Alarmierendes Nichtwissen über Tätigkeitsbereiche der Neurologie

1 Star2 Stars3 Stars4 Stars5 Stars (1 Bewertungen, Durchschnitt: 4,00 Sterne von 5)

Neurologie: Nervenheilkunde

Die Österreicher wissen nicht, bei welchen Beschwerden der Besuch beim Neurologen fällig ist, zeigt eine aktuelle repräsentative Umfrage. Typische neurologisch abzuklärende Beschwerden, die Symptome bedrohlicher Erkrankungen sein können, waren den Befragten spontan praktisch nicht als Tätigkeitsfeld der Neurologie bewusst.

Die Österreicher wissen nicht, bei welchen Beschwerden der Besuch beim Neurologen fällig ist: Das ist das Ergebnis der aktuellen repräsentative Befragung zum Thema „Wissen über und Einstellung zur Neurologie“ von mehr als 1000 Personen über 16 Jahren. Sie wurde von der Österreichischen Gesellschaft für Neurologie (ÖGN) anlässlich ihrer 3. Jahrestagung 2005 beim Meinungsforschungs-Institut IMAS in Auftrag gegeben.

Nerven, oder so … ?

Sehr deutlich konzentrieren sich die Vorstellungen der Menschen über das Tätigkeitsfeld des Neurologen vorrangig (46 Prozent) auf ?Nerven, Nervensystem, Nervenleiden‘, und 12 Prozent geben zutreffend ?hat mit Gehirn zu tun (Schlaganfall)‘ an. „Allerdings sind die zentralen Symptome von Erkrankungen, für die ein Neurologe zuständig ist, kaum spontan bewusst“, kommentiert Univ.-Prof. Dr. Franz Aichner, Präsident der ÖGN, auf einer Pressekonferenz in Wien. „Gerade 13 Prozent geben hier ?Kopfschmerz und Migräne‘ an, 12 Prozent den Schlaganfall, nur noch 6 Prozent die Wirbelsäule. Typische neurologisch abzuklärende Beschwerden – die Symptome bedrohlicher Erkrankungen sein können – waren den Befragten spontan nicht als Tätigkeitsfeld der Neurologie bewusst: Gefühlsstörungen im Arm oder Bein, zunehmende Vergesslichkeit, Zittern, Kreuzschmerzen mit Ausstrahlung ins Bein, plötzliche Sprachstörungen, Krampf- oder Bewusstlosigkeits-Anfälle.“

„Das ist ein dramatischer Befund, hier ist im Interesse potenzieller Patienten Aufklärung und Information über Indikationen der Neurologie, aber auch über Frühsymptome typischer neurologischer Krankheiten dringend erforderlich“, sagt dazu Univ.-Prof. Dr. Franz Fazekas, Tagungspräsident und Präsident elect der ÖGN.

Aufklärung tut Not

„Aufklärung und Information auf möglichst breiter Basis sind umso wichtiger, als dem Nicht-Wissen jene Beschwerden in großer Häufigkeit gegenüberstehen, die neurologisch abgeklärt werden sollten“, sagt Prof. Fazekas. Bei der Frage nach Beschwerden, die in vielen Fällen vermutlich einer neurologischen Abklärung bedürfen ergab sich folgendes Bild: Am weitesten verbreitet sind Kopfschmerzen und Migräne, die immerhin rund jede/n zweite/n Befragte/n gelegentlich oder öfter quälen. An 2. Stelle rangieren mit 39 Prozent „Kreuzschmerzen mit Ausstrahlung ins Bein“. Gefolgt von „zunehmende Vergesslichkeit“ (34 Prozent) „Gefühlsstörungen in Arm oder Bein“ (26 Prozent), Zittern (9 Prozent), Krampf- oder Bewusstlosigkeits-Anfällen (4 Prozent), und plötzlichen Sprachstörungen (3 Prozent).

Falsche Vorurteile sind nicht nur ein soziales und psychisches Problem für die betroffenen Patient/innen, sondern haben auch problematische medizinische Auswirkungen, stellt Prof. Aichner klar: „Denn viele Erkrankungen unseres Nervensystems sind heute gut behandelbar, besonders wenn sie in einem frühen Krankheitsstadium diagnostiziert wurden. Gehen jedoch Patient/innen aufgrund falscher Vorurteile nicht – oder erst sehr spät – zum Neurologen, können sie nicht in optimaler Weise von den Fortschritten der modernen neurologischen Diagnostik und Therapie profitieren. Die Konsequenzen einer Nicht-, Fehl- oder Unterbehandlung können bei Krankheiten des zentralen Nervensystems dramatisch sein.“

Um das Wissen der Menschen über die Zuständigkeit der Neurologie aufzuklären, bedarf es der IMAS-Studie zufolge „eines – ohne Zweifel langwierigen – Informationsprozesses über die Massenmedien. Wichtig erscheint dabei, die Assoziationen der Menschen von Neurologen mit ?Nerven und Gehirn‘ aufzubrechen – eine Assoziation, die mit hoher Wahrscheinlichkeit eher negativ besetzt ist im Sinne von ?man ist nicht nervenkrank, etc.'“

Womit beschäftigt sich die Neurologie?

Auch wenn die Neurologie eine Teildisziplin der Nervenheilkunde ist und letztendlich eine gewisse Überlappung in der Realität der täglichen Arbeit unvermeidlich ist, sollte sie von der Psychiatrie deutlich abgegrenzt werden. Die Neurologie beschäftigt sich mit der Diagnostik und Therapie von Erkrankungen des zentralen Nervensystems (ZNS), des peripheren Nervensystems (PNS) und der Muskulatur. Diesen Bereichen gemeinsam ist, dass sie aus elektrisch erregbaren Geweben bestehen. Dies ist für die neurologische Zusatzdiagnostik von großer Bedeutung.

Als ZNS faßt man Gehirn und Rückenmark zusammen:

Das PNS besteht aus den Hirnnerven (die direkt aus dem Gehirn entspringen), den Nervenwurzeln (die aus dem Rückenmark entspringen) und den Nerven-Kabeln in Armen und Beinen sowie zu den inneren Organen. Hier sei also auch das vegetative Nervensystem (versorgt z.B. die inneren Organe) als Teil des PNS verstanden.

Diese Systeme sind wichtig für die Fähigkeit des Menschen, sich zu bewegen (Motorik), Sinnesempfindungen zu haben (fühlen, riechen, sehen, schmecken etc.), Schmerz zu empfinden und auch zu denken (Wachheit, Konzentrationsfähigkeit, Aufmerksamkeit, Gedächtnis etc.). Mit Störungen dieser Fähigkeiten, die auf Erkrankungen oder Fehlfunktionen dieser Systeme zurückzuführen sind, beschäftigt sich nun die Neurologie. Die Neurologie hatte sich ursprünglich aus der Inneren Medizin entwickelt.

Besuch beim Neurologen oder bei der Neurologin für 8 Prozent „nicht“ und für 13 Prozent nur „vielleicht“ vorstellbar

30 Prozent aller erwachsenen Österreicher/innen ab 16 Jahre haben bereits einen Neurologen bzw. eine Neurologin konsultiert, darüber hinaus ist für 47 Prozent der Befragten gegebenenfalls der Besuch „bestimmt vorstellbar“. Allerdings ist für 13 Prozent der Befragten die Konsultation eines Neurologen nur „vielleicht vorstellbar“, und für immerhin 8 Prozent – das sind hochgerechnet Österreich-weit rund 640.000 Personen – schlicht „nicht vorstellbar“. 3 Prozent kennen den Begriff „Neurologe“ nicht.

Linktipps

– Österreichische Gesellschaft für Neurologie
– Krankheitslexikon: Polyneuropathie – Erkrankung des Peripheren Nervensystems
– Querschnittlähmung
– Krankheitslexikon: Multiple Sklerose
– Ohnmacht und Bewusstlosigkeit
– funktionelle Magnetresonanztomographie (fMRT)