Querschnittlähmung – was ist das?

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Querschnittlähmung - was ist das?

Unter Querschnittlähmung versteht man die Summe jener Symptome, die auf eine teilweise oder komplette Schädigung der Wirbelsäule samt Nervenleitung im Rückenmark folgen. Eine Querschnittlähmung stürzt Betroffene und deren Angehörige zunächst in eine tiefe Lebenskrise. Doch wie kommt es überhaupt zu einer Querschnittlähmung? Was müssen Betroffenen und Angehörige wissen, welche Therapien gibt es und ist Heilung möglich?

Querschnittlähmung – was ist das? – Artikelübersicht:

Unabhängig von der Ursache – Querschnittlähmungen treten meist unfallbedingt auf, können aber auch Folge einer Erkrankung sein – gerät das „normale“ Leben aus den Fugen. Abläufe und Routinen, die bisher selbstverständlich waren, sind von einem Tag auf den anderen nicht mehr bewältigbar, und das Leben muss komplett neu organisiert werden.

Gerade erst noch fröhlich von der Familie verabschiedet, dann ein Knall an der Kreuzung, später das Aufwachen auf der Intensivstation und die Konfrontation mit der Diagnose „Querschnittlähmung“. Von heute auf morgen ist das normale Leben für Betroffene und Angehörige auf den Kopf gestellt. Alles, was bis dahin „Alltag“ war, funktioniert nun nicht mehr. Wir haben recherchieret, was Sie im Fall des Falles wissen sollten.

Paraplegie & Tetraplegie

Bei einer Paraplegie, auch inkomplette Querschnittlähmung genannt, sind Teile des Rückenmarks unterhalb der Halswirbelsäule beschädigt. Das führt zu einem Verlust von Sensibilität und Beweglichkeit in den unteren Extremitäten sowie zu Einschränkungen bei der Rumpfkontrolle.

Tetraplegie, auch Quadriplegie genannt, bezeichnet die Lähmung aller Extremitäten unterhalb des Halses. Ursache einer Tetraplegie ist eine Verletzung des Rückenmarks auf Höhe der Halswirbelsäule. Neben der Lähmung unterhalb des Halses leiden Betroffene auch unter dem Ausfall von Darm- und Blasentrakt sowie einer Störung der Sexualfunktion.

Sowohl Paraplegie, als auch Tetraplegie können zu kompletter oder inkompletter Querschnittlähmung führen.

Komplette und inkomplette Querschnittlähmung

Bei einer kompletten Querschnittlähmung wurde das Rückenmark komplett durchtrennt. Nach aktuellen medizinischen Standards besteht für diese Art der Querschnittlähmung keine Hoffnung auf Heilung.

Bei der inkompletten Querschnittlähmung sind nur Teile des Rückenmarks beschädigt, manche Nervenbahnen sind aber noch intakt. Bei der inkompletten Querschnittlähmung sind Vorhersagen, welche Schäden langfristig irreparabel bleiben bzw. ob und wie weit Rehabilitation und Wiederherstellung der Mobilität möglich sind, schwierig.

Eines gilt aber in jedem Fall: Je unmittelbarer nach einer Rückenmarkschädigung motorische Restfunktionen festgestellt werden, desto besser die Prognose, da punktgenaue Rehabilitationsmaßnahmen zeitnahe eingeleitet werden können.

Spinaler Schock

Bei allen Rückenmarksschädigungen tritt als direkte Folge zunächst der spinale Schock auf. Dieser bezeichnet einen plötzlichen Ausfall motorischer, sensorischer und vegetativer Funktionen. Merkmale des spinalen Schocks:

  • Atmungsprobleme
  • Ausfall der Reflexe unterhalb der Verletzungshöhe
  • Kreislaufinsuffizienz
  • Motorische Lähmung unterhalb der Verletzungshöhe
  • Störung des gesamten Verdauungstrakts

Diese multiplen Störungen von Nerven- und Organsystem machen zunächst eine Behandlung auf der Intensivstation notwendig, bis sich alle lebensnotwendigen Funktionen wieder normalisiert haben.

Der spinale Schock tritt meist innerhalb der ersten Stunde nach der Verletzung des Rückenmarks auf und kann wenige Tage bis hin zu einigen Wochen anhalten.

Solange der spinale Schock anhält, kann über das tatsächliche Ausmaß einer Querschnittlähmung keine Aussage gemacht werden. Man weiß schlichtweg noch nicht ob gewissen Bewegungseinschränkungen (noch) Folge des Schocks oder bereits ursächliche Folge der Rückenmarksverletzung sind.

Erst nach Abklingen des spinalen Schocks – üblicherweise nach maximal sechs Wochen – ist diagnostizierbar welche Bewegungs- oder Organfunktionen trotz der Verletzung erhalten geblieben sind. Auch ob es sich um eine schlaffe oder eine spastische Lähmung handelt, welche Reflexe noch vorhanden sind und ob die Lähmung komplett oder inkomplett ist kann erst nach Abklingen des Schocks festgestellt werden.

Rehabilitation bei Querschnittlähmung

Nach einer Querschnittlähmung lassen sich folgende Phasen der Rehabilitation unterscheiden:

In der sogenannten Akutphase (Phase A) liegt der Patient in einem Krankenhausbett, zunächst meist auf der Intensivstation eines normalen Krankenhauses.

Die daran anschließende Liegephase wird nach Möglichkeit bereits in einem „Querschnittzentrum“, also in einer medizinischen Schwerpunkteinrichtung verbracht, um möglichst früh mit der Rehabilitation beginnen zu können. Sie dauert zwischen einigen Tagen und wenigen Wochen.

In dieser Phase B, auch Behandlungs- bzw. Rehabilitationsphase genannt, haben (passive) frührehabilitative und intensivmedizinische Behandlungen ungefähr den gleichen Stellenwert. Primär geht es in Phase B um die Wiedererlangung basaler biologisch-vegetativer Autonomie, wie z.B. selbständige Atmung.

Die Dauer der stationären Erstrehabilitation von Paraplegikern liegt bei durchschnittlich 150 Tagen, die von Tetraplegikern bei ca. 200 Tagen, Tendenz fallend, was einerseits auf medizinische Fortschritte, aber auch zunehmenden Einsparungsdruck zurückzuführen ist.

Phase C ist jene Behandlungs-/Rehabilitationsphase, in der Patienten bereits aktiv in der Therapie mitarbeiten sollen. Daneben ist aber auch noch kurativmedizinische Betreuung mit hohem pflegerischem Aufwand vonnöten. In Phase D ist die Frühmobilisitation zum Abschluss gekommen und es besteht kein wesentlicher pflegerischer Betreuungsaufwand mehr.

Die Phasen C und D nennt man umgangssprachlich auch „medizinische Rehabilitation“. Hier geht es um funktionale Stabilisierung, mit dem Ziel Eigenständigkeit wieder zu erlangen, Abhängigkeiten zu verkleinern und um die Vorbereitung der sozialen Integration.

In Phase E geht es um berufliche und soziale (wieder-) Integration.

Phase F bezeichnet dann dauerhaft unterstützende bzw. betreuende oder zustandserhaltende Leistungen bzw. rehabilitative Langzeitversorgung von Patienten, die aufgrund der Schwere der Verletzung dauerhaft intensive pflegerische Unterstützung bedürfen.

Querschnittlähmung und Sexualität

Patienten mit Querschnittlähmung leiden stark unter Schamgefühlen und der Hilflosigkeit bei intimsten Verrichtungen. Doch nicht nur für alltägliche Vorgänge wie Darm- oder Blasenentleerung muss Hilfe in Anspruch genommen werden, auch Sexualität funktioniert nicht mehr wie früher.

Eine Querschnittlähmung verändert das Leben der Betroffenen grundlegend auch in sexueller Hinsicht, denn die Funktion der Geschlechtsorgane – unabhängig ob Frau oder Mann – weist durch die Lähmung massive Veränderungen und Beeinträchtigungen auf.

Funktionsstörungen wie Erektions- oder Ejakulationsstörungen beim Mann oder eine ausbleibende Lubrikation der Vagina der Frau sind offensichtliche Anzeichen. Darüber hinaus führen aber auch die veränderte oder fehlende Sensibilität in den betreffenden Körperregionen zu großer Verunsicherung von Betroffenen aber auch deren Partnern. Doch was tun?

Zunächst müssen Menschen mit Querschnittlähmung lernen, sich selbst mit ihrem „neuen“ Körper auseinanderzusetzen. In einem nächsten Schritt ist es wichtig, zu reden, zu reden und nochmals zu reden – mit Therapeuten, Ärzten, Angehörigen und Partnern – um Möglichkeiten und Grenzen der neuen Sexualität auszuloten.

Je nach Läsionshöhe und davon abhängig ob es sich um eine komplette oder inkomplette Querschnittlähmung handelt, sind verschiedene Maßnahmen empfehlenswert. Bei Männern, die eine Erektion bekommen, diese aber für den Geschlechtsverkehr nicht ausreicht, empfehlen Sexualtherapeuten Stauringe. Wenn es zu keiner spontanen Erektion kommt, können Viagra und Co Abhilfe schaffen.

Frauen können mit Vaginalkugeln ihre Lubrikation beeinflussen und jedenfalls ihre Sensibilität fördern. Zudem sind Gleitmittel sicher immer eine gute Methode, um das Eindringen des Penis zu erleichtern.

Doch Sexualität findet nicht ausschließlich in und über die Geschlechtsorgane statt sondern wird vor allem über das das größte (Sexual-) Organ, nämlich unsere Haut und im Gehirn erlebt. Und die sind von einer Querschnittlähmung nicht betroffen – also nur Mut! Es gibt auch ein Sexualleben nach der Diagnose „Querschnittslähmung“.

Wichtige (Pflege-) Infos für Angehörige

Für medizinische und rehabilitative Maßnahmen erhalten Angehörige in den Rehakliniken von extra dafür zuständigen Fachkräften wertvolle Tipps. Auch wenn es um bauliche Maßnahmen geht, Fragen zur Mobilität oder zum Arbeitsrecht, oder auch finanzielle – oder steuerrechtliche Themen, finden Angehörige dort kompetente Ansprechpartner. Auch Betroffenen – und Angehörigen Selbsthilfegruppen leisten wertvolle Unterstützung bei so gut wie allen Fragen rund um das Thema „Querschnittslähmung“.

Doch abgesehen von diesen praktischen Tipps ist es für Angehörige auch unumgänglich, zu verstehen, dass parallel zu den oben beschriebenen äußeren Phasen der Rehabilitation auch innere Phasen der Behinderungsbewältigung ablaufen.

Patienten erleben eine Art „Tod des alten Lebens“ und durchlaufen entsprechend auch seelische Veränderungen, die einem Trauerprozess gleichen.

Die Phasen dieses Prozesses sind:

  • Verleugnung der Situation
  • Wut und Schuldzuweisung
  • Feilschen und Verhandeln
  • Depression und Rückzug
  • Akzeptanz der Situation

Die Querschnittlähmung bedeutet das Ende des Lebens in seiner bisherigen Form und die Akzeptanz dieses „kleinen Todes“ ist notwendige Voraussetzung für einen Neuanfang.

Die seelische Verarbeitung verläuft natürlich bei jedem Menschen unterschiedlich und Reihenfolge, Intensität und Zeitdauer der Phasen können stark variieren. Aber das Einfinden in das neue Leben kostet Zeit und die müssen sich Betroffene und Angehörige einfach geben.

Exoskelett: High-Tech-Anzug als Hoffnung für Gelähmte

Kann das Exoskelett Menschen mit Querschnittlähmung wieder gehend machen? Nun – die Antwort ist „Jein“. Beim Exoskelett handelt es sich nämlich um eine am Körper tragbare Maschine, die es Betroffenen ermöglicht, wieder aufrecht zu gehen.

Das hat nicht nur ganz praktische und psychologische Effekte sondern auch massiven medizinischen Nutzen. Wer seine Knochen nicht nutzen kann, verliert Knochendichte und das führt letztlich zu Osteoporose. Auch Herz-Kreislauf-Tätigkeit, Stoffwechsel, Gefäßveränderung, Atmung, Muskelkraft, Gleichgewicht und Sexualfunktionen werden durch das Gehen mit Hilfe des Exoskeletts dramatisch verbessert.

Exoskelett Skizze

Skizze eines Exoskeletts aus dem Jahr 1971
Foto: Fick, Bruce R. ; Makinson, John B. GENERAL ELECTRIC; public domain

Aktuell kostet eine Trainingseinheit mit dem Gerät 90 Euro (gesponsert – der reguläre Preis wäre in etwa 250 Euro pro Stunde) und Patienten müssen (noch) selbst bezahlen. Gespräche mit den Krankenkassen über eine Kostenübernahme laufen aber bereits.

Der Vorteil des Training mit dem Exoskelett: Im Gegensatz zu anderen Therapien wird bei diesem Training der ganze Körper gleichzeitig gefordert – auch die Beinmuskulatur wird aktiv bewegt.

Derzeit ist es zwar noch notwendig, dass während des Trainings ein Therapeut von hinten stützt, um das Gleichgewicht für den Patienten zu halten und ihn zu stabilisieren. Doch die Fortschritte in der Forschung lassen hoffen, dass es in absehbarer Zukunft kleinere „Exos“ geben wird, die selbstständiges Gehen ermöglichen und unauffällig unter der Kleidung getragen werden können. Und das wäre ein wahrer Quantensprung und eine tolle Chance für Querschnittgelähmte, ihr Leben wieder „zu normalisieren“.

Fazit: Ein Leben mit Querschnittlähmung ist sicher ein „anderes Leben“. Tatsche ist aber auch, dass Menschen, die bereits vor ihrem Unfall eine positive Lebenseinstellung hatten, nach diesem lebensverändernden Ereignis rascher wieder zu Normalität und ihrer Lebensfreude zurückgefunden haben, als Pessimisten. Im Schnitt dauert dieses Zurückfinden in eine „neue Normalität“ ein bis drei Jahre und klar ist – jene Menschen, die sich selbst motivieren können brauchen entschieden kürzer, um ihr Leben wieder selbst in die Hand zu nehmen.

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Quellen:

¹ Verband der Querschnittgelähmten Österreichs
² Wings for life

Fotohinweis: sofern nicht extra anders angegeben, Fotocredit by Fotolia.com

Linktipps

– Krankheitslexikon Querschnittlähmung
– Neurologie was ist das?
– Impotenz – Probleme beim Sex
– Trockene Scheide – Was tun?
– Physiotherapie

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