Borderline-Syndrom: Persönlichkeitsstörung zwischen Neurose und Psychose

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Borderline Syndrom, Persönlichkeitsstörung

Die Bezeichnung Borderline (dt. „Grenzlinie“) wurde zu Beginn des vorigen Jahrhunderts von Psychoanalytikern für ein Krankheitsbild geprägt, welches weder den Neurosen noch den Psychosen zugeordnet werden konnte. Der Begriff ersetzte die zuvor gängige Bezeichnung „Hysterie“. Borderline-Patienten sind emotional extrem verletzlich und fühlen sich in ihrer eigenen Gefühlswelt gefangen. Die Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPS) gehört zu den auffälligsten psychischen Krankheiten, die gerade von Therapeuten immer wieder missverstanden wird.

Obwohl der Begriff zuweilen inflationär verwendet wird, wissen nur die Wenigsten, was sich genau hinter der Bezeichnung verbirgt. Tatsächlich erfährt das Krankheitsbild auch innerhalb der Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde erst seit wenigen Jahren die notwendige Aufmerksamkeit. Noch immer gelten Patienten mit Borderline-Syndrom als eine der schwierigsten Patientengruppen, von Außenstehenden werden sie nicht selten als „böse“ und „gefährlich“ eingeschätzt.

Borderline: Grenzgang zwischen den Extremen

Das Borderline-Syndrom – früher wurde die Störung im Grenzbereich zwischen den neurotischen Störungen und den psychotischen Störungen eingeordnet – ist eine schwere psychische Störung, die mit heftigen seelischen Spannungszuständen einerseits und einem Gefühl innerer Leere andererseits einhergeht. Betroffene zeichnen sich durch ein hohes Maß an Impulsivität und Instabilität in ihren sozialen Beziehungen aus. Emotionen wie Wut, Aggression, Angst, Ärger oder Ohnmacht sind extrem ausgeprägt. Borderliner unterliegen außerdem extremen Stimmungsschwankungen, die eine verlässliche Interaktion mit dem Partner, den Angehörigen oder dem Therapeuten kaum zulassen. Dazu gesellt sich der Umstand, dass die Betroffenen ihre Gefühle kaum steuern, geschweige denn kontrollieren können.

Nicht selten führt die hohe emotionale Verletzlichkeit daher zu heftigen Wutausbrüchen und mitunter gewalttätigem Verhalten. Die intensiven Gefühlsschwankungen und ein völlig gestörtes Selbstwertgefühl führen zu regelrechtem Hass gegen sich und den eigenen Körper, weshalb sich viele Borderliner wiederholt selbst verletzen, Essstörungen entwickeln, Drogen konsumieren oder gar den Selbstmord versuchen.

Das Eingehen von Beziehungen wie auch das Alleinsein fällt Menschen mit Borderline-Persönlichkeitsstörung sehr schwer, der Leidensdruck ist daher enorm hoch. Um so wichtiger ist eine möglichst frühe Diagnose samt anschließender psychiatrischer bzw. psychotherapeutischer Hilfe.

Therapie schwierig, aber möglich

Wenngleich genaue Zahlen fehlen, wird davon ausgegangen, dass etwa zwei Prozent der Bevölkerung an der psychischen Störung Borderline leiden. Vermutet wird, dass die Krankheit bereits in frühester Jugend ihren Anfang nimmt, die Ursachen sind freilich nach wie vor nicht restlos geklärt. Zwar gehen die meisten Erklärungsmodelle von einer frühen Störung in der Eltern-Kind-Beziehung sowie traumatischen Erfahrungen – verursacht etwa durch sexuellen Missbrauch oder schwere Vernachlässigung – aus, doch haben Untersuchungen ergeben, dass über 40 Prozent der Patienten keine derartigen Erfahrungen hinter sich haben, was auf genetische Einflüsse oder multifaktorielle Ursachen hindeutet.¹

Von den Betroffenen – Männer und Frauen sind übrigens zu gleichen Teilen betroffen – suchen etwa 80 Prozent psychatrische oder psychotherapeutische Hilfe auf. Borderliner gelten zwar als schwierige Patientengruppe, da das Unvermögen, die eigenen Gefühle zu kontrollieren eine friktionsfreie Interaktion selbst mit dem Therapeuten erschwert. Außerdem richten Patienten starke Emotionen wie Wut, Ärger, Angst oder Aggression häufig auch gegen jene, die sie behandeln.

Und doch ermöglichen gute Diagnosetests mittlerweile eine schnelle und präzise Abgrenzung von anderen psychische Erkrankungen und ebnen den Weg zu einer raschen Behandlung. Hier können durch neue Therapieansätze immer bessere Erfolge erzielt werden, wenngleich Ärzte in diesem Zusammenhang ungern von „Heilung“ sprechen.

Ziel aller Therapien ist es, das Leben effektiver bewältigen zu können, indem es vom Patienten als positiver, weniger geheimnisvoll wahrgenommen wird. Der Behandlungsprozess strebt danach, dem Patienten durch Kontrolle seiner Gefühls- und Stimmungsschwankungen Einsicht in die Unproduktivität seines Verhaltens zu ermöglichen und damit das typische „Schwarz-weiß-Denken“ zu durchbrechen.

Besonders verhaltenstherapeutische Ansätze wie die dialektisch-behaviorale Therapie (DPT) haben sich bei Borderline als wirksam herausgestellt. Dabei wird in intensiven Einzel- und Gruppentherapien mittels sogenanntem Skills-Training der Fokus zunächst auf die Bearbeitung von Verhaltensmustern, die das Leben selbst, die Lebensqualität oder die Therapie gefährden, gelegt.

In weiterer Folge lernen die Patienten durch Stärkung bestimmter Fähigkeiten, wie

  • innerer Achtsamkeit
  • Stresstoleranz
  • bewusstem Umgang mit Gefühlen
  • zwischenmenschlichen Fertigkeiten
  • Selbstwert

mit ihrer inneren Spannung umzugehen und zu erkennen, welches Ereignis in ihnen welche Emotion und Wahrnehmung auslöst und welches Verhalten in der jeweiligen Situation das richtige ist. Dieser therapeutische Ansatz hat vielfach dazu geführt, dass Patienten mit BPS ein weitgehend zufriedenes und ausgeglichenes Leben führen können.
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¹ Prof. Dr. Frank Schneider – Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde

Linktipps

– Psychosen | Krankheitslexikon
– Das Asperger Syndrom bei Kindern: Kontakt- und Kommunikationsstörung
– Was ist Persönlichkeitsentwicklung?
– Selbsttest auf Borderline-Persönlichkeitsstörung
– Borderline Syndrom: Informationen für Betroffene und Angehörige