Was tun bei Erdnussallergie?

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Was tun bei Erdnussallergie?

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Erdnussallergie ist die häufigste Nahrungsmittelallergie bei Kindern, bereits geringste Spuren von Erdnüssen können für Allergiker lebensgefährlich sein.

Tatsächlich sind Erdnüsse unter den Nahrungsmittelallergenen die häufigsten Auslöser von potenziell lebensbedrohlichen anaphylaktischen Reaktionen bei Kindern und Jugendlichen.

Erdnussallergie – Artikelübersicht:

Interessanterweise gehört ausgerechnet die Erdnuss zu den häufigsten Allergenen bei Kindern und Jugendlichen. Vor allem in Australien (3 %), USA (2,1 %) und England (1,8 %) sind besonders viele Kinder von einer Erdnussallergie betroffen. Doch auch bei uns ist die Tendenz steigend, aktuell geht man von etwa einem Prozent betroffener Kinder aus.

Anders als bei Allergien gegen Kuhmilch oder Hühnerei verschwindet diese Allergie nicht oder nur sehr selten, die meisten Kinder haben sie ihr Leben lang.

Und auch wenn es sich bei Erdnüssen botanisch um Hülsenfrüchte und nicht um Nüsse handelt, wird die Erdnussallergie gemeinhin in der Gruppe der Nahrungsmittelallergie den Nussallergien zugerechnet.

Doch wie erkennt man eine Erdnussallergie? Welche Diagnose und Therapiemöglichkeiten gibt es aktuell? Und was tun bei einer schweren Reaktion mit Gefahr eines anaphylaktischen Schocks? Welche Erste Hilfe Maßnahmen sind anzuwenden?

Nahrung als Auslöser von Allergien

Bestimmte Proteine, die in Erdnüssen oder Baumnüssen wie Walnüssen und Haselnüssen stecken, lösen eine Abwehrreaktion unseres Immunsystems aus. Damit einher geht zumeist die Bildung von IgE-Antikörpern. Dieses Immunglobulin E soll eigentlich bestimmte Parasiten abwehren, löst aber durch einen Fehler im Immunsystem allergische Reaktionen aus.

Das Hauptallergen bei der Erdnussallergie ist Ara h2, das tückische daran ist, es ist hitze- und verdauungsstabil, womit es auch in gekochter und weiterverarbeiteter Form bei Allergikern Probleme bereitet.

Derzeit leiden weltweit ca. 4% der Bevölkerung bzw. 220-250 Millionen Menschen an einer Nahrungsmittelallergie. Allein in Österreich sind etwa 5% der Bevölkerung gegen bestimmte Lebensmittel allergisch (Quelle: Österreichischee Allergiebericht 2006).

Dabei leiden Kinder weitaus häufiger an Nahrungsmittelallergien als Erwachsene. Nahrungsmittel zählen demnach bis zum 4. Lebensjahr zu den häufigsten Ursachen einer allergischen Erkrankung gehören, so weist es der Bericht aus.

Bei Kleinkindern mit schwerer Neurodermitis finden sich primäre Nahrungsmittelallergien auf Kuhmilch, Erdnüssen, Baumnüssen (Walnuss, Haselnuss), Hühnerei, Soja oder Weizen ziemlich häufig.

Bei Erwachsenen wiederum überwiegen sekundäre Nahrungsmittelallergien aufgrund einer Kreuzreaktion bei primärer Sensibilisierung auf inhalative Allergene , wie z.B. das orale allergiesyndrom auf Stein-, Kernobst oder Haselnuss bei Birkenpollenallergikern.¹

Wie äußert sich eine Erdnussallergie?

Das sogenannte orale Allergiesyndrom ist typisch bei einer Erdussallergie. Die typische Symptome dabei: das Anschwellen der Schleimhaut im Mund- und Rachenraum, Schwellungen der Augenlider und des Gesichts wenige Minuten bis einige Stunden nach der Nahrungsaufnahme.

Es kann auch zu Atembeschwerden und Blutdruckabfall kommen, diese Reaktionen können bis hin zum anaphylaktischen Schock mit schwerer Atemnot und Kreislaufstillstand führen.

Leichtere Symptome sind dabei Jucken, Kribbeln oder Brennen auf der Zunge, an den Lippen und/oder im Rachenraum.

Ebenfalls typische allergische Reaktionen sind eine rinnende Nase, Juckreiz, Übelkeit, Erbrechen, Durchfall und Hautrötungen bis hin zu Neurodermitisschüben.

All die genannten Reaktionen können bereits nach dem Verzehr sehr kleiner Mengen einer einzigen Erdnuss auftreten.

Krankheitshäufigkeit innerhalb von 15 Jahren verdoppelt

Laut dem deutschen Anaphylaxie-Register ist rund ein Viertel (23 %) der durch Nahrungsmittel verursachten Anaphylaxien bei Kindern und Jugendlichen auf Erdnuss zurückzuführen.

In Europa leben rund 1,6 % der Kinder und Jugendlichen von 2 bis 17 Jahren mit einer Erdnussallergie. Die Prävalenz (Häufigkeit) von Nahrungsmittelallergien bei Kindern hat sich zwischen 2000 und 2015 verdoppelt. Im gleichen Zeitraum hat sich die Anzahl von Krankenhauseinweisungen aufgrund schwerer allergischer Reaktionen versiebenfacht.

In Deutschland sind Erdnüsse und Baumnüsse diejenigen Lebensmittel, die am häufigsten eine akute potenziell lebensbedrohliche allergische Reaktion – eine sogenannte Anaphylaxie – bei Kindern auslösen

Prof. Dr. Zsolt Szépfalusi, Klin. Abt. für Päd. Pulmologie, Allergologie und Endokrinologie an der Universitätsklinik für Kinder und Jugendheilkunde der Medizinischen Universität Wien unterstreicht:

„Die Erdnussallergie ist eine junge Allergieform, die in den letzten Dekaden auch in Europa eine rasante Zunahme zeigt. Für Betroffene, zumeist kleine Kinder mit schwerer Ausprägung (im Sinne einer Anaphylaxie) soll die neu, ausschließlich für Kinder und Jugendliche zugelassene orale Immuntherapieform die Möglichkeit bieten, versteckte kleinste Mengen, also Spuren, an Erdnuss besser zu tolerieren als bisher. Eine Heilung der Erdnussallergie ist durch diese Therapie nicht möglich.“

Diagnose und Therapie bei Erdnussallergie

Die Diagnose erfordert eine gründliche Anamnese, auch um herauszufinden ob ein Verdacht auf Erdnussallergie oder ein Verdacht auf pollen-assoziierter Erdnussallergie vorliegt.
Dies kann mit Hilfe der Bestimmung des spezifischen IgE im Blutserum oder per Haut erfolgen.

Ein Bluttest erdnusspezifische IgE-Antikörper nachweisen. Allerdings heißt das nicht, dass man auch tatsächlich allergisch reagiert, denn viele Menschen haben Antikörper aber keine Allergie.

Zur Bestimmung des spezifischen IgE per Haut, kommt neben dem Haut-Pricktest auch der Prick-zuPrick-Test bei der Diagnostik von Nahrungsmittelallergien zur Anwendung.

Gerade bei der Abklärung einer Anaphylaxie und bei der Aufklärung von Kreuzreaktionen ist die Komponentendiagnostik sehr hilfreich und erleichtert die geradezu detektivische Suche nach dem Auslöser.

Besteht der Verdacht auf Erdussallergie, dann gibt der Provokationstest Klarheit. Hierbei verabreicht der Arzt dem Patienten kleinste Mengen an Erdnusspulver und prüft, ob und bei welcher Menge eine Reaktion einsetzt.

Doch was tun, wenn eine Erdnussallergie festgestellt wurde?

Bisher galt das strikte Meiden des Allergie auslösenden Nahrungsmittels als einzig mögliche Behandlungsmaßnahme, doch das hat sich nun geändert.

Im April 2022 wurde in Österreich die erste orale Immuntherapie für Kinder und Jugendliche mit primärer Erdnussallergie zugelassen. Das Medikament Palforzia ist das erste und bislang einzige von der US-amerikanischen Arzneimittelbehörde (FDA), der Europäischen Arzneimittelagentur (EMA) und Swissmedic zugelassene Präparat zur oralen Hyposensibilisierung.

Oralen Hyposensibilisierung: neue Therapie gegen Erdnussallergie als Hoffnungsträger

Wegen der Großen Gefahr lebensbedrohlicher Anaphylaxien bei Erdnussallergikern, gab und gibt es eine intensive Forschungsaktivitäten in diesem Bereich. Diese hat letztlich auch zur Entwicklung einer vielversprechenden Therapie geführt: die Spezifische orale Toleranzinduktion, kurz SOTI

Seit 2019 ist in den USA das erste SOTI-Medikament (Palforzia®) zugelassen, im April 2022 ist Europa der Zulassung für Kinder und Jugendliche gefolgt.

Eine spezifische orale Immuntherapie soll die Toleranz gegenüber Erdnüssen bei Betroffenen erhöhen. Das Medikament enthält entfettetes Erdnussproteinpulver und wird Kindern und Jugendlichen im Alter von vier bis 17 Jahren mit diagnostizierter Erdnussallergie verabreicht.

Bei der neuen Immuntherapie bekommt das Kind nach und nach etwas mehr Erdnusspulver verabreicht. So soll sich der Körper an Erdnüsse gewöhnen und am Ende eine höhere Dosis vertragen. Bei Erwachsenen hingegen wurde bislang keine ausreichende Wirkung belegt.

Das Präparat ist zur Behandlung von Patienten im Alter von 4 bis 17 Jahren mit bestätigter Diagnose einer Erdnussallergie indiziert. Die Anwendung von Palforzia muss in Verbindung mit einer erdnussfreien Ernährung erfolgen und kann bei Patienten, die während der Therapie volljährig werden, fortgeführt werden. Nach Deutschland und Großbritannien ist Österreich eines der ersten Länder außerhalb der USA, in denen dieses verschreibungspflichtige und von FDA, EMA und Swissmedic zugelassene Präparat nun eingeführt wird.

Therapieziel und Behandlungsablauf

Das Ziel der Therapie ist es, die Toleranzschwelle gegenüber kleinen Mengen an Erdnuss zu erhöhen.

Dabei folgt die Behandlung dem Prinzip der stufenweisen Steigerung der oralen Exposition mit standardisierten Dosen Erdnussprotein. Die Behandlung von Kindern und Jugendlichen (4 bis 17 Jahre) mit Palforzia erfolgt in drei Phasen: initiale Aufdosierung, Dosissteigerung und Erhaltungstherapie.

Sie findet zum Teil in einer spezialisierten Gesundheitseinrichtung unter ärztlicher Aufsicht statt, um potenzielle unerwünschte Ereignisse einschließlich Anaphylaxie sofort behandeln zu können. Die Therapie beginnt unter ärztlicher Aufsicht mit kleinsten Mengen des Allergens (0,5 mg), danach wird die Dosis innerhalb von vier Stunden auf bis zu 6 mg gesteigert.

Wird dies gut vertragen, erhalten die Patienten zu Beginn der Dosissteigerungsphase zunächst die erste 3-mg-Dosis Erdnussprotein unter ärztlicher Aufsicht, welche sie dann täglich zu Hause weiter einnehmen. Die Phase der Dosissteigerung sieht elf Dosisstufen von jeweils zwei Wochen Dauer vor.

Die Einnahme von Palforzia am ersten Tag jeder Dosissteigerung erfolgt wieder in einer spezialisierten Gesundheitseinrichtung unter ärztlicher Aufsicht. Während der Erhaltungstherapie nehmen die Patienten jeden Tag zu Hause die gleiche Palforzia-Dosis ein, um die klinische Wirksamkeit und die Verträglichkeit von Palforzia aufrechtzuerhalten.

Erdnussallergie: Erste Hilfe bei allergischem Schock

Da bereits weniger als ein Milligramm einer Erdnuss (eine kleine Erdnuss wiegt rund 300 Milligramm) kritisch sein kann und mitunter bloßer Hautkontakt oder Einatmen für eine allergische Reaktion ausreicht, kann das Gefahrenpotenzial erahnt werden.

Wenn es also beim Konsum von Erdnüssen zu einer allergischen Schockreaktion (anaphylaktischer Schock) kommt, ist sofortiges Handeln ohne Verzögerungen unumlässlich, da sie potenziell lebensbedrohlich sind.

Erste Hilfe Maßnahmen bei einer Erdnussallergie Schockreaktion

    1. Rufen Sie sofort den Notarzt und nennen Sie die Erdnussallergie als Ursache der allergischen Schockreaktion.
    2. Ist der Betroffene ansprechbar, fragen, ob er ein Notfallset dabeihat. Diese Sets bekommen Nahrungsmittel-Allergiker in der Regel von ihren Ärzten zusammen mit der Empfehlung, sie außer Haus bei sich zu tragen. Darin enthalten ist meist ein Adrenalin-Injektor (für schwere Reaktionen), ein Antihistaminikum, das Entzündungen vorbeugt, ein Kortison-Präparat oder ein Spray, das hilft, Atemnot zu lindern.
    3. Wenn der Betroffene kein Notfallset hat, sollte er zunächst beruhigt werden. Dann muss er entsprechend der Symptome unterstützt werden.
    4. Zuerst gilt es eine etwaige Atemnot zu lindern indem die Kleidung am Hals geöffnt wird. Dann den Betroffenen hinsetzen, am besten mit nach hinten abgestützten Armen, um das Atmen zu erleichtern. Wenn bereits Kreislaufproblemen erkennbar sind, empfiehlt sich den Patient hinzulegen und seine Beine hochzulagern. Bei Bewusstlosigkeit muss die Person umgehend in die stabile Seitenlage gebracht werden. Eine Kühlung mit feuchten Tüchern auf Stirn und Nacken ist ebenfalls hilfreich.
    5. Wenn der Notarzt eintrifft, wird dieser in der Akutphase zuerst Adrenalin (Epinephrin) intramuskulär in die Außenseite des Oberschenkels injizieren. Anschließend wird vermutlich 100%iger Sauerstoff bei Atemproblemen (respiratorische Nebenwirkung) über eine Maske verabreicht. Weil es bei der allergischen Schockreaktion zu einer Abnahme von Extrazellularflüssigkeit und dadurch zu einem Volumenmangel im Kreislaufsystem (Hypovolämie), ist die Verabreichung von 1 bis 3 Liter Vollelektrolytlösung zum Ausgleich angezeigt. Nach Stabilisierung der Vitalfunktionen werden dann Antihistaminika (hemmen die Wirkung von Histamin) und Glukokortikoide (sie wirken entzündungshemmend und fördern der Proteinabbau) verabreicht.

Im Normalfall stabilisiert sich der Patient dann recht rasch und eine stationäre Aufnahme in einem Spital ist dann zumeist nicht notwendig. Immer vorausgesetzt, dass die maßnahmen rasch gesetzt werden und die Rettungskette störungsfrei funktioniert.

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¹ OA Dr. Martin Zikeli, leitender Oberarzt in der Allergieambulanz und Kinderhautambulanz inm LK Wiener Neustadt
² Elternratgeber Erdnussallergie (Gesellschaft Pädiatrische Allergologie)
³ EMA. European Medicines Agency – Zulassung Palforzia

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Linktipps

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