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Allergien – Entgleisung des Immunsystems

Allergien – Entgleisung des Immunsystems

Allergien lassen Immunsystem entgleisen

Die Tage werden länger und länger, die Temperaturen steigen, blühende Bäume und Wiesen verdrängen endgültig Väterchen Frost und eisige Winterstarre. Doch für Pollenallergiker ist der Frühlingsbeginn kein Lenz, für sie bedeutet der Beginn der Pollenzeit höchste Alarmbereitschaft. Doch noch immer gibt es über die von Pollen verursachte überschießende oder fehlgeleitete Immunreaktion mehr Fragen als Antworten.



Allergien sind weiterhin im Vormarsch, im Jahr 2040 werden in Europa 40 Prozent der Bevölkerung eine allergische Veranlagung aufweisen, vermuten Wissenschafter der „European Academy of Al-lergy and Clinical Immunology“ (EAACI) in Genf. Allergien und Asthma sind bereits jetzt die häufigsten chronischen Erkrankungen in Europa. Dennoch werden Allergien und ihre Folgen sowohl von den Patienten selbst als auch von den gesundheitspolitischen Entscheidungsträgern häufig unterschätzt und bleiben damit weitgehend unentdeckt und untherapiert.


Allergien – viele Fragen offen

Die Typ-I-Allergie (Allergie vom Soforttyp) ist die häufigste Form einer Allergie – knapp 90 Prozent aller Allergien sind diesem Typ zuzurechen. Sie ist eine durch sogenannte IgE-Antikörper (Immunglobulin E) vermittelte und durch eine schnelle – d.h. innerhalb von Sekunden oder Minuten stattfindende – allergische Reaktion des Immunsystems auf das Allergen gekennzeichnet. Ihre Auslöser (Allergene) – etwa Pollen oder Pilzsporen – werden über die Luft aufgenommen.

Voraussetzung für eine Typ-I-Allergie ist ein vorher erfolgter Erstkontakt mit dem Allergen, der in der Regel symptomlos verläuft und als Sensibilisierung bezeichnet wird. Eine allergische Sensibilisierung lässt sich heute bereits im Frühstadium nachweisen, oft bevor die ersten Symptome auftreten. Der Mechanismus für die Entstehung der Allergie ist hingegen nach wie vor ungeklärt. Bisher weiß man nur, dass die weitere Entwicklung der Allergie nach der Sensibilisierung vor allem eine Frage der Zeit und der Dosierung ist.¹

Je häufiger der Betroffene das Allergen aufnimmt, desto mehr entsprechende IgE-Antikörper bildet der Körper. Ab gewissen Schwellenwerten in der IgE-Konzentration treten die ersten allergischen Symptome auf. Dies erklärt allerdings nicht, warum einige Allergien häufiger bei Frauen als bei Männern auftreten. Einer österreichischen Erhebung zufolge leiden zum Beispiel 6,4 Prozent der weiblichen Bevölkerung unter Lebensmittelallergien, aber nur 3,5 Prozent Männer. Ähnliches gilt für die Überempfindlichkeit gegen bestimmte Medikamente. Die Ursachen dieses geschlechtsspezifischen Befalls sind noch genau so unklar wie der Ursprung von Allergien an sich.²


Allergien: unterschätzt und untertherapiert

Im Gegensatz zu anderen chronischen Krankheiten treten Allergien am häufigsten bei jungen Menschen auf. Laut einer aktuellen Studie der europäischen Patientenorganisation EFA (= European Federation of Allergy and Airway Diseases Patients Association), die in 18 europäischen Ländern durchgeführt wurde – darunter auch Österreich – sind bereits insgesamt 10-20 Prozent der 13- und 14-jährigen Europäer betroffen. In Österreich haben etwa 15 Prozent der Jugendlichen mit einer allergischen Entzündung der Atemwege zu kämpfen. Die „Allergiker-Karriere“ kann aber bereits im Babyalter mit einer atopischen Dermatitis (Neurodermitis) und/oder einer Nahrungsmittelallergie beginnen.

Typische allergische Erkrankungen sind:

  • Heuschnupfen
  • Allergisches Asthma
  • Nesselsucht (Urtikaria)
  • Anaphylaktischer Schock
  • Nahrungsmittelallergie

Bleiben allergische Beschwerden unbehandelt, muss man mit der Entstehung weiterer Allergien und einer Ausweitung der Entzündung zum chronischen Asthma rechnen. Asthma bedeutet eine massive Einschränkung an Lebensqualität und verursacht hohe direkte Kosten durch die medizinische Dauertherapie, Krankenhausaufenthalte etc. in der Höhe von 220 bis 450 Millionen Euro pro Jahr, aber auch indirekte Kosten durch Krankenstandstage und Arbeitsunfähigkeit.


Initiativen sollen europaweit mehr Bewusstsein schaffen

Trotz des epidemischen Ausmaßes herrscht in der breiten Öffentlichkeit und auch bei Patienten selbst oft noch wenig Wissen über Allergien und Bewusstsein über die Wichtigkeit der frühzeitigen Erkennung und Behandlung. Patienten, die von allergischen Atemwegserkrankungen betroffen sind und nach Hilfe suchen, müssen oft viele Hürden überwinden, lange Irr- und Umwege mit oft enormen Weg- und Zeitkosten auf sich nehmen oder aktiven Aufwand betreiben, bis sie an den richtigen Arzt, zu einer richtigen Diagnose und letztlich Behandlung kommen.

Das liegt zu einem großen Teil daran, dass es in Österreich an einem Facharzt für Allergologie fehlt. Häufig ist deshalb der Hausarzt der erste Ansprechpartner, der somit eine Schlüsselfunktion in der Früherkennung allergischer Erkrankungen innehat. Das gilt vor allem für ländliche Gebiete, wo es wenige Fachärzte und spezialisierte Zentren gibt. Geschulte Allgemeinmediziner können Anzeichen richtig deuten und bei Verdacht auf eine allergische Ursache zur weiteren Abklärung an den Facharzt für Kinderheilkunde, Haut-, HNO- und Lungenerkrankungen oder an die (wenigen) spezialisierten Einrichtungen verweisen. Doch diese wichtige Schnittstelle zwischen Allgemeinmediziner und Facharzt funktioniert noch nicht ausreichend und flächendeckend. Auch die allergologische Ausbildung entspricht noch nicht der Masse an zu betreuenden Patienten.

Die europäische Initiative EFA, die ihr Know-How schon seit 20 Jahren an die Patienten weitergibt und sie nach außen vertritt, hat sich im Rahmen einer neuen Initiative zum Ziel gesetzt, ein besseres Verständnis für allergische Erkrankungen und deren unzureichende Versorgung zu schaffen. Politische Entscheidungsträger, medizinische Behandler und die Patienten selbst sollen dazu gebracht werden, der Bekämpfung von Allergien oberste Priorität einzuräumen.

Als Basis der Aktivitäten, die zurzeit in allen europäischen Ländern geplant werden, dient die Zusammenfassung der aktuellen Situation in Europa, die Epidemiologie, Kosten, Management und Behandlung der Allergie-Patienten sowie bestehende Patienten-Services umfasst. Sie wurde Ende 2011 in Form eines Weißbuches veröffentlicht. Als österreichsche Partnerorganisation ist die Selbsthilfegruppe Österreichische Lungenunion engagiert.

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Quellen:

¹ MedStandard 26.3.2012
² Wiener Medizinische Wochenschrift, Bd. 156, S. 11

Linktipps:

– Allergie-Corner
– Allergien & Umwelt
– Allergischer Notfall – was tun?
– Die Pollen fliegen wieder

Kave Atefie





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