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Nägelkauen – was tun?

Nägelkauen – was tun?

Nägelkauen

Die einen sind völlig immun, die anderen werden es ein Leben lang nicht mehr los – das Nägelbeißen. Doch was steckt dahinter? Eine ungute Angewohnheit, ein Ventil um Stress ab zu lassen, oder gar ein Ausdruck einer psychischen Störung? Rund ein Viertel der Bevölkerung beißt ab und zu an den Nägeln, jeder zehnte kannibalisiert sich selbst und beißt nicht nur auf den Nägeln, sondern auch runder herum an der Haut.



Hässliche Nägel, abgekaut bis zum geht-nicht-mehr, schmerzhafte Nagelwurzen, ein entzündetes Nagelbett – die Folgen des auch unter dem Namen Onychophagie bekannten Symptoms reichen von optischer Beeinträchtigung bis hin zu infizierten Wunden infolge der Selbstverletzung.

Nägelbeißen ist offensichtlich. Selbst wer sich in Gesellschaft zusammenreißt entlarvt sich durch das Aussehen seiner Hände. Dazu kommt, dass eine gesunde Haut am Fingerrand und gesunde Nägel eine Schutzfunktion besitzen, um Krankheitserreger abzuwehren und eine bakterielle Infektion zu verhindern. Wer intensiv an seinen Nägeln kaut erhöht also auch das Risiko, sich zu infizieren und so sein Immunsystem zu schwächen.


Nägelbeissen – vorübergehend oder lebenslang?

Die meisten beginnen im zarten Kindesalter, bei manchen ist es eine vorübergehende Phase, andere machen es ein Leben lang, und wieder andere waren schon stolz darauf, ‚aufgehört‘ zu haben, und wurden wieder rückfällig. Doch warum beginnen Menschen überhaupt damit, an ihren eigenen Nägel zu kauen.

Rund ein Drittel aller Kinder im Kindergartenalter kauen an ihren Nägeln, bei den Erwachsenen kann rund ein Viertel nicht von dieser unangenehmen Angewohnheit lassen.

Im Gegensatz zu vielen anderen ‚Süchten‘ – wie z.B. dem Rauchen – haftet dem Knabbern an den Nägeln nie und niemals etwas ‚Cooles‘ an. Ganz im Gegenteil: Nägelkauen ist peinlich und viele hören wohl auch deshalb spätestens in der Pubertät mit der unangenehmen Gewohnheit auch wieder auf. Und zwar aus einem einfachen Grund: der soziale Druck, gepflegt auszusehen, wächst, und abgebissene Nägel wirken ungepflegt.

Doch das Phänomen Nägelkauen ist trotz der Häufigkeit seines Auftretens kaum Gegenstand wissenschaftlicher Studien. Im Diagnoseklassifikationssystem ICD (International Classification of Diseases) der WHO fällt Nägelkauen in die Kategorie „Sonstige näher bezeichnete Verhaltens- und emotionale Störungen mit Beginn in der Kindheit und Jugend“ und ist dem Spektrum der Zwangsstörungen zugerechnet.

Warum?

Kinder beginnen meist aus Verlegenheit oder Langeweile an ihren Nägeln zu beißen, später kommt oft der Auslöser der Nervosität und Anspannung dazu. Jeder geht mit ‚aufregenden Situationen‘ anders um. Lampenfieber vor einer Prüfung, Aufregung vor dem ersten Date, das Abwarten eines Wahlergebnisses…

Anspannung zeigt sich über gewisse Verhaltensmuster: der eine läuft nervös auf und ab, der andere hat das Gefühl, dauernd aufs Klo zu müssen, die Raucher rauchen – und dann ist man mittendrin in der Situation und die unbewussten Abläufe beginnen: mache werden rot oder kriegen ‚hektische Flecken‘, andere drehen oder zupfen an ihren Harren, wippen mit den Füssen, knacken mit den Fingern oder die Augenlider flattern nervös,.

Bei manchen äußert sich die Anspannung auch in sprachlichen Problemen: man spricht zu schnell, stottert oder verhaspelt sich – im schlimmsten Fall kriegt man keinen Ton heraus. Und dann gibt’s die Nägelbeisser…

Manche wissen um ihr nervöses Gehabe, können aber nichts dagegen tun, andere werden erst von Außenstehenden auf diese Verhaltensmuster aufmerksam gemacht. Nägelbeißer wissen spätestens im Nachhinein, dass sie wieder mal nicht von ihrem Zwang lassen konnten: abgebissene Nägel sind der unübersehbare Beweis.

Es gibt aber auch Studien – allerdings nur unter 48 Probanden – die den Schluss nahelegen, dass Nägelkauen weniger ein Zeichen für Nervosität sei. Vielmehr werde das Verhalten eher durch Emotionen wie Langeweile oder Frustration – oder auch Entspannung – ausgelöst.

Ungeduldige, perfektionistische Menschen, die naturgemäß eine niedrigere Frustrationsschwelle haben, und mit Ergebnissen nicht so einfach zufrieden sind, tendieren demnach eher zur Onychophagie als entspanntere Mitmenschen.

Bei Kindern sind hingegen Anspannungen – durch Mobbing oder eine Trennung der Eltern – häufig die Ursache fürs Nägelbeißen. Ärzte und Therapeuten tendieren daher bei dieser Form der Zwangsstörung zunehmend dazu, auch das psychosoziale Umfeld stärker mit ein zu beziehen.

Unangenehmer Spleen oder problematische Verhaltensauffälligkeit?

Spätestens dann, wenn Nägelbeißer unter dauerhaften Entzündungen leiden oder sich gar nur mehr mit Handschuhen in Gesellschaft trauen, ist Handlungsbedarf gegeben. Anders ausgedrückt: wer sein Zwangsverwalten als sein Leben beeinträchtigend erlebt, sollte aktiv werden, um etwas zu ändern.

Denn nur in den wenigstens Fällen steckt eine psychische Erkrankung hinter der unschönen Angewohnheit. Von behandelnden Ärzten wird die Grenze zur psychischen Erkrankung als möglicher Ursache oft bei der Selbstverletzung gezogen:.

Wenn Nägel bewusst eingerissen werden oder absichtlich durchaus schmerzhafte Verletzungen zugefügt werden, und immer wieder Infektionen des Nagelbettes entstehen, sollte therapeutische Hilfe in Anspruch nehmen. Diese extreme Form des Nägelbeißens betrifft aber nur rund ein Prozent der Bevölkerung und ist damit so selten wie die Trichotillomanie, eine weitere Störung der Impulskontrolle, bei der sich Betroffene die eigenen Haare ausreißen.

Die Diagnose, um welche Form des Nägelkauens es sich handelt, wird übrigens ausschließlich im Rahmen eines therapeutischen Gesprächs gestellt. Wenn zusätzlich zur Onychophagie auch andere Symptome einer Zwangsstörung angesprochen oder offensichtlich werden – wie etwa Waschzwang oder andere Zwangsgedanken – dann handelt es eher um eine problematische Verhaltensauffälligkeit, die Therapie bedarf, als ’nur‘ um eine blöde Angewohnheit.

Was hilft gegen Onychophagie?

Von in der Apotheke erwerbbaren Nageltinkturen mit bitterem oder scharfem Geschmack halten die meisten Experten wenig. Als reine Symptombekämpfer führen sie im Extremfall dazu, dass sich der Spleen verschiebt und eine andere Verhaltensauffälligkeit zu Tage tritt. Auch extreme Maniküren oder aufgeklebte Kunstnägel helfen längerfristig nicht.

Vielmehr beflügelt diese Art von ‚erzwungenem’ Vermeidungsverhalten die Phantasie, wie man das Nägelbeißen trotzdem schaffen könnte und blockiert so zunächst Energie bevor man dann ein weiteres Frustrationserlebnis verarbeiten muss.

Eigeninitiativ kann man versuchen, in einem ersten Schritt mithilfe von Entspannungsübungen und/oder körperlicher Bewegung das eigene Anspannungsniveau zu senken.

Wenn das nichts hilft und man langfristig von seinem Laster lassen möchte sollte man sich zu einer Verhaltenstherapie entscheiden. „Habit Reversal Training“ ist z.B. eine bewährte Methode.

Betroffene ergründen dabei mit therapeutischem Beistand, aus welchen Gründen und in welchen Situationen man beginnt, Nägel zu beißen, und welche andere Ersatzhandlung noch Befriedigung oder Erleichterung verschaffen könnte.

In einem ersten Schritt geht es also um die Bewusstmachung, in einem zweitem darum, die Situation zu meistern. Manchen hilft das Spielen an einem Kugelschreiber, andere versuchen es mit Faust-ballen, manchmal hilft auch ein bewusstes sich-selbst-zureden, wie ‚ich werde jetzt nicht an meinen Nägeln beißen‘.

Parallel dazu werden die Vorteile des Aufhörens verinnerlicht und die Ersatzhandlungen im Geiste geübt. Eine bis fünf Therapiestunden reichen in der Regel aus, wenn der Nägelkauer wirklich entschlossen ist, sein Laster aufzugeben. Nur wenn Nägelkauen ein Begleitsymptom einer anderen psychischen Erkrankung ist, wird eine längerfristige, möglicherweise auch medikamentös begleitete Therapie notwendig sein.

Erfolgsversprechend sind gerade für Kinder auch Belohnungsstrategien. Für eine bestimmte Zeit – beginnend im Viertelstundentakt, bis hin zu Tages- und Wochenfristen werden Zeiten festgelegt, in denen nicht gekaut wird. Bei Erfolg – und dieser ist angesichts des Zustands der Nägel leicht überprüfbar – gibt es eine Belohnung, wie ein gemeinsames Spiel oder einen Gutpunkt – und bei zehn Gutpunkten gibt es dann einen Kinobesuch, oder die Einladung eines Freundes.

Positive Verstärkung ist wie in allen Erziehungsangelegenheiten jedenfalls sicher die bessere und nachhaltigere Strategie als Bestrafung.

Fakt ist, dass wie bei jeder anderen Art von Zwangsstörung hinter den Symptomen eine individuelle Problematik liegt, die herausgearbeitet werden muss, um eine langfristige Veränderung des Verhaltens zu erreichen. Die Mühe ist es allesamt wert, erfährt man durch diesen Prozess nicht nur mehr über sich selbst, sondern wird auch noch mit schönen Händen belohnt.

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Quelle:

¹ Forum Gesundheit

Linktipps:

– Hautknibbeln – Nägelbeissen
– Pflegetipps für schöne Fingernägel
– Zwangsstörung – wenn Kontrolle zur Krankheit wird
– Mittel für Haut, Haare und Nägel