Impfen gegen SARS-CoV-2 ja oder nein?

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Impfen gegen SARS-CoV-2 oder lieber doch nicht?

©bilderstoeckchen & Leigh Prather – stock.adobe.com

Abseits der Polemiken in den sozialen Medien, sind viele Menschen ehrlich verunsichert, ob die nun verfügbaren Impfstoffe gegen das Coronavirus sicher sind oder nicht. Was tun?

Christian Kaller hat sich als betroffener Bürger auf die aufwendige Suche nach Antworten begeben und ist durchaus fündig geworden. Sein Gastbeitrag liefert viel Erhellendes in dieser durchaus kniffligen Angelegenheit, ist ausführlich aber pointiert und auch für medizinische Laien leicht verständlich formuliert.

Das Ergebnis ist eine, wie wir finden, fundierte Entscheidungsgrundlage für mündige Bürger, die bereit sind, sich für eine umfassende Information mehr als 2 Minuten Zeit zu nehmen um sich eine Meinung zu bilden.

Impfen gegen SARS-CoV-2 – Artikelübersicht:

Hinweis: Der Autor ist weder Immunologe, Virologe oder sonst wissenschaftlich in diesem Themenbereich tätig. Er ist vor allem betroffener Bürger – wie wir alle – nahm sich aber die Zeit über die allgemeine Berichterstattung hinaus, Hintergründe zu recherchieren und (mediale) Behauptungen auf Plausibilität und Wahrheitsgehalt zu prüfen.

Christian Kaller hat dabei versucht, seine Informationen möglichst aus wissenschaftlich validen Veröffentlichungen zu ziehen und dabei auch Gegenstimmen anzuschauen. Das ist ihm in seiner nüchternen und unaufgeregten Art so gut gelungen, dass auch eine Kontrolle unserer Redaktion – aus heutiger Sicht – keine wesentlichen Denkfehler oder Irrtümer feststellen konnte.

Trotzdem ruft er alle Leser mit fachlichem Background ausdrücklich auf, ihn zu korrigieren, sollte er – allen Bemühungen zum Trotz – sachlich daneben liegen oder gar arg vereinfacht haben.

Wir können uns diesem Aufruf nur anschließen und freuen uns auf reges Interesse und fachlichen Input in den Kommentaren am Ende des Artikels, die wir zu diesem Thema ausnahmsweise geöffnet haben. Hier sein Beitrag:

“Soll ich mich gegen gegen SARS-CoV-2 impfen lassen?”

Die Frage habe ich mir seit dem Sommer 2020 gestellt, und für mich eine klare Antwort gefunden. Da mir die Frage auch in meinem Freundeskreis des Öfteren untergekommen ist, möchte ich meine eigenen Ergebnisse gerne mit anderen teilen.

Doch Achtung, das lässt sich nicht in zwei Minuten abhandeln, ein wenig Zeit müssen sie sich also nehmen.

Da im Internet viele, auf den ersten Blick widersprüchliche Informationen zu den kurz vor der Zulassung stehenden Impfstoffe kursieren, begegnet mir immer wieder Verunsicherung – und das ehrlich gesagt aus absolut nachvollziehbaren Gründen.

Wieso ging die Entwicklung der Corona-Impfstoffe so schnell?

Tatsächlich ging die Entwicklung extrem schnell, schneller als jemals zuvor. Da sind auch bei mir Bedenken aufgekommen, ob das wirklich alles mit rechten Dingen zugehen kann. Deshalb wollte ich für mich die folgenden drei Fragen beantworten:

a) Wieso ging das so schnell, und leidet die Sicherheit darunter?
b) Welche Impfstoffe sind das, bringen die was und welchen will ich (sollte ich die Wahl haben)?
c) Was ist mit Nebenwirkungen, Spätfolgen usw.?

a) Wieso ging das so schnell, und leidet darunter die Sicherheit?

Bisher wurden Impfstoffentwicklung und -zulassung immer in Jahren gemessen. Dass es jetzt nur ein paar Monate gedauert hat, hat mich zuerst zugegebenermaßen auch etwas beunruhigt. Je mehr ich mich damit beschäftigt habe, desto mehr bin ich allerdings zu dem Entschluss gekommen, dass meine Sorge unbegründet war. Aber woher kam die Zeitersparnis?

1. Entwicklung

Ein Riesenvorteil ist, dass sich das neue Coronavirus und das SARS Virus aus 2003 so ähnlich sind. Damals wurde schon mit Hochdruck an Impfstoffen geforscht. Und obwohl sie damals nicht gebraucht wurden, konnten Forscher nun auf die entwickelten Plattformen zurückgreifen und sie modifizieren. Das hat Jahre an Basisforschung erspart.

2. Tests und Zulassungsverfahren

Der Weg von der Entwicklung eines Impfstoffs bis zur Zulassung dauert normalerweise Jahre. Wichtig war für mich also, wo genau die Zeitersparnis hier herkam. Die wichtigsten Faktoren:

– Phase I & II (begrenzte Tests an Menschen, um Verträglichkeit & Immunantwort sicherzustellen) wurden zusammengelegt und Phase III (Test mit tausenden Probanden, um Sicherheit und Wirkung zu beweisen) direkt danach gestartet. Sonst liegen zwischen den Phasen üblicherweise oft Monate bis Jahre, in denen vor allem die kommerzielle Rentabilität überprüft wird und Gelder eingesammelt werden.

Diese Studien sind sehr teuer, und die Freigabe innerhalb der beteiligten Unternehmen kostet daher Zeit. In diesem Fall stand Geld im Übermaß zur Verfügung und die Rentabilität bei einer Pandemie dieser Größenordnung war leicht einzuschätzen.

– Phase III Durchführung: Normalerweise dauert es lange, bis überhaupt die nötige Menge an Menschen in den Studien geimpft werden kann, weil noch keine Produktionsstätten in industriellem Maßstab bereitstehen. Dadurch, dass diese im gegebenen Fall vorsorglich bereits parallel aufgebaut wurden, konnte die kritische Masse viel schneller erreicht werden. Zudem war es deutlich einfacher freiwillige Teilnehmer zu finden.

– Phase III Abschluss:
Da man nicht einfach Menschen impfen und absichtlich dem Virus aussetzen darf, muss man ganz viele impfen und abwarten bis eine statistisch signifikante Menge an Studienteilnehmern erkrankt. Erst dann lässt sich erkennen, wieviele davon in der Impf- und wieviele in der Placebogruppe waren.

Daraus errechnet sich dann die Wirksamkeit. Bis überhaupt genug Studienteilnehmer erkranken, dauert das bei anderen Krankheiten (wenn nicht gerade eine globale Pandemie herrscht) teilweise Jahre. Hier war das durch die in vielen Ländern auch im Sommer fast ungebremst weiterlaufende Pandemie rund um den Globus schon nach ein paar Monaten soweit.

– Zulassung: Auch hier lassen sich die Behörden mitunter viel länger Zeit. Nicht weil sie gründlicher sind, sondern weil sie nur begrenzte Ressourcen haben. Da hilft hier natürlich zum einen die klare Priorisierung, aber auch, dass die Daten in einem “rolling review” Verfahren noch während die Tests liefen von einem unabhängigen Expertengremium laufend mitausgewertet wurden.

Die Standards im Studiendesign wurden hier also nicht aufgeweicht – es wurden, ganz im Gegenteil, in der Phase III sogar teilweise deutlich mehr Leute untersucht, als das bei anderen Impfstoffen der Fall war.

Unterm Strich weiß ich zwar nicht, ob ich den Russischen und Chinesischen Zulassungsbehörden trauen würde – in der Europäischen Zulassungsbehörde (EMA) sitzen aber unabhängige Wissenschaftler, die einen gefährlichen Impfstoff auch mit Druck aus der Politik nicht zulassen würden.

Fazit: noch niemals zuvor in der Geschichte der Medizin, wurde weltweit derart viel Geld und Ressourcen in die Entwicklung eines Impfstoffes gesteckt.

Meine klare Antwort daher: es ging vor allem durch Forschungsvorsprung, viel Geld und Priorisierung so schnell.

Einen super Überblick über die derzeit in Entwicklung befindlichen SARS-CoV-2 dazu gibt es hier im Nature_Journal – SARS-CoV-2 vaccines in development

b) Welche Impfstoffe sind das, was bringen sie und welchen will ich? (sollte ich die Wahl haben)

Vor der Zulassung stehen drei Impfstoffe (Stand: 18.12.20): Zwei sehr ähnliche mRNA Impfstoffe von BioNtech/Pfizer und Moderna, und ein “traditionellerer” Vektorimpfstoff von AstraZeneca/Uni Oxford.

mRNA Impfstoff

Die Unterschiede zu erklären würde den Rahmen hier sprengen, daher nur in Kürze: mRNA Impfstoffe liefern in Lipide gepackte “Baupläne” aus mRNA, aus denen unsere Zellen selbst ein Oberflächen (Spike) Protein des Virus herstellen, auf das unser Immunsystem dann reagiert. Es wird bei dieser Technik also KEIN Virus, sondern lediglich ein bestimmter Bestandteil des Virus verabreicht.

Wer mehr über die Wirkweise und potentiellen speziellen Risiken der mRNA-Impfstoffe gegen COVID19 wissen möchte, dem sei das folgende Video des Robert Koch Instituts empohlen in dem Martin Moder, österreichischer Molekularbiologe, Autor populärwissenschaftlicher Bücher und Teil der Wissenschaftskabarettgruppe Science Busters, das ganz hervorragend erklärt.

Vektorimpfstoff

Der Vektorimpfstoff klebt das Spikeprotein an ein für den Menschen ungefährliches Schimpansen-Adenovirus, auf das wir dann eine Immunantwort entwickeln. Der in den USA forschende österreichische Immunologe Prof. Florian Krammer erklärt das in folgendem Video ebenfalls sehr schön (aber sehr ausführlich):

Die beiden Impfstoffe von Pfizer & Moderna haben jedenfalls in ihrer Effektivität alle Erwartungen übertroffen: beide haben um die 95% Effektivität.

Grafik Covid-19 Auftreten

Grafik: Kumulative Inzidenz des Auftretens von COVID-19 Erkrankungen; aus der veröffentlichten Studie zu den Pfizer/BioNTech Phase III Trials: https://www.nejm.org/doi/10.1056/NEJMoa2034577

7 Tage nach der ersten Dosis ist kaum noch jemand aus der Impfgruppe erkrankt (blauer Graph) – insgesamt nur 8 Leute, alle leicht. Dagegen sind im gleichen Zeitraum 162 Personen aus der Placebogruppe erkrankt! Das ist wirklich fantastisch und eine Wirksamkeit, die ich mir auch für mich wünschen würde.

Die veröffentlichte Studie zu den Pfizer Phase III Ergebnissen ist toll geschrieben und auch für Laien absolut verständlich.¹

Bei AstraZeneca ist die Lage etwas undurchsichtiger: Der Trial war im bisher veröffentlichten Zwischenergebnis etwas kleiner, und der Teil mit den meisten Teilnehmern (der zwei volle Impfdosen erhielt) hatte “nur” eine 60% Wirksamkeit – obwohl auch hier fast alle schweren Verläufe verhindert wurden.

Durch einen Produktionsfehler haben aber 2.000 Teilnehmer in UK erst eine halbe, dann eine ganze Dosis bekommen. Hier lag die errechnete Wirksamkeit bei 90%. Die kommunizierten Zahlen sind aber so klein, dass ich hier noch ein bisschen unsicher bin, ob sich das so bestätigt. Unterm Strich konnten aber auch viele Erkrankungen vermieden – und vor allem schwere Erkrankungen so gut wie ausgeschlossen werden.

Fazit: Durch die deutlich bessere (veröffentlichte) Datenlage der Moderna & Pfizer Trials und die offenbar grandiose Wirksamkeit, würde ich aktuell diese Impfung bevorzugen.

Vor allem wenn man berücksichtig, dass im Frühjahr nicht mal klar war, ob wir überhaupt einen Impfstoff bekommen: Die Wirksamkeiten hier sind absolut großartig.

c) Was sind die Nebenwirkungen, Spätfolgen usw.?

Das ist der wahrscheinlich kontroverseste Teil – ich habe mir hier die impfkritische Seite angeschaut, und versucht für mich Antworten zu den wichtigsten Fragen und Sorgen zu finden:

Was sind die (bisher bekannten) Nebenwirkungen der mRNA Impfung?

Von den kombiniert über 35.000 Personen, die die Impfung erhielten, hat niemand Nebenwirkungen gezeigt, die über ein, zwei Tage Katersymptome, ggf. mit etwas Fieber hinausgingen. Das zeigt erstmal nur, dass das Immunsystem reagiert.

Seit dieser Woche (KW 51/2020) werden hunderttausende Menschen in den USA und UK schon damit geimpft, und die einzigen weiteren Folgen waren bisher allergische Reaktionen bei zwei Personen (die hatten auch eine Vorgeschichte allergischer Reaktionen auf andere Impfungen und Medikamente und konnten gut behandelt werden). Interessant ist, dass die Nebenwirkungen bei älteren Personen deutlich milder auszufallen scheinen. (Stand: 18.12.20)

Bei AstraZeneca sieht es ähnlich aus, unterm Strich scheinen die möglichen Symptome da noch etwas milder auszufallen.

Der Infektiologe Herwig Kollaritsch (MedUni Wien) zeigt sich im ORF ZIB 2 Interview mit Armin Wolf sehr optimistisch über die Corona-Impfung (Anm: gemeint ist die mRNA-Impfung). Demnach gebe es keine schwerwiegenden Nebenwirkungen. Zwar seien leichte Impfreaktionen wie Müdigkeit, Schmerzen im Arm oder auch Fieber häufig, aber nicht gefährlich. >> Video Infektiologe Herwig Kollaritsch (MedUni Wien) über Corona-Impfung

Was ist mit Langzeitfolgen? Kann man dazu schon Aussagen treffen?

Grundsätzlich: Spätfolgen bei Impfungen kommen so gut wie nie vor. Man bekommt hier ja kein Medikament jeden Tag oder jede Woche über einen langen Zeitraum verabreicht, sondern einmalig ein bis zwei Impfungen. Von denen sind nach ein paar Wochen dann ja keine Moleküle mehr im Körper – viel kann da nicht mehr passieren.

Wenn es zu Impfschäden kommt, treten die also fast immer sofort oder in den ersten paar Wochen nach der Impfung auf. Die erste Charge der Phase III Trial Teilnehmer von Pfizer hat den letzten Shot vor über 3 Monaten erhalten. Wenn die noch nichts haben, kann man relativ sicher sein, dass da nichts mehr kommt.
100%ige Sicherheit gibt es natürlich nicht, aber dafür werden die Trial Teilnehmer auch weiter beobachtet.

Die Technologie der mRNA Impfung ist recht neu, allerdings gibt es Erfahrungen mit kleinzahligeren Versuchsreihen an Menschen, die über 10 Jahre zurück reichen und die gute Verträglichkeit bestätigen.

Ist die Impfung für Schwangere oder bei späterem Kinderwunsch gefährlich?

Aktuell wird empfohlen, die Impfung nicht an Schwangere zu geben. Das kommt daher, dass sie in den Phase III Trials nicht an Schwangeren getestet wurden – das ist Standard aufgrund der ethischen Richtlinien.

Das heißt jetzt aber nicht, dass der Impfstoff automatisch auch für Schwangere gefährlich ist, nur dass er eben nicht dafür getestet wurde. Wir haben aus dem Contergan Skandal eben einiges gelernt.

Die Idee, dass der Impfstoff irgendwie gefährlich ist, wenn man mal Kinder bekommen möchte, ist – soweit ich das sagen kann – absoluter Unsinn. Das kommt daher, dass einige Impfgegner behaupten, mRNA Impfstoffe könnten irgendwie unsere DNA verändern.

Das ist eine glatte Lüge – die mRNA wird in der Zelle nur in das Spike-Protein umgebaut und dabei abgebaut, ist also irgendwann weg. Sie kann dabei nicht einmal in den Zellkern vordringen (wo unsere DNA sitzt) – geschweige denn diese irgendwie verändern.

Ich habe gehört, dass Pharmakonzerne sich von der Haftung befreien lassen – ist das nicht alarmierend?

Hier habe ich ehrlich gesagt bei ein paar Schlagzeilen auch erstmal ziemlich gestutzt und wurde vorsichtig. Wenn man sich das aber genauer anschaut, ist es (wie immer) komplexer und alles halb so wild:

Erstens gibt es keinen HaftungsAUSSCHLUSS, sondern die Hersteller bleiben in der Haftung. Was vereinbart wurde ist eine (beschränkte) finanzielle Unterstützung der EU in bestimmten Haftungsfällen. Davon ausgenommen sind aber zum Beispiel explizit Fälle, die auf Herstellerfehler wie ein schlechtes Studiendesign vor der Zulassung zurückzuführen sind.

Im Gegenzug stellt aber zum Beispiel AstraZeneca auch 300 Mio Impfdosen ohne Profit zur Verfügung – wollten die alle unvorhersehbaren Risiken absichern, müsste das auch viel teurer als die gerade angesetzten 3-5€ pro Dosis werden.

Im Übrigen sind solche Programme nicht neu und auch bei anderen von der StiKo empfohlenen Schutzimpfungen schon seit Jahrzehnten üblich – in erster Linie auch aus Patienteninteresse, weil Haftungsansprüche bei Nebenwirkungen gerichtlich superschwer durchzusetzen sind, und Betroffene damit direkter entschädigt werden können.²

Klar ist aber auch, dass das natürlich keine mildtätigen Projekte der Pharmakonzerne sind, es geht natürlich auch um enorm viel Geld. Selbstverständlich wollen die Unternehmen zuallererst einmal die großen Kosten möglichst rasch wieder hereinbringen und natürlich wollen sie die Gelegenheit auf Riesenprofite beim Schopf packen.

Aber kann das allein reichen um eine Impfung abzulehnen, schließlich leben wir in einem durch und durch kapitalistischem System? Profitmaximierung ist nun wirklich kein Spezifikum des Pharmabereiches und zumindest so lange nicht bedrohlich, solange die Kontrollsysteme funktionieren.

Fazit

Die Rissikoabwägung stellt sich für mich so dar:

  • Auf der einen Seite: möglicherweise ein Tag “Katersymptome”, vermutlich mit leichten Druckschmerzen rund um die Einstichstelle.
  • Auf der anderen Seite: im Falle einer Infektion entweder mehr oder weniger symptomlos ohne besondere Beeinträchtigungen, oder etwa drei Wochen flach liegen, mit möglicherweise dauerhaften Schäden plus einem (kleinen) Risko für einen lebensgefährlichen Verlauf.

Für mich ein no-brainer, eine klare Angelegenheit.

Selbst wenn unerkannte Spätfolgen auftreten sollten, bewegen die sich basierend auf den jetzt schon Geimpften wohl eher in einer Größenordnung von ein Fall auf Millionen Geimpfter. Vergleiche ich das mit einer Krankheit, von der wir wissen, dass um die 10-15% der Erkrankten Langzeitfolgen entwickeln können – und wir genausowenig wissen, ob da in einem Jahr noch was kommt – ist das ebenfalls ein no-brainer, die Antwort quasi ein Selbstläufer.

Die klare Antwort auf meine Eingangsfrage ist daher: Impft alle, die es nötiger haben zuerst. Sobald es aber Sinn macht und ich darf, stelle ich mich in die Schlange. Wenn ich die Wahl habe, greife ich nach nach derzeitigem Wissensstand nach einem der beiden mRNA Impfstoffe von Pfizer/BioNtech oder Moderna.

Anmerkung der Redaktion: Die Impfung bzw. das Impfbekenntnis ist ein durchaus egoistischer Akt, denn zuerst einmal schützt die Impfung mich vor dem Ausbruch der Covid-Erkrankung. Ob und wenn ja, in welchem Umfanfg es andere vor einer Infektion auch schützt, ist derzeit noch nicht ausreichend klar.

Ergänzend weitere wichtige Fragen:

Spätfolgen

Zu den Spätfolgen von COVID-19 (“Long COVID”) gibt es erste Preprints, aber noch keine richtig guten Metastudien – das Phänomen ist ja erst seit dem Sommer bekannt. Insofern habe ich da auch noch keine richtig gute Verteilung über Altersgruppen gesehen. Selbst wenn sich das für meine Altersgruppe im nullkommaeinstelligen Prozentbereich bewegt wäre mir das aber immer noch zuviel.

Allein die Tatsache, dass es sein kann, dass sich das Virus in Nervenzellen einnistet (monatelanger bis dauerhafter Riechverlust) und noch niemand sagen kann, was das für Patienten in ein paar Jahren bedeutet finde ich schon bedenklich genug.³

Ganz gut zusammengefasst wurde der aktuelle Stand der Forschung zu den Spätfolgen im >> NDR Podcast zu Long COVID

Schützt die Impfung nur vor Erkrankung oder auch vor einer Infektion?

Eine mehr als berechtigte Frage, denn die Antwort darauf, gibt auch Aufschluss, wie schnell die Verbreitung des Virus insgesamt gestoppt werden kann. Der Pfizer Trial hat die Frage nach der Infektion allerdings (noch) nicht untersucht, daher gibt es dazu keine Daten.

ABER: Diese Woche kamen die ersten Ergebnisse des Moderna Trials raus, der das mit untersucht hat. Und tatsächlich sieht es so aus, als könnten die Impfungen auch das Infektionsrisiko massiv verringern!

Macht ja auch intuitiv Sinn – selbst wenn Infektionen nicht komplett verhindert werden, springt das Immunsystem von Geimpften früher und effektiver an, und verringert damit sowohl die Viruslast (und damit die Infektiosität), als auch die Zeit der Infektion.

Rundum gute Neuigkeiten also, dass man nach der Impfung nicht nur sich selbst, sondern auch andere schützt.

Weiß man schon, wie lange die Schutzwirkung der Impfung anhält?

Das kann man natürlich noch nicht mit Sicherheit sagen – die ganze Krankheit gibt es ja erst ein Jahr, und wir wissen es noch nicht einmal für die Immunität ehemaliger Erkrankter. Aber es gibt ein paar Mut machende Indizien:

– Die Immunwirkung nach einer natürlichen Infektion scheint bisher recht robust zu sein, Berichte von Neuinfektionen sind sehr, sehr selten und bei Abermillionen Infizierten die absolute Ausnahme.

– Das Virus ist deutlich stabiler und mutiert/rekombiniert nicht so schnell wie die Grippeviren. Damit fällt schonmal ein Mechanismus weg, der eine jährliche Impfung nötig machen würde.

– Die Infizierten mit dem sehr ähnlichen SARS-CoV-1 Virus aus der SARS Epidemie von 2003 zeigen heute noch eine Immunreaktion.

Warum wurde bisher noch kein mRNA Impfstoff zugelassen

An möglichen Nebenwirkungen lag es bisher nicht, sondern nach meinem Verständnis schlicht daran, dass kein Geld für große Studien gegeben wurde (die kosten hunderte Millionen, und die meisten neuen Ansätze kamen von eher kleinen Unternehmen).

Dazu kommt, dass zwar nicht die Produktion per se teurer ist als bei klassischen Impfstoffen, aber dass man bisherige Produktionsanlagen nicht einfach dafür verwenden kann. Damit musste man die Produktion komplett neu aufbauen, auch davor haben Investoren zurückgeschreckt. Im Veterinärbereich sind sie aber tatsächlich schon länger im Einsatz.

Bei der Schweinegrippeimpfung gab es angeblich Narkolepsiefälle als Nebenwirkung – wie hoch ist das Risiko?

Die Pandemrix Geschichte habe ich mir auch angeschaut, und ehrlich gesagt hat das meine Risikoabwägung nicht wesentlich beeinträchtigt. Warum?

Es gab 60-90Mio verimpfte Dosen. Davon sind weltweit 1.300 Narkolepsiefälle bekannt (davon nur wenige schwer, viele eher im Bereich allgemeiner gefühlter Schläfrigkeit). Man vermutet, dass es an einem Adjuvans gelegen haben könnte (umstritten und bei der mRNA Impfung sowieso nicht dabei), oder daran, dass das verwendete Spike Protein des Virus einem körpereigenen, die Wachheit regulierenden Protein ähnelt, das dann von der Immunantwort bei manchen Menschen mit angegriffen wurde.

Das wäre dann aber wohl bei der Krankheit auch passiert (tatsächlich war das gestiegene Narkolepsie-Risiko durch die Grippe laut einer Stanford Studie deutlich höher als der Anstieg durch die Impfung).

Und viel wichtiger: Die Inzidenz liegt also bei 1.300 Erkrankten geteilt durch gemittelt 75.000.000 Impfungen irgendwo bei 0,0017%.

Selbst die Todesrate (!) von COVID19 liegt in meiner Altersgruppe (Anfang 30) noch bei 0.068% – also 40 Mal höher. Und da sind die mit zerstörter Lunge Überlebenden nach Intensivbeatmung noch gar nicht eingerechnet.

Weiterführende Links:

Link zur Todesrate nach Alterskohorte
Link zu Pandemrix
Link zur Stanford Studie

Wurden die Impfstoffe nur an jungen, gesunden Menschen erprobt?

Nein. Unter den Teilnehmern des Pfizer Impfstoffs waren 42% der Teilnehmer über 55 Jahre alt (Median Alter: 52 Jahre), 35% der Teilnehmer waren schwer übergewichtig und 21% hatten mindestens eine Vorerkrankung.

“Among these 37,706 participants, 49% were female, 83% were White, 9% were Black or African American, 28% were Hispanic or Latinx, 35% were obese (body mass index of at least 30.0), and 21% had at least one coexisting condition. The median age was 52 years, and 42% of participants were older than 55 years of age.”

Weiterführender Link:

Link zu Sicherheit & Effizienz des BNT162b2 mRNA Covid-19 Impfstoffs

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Quellen:

¹ Pfizer Phase III Ergebnisse – SARS-CoV-2 Impfstoff
² faktencheck: Impfhersteller können bei nebenwirkungen rechtlich belangt werden (correctiv.org) und Rechtliche Bestimmungen in Deutschland
³ Olfaktorische transmukosale SARS-CoV-2-Invasion als Eintrittspforte in das Zentralnervensystem bei Personen mit COVID-19

Fotohinweis: sofern nicht extra anders angegeben, Fotocredit by Fotolia.com (bzw. Adobe Stock)

Linktipps

– Was bedeuten die Wirksamkeitsangaben bei Coronaimpfstoffen wirklich?
– Corona-Impfung: aktuelle Infos zu Impfreaktionen und Nebenwirkungen
– Coronavirus-Varianten: Wie gut schützen Impfungen gegen Delta?
– Wie funktioniert impfen? Erklärvideo
– SARS (schweres akutes Atemnotsyndrom)
– Wie lange ist man nach Corona immun?
– Corona-Cluster: mehr Infektionen innerhalb der Familie als außerhalb

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