Dialyse – ein praxisnaher Patientenratgeber

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Wenn die Nieren ihre lebenswichtigen Aufgaben nicht mehr erfüllen können, stellt die Dialyse für viele Menschen eine neue Realität dar – oft verbunden mit Sorgen, Fragen und Unsicherheit.
Dieser Ratgeber möchte verständlich, einfühlsam und praxisnah erklären, was Dialyse bedeutet, welche Möglichkeiten es gibt und wie Betroffene ihren Alltag bestmöglich gestalten können.
Dialyse – Patientenratgeber – Artikelübersicht:
- Grundwissen: Nieren und Dialyse
- Wann und warum Dialyse notwendig wird
- Ziel der Dialyse
- Formen der Dialyse und Ablauf
- Vor- und Nachteile der Methoden
- Risiken, Nebenwirkungen und Komplikationen
- FAQ – die häufigsten Fragen zur Dialyse
- Praktische Checklisten
- Seriöse Informationsquellen & Unterstützung
- Glossar wichtiger Fachbegriffe
- Linktipps
Die Aussicht auf ein Blutreinigungsverfahren kann verständlcierweise zunächst verunsichern.
Seit 1924 wird die Dialyse als lebensrettendes Ersatzverfahren bei Nierenversagen eingesetzt und hat seither Millionen Menschen ermöglicht, trotz schwerer Nierenerkrankung weiterzuleben.
Moderne Dialyseverfahren sind heute sicher, gut kontrollierbar und individuell anpassbar – und sie bieten die Chance, Symptome zu lindern, Lebenszeit zu gewinnen und neue Stabilität im Alltag zu finden.
Grundwissen: Nieren und Dialyse
Die Nieren sind lebenswichtige Organe. Sie filtern täglich große Mengen Blut, entfernen Stoffwechselendprodukte wie Harnstoff und Kreatinin, regulieren den Wasser- und Elektrolythaushalt, beeinflussen den Blutdruck und tragen zur Hormonbildung bei.
Wenn diese Funktionen dauerhaft oder akut ausfallen, reichern sich Giftstoffe im Körper an und überschüssige Flüssigkeit kann nicht mehr ausgeschieden werden.
Dialyse ist ein Nierenersatzverfahren. Sie übernimmt Teile der Entgiftung und Entwässerung, ersetzt jedoch nicht alle hormonellen Funktionen der Niere.
Umgangssprachlich wird sie als „künstliche Blutwäsche“ bezeichnet.
Wann und warum Dialyse notwendig wird
Eine Dialyse wird notwendig, wenn die Nieren ihre Aufgaben nicht mehr ausreichend erfüllen können.
Häufige Ursachen sind: Diabetes mellitus, Bluthochdruck, chronische Nierenentzündungen, Autoimmunerkrankungen, genetische Nierenerkrankungen, wiederholte akute Nierenschädigungen, Vergiftungen, schwere Infektionen sowie angeborene Fehlbildungen.
Auch nach operativer Entfernung beider Nieren ist eine Dialyse zwingend erforderlich.
Der Funktionsverlust entwickelt sich meist langsam, kann aber auch plötzlich auftreten.
Kriterien für den Dialysebeginn
Der Beginn richtet sich nach Laborwerten und Symptomen.
Wichtige Laborparameter:
– eGFR (geschätzte glomeruläre Filtrationsrate)
– Kreatinin
– Kalium, Natrium, Phosphat
– Säure-Basen-Status
Eine Dialyse wird meist bei sehr niedriger eGFR und/oder gefährlichen Elektrolytstörungen erwogen.
Typische Symptome: Übelkeit, Erbrechen, Appetitlosigkeit, ausgeprägte Müdigkeit, Juckreiz, Wassereinlagerungen, Atemnot, schlecht kontrollierbarer Bluthochdruck, Konzentrationsstörungen.
Ziel der Dialyse
– Lebensverlängerung
– Linderung von Beschwerden
– Vermeidung von Überwässerung, Vergiftungserscheinungen und Herzkomplikationen
– Stabilisierung des inneren Milieus
Formen der Dialyse und Ablauf
- Hämodialyse: Blut wird über einen Gefäßzugang aus dem Körper geleitet, durch einen Filter gereinigt und zurückgeführt. Meist 3-mal pro Woche je 3–5 Stunden.
- Gefäßzugänge: Shunt/Fistel, Gefäßprothese, Dialysekatheter.
- Peritonealdialyse: Das Bauchfell dient als Filter. Dialyselösung wird in die Bauchhöhle eingebracht und nach einigen Stunden gewechselt. Formen: CAPD (manuell) und APD (automatisiert nachts).
- Weitere Verfahren: Hämofiltration, Hämodiafiltration.
Vor- und Nachteile der Methoden
| Verfahren | Vorteile | Nachteile |
|---|---|---|
| Hämodialyse (Zentrum) | Regelmäßige ärztliche Überwachung, hohe Reinigungseffizienz, keine Eigenverantwortung für Technik | Feste Termine, Anfahrtswege, mögliche Kreislaufprobleme |
| Heimhämodialyse | Mehr Flexibilität, individuellere Behandlungszeiten, oft bessere Verträglichkeit | Schulungsbedarf, technischer Aufwand, Platzbedarf |
| Peritonealdialyse | Unabhängigkeit vom Zentrum, bessere Alltagseinbindung, kontinuierliche Reinigung | Infektionsrisiko (Peritonitis), täglicher Aufwand, Verantwortung für Hygiene |
Risiken, Nebenwirkungen und Komplikationen
Dialyse kann den Alltag erheblich beeinflussen und körperliche wie emotionale Belastungen mit sich bringen. Viele Betroffene berichten von vorübergehender Müdigkeit, Kreislaufabfällen oder Muskelkrämpfen während oder nach der Behandlung.
Zu den häufigsten Beschwerden und Problemen nennen Betroffene: Kreislaufabfall, Muskelkrämpfe, Infektionen, Gefäßverschluss, Blutarmut, Knochenstoffwechselstörungen, Mangelernährung.
Infektionen am Zugang wie Shunt, Katheter oder beim Bauchfell (Peritonitis) sind möglich, lassen sich aber durch sorgfältige Hygiene und regelmäßige ärztliche Kontrolle deutlich reduzieren.
Auch langfristige Herausforderungen wie Blutarmut, Veränderungen im Knochenstoffwechsel, Eisen- oder Vitaminmangel sowie Herz-Kreislauf-Probleme können auftreten.
Es ist normal, dass diese Risiken Sorgen auslösen – offene Kommunikation mit dem Dialyseteam, individuelle Anpassung der Therapie und psychosoziale Unterstützung helfen, Belastungen zu mindern und das Leben trotz Dialyse aktiv zu gestalten.
Ernährung und Flüssigkeitsmanagement
Eine angepasste Ernährung ist essenziell, Ernährungsberatung durch Fachpersonal hilft, individuelle Bedürfnisse umzusetzen:
- Flüssigkeitsrestriktion: Überschüssige Flüssigkeit zwischen Dialysen kann zu Ödemen und Atemnot führen.
- Elektrolytkontrolle: Reduzierte Zufuhr von Natrium (Salz), Kalium und Phosphat.
- Proteinzufuhr: Besonders wichtig, weil Dialyse Aminosäuren entfernt – bei Hämodialyse etwa > 1,1 g/kg/Tag, bei PD häufig etwas höher empfohlen.
Psychosoziale Aspekte und Alltag
Dialyse beeinflusst Alltag, Beruf und Beziehungen. Dialyse bedeutet Umstellung des Lebensrhythmus, mögliche berufliche Einschränkungen und emotionale Belastung.
Häufige Gedanken betreffen Verlust von Autonomie, Energie- und Zeitaufwand, emotionale Belastung und Anpassung an einen neuen Lebensrhythmus. Psychosoziale Unterstützung – durch Beratung, Selbsthilfegruppen und Familiennetzwerke – kann Lebensqualität und Bewältigung stärken.
Regelmäßige Gespräche mit Therapie- und Sozialteams sind wichtig.
Vorbereitung, Mitentscheidung und Langzeitperspektive
Eine frühzeitige Aufklärung ermöglicht informierte Entscheidungen – über Modalitäten, Zeitpunkt des Starts und Lebensstil-Integration.
In Stufen fortgeschrittenen CKD (GFR <30 ml/min) sollten Patient:innen über Optionen, Risiken und langfristige Konsequenzen aufgeklärt werden.
Langfristige Perspektiven hängen von Komorbiditäten, Dialyse-Qualität, Zugang zu Transplantation und individueller Gesundheitslage ab.
Eine Nierentransplantation gilt oft als optimale Therapie, sie ist aber nicht für alle verfügbar oder geeignet.
FAQ – die häufigsten Fragen zur Dialyse
Wie lange kann man an der Dialyse leben?
Viele Menschen leben mit Dialyse über Jahre oder Jahrzehnte. Die Lebenserwartung hängt von Grunderkrankungen, Alter, Begleiterkrankungen und Behandlungsqualität ab.
Wie funktioniert Dialyse einfach erklärt?
Dialyse entfernt Giftstoffe und überschüssiges Wasser aus dem Blut, wenn die Nieren das nicht mehr schaffen – entweder über einen Filter außerhalb des Körpers oder über das Bauchfell.
Wie viele Stunden dauert eine Dialyse?
Eine Hämodialyse dauert meist 3–5 Stunden und findet in der Regel drei Mal pro Woche statt. Peritonealdialyse erfolgt täglich, oft verteilt über den Tag oder nachts.
Bei welchen Krankheiten muss man an die Dialyse?
Vor allem bei schwerem Nierenversagen durch Diabetes, Bluthochdruck, chronische Nierenentzündungen, genetische Erkrankungen oder nach Nierenschädigungen.
Praktische Checklisten
Checkliste für das erste Dialysegespräch
- Eigene Krankheitsgeschichte, Laborwerte, GFR-Verlauf
- Erklärung der Dialyseverfahren (HD, PD, Heimdialyse)
- Zugangsmöglichkeiten, Vor-/Nachteile, Risiken
- Ernährungs- und Flüssigkeitsregime
- Klärung sozialer/beruflicher Fragen, Transport und Zeitplan
Notfall- und Reisemitnahmen
- Dialysedaten (Laborwerte, behandelnde Nephrolog:in, Dialyseplan)
- Liste aktueller Medikamente
- Kontaktinformationen des Dialysezentrums
- Planung von Dialyseplätzen am Reiseziel (Terminvereinbarungen)
Notfallausweis
- Niereninsuffizienz-Diagnose, Dialyseform, Zugangstyp (Shunt/Katheter)
- Allergien, Medikamente, Blutgruppe
- Kontaktdaten betreuendes Zentrum
Seriöse Informationsquellen & Unterstützungsangebote (Österreich)
Selbsthilfe Österreich
Selbsthilfegruppe Niere
ÖBIG-Transplant (Gesundheit Österreich GmbH)
Glossar wichtiger Fachbegriffe
eGFR: Geschätzte glomeruläre Filtrationsrate – Maß für Nierenfunktion.
Kreatinin: Stoffwechselprodukt, Marker für Nierenleistung
Shunt:Chirurgisch hergestellter Gefäßzugang
Katheter: Schlauch zur Blut- oder Dialysatführung (temporär oder langfristig)
Peritonitis: Bauchfellentzündung
Elektrolyte: Mineralstoffe im Blut (Kalium, Natrium, Phosphat), deren Balance wichtig für Herz-, Nerven- und Muskelfunktion ist.
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Quellen:
¹ ARGE Niere Österreich
² Österreichische Gesellschaft für Nephrologie
Linktipps
– Was sind Biomarker?
– Nierensteine und Harnsteine (Nephrolithiasis)
– Laborwerte – Gesundheit in Zahlen
– Blutgerinnung | Medizinlexikon
– Organspende in Österreich: die wichtigsten Infos für Spender und Empfänger






