Hopfen – Arzneipflanze des Jahres

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Mit der Kür des Echten Hopfens (Humulus lupulus L.) zur Arzneipflanze des Jahres 2026 in Österreich rückt eine traditionsreiche Heilpflanze erneut in den Fokus der modernen Medizin.
Lange vor seiner Rolle als Bierzutat wurde Hopfen wegen seiner beruhigenden, schlaffördernden und stoffwechselaktiven Eigenschaften geschätzt. Aktuelle Forschung zeigt, dass seine bioaktiven Inhaltsstoffe tatsächlich tief in zentrale Regulationssysteme von Schlaf, Hormonen und Appetit eingreifen können.
Hopfen – Artikelübersicht:
- Überblick
- Botanik und Inhaltsstoffe des Hopfens
- Hopfen in der traditionellen und modernen Medizin
- Wirkungsmechanismen und gesundheitliche Vorteile
- Anwendungsformen
- Kulinarische Nutzung jenseits des Biers
- Nachhaltigkeit und regionale Bedeutung
- Traditionelle Hopfenregionen in Österreich und Mitteleuropa
- Zukunftsperspektiven
- Fazit
Wenn von Hopfen die Rede ist, denken die meisten Menschen zunächst an Bier. An würzige Aromen, goldgelbe Farbe, Schaumkrone.
Doch diese Assoziation greift zu kurz. Der Echte Hopfen ist weit mehr als eine Zutat der Braukunst: Er ist eine der ältesten europäischen Heilpflanzen, ein pharmakologisch hochinteressanter Wirkstoffträger und zugleich eine kulinarische Delikatesse, die jenseits des Sudkessels langsam wiederentdeckt wird.
Dass Hopfen 2026 von der Herbal Medicinal Products Platform Austria (HMPPA) zur „Arzneipflanze des Jahres“ gewählt wurde, lenkt den Fokus bewusst auf diese oft übersehene Seite der Pflanze.
Denn während ihre medizinischen Effekte seit Jahrhunderten beschrieben werden, beginnt die moderne Forschung erst jetzt, viele dieser Beobachtungen systematisch zu erklären.
Der Hopfen ist damit ein Paradebeispiel dafür, wie traditionelles Heilpflanzenwissen und moderne Naturstoffforschung ineinandergreifen – und wie ein vertrautes Kulturprodukt ein unerwartetes therapeutisches Potenzial offenbart.
Hopfen – Arzneipflanze, Kulturgut und kulinarische Überraschung
Der Echte Hopfen gehört zur Familie der Hanfgewächse (Cannabaceae) und ist eine ausdauernde, mehrjährige Kletterpflanze.
Seine Triebe können pro Saison bis zu sieben Meter Länge erreichen und winden sich rechtsdrehend an Rankhilfen empor. Heimisch ist Hopfen in weiten Teilen Europas, Westasiens und Nordafrikas. Schon im Mittelalter wurde Hopfen nicht nur zur Haltbarmachung von Bier eingesetzt, sondern auch medizinisch genutzt.
Hildegard von Bingen beschrieb im 12. Jahrhundert seine „reinigende“ Wirkung auf Magen und Geist.
Spätere Kräuterbücher führten Hopfen als schmerzlinderndes, beruhigendes und entzündungshemmendes Mittel.
Heute ist Hopfen ein Rohstoff mit drei Gesichtern: Arzneipflanze, Lebensmittelzutat und wirtschaftlich bedeutende Kulturpflanze.
Seine Blütenstände liefern pharmakologisch aktive Substanzen, seine jungen Sprossen gelten als Delikatesse, und seine Inhaltsstoffe inspirieren zunehmend auch Kosmetik- und Functional-Food-Entwickler.
Botanik und Inhaltsstoffe des Hopfens
Hopfen (Humulus lupulus) ist eine anerkannte Heilpflanze, die primär aufgrund ihrer beruhigenden, schlaffördernden und krampflösenden Eigenschaften bei Unruhe, Angstzuständen und Einschlafstörungen eingesetzt wird.
Verwendet werden die weiblichen Hopfenzapfen, deren Bitterstoffe (Lupulin) zudem verdauungsfördernd, entzündungshemmend und antibakteriell wirken. Die Anwendung erfolgt oftmals in Kombination mit Baldrian.
Die die weiblichen Blütenstände, also die sogenannten Hopfenzapfen, tragen auf ihren Schuppen feine gelbliche Drüsenhaare, in denen das sogenannte Lupulin gebildet wird – ein harzartiges Gemisch aus Bitterstoffen, ätherischen Ölen und Polyphenolen.
Wichtige Inhaltsstoffe sind Bitterstoffe wie Alpha-Säuren (z. B. Humulon) und Beta-Säuren (z. B. Lupulon), ätherische Öle wie Myrcen, Humulen und Caryophyllen sowie Polyphenole wie Flavonoide und Prenylflavonoide, darunter Xanthohumol und 8-Prenylnaringenin.
Diese Kombination macht Hopfen pharmakologisch ungewöhnlich vielseitig: Er wirkt nicht nur auf ein einzelnes Organsystem, sondern beeinflusst Nerven-, Hormon- und Verdauungsprozesse gleichzeitig.
Hopfen in der traditionellen und modernen Medizin
Traditionell wurde Hopfen eingesetzt bei Unruhe und Nervosität, Schlafstörungen, Appetitlosigkeit und Magen-Darm-Beschwerden.
Volksmedizinisch waren Hopfenkissen verbreitet, die schlaffördernd wirken sollten. Auch Hopfentee fand Verwendung bei innerer Unruhe und Verdauungsproblemen.
Die Europäische Arzneimittelagentur (EMA) stuft Hopfenzapfen als traditionelles pflanzliches Arzneimittel ein.
Anerkannt ist der Einsatz zur Linderung leichter Symptome psychischer Belastung und zur Förderung des Schlafs.
Wichtig ist die Differenzierung zwischen traditioneller Anwendung und evidenzbasierter Wirksamkeit.
Für Hopfen als Einzelwirkstoff liegen bislang nur begrenzte hochwertige klinische Daten vor. Anders sieht es bei Kombinationen aus, insbesondere mit Baldrian.
Mehrere randomisierte, doppelblinde Studien zeigen, dass feste Baldrian-Hopfen-Kombinationen die Einschlafzeit verkürzen, die Schlafdauer verlängern und die objektiv messbare Schlafqualität verbessern.
Wirkungsmechanismen und gesundheitliche Vorteile
Hopfeninhaltsstoffe interagieren mit dem GABA-System, dem wichtigsten hemmenden Neurotransmittersystem des Gehirns.
GABA reduziert neuronale Erregbarkeit und fördert Entspannung. Zusätzlich gibt es Hinweise auf eine Beeinflussung melatoninabhängiger Mechanismen, was den Tag-Nacht-Rhythmus stabilisieren könnte. Das Resultat ist kein „Ausschalten“ des Gehirns, sondern eine sanfte Dämpfung übersteigerter Aktivität.
Tierexperimentelle und In-vitro-Daten deuten darauf hin, dass Hopfen angstlösende Eigenschaften besitzt.
Eine randomisierte, doppelblinde Crossover-Studie mit gesunden Probanden zeigte nach Einnahme von 500 mg Hopfenextrakt eine reduzierte Energieaufnahme und erhöhte Freisetzung von Sättigungshormonen wie Cholecystokinin, GLP-1 und Peptid YY.
Das Phytoöstrogen 8-Prenylnaringenin bindet an Östrogenrezeptoren und kann hormonähnliche Effekte entfalten, was insbesondere für Frauen in den Wechseljahren relevant sein könnte. Xanthohumol und andere Polyphenole besitzen antioxidative und entzündungshemmende Eigenschaften. In Laborstudien wurden zudem antimikrobielle, neuroprotektive und antikanzerogene Effekte beschrieben.
Anwendungsformen
Hopfen ist erhältlich als Tee, Flüssigextrakt, Trockenextrakt in Kapseln oder Tabletten sowie als Bestandteil pflanzlicher Kombinationspräparate. F
Für Schlafstörungen werden – wie erwähnt – meist standardisierte Extrakte in Kombination mit Baldrian eingesetzt. Teezubereitungen sind mild wirksam und eher für leichte Beschwerden geeignet.
Kulinarische Nutzung jenseits des Biers
Im Frühjahr treiben junge Hopfensprossen aus dem Boden. Diese zarten Triebe – auch als Hopfenspargel bekannt – gelten als saisonale Delikatesse und werden wegen ihres Aussehens und Geschmacks mit Spargel verglichen.
Geschmacklich sind sie fein herb, leicht nussig und mild bitter. In der Küche lassen sie sich kurz blanchieren und in Butter schwenken, als Risotto-Zutat, in Omeletts oder Pasta oder roh gehobelt im Salat verwenden.
In Wien findet man wilde Hopfensprossen unter anderem in und um den Prater sowie entlang der Praterallee. Auch als Gewürz gewinnt Hopfen an Bedeutung.
Getrocknete Hopfenblätter oder kleine Mengen Hopfenzapfen können Fonds aromatisieren, Wildgerichte begleiten oder Süßspeisen eine herbe Note verleihen.
Besonders spannend ist die Kombination mit Schokolade, Honig oder Zitrusfrüchten. In der gehobenen Gastronomie werden Hopfenöl, Hopfensalz und Hopfenhonig eingesetzt.
Nachhaltigkeit und regionale Bedeutung
Hopfenanbau ist arbeitsintensiv, aber vergleichsweise flächeneffizient. Moderne Anbausysteme setzen zunehmend auf reduzierte Pflanzenschutzmittel, Wasseroptimierung und Kreislaufwirtschaft.
Neben den Zapfen können auch Blätter, Stängel und Nebenprodukte verwertet werden, etwa für Kosmetik, Tierfutter oder Extrakte. In traditionellen Hopfenregionen trägt der Anbau wesentlich zur regionalen Identität und Wertschöpfung bei.
Traditionelle Hopfenregionen in Österreich und Mitteleuropa
Der Hopfenanbau konzentriert sich seit Jahrhunderten auf bestimmte Regionen Mitteleuropas, deren Klima und Bodenbeschaffenheit ideale Voraussetzungen für die empfindliche Arznei- und Kulturpflanze bieten.
In Österreich gilt vor allem das Mühlviertel in Oberösterreich als bedeutendstes Hopfengebiet des Landes. Die Kombination aus kühlen Nächten, ausreichender Sonneneinstrahlung und gut durchlässigen Granitverwitterungsböden fördert die Bildung hochwertiger Bitterstoffe und Aromakomponenten.
Rund 90 Prozent des österreichischen Hopfens stammen aus dieser Region. Kleinere, aber qualitativ bemerkenswerte Anbauflächen finden sich auch in der Südsteiermark, insbesondere rund um Leutschach, wo das milde Klima besonders aromatische Sorten hervorbringt.
Historisch spielte auch das Waldviertel eine Rolle, wo der Hopfenanbau heute punktuell wiederbelebt wird.
Über die Landesgrenzen hinaus gehört die bayerische Hallertau zu den wichtigsten Hopfenregionen der Welt und gilt als größtes zusammenhängendes Anbaugebiet überhaupt. Dort werden zahlreiche international gefragte Aromasorten kultiviert.
Ebenfalls traditionsreich ist die Region Tettnang am Bodensee, deren Hopfen für seine feine, ausgewogene Bitterkeit bekannt ist.
In Tschechien genießt die Region rund um die Stadt Žatec mit ihrem berühmten Saazer Hopfen weltweite Anerkennung, während das Savinja-Tal in Slowenien als Zentrum hochwertiger europäischer Aromahopfen gilt.
Diese Regionen prägen nicht nur die Braukultur, sondern liefern auch hochwertige Rohstoffe für die moderne Phytotherapie.
Die besonderen klimatischen Bedingungen – lange Sommertage, gemäßigte Temperaturen und nährstoffreiche, gut belüftete Böden – fördern die Bildung jener bioaktiven Inhaltsstoffe, die Hopfen zu einer medizinisch wertvollen Heilpflanze machen.
Zukunftsperspektiven
Die Forschung zu Hopfen steht trotz jahrhundertelanger Nutzung erst am Anfang. Aktuelle Schwerpunkte sind optimierte Extrakte, neue Darreichungsformen und mögliche Einsatzgebiete in der Prävention chronischer Erkrankungen. Auch funktionelle Lebensmittel mit Hopfenpolyphenolen gewinnen an Bedeutung. Langfristig könnte Hopfen eine Rolle in personalisierten phytotherapeutischen Konzepten spielen.
Fazit
Hopfen ist weit mehr als eine Bierpflanze. Er vereint pharmakologische Komplexität, kulinarische Raffinesse und kulturelle Geschichte in einer einzigen Art.
Die Wahl zur Arzneipflanze des Jahres unterstreicht sein medizinisches Potenzial, insbesondere bei Schlafstörungen, innerer Unruhe und möglicherweise bei Stoffwechselprozessen.
Gleichzeitig eröffnet seine Wiederentdeckung in der Küche neue Genusswelten. Der Echte Hopfen steht exemplarisch für eine moderne Sicht auf Heilpflanzen: wissenschaftlich fundiert, kulinarisch inspirierend und tief in der europäischen Kultur verwurzelt.
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Quellen:
¹ Arzneipflanze des Jahres 2026: Hopfen (PharmaNow)
² Flavonoide als Wirkstoffe in Hopfenextrakten (Diplomarbeit Lisa Maria Neubauer; 2021 | Karl-Franzens-Universität Graz; Institut für Pharmazeutische Wissenschaften)
Wichtiger Hinweis: Allfällige in diesem Artikel angeführte mögliche Heilwirkungen von Pflanzen und Zubereitungen sind nicht als ärztliche Handlungsempfehlungen zu verstehen und ersetzen keinesfalls die fachliche Beratung durch einen Arzt oder Apotheker.
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