Was ist Angst?

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Was ist Angst?

Angst ist ein Urgefühl, das den Menschen seit Jahrtausenden das Überleben sichert. Die Reaktionen haben eine Alarmfunktion. Sie dienen dazu, den Körper auf eine Handlung vorzubereiten (Angriff oder Flucht) und stellen dazu die notwendigen körperlichen Energien bereit.


Wie entsteht Angst?

Erklärt werden können diese Körperreaktionen durch eine Erregung des autonomem Nervensystems. Bei Angst steigt die Erregung an und ist dabei nicht willentlich zu kontrollieren. Es kommt zur Freisetzung des Hormons Adrenalin, d.h. ein “Adrenalinstoß” wird in Sekundenbruchteilen freigesetzt und auf der Blutbahn durch den Körper gejagt. Die Herzfrequenz kann sich dabei von einem Schlag auf den anderen verdoppeln.

Die Angst kann aber nicht für immer andauern oder sich ständig auf einem für den Körper schädlichen Niveau halten. Der Körper hat hierfür einen Schutzmechanismus eingebaut, der das Adrenalin wieder abbaut und so die Angst vermindert. Bis es aber soweit ist fühlt man sich noch für eine gewisse Zeit aufgeregt und angespannt.

Menschen, die an einer Angst- oder Panikstörung leiden sind so ausgestattet, dass ihre körperlichen Reaktionen sehr schnell und in einem Übermaß erfolgen und das Adrenalin nur langsam wieder abgebaut wird. Diese Menschen sind also mit einer schnellen und überschießenden Energiebereitstellung ausgestattet. Zum anderen stehen sie auch unter einer höheren allgemeinen Anspannung, so dass nur eine geringe Angstsituation ausreicht, um einen Angstanfall auszulösen.

Solche Menschen erleben diese Energien aber auch als positiv, da sie sowohl körperlich als auch geistig eine schnelle Reaktionsfähigkeit und hohe Leistungsfähigkeit bewirken. Häufig zeichnen sich solche Menschen durch ihr Temperament oder hohe Sportlichkeit aus. Oft findet man unter Patienten mit Angstanfällen Berufssportler, Piloten, erfolgreiche Kaufleute, Manager – alles Berufe die eine hohe Flexibilität erfordern.

Man kann die körperlichen Reaktionen gut an einem bildhaften Beispiel erklären, wenn man den Vergleich zwischen einem Traktor und einem Porsche vollzieht. Beides sind Fahrzeuge, die jedoch für unterschiedliche Leistungen konstruiert wurden: Der Porsche ist ein hoch sensibles Fahrzeug mit viel PS, das schon bei einem geringen Tritt auf das Gaspedal mit hoher Geschwindigkeit reagiert.

Der Traktor dagegen ist nur träge und langsam auf Höchstleistung zu bringen. Er tuckert langsam und gemächlich. Angstpatienten sind oft die Porschefahrer unter den Menschen.

Symptome: Schwindelgefühle, Schwarz vor den Augen

Jedem Menschen stehen 4 – 5 Liter Blut zur Verfügung, die den gesamten Organismus versorgen. In gefährlichen Situationen beschleunigt sich der Blutfluß. Grundsätzlich wird Blut von den Stellen, an denen es nicht gebraucht wird weggenommen und an die Orte transportiert, an denen erhöhter Bedarf herrscht.

So wird z.B. Blut aus den Fingern und Zehen weggenommen (vor Angst kalte Füße kriegen). Zusätzlich wird das Blut zu den großen Muskeln transportiert, z.B. zu den Oberschenkeln und Bizeps, was dem Körper hilft Handlungen vorzubereiten, die Muskelarbeit erfordern.

Durch die Umverteilung des Blutes kommt es zu einer geringeren Durchblutung der nicht zur Leistung benötigten Organe. Dies führt zu Schwindel oder Sehstörungen, da der Augenhintergrund und der Gleichgewichtssinn sensibel auf die kurzfristig verringerte Durchblutung reagieren.

Herzklopfen bis Herzjagen, unregelmäßiges Herzschlagen (Galopprhythmus)

Unter erhöhter Leistungsbereitschaft kommt es zu einer Erhöhung der Herzfrequenz, da mehr Blut durch den Körper gepumpt wird um die benötigte Energie (Sauerstoff und Zucker) zu transportieren. Die normale Herzfrequenz liegt bei ca. 60 Schlägen pro Minute. Bei seelischer Erregung, wie z.B. Angst, steigt die Herzfrequenz an. Man empfindet Angst vor dem Anstieg, dadurch erhöht sich die Angst, die wiederum den Herzschlag erhöht.

Dieser Kreislauf schaukelt sich immer weiter hoch, bis Herzfrequenzen von 120 und mehr Schlägen / min. erreicht werden. Dieser Anstieg ist aber nicht als krankhaft zu sehen, sondern als normal. Bei sportlichem Training ist er sogar erwünscht, da der Trainingseffekt erst ab Herzfrequenzen von 140 – 160 Schlägen / min. beginnt.

Atembeschwerden bis Atembeklemmung

Die Kampf / Flucht – Reaktion ist mit einer schnelleren und tieferen Atmung verbunden. Dies ist bedeutend für die Alarmbereitschaft des Organismus, da das Gewebe mehr Sauerstoff benötigt um den Körper auf Handlungen vorzubereiten. Diese verstärkte Atmung kann Atemlosigkeit, Erstickungsgefühle, Schmerzen oder Beklemmungsgefühle in der Brust hervorrufen. Besonders wenn keine aktuelle körperliche Aktivität eintritt.

Kloß- und Engegefühl im Hals

Beide Lungenflügel werden weit gestellt und die Atemgeschwindigkeit wird größer, da der Körper handlungsbereit ist. Da Flucht oder Kampf nicht stattfinden, bleibt die Atmung trotz Erhöhung ihrer Geschwindigkeit flach, so dass die Lungenbläschen in den Randbezirken nicht ausreichend beatmet werden. Das erzeugt ein Gefühl der Atembeklemmung.

Mundtrockenheit

Der ganze Körper ist auf Leistung und nicht auf Verdauung eingestellt. Dadurch wird weniger Speichel produziert. Durch die schnellere Atmung verstärkt sich noch das Gefühl der Mundtrockenheit.

Kälte- und Hitzeschauer, Kribbeln in den Beinen

Diese Körpergefühle kommen von der Blutumverteilung im Körper. Das Blut, das über chemische Vorgänge in der Leber warm gehalten wird, ist gleichzeitig Wärmeleiter und Transporteur des Körpers. Eine rasche Umverteilung führt auch zu Veränderung der Warm- und Kaltwahrnehmung in den einzelnen Körperbereichen. Es kommt auch zu vermehrtem Schwitzen.

Übelkeit und flaues Gefühl im Magen

Da der Körper biologisch auf Leistung eingestellt ist, ist der Bauchraum schlecht durchblutet und nicht auf Nahrungsaufnahme eingestellt. Deshalb kann es zu Übelkeit kommen, im Extremfall auch ohne Nahrungsaufnahme. Aus dem Bereich des Leistungssports ist das Phänomen bekannt, dass der Körper während extremer sportlicher Leistung nicht imstande ist, irgendwelche Nahrung zu aufzunehmen.

Weiche Knie

Die Gelenke sind auf Bewegung (Flucht oder Angriff) programmiert. Manchmal zittert sogar die Muskulatur wegen der hohen Nervenerregung der Energiebereitstellung. Man erlebt die Erregungsbereitschaft der Gelenke als unsicheren Stand (weiche Knie), und die der Muskeln als Zittern, solange keine Bewegungen ausgeführt werden.

Es ist wichtig, zu wissen, dass diese Körpereaktionen natürliche biologische Reaktionen mit hohem Überlebenswert sind und keine Krankheit.
nicht nur speziell bei Ängsten ausgelöst werden, sondern auch bei körperlicher Belastung und bei Gefühlsbewegungen wie Freude, Wut, Ärger, Stress nicht lebensbedrohlich sind und vom Körper nach einer gewissen Zeit wieder abgebaut werden.

Wer als “Porsche” aufgrund seiner biologischen Veranlagung zu überschnellen Reaktionen der Energiebereitschaft neigt, wird dies alles oft als Krankheit deuten. Ist diese Definition “Krankheit” einmal geschehen, dann neigt man dazu, auch Gefühlsbewegungen wie Freude oder Wut, die die gleichen Körperreaktionen hervorrufen können, als Angst zu deuten. Obwohl doch offensichtlich nichts beängstigendes vorliegt, wird die wahrgenommene Körperreaktion als Angst empfunden.

Dadurch ändert sich auch das Verhalten in Situationen, in denen man z.B. ärgerlich oder freudig ist. Der biologische Ausdruck dieser Gefühle wird als Angst bewertet, und in Folge dieser Angst werden solche natürlichen Reaktionen wie Freude oder Ärger in Zukunft gemieden.

Ein typisches Beispiel:

“Ich kann nicht zu dieser Einladung gehen, weil ich dort einen Angstanfall bekomme.” Wenn es in dieser Situation bei der Einladung von Bekannten zu einer Fehldeutung der Körperreaktion kommt und diese als “Krankheit” erlebt wird, kann es passieren, dass man verlernt mit Situationen umzugehen, die normalerweise Freude machen. Freude oder andere Gefühle werden nicht als solche erlebt, sondern die damit verbundenen körperlichen Abläufe möglicherweise als Vorboten von Angstanfällen fehl gedeutet.

Zwangsläufige Folge: Jegliche gefühlsbeladene Situation wird zunehmend gemieden.

Behandlungsmöglichkeiten

Eine Verhaltenstherapie evtl. kombiniert mit verschiedenen Entspannungstechniken hat sich als besonders geeignet zur Behandlung von Angsterkrankungen herausgestellt. Da diese gesteigerte Form der Angst erlernt ist, geht die Verhaltenstherapie davon aus, dass es auch möglich ist, diese Angst wieder zu verlernen. Während der verhaltenstherapeutischen Behandlung geht es vor allem darum, den Betroffenen dazu zu bringen, die angstauslösenden Situationen und Objekte nicht mehr zu meiden.

Um dieses Ziel zu erreichen wird mit systematischer Desensibilisierung und Reizkonfrontation gearbeitet. Dabei soll sich der Betroffene entweder in der Realität oder auf der Vorstellungsebene in die angstauslösende Situation begeben. Mit Hilfe dieser Techniken erlernt der Betroffene, dass die gefürchteten Konsequenzen ausbleiben und er so seine Angst wieder verlieren kann.

Das Erleben von Angst ist oft mit einer sehr hohen Anspannung verbunden, und darum ist es besonders hilfreich, wenn der Betroffene zugleich lernt, sich in einen Zustand der Entspannung zu versetzen. Dazu gibt es verschiedene Techniken, u.a. progressive Muskelentspannung, bei der der Betroffene lernt, einzelne Muskelgruppen gezielt anzuspannen und wieder zu entspannen, und dadurch den ganzen Körper zu entspannen.

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Quelle:

¹ Was ist Angst? (Ulrike Demal ist klinische Psychologin, Psychotherapeutin in MDW Webmagazin; 02/2019)

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