesetzesverstöße, aber die Vorschriften selbst lassen keine Spielräume offen. Was es natürlich gibt, sind – völlig legale – Marketing-Strategien, wie etwa das Propagieren einer Heumilch-Serie. Der Begriff „Heumilch“ alleine gibt noch nicht darüber Auskunft, ob ein Produkt „bio“ ist oder nicht, hier geht es rein um die Fütterung. Auch die auf so mancher Schokolade abgebildeten bunten Kühe haben vermutlich kaum jemals eine Weide gesehen. Mein Tipp: Wenn Sie „Bio“ wollen, achten Sie am besten auf das EU-Label. Wenn Sie heimische Produkte möchten, prüfen Sie, ob als Herkunftsland „Österreich“ angegeben ist. Das „AMA-Gütesiegel“ ist übrigens kein Bio-Label, obwohl viele Menschen dies glauben.

gesund.co.at: Wie steht Österreich im internationalen Vergleich da?

Lehner: Am Anfang war Österreich sogar in absoluten Zahlen Bio-Weltmeister. Pioniere wie Werner Lampert (Initiator von „Ja!Natürlich“, Anm.) haben dafür gesorgt, dass es in Österreich bereits Bio-Produkte im Einzelhandel zu kaufen gab, als die Deutschen noch ins Reformhaus pilgerten. Den Spitzenplatz konnten wir – was den prozentuellen Anteil von „Bio“ an der gesamten Landwirtschaft betrifft – halten, in absoluten Mengen haben uns die großen Agrar-Nationen teilweise überholt.

gesund.co.at: Ist „Bio“ gesünder als andere Lebensmittel?

Lehner: Wenn Sie täglich vom Bio-Speck naschen, tut Ihnen das auch nicht gut, viel wichtiger ist die relative Verteilung der Lebensmittel, die in eine gesunde Ernährung gehören. Doch finden sich in Bio-Lebensmitteln, wenn wir etwa an Gemüse denken, niedrigere Nitratwerte oder Pestizidrückstände. Jedenfalls ist die biologische Produktion umweltschonender und somit über diesen Umweg die für die Menschheit gesündere Variante des Lebensmittelerzeugungsprozesses.

Petra Lehner
Petra Lehner, 41, ist Ernährungswissenschafterin im Büro von Gesundheitsminister Alois Stöger.

Als Vorsitzende der nationalen Ernährungskommission ist sie eine der führenden Lebensmittel- und Konsumentenschutzexperten Österreichs.

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