Risiko Sucht – Suchtrisiko

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Risiko Sucht – junge Frau konsumiert Kokain

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Wenn man in Österreich von Sucht spricht, so steht die Alkoholabhängigkeit besonders im Vordergrund: rund 330.000 Personen sind alkoholkrank, dazu gab es in Österreich 2019 rund zwei Mio. Personen ab 15 Jahren, die früher täglich geraucht haben und rund 20.000 österreicher sind von illegalen Drogen abhängig.

Diese Zahlen zum Suchtverhalten der Österreicher legt das Anton-Proksch-Institut, Kalksburg, im Rahmen des Internationalen Suchtkongresses vor. In Summe zeigte sich, dass die Österreicher in den letzten Jahren vor der Corona-Pandemie immer weniger Alkohol, Zigaretten und illegale Drogen konsumierten.

Doch Langeweile, Einsamkeit, Perspektivlosigkeit und soziale Konflikte sind in der Coronavirus-Pandemie gestiegen und damit auch wieder der Alkohol- und Drogenkonsum.

Nach wie vor gibt es zudem Tendenzen zur Verharmlosung gewisser Substanzen – davon betroffen sind vor allem Alkohol aber auch etwa Cannabis.

Arzneimittel Alkohol?

Immer wieder haben internationale wissenschaftliche Studien der letzten Jahre (z. B. der Columbia Universty in New York, 1999) Hinweise dafür geliefert, dass durch moderaten Alkoholgenuss der Risikofaktor in Bezug auf Herzkreislauf- und Stresserkrankungen reduziert werden könnte.

Dr. Alfred Uhl, Leiter der Alkohol-Koordinations- und Informations-Stelle (AKIS) am Anton-Proksch-Institut warnt aber vor überzogenen Interpretationen dieser Befunde und vor einer sorglosen übernahme dieser Schlussfolgerungen: „Alkohol ist keinesfalls als Medikament zu sehen – geringfügige gesundheitsfördernde Effekte werden durch die gesundheitsschädigenden Wirkungen bei weitem kompensiert.“

Denn auch geringe Mengen greifen bereits Leber und Bauchspeicheldrüse an. „In bloß scheinbarem Widerspruch dazu steht die Beobachtung, dass Personen, die mäßig Alkohol konsumieren, bezüglich fast aller körperlicher, seelischer und sozialer Aspekte besser abschneiden als Abstinente“.

Dr. Uhl begegnet der aus dieser Beobachtung abgeleiteten scheinbar gesundheitsfördernden Wirkung des Alkohols mit großer Skepsis: „Da wird nämlich die Ursache mit der Wirkung verwechselt: Dieses Phänomen entsteht vor allem dadurch, dass Kranke deutlich weniger trinken als Gesunde und nicht dadurch, dass Alkoholkonsum gesünder macht.“ Alkohol ist in österreich ein großes Problem: rund 330.000 österreicher sind alkoholkrank, rund weitere 900.000 österreicher alkoholsuchtgefährdet.

Die Lebenserwartung von Alkoholkranken ist durchschnittlich um rund 20 Jahre verringert. Pro Jahr sterben rund 8.000 Personen an den Folgen übermäßigen Alkoholkonsums.

Geschlecht und Sucht

Ein Drittel der 330.000 alkoholkranken österreicher sind Frauen, weitere 170.000 Frauen sind alkoholsuchtgefährdet. Von 110.000 medikamentenabhängigen österreichern bilden Frauen mit ca. 60 Prozent den größten Anteil. Lange Zeit wurde das Problem weiblicher Suchtmittelabhängigkeit nicht erkannt, da den Frauen generell eine gesundheitsbewusste und -erhaltende Haltung zugeschrieben wird. Tatsächlich aber weisen Frauen ähnlich selbstschädigende Verhaltensweisen auf wie Männer.

„Sowohl im Alkohol- wie auch im Drogenbereich haben sich in den letzten Jahrzehnten typische Verhaltensmuster als Folge der Suchterkrankung etabliert“, meint Prim. Dr. Susanne Lentner, stellvertretende Leiterin des Anton-Proksch-Instituts.

Sie möchte beim Kongress vor allem der Frage „Hat Sucht ein Geschlecht?“ nachgehen, indem sie geschlechtsspezifische Folgeerscheinungen als Ausdruck unserer soziokulturellen Gesellschaft näher beleuchtet. Unter dem Eindruck der neuesten Basisdaten wird ein breites Spektrum von psychiatrischen, psychologischen und soziologischen Erkenntnissen in Bezug auf die verschiedenen Suchterkrankungen präsentiert.

Hinsichtlich therapeutischer Erfolge sind sich Experten einig: das Ziel ist es, Betroffene schneller in Behandlung zu bekommen. Allerdings muss der Schritt dazu von den Betroffenen selbst gesetzt werden. Rund 18 Monate dauert durchschnittlich eine Behandlung der Suchtkrankheit.

„Neue“ Droge: Internet?

Internetsucht als neue Form einer nicht stoffgebundenen Abhängigkeit wird, ausgehend von den USA, nunmehr auch in Europa ernstgenommen und beforscht. Beim 5. Internationalen Suchtkongress im Jahr 2001 wurden die aktuellsten österreichischen Studienergebnisse präsentiert.

„Nach neuesten Zahlen aus der Forschung ist davon auszugehen, dass mindestens 30.000 östereicherInnen zumindest zeitweilig ein suchtartiges Verhalten im Gebrauch des Internet aufweisen“, berichtet Dr. Hans D. Zimmerl, Autor der ersten deutschsprachigen Studie über Internetsucht und Leiter der Ambulanz des Anton-Proksch-Instituts.

„Gefährdet sind besonders Alleinstehende und Arbeitslose sowie Personen mit einer unsicher-unreif-gehemmten Persönlichkeitsstruktur und andererseits selbstverliebte Individuen mit sadistischen Impulsen“, erläutert Dr. Zimmerl die Forschungsergebnisse.

„Die erste Gruppe täuscht sich über ihre Kontaktscheu hinweg, die zweite ist vor allem am scheinbaren Machtgewinn interessiert.“ Zu ähnlichen Ergebnissen kam auch eine Studie der Humbolt-Universität, Berlin, die im Jahr 2000 veröffentlicht wurde und an der 10.000 Personen teilnahmen. Anhand von Suchtkriterien konnte für Deutschland ermittelt werden, dass 3,18 Prozent der Studienteilnehmer internetsüchtig sind.

Im Jahr 2022 präsentiert sich die Ausgangslage vollkommen anders, das Internet gehört mittlerweile zum Alltag wie Essen und Schlafen: E-Mail, soziale Medien wie Instagram, TikTok oder Facebook, dazu YouTube, Wikipedia oder Wetter-Apps sind bei den meisten Menschen mittlerweile ständige Begleiter.

Wann aber ist die Nutzung des Internets pathologisch, also krankhaft? Wie ist hier der Stand der Dinge?

Für die Online-Sucht bzw. internetbasiertes Suchtverhalten setzt sich in der medizinischen Fachsprache immer mehr die Bezeichnung Internetnutzungsstörung (INS) durch.

Darunter verstehen medizinische Forscher eine psychische Störung, die eine schädliche oder missbräuchliche Nutzung des Internets bezeichnet.

Unter Wissenschaftlern ist es zum Teil noch umstritten, ob es sich bei einer Internetnutzungsstörung (INS) tatsächlich um eine Sucht handelt, wenngleich eine Mehrheit der Experten von einer Sucht ausgeht.

Fest steht, dass Jugendliche sind am stärksten gefährdet sind. Auffällig ist dabei, dass Mädchen und junge Frauen dafür offenbar anfälliger sind als Buben und junge Männer.

Außerdem hat sich gezeigt, dass eine INS häufig mit anderen psychischen Erkrankungen wie Depressionen oder Angststörungen einhergeht.

Um herauszufinden, ob man jemand an einer INS bzw. Onlinesucht oder auch Gaming Disorder (Computerspielstörung) leidet, wurden 9 Kriterien definiert.

Die Arbeitsgruppe S:TEP (Substanzbezogene und verwandte Störungen: Therapie, Epidemiologie und Prävention) der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Lübeck hat dafür einen etwa 20-minütigen Online-Test erstellt, der die individuelle Internetnutzung erfasst und diese anhand von diagnostischen Kriterien auswertet. Hier der Online-Test der Arbeitsgruppe DIA-NET

Jugend. Sucht. Risiko.

Was bezweckt die junge Generation wirklich, wenn sie zu Drogen greift? Dieser Frage widmet sich beim 5. Internationalen Suchtkongress Dr. Marvin Zuckerman, Professor am Institut für klinische Psychologie, Universität Delaware (USA) und analysiert die Suchtrisiken in den Bereichen Drogen, Alkohol, Zigarettenkonsum und Sexualverhalten.

„Langjährige Untersuchungen haben die Theorie bestätigt, dass ein gewisser Wesenszug bei Personen Auslöser von Suchtgefährdung ist. Ich nenne ihn Sensation Seeking. Dieser Wesenszug ist auch vererbbar, denn ein spezielles Gen, das für diesen genetischen Einfluss verantwortlich gemacht wird, wurde kürzlich von amerikanischen Wissenschaftlern erforscht und zeigt verschiedene biochemische und physiologische Wechselbeziehungen auf“, berichtet Marvin Zuckerman über seine Studienergebnisse.

„Sensationssucher“ sind demnach mehr geneigt, mit Drogen zu experimentieren und ignorieren gleichzeitig jede Gefahr im Zusammenhang mit legalen und illegalen Drogen. Dieses Verhaltensmuster ist bei Männern stärker ausgeprägt als bei Frauen und sinkt mit dem älterwerden der Jugendlichen ab 20 Jahren. „Interessant ist“, meint Zuckerman, „dass diese Unterschiede mit den Studien von Verhaltensmustern und den biologischen Daten von Alter und Geschlecht übereinstimmen.“

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Quellen:

¹ Anton-Proksch-Institut Wien
² Online Sucht – gesund.bund.de
³ Statistik Austria: Rauchen in Österreich

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Linktipps

– Alkohol am Steuer
– Tipps gegen Kater & Katzenjammer
– Umfrage „Wieviel Alkohol trinken Sie?“
– Alkohol ist Österreichs Volksdroge Nr. 1
– Social Media wirken wie Suchtmittel
– E-Zigaretten & Co. – ist dampfen gesünder als rauchen?
– Die „neuen“ Süchte: Arbeitssucht, Kaufsucht, Sexsucht
– Anton-Proksch Institut Kalksburg

Erstellt: 05/2001; aktualisiert 04/2022

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