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Zwangsstörung – wenn Kontrolle zur Krankheit wird

Zwangsstörung – wenn Kontrolle zur Krankheit wird

Zwangsstörung – Kontrollzwang

Noch einmal kontrollieren, ob das Bügeleisen abgestellt ist, noch einmal nachschauen, ob die Wohnungstüre verschlossen ist oder ob der Herd abgestellt wurde – diese Verhaltensweisen kennt jeder und sie sind in der Regel harmlos. Erst wenn solche und ähnliche Handlungen so oft ausgeführt werden müssen, dass der gesamte Lebensalltag beeinträchtigt wird, spricht man von einer Zwangsstörung.

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Die Betroffenen sehen zwar ein, dass ihr Verhalten unsinnig ist, haben aber nicht die Möglichkeit, es zu verändern. Wenn sie versuchen, die Handlungen, die oft zu zeitintensiven Ritualen geworden sind, zu unterlassen, erleben sie eine starke quälende innere Unruhe und ein körperliches Unbehagen. Sie müssen das Ritual ausführen, um irgendwie zur Ruhe zu kommen


Wie kommt es zu Zwangsstörungen?

Die Ursachen der Zwangsstörung sind noch nicht endgültig erforscht. Heute wird davon ausgegangen, dass bei der Entstehung einer Zwangsstörung körperliche und psychische Faktoren zusammenwirken. Es gibt verschiedene Erklärungsmodelle, die unterschiedliche Aspekte betonen.

Unter den biologischen Modellen gehen die neurophysiologischen Theorien davon aus, dass bei Personen mit Zwangsstörungen bestimmte Teile des Gehirns (die Basalganglien), die für die automatische Übertragung von Gedanken und Handlungen zuständig sind, ständig zu stark aktiv sind und es so zu einer dauernden Aktivierung von Gedanken und Handlungen kommt. Die Ergebnisse zur Überprüfung dieser Vermutung sind noch uneinheitlich.

Das Antidepressivum Clomipramin wirkt sich auf die Bildung eines Botenstoffes im Gehirn (Serotonin) aus. Da mit diesem Medikament und anderen Präparaten mit ähnlichem Wirkmechanismus teilweise gute therapeutische Erfolge bei Personen mit Zwangsstörungen erzielt wurden, hat man die Vermutung, Zwangsstörungen könnten in Zusammenhang mit dem Botenstoff Serotonin stehen. Allerdings wirken die Medikamente nicht bei allen Zwangspatienten, so dass diese Erklärung alleine nicht ausreicht.

Für die Beteiligung genetischer Faktoren an der Entstehung von Zwangsstörungen spricht auch, dass in Familien, bei denen eine Person an einer Zwangsstörung erkrankt ist, die Erkrankungswahrscheinlichkeit für die Angehörigen erhöht ist. Zahlreiche psychologische Faktoren können die Entstehung von Zwangsstörungen begünstigen: beispielsweise körperliche Veränderungen, schwierige Lebenssituationen oder familiäre Einflüsse.

Lerntheoretische Erklärungsmodelle, wie sie von der Verhaltenstherapie vertreten werden, gehen davon aus, dass Angst und Zwangshandlungen eng zusammenhängen. Nach dieser Theorie dienen Zwangshandlungen oft dazu, Ängste zu bewältigen: Die Angst, sich anzustecken, wird verringert, indem man sich wäscht; die Befürchtung, der Herd könnte an sein und somit das Haus abbrennen, wird weniger, wenn die Schalter der Herdplatten kontrolliert werden. Kurzfristig wird der Betroffene ruhiger. Langfristig verfestigen sich aber die Befürchtungen: „Wenn ich mich nicht gewaschen hätte, hätte ich mich sicher infiziert.“ Die Unruhe wird größer, die Zwangshandlungen müssen zur Beruhigung öfter oder nach immer strikteren Regeln ausgeführt werden. Schließlich beherrscht der Teufelskreis aus Angst und (kurzfristig) beruhigenden Zwangshandlungen den gesamten Lebensalltag.

Psychoanalytische Erklärungsmodelle gehen davon aus, dass Zwangsstörungen mit Problemen in der analen Phase in Zusammenhang stehen, die nach der Theorie von Sigmund Freud jeder Mensch im Alter von zwei bis drei Jahren durchlebt. In dieser Phase lernt das Kleinkind, seinen Schließmuskel willkürlich zu beherrschen. Die Ausscheidung erlebt es als lustvoll; gleichzeitig wird es in dieser Zeit zur Sauberkeit erzogen. Es muss also lernen, seine eigenen Bedürfnisse zu kontrollieren. Wenn in der analen Phase die Erziehung der Eltern zu streng ist, können langfristige innere Konflikte zwischen dem Ausleben und der Kontrolle der eigenen Bedürfnisse entstehen. Diese können sich später in einer Zwangsstörung äußern.

Was können die Angehörigen tun?

Das beschriebene „Rückversichern“ ist für die an einer Zwangsstörung Erkrankten eine Zeitersparnis und eine Erleichterung, da sie weniger häufig selbst alles noch einmal kontrollieren müssen. Langfristig verlassen sie sich jedoch immer weniger auf sich selbst und werden von anderen Menschen immer abhängiger. In der Therapie wird das Gegenteil versucht: Die Betroffenen sollen wieder „wagen“, selbst die Verantwortung für ihr Tun zu übernehmen. Angehörige sollten mit den Betroffenen vereinbaren, dass sie keine Rückversicherungen geben werden. Sie sollten dabei zum Ausdruck bringen, dies auch nicht für notwendig zu halten, weil sie darauf vertrauen, dass der Betroffene selbst die Verantwortung übernehmen kann. Wichtig ist, die Frage nach Rückversicherung neutral zurückzuweisen und keinen Streit anzufangen.

Angehörige können weiterhin die Person unterstützen, indem sie Informationen über die Behandlung von Zwangsstörungen oder Adressen vermitteln. Dabei sollte immer beachtet werden, dass diese Hilfe eine Hilfe zur Selbsthilfe bleibt. Wenn der Betroffene in Behandlung ist, sollte am besten mit dem Therapeuten abgesprochen werden, wie die Angehörigen sich verhalten sollen. Weiterhin gibt es Selbsthilfegruppen für Angehörige von Personen mit Zwangsstörungen.


Linktipps:

– Zwangsstörungen
– Die Psyche der Geschlechter
– Zwanghaftes Nägelbeißen und Hautknibbeln (Skin Picking)
– Zwangsneurosen

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