Schlangenbisse – die unterschätze Tropenkrankheit!?

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Schlangenbisse durch Giftschlangen

Nach den Angaben von ÄRZTE OHNE GRENZEN werden jährlich schätzungsweise fünf Millionen Menschen von Schlangen gebissen, von denen 100.000 sterben und 400.000 dauerhaft behindert oder entstellt bleiben. Derart hohe Zahlen lassen aufhorchen und erzielen damit die erwünschte Wirkung. Doch diese Zahlen beruhen „nur“ auf Schätzungen, denn verpflichtende Melderegister und damit zuverlässige Zahlen gibt es kaum. Wir haben deshalb den tropenmedizinischen Berater und Spezialisten für Vernachlässigte Tropenkrankheiten (Neglected Tropical Diseases; NTDs) von ÄRZTE OHNE GRENZEN, Dr. Gabriel Alcoba dazu per E-Mail-Interview befragt.

Schlangenbisse – die Ausgangslage

Die Zahlen der weltweiten Schlangenbissopfer schwanken stark. Viele Länder besitzen keine oder nur unzuverlässige Melderegister zur Häufigkeit von Schlangenbissen und zur Zahl der Todesfälle. Wissenschaftliche Studien zum Thema sind rar. Zudem tauchen viele Bissopfer nie in einem Krankenhaus oder einer Arztpraxis auf, da die medizinische Infrastruktur in ländlichen Bereichen oft fehlt oder die Betroffenen lieber auf traditionelle Heilverfahren zurückgreifen.

Ein Großteil der letalen Unfälle geschehen in Süd- und Südostasien, sowie in Afrika südlich der Sahara. Weitere gefährliche Regionen gibt es in Mittel- und Südamerika, sowie in Australien. Indien dürfte das Land mit den weltweit meisten Schlangenbissen sein. Je nach Quelle liegen die Schätzungen zwischen 5 und 10 Mio. Schlangenbisse pro Jahr mit 20.000 bis 125.000 Todesopfern. Eine enorme jährliche Opferrate, die oft armutsbedingt ist, denn die meisten Opfer kommen aus ländlichen Regionen. Betroffen sind oftmals arme Landarbeiter ohne feste Schuhe und Kinder, die in Erdlöchern spielen. Schlangen kommen auch oft in Hütten und beißen die schlafende Bewohner.

Bis Ende 2016 stuft die WHO Schlangenbisse als „vernachlässigtes Leiden ohne formelles Programm“ ein. Erst im Dezember 2016 werden Schlangenbisse in die Liste der vernachlässigten Tropenkrankheiten aufgenommen.

Interview Dr. Gabriel Alcoba, tropenmedizinischer Berater und Spezialist für Vernachlässigte Tropenkrankheiten

gesund.co.at: Wie hoch sind die dokumentierten Fälle an tödlichen Schlangenbissen in Europa pro Jahr?

Dr. Alcoba: Obwohl es von Schlangenbiss-Experten viele Anstrengungen gibt, liegen nach wie vor wenige offizielle Zahlen und nationale Erhebungen zu Schlangenbissopfern und Todesfällen aufgrund von Schlangenbissen vor. Trotzdem ist die tatsächliche Zahl an Opfern – hauptsächlich außerhalb Europas – hoch. Eine sehr angesehene Studie¹ mit umfangreichen Untersuchungen stammt aus dem Jahr 2008 von Kasturiratne et al., doch auch hier werden die Schätzungen sehr vorsichtig angesetzt und nennen eher nicht das wahre Ausmaß.

Die Schätzungen über Vergiftungen durch Schlangenbisse in Europa liegen zwischen 3.961 bis 9.902 pro Jahr, wobei 48 bis 128 tödlich verlaufen. Diese Zahlen sind natürlich nicht mit den weltweit etwa eine Million Vergiftungen und etwa 125.000 Todesfällen vergleichbar.

Die äußerst geringe Anzahl an Todesopfern in Europa liegt neben der exzellenten medizinischen Versorgung und dem ausreichend vorhandenem Gegengift, vor allem an den vergleichsweise harmlosen Giftschlangen in Europa. Trotzdem gibt es auch hier tödliche Giftschlangen, vor allem wenn es sich bei den Opfern um Kinder handelt. Bei ihnen kann die – im Vergleich zum Körpergewicht hohe – Dosis an Schlangengift durchaus letale Folgen haben.

gesund.co.at: Und weltweit?

Dr. Alcoba: Schlangenbisse verlaufen jährlich ohne Zweifel in mehr als 125.000 Fällen tödlich. Laut WHO liegen die Zahlen zwischen offiziell zwischen 81.000 bis 138.000 (frühere Angaben lauteten auf 20.000 bis 94.000 pro Jahr); darüber hinaus werden etwa 2 Millionen Menschen jedes Jahr von Schlangen gebissen, von denen 400.000 in Folge an Behinderungen oder unter Amputationen leiden. Diese Zahlen sind in etwa vergleichbar oder gleich hoch wie jene tropischer Krankheiten, wie etwa Meningitis und definitiv mehr als Vernachlässigte Tropenkrankheiten (NTDs – Neglected Tropical Diseases).

gesund.co.at: Wie kommt es zu den doch ungleich höheren Zahlen bei den Schätzungen? Wie glaubhaft sind diese?

Dr. Alcoba: Es stimmt, das Spektrum ist sehr groß, das liegt vor allem an den verwendeten Schätzmethoden und den doch zahlreichen Ländern mit wenigen Daten vor allem in Afrika und Asien. Deshalb müssen Schätzungen und Meta-Analysen künftig dieses Konfidenzintervall fraglos besser berücksichtigen.

gesund.co.at: Können Sie uns eine grobe Anleitung für die richtige Verhaltensweise bei einem Schlangenbiss geben?

Dr. Alcoba: Ziehen Sie sich nach dem Biss möglichst vom Territorium der Schlange zurück, da sie als Eindringling und Feind betrachtet werden. Versuchen Sie ruhig zu bleiben und rufen Sie wenn möglich sofort Hilfe. Bedenken Sie: jede Minute zählt, es ist unbedingt notwendig, dass Sie so schnell wie irgend möglich in ein Spital kommen.

  • Versuchen Sie sich die Größe, Kopfform, Farbe und Musterung der Schlange möglichst genau einzuprägen, das erleichtert dem Arzt die Wahl des Serums.
  • Stellen Sie die betroffenen Gliedmaßen ruhig, reinigen Sie die Wunde und decken Sie den Biss mit einem Tuch ab um Infektionen zu vermeiden.
  • Lockern Sie die Bekleidung und legen Sie Ringe und Halsketten ab, da diese als Venenstauer funktionieren, und so die Blutzirkulation beeinträchtigen können. Überhaupt ist jede Art von Druckverband zu unterlassen, da dieser eine Nekrose (unkoordinierten Zelltod, bei dem ein Zellverband abstirbt) oder eine Gangrän und in weiterer Folge eine Amputation nachsichziehen kann.
  • Auch wenn es in Spielfilmen oft als Erste Hilfe Maßnahme dargestellt wird: ein medizinischer Laie sollte die Bisswunde nicht aussaugen, abbinden oder ausschneiden. Diese Praktiken ziehen meist mehr Schaden als Nutzen nach sich.

Da es sehr schwierig ist sofort eine tödliche Schlangenart zu bestimmen, ist rasche medizinische Hilfe die oberste Priorität. Nur medizinisches Personal kann eine ernsthafte Vergiftung bestimmen und über die Verabreichung eines speziellen Gegengiftes entscheiden.

Abschließend noch ein paar Tipps zur Prävention: Tragen Sie immer feste, knöchelhohe Schuhe und treten Sie in Schlangengebieten fest und laut damit auf. Schlangen spüren die Vibration und verstecken sich dann. Auch ein Stecken, mit dem der Weg geräumt wird, ist hilfreich. Sollten Sie in der Nacht unterwegs sein, verwenden Sie unbedingt eine Fackel. Reduzieren Sie hohes Gras und auch Müll vor ihrer Unterkunft, da diese Mäuse und Ratten (potenzielle Beutetiere von Schlangen) anlocken können.

gesund.co.at: Wir danken für das Interview.

Das Gift der Schlangen

– Weltweit sind etwa 400 der 3.400 Schlangenarten als giftig klassifiziert

– In Mitteleuropa gibt es nur wenige giftige Viperarten (Europäische Hornotter, Kreuzotter, Wiesenotter), deren Bisse nur selten lebensbedrohlich sind (ca. 2 % Letalität). Die wenigen in den letzten Jahren berichteten Todesfälle in Europa durch Schlangenbisse wurden durch tropische Giftschlangen in Privatbesitz verursacht (Stand 2010).

– Schlangengifte sind Mischungen von zahlreichen Enzymen, die auf Nervenzellen, Blutgefäßzellen und/oder Blutkörperchen giftig wirken.

– Man kann davon ausgehen, dass nur bei 50 % der Giftschlangenbisse auch wirklich Gift in die Wunde gelangt, da die Schlangen auch sogenannte „Verteidigungsbisse“ oder „trockene Bisse“ ohne Giftinjektion ausführen.

– Einige Kobra Arten verspritzen ihr Gift bis zu einer Entfernung von 3 Metern und treffen oft die Augen des vermeintlichen Angreifers. Augen sofort mit viel Wasser ausspülen – sonbst droht erblinden.

Erste Hilfe nach einem Schlangenbiss

  • Sehen Sie sich die Schlange an, die gebissen hat! Eine genaue Beschreibung der Schlange ist bei der Auswahl des richtigen Gegenserums entscheidend. Prägen sie sich Größe, Kopfform, Farbe und Musterung der Schlange möglichst genau ein, machen sie ein Foto oder – falls die Schlange nach dem Angriff getötet wurde – nehmen Sie sie mit.
  • Bisswunde reinigen und zur Vermeidung von Infektionen abdecken (nach Möglichkeit kalte Umschläge)
  • Keinesfalls versuchen das Gift aus der Wunde zu drücken, zu saugen oder zu schneiden!
  • Einengendes (z.B. Ringe) entfernen, da mit eine starken Schwellung zu rechnen ist
  • Bissstelle ruhig stellen werden, z.B. durch eine Schienung wie bei einem Bruch, Druckstellen aber unbedingt vermeiden.
  • Sollte dies nicht möglich sein, jedenfalls Bewegung im Bereich der Bisswunde möglichst verhindern, damit sich das Gift nicht weiter ausbreitet
  • Liegend und möglichst schneller Transport in ein Krankenhaus. Das Bissopfer sollte nicht selbst gehen, da Bewegung zu einer unnötigen Steigerung der Blutzirkulation führt, was wiederum zu einer schnelleren Verteilung des Giftes im Körper führt.
  • Bei Schmerzen in Folge des Bisses: auf keinen Fall Aspirin verabreichen, da dies das Blut verflüssigt und das Gift so noch mehr Wirkung entfalten kann.
  • Last but not least: Tetanusschutz im Krankenhaus überprüfen!! Wie bei jeder Verletzung mit Tieren, sollten Sie klären ob der Tetanusschutz noch wirksam ist.

Nur in absoluten Ausnahmefällen – etwa nach dem Biss einer extrem giftigen Schlangenart, wie Kobra oder bestimmter Vipernarten – kann es notwendig sein doch die Blutzirkulation zu verringern. Folgende Maßnahmen sind nur dann anzuwenden, wenn nicht innerhalb von 30 Minuten eine ärztliche Versorgung gewährleistet werden kann und man sicher ist, von einer hochgiftigen Schlange gebissen worden zu sein. ACHTUNG: Diese Maßnahmen kann auch kontraindiziert sein!

Blutzirkulation verringern: Ein Verringern der Blutzirkulation kann durch das Anbringen einer Elastikbinde, eines breiten Tuchs, oder eines Verbands erreicht werden. Achtung: Auf keinen Fall darf der Blutkreislauf wirklich fest ‚abgebunden‘ werden. Angelegte Bandagen zur Verringerung der Blutzirkulation dürfen vor dem Erreichen der Klinik nicht wieder gelockert werden, da man sonst das ‚Hereinmschwemmen‘ einer größeren Giftmenge riskiert.

Die wichtigsten Giftschlangen im Überblick

Asien

In Asien sind vier Gruppen von Schlangen für die Mehrzahl der Todesfälle verantwortlich Kobras, Kraits, die Kettenviper und die Sandrasselotter.

Kraits sind extrem gefährliche Giftschlangen, die in vielen Ländern in Süostasien und Südasien vorkommen. In Indien leben rund 8 der 14 Krait-Arten. Der Biss einer Krait schmerzt oft weniger als ein Bienenstich und wird deshalb oft unterschätzt. Erst nach einiger Zeit treten die ersten Symptome wie Lähmungen und Krämpfe auf. Ohne medizinische Hilfe tritt bei 75% der Kraitbisse nach 4 bis 12 Stunden der Tod des Bissopfers durch Atemstillstand ein. Kraits sind nachaktiv. Sie kommen sogar in Häuser und beissen Menschen im Schlaf.

Kettenviper: ihr Gift besteht aus vielen Komponenten, zerstört Zellen und führt zu schweren inneren Blutungen. Die Schlange lebt auf Feldern und in Gärten.

Sandrasselotter: tödlich und macht ein rasselndes Geräusch, wenn sie sich bedroht fühlt. Es ist ein eher kleine Schlange, 50 bis 80 cm lang.

Kobras: Ein Biss einer der 20 Kobraarten ist für Menschen eine tödliche Gefahr.

Australien

Die gefährlichsten Giftschlangen Australiens sind Tigerottern und östliche Braunschlangen. Allerdings sterben nur ein bis zwei Personen in Down Under jährlich an einem Schlangenbiss. Was die beiden Genannten so gefährlich macht: sie halten sich gerne in städtischen Gebieten auf, weil sie dort gerne Ratten und Mäuse fangen.

Mittel- und Südamerika

Hier sind vor allem Klapperschlangen und Lanzenottern zu nennen, wobei die meisten Schlangenbisse auf die gewöhnliche Lanzenotter zurückgehen, die sich mit Vorliebe auf Bananen- und Kaffee-Plantagen herumtreibt.

Afrika

Zu den giftigsten Schlangen Afrikas zählt die Schwarze Mamba, die, wenn sie sich bedrängt fühlt, sehr aggressiv werden kann. Das Gift der Schwarzen Mamba kann einen Menschen innerhalb von 15 Minuten töten. Ebenfalls hoch gefährlich: Kapkobra, Puffotter, Gabunvipe, Boomslang, Uräusschlange (auch bekannt als Ägyptische Kobra)

Giftige Schlangen in Österreich

Kreuzotter: helle Grundfarbe grau-gelb bis braun-rötlich. Die Rückenzeichnung besteht aus einem dunklen Zickzack-Band, ovaler Kopf mit abgerundeter Schnauze, wird 60-70 cm lang. In der Regel ist die Kreuzotter tagaktiv, bei sehr heißem Wetter eher dämmerungs- oder nachtaktiv. Hauptsächlich bodenbewohnend, kann aber auch klettern, z.B. in Heidelbeersträucher.

Sandviper: dreieckig geformten Kopf auf dem ein etwa 7mm langes bewegliches Schnauzenhorn sitzt. Vom Kopf abgesetzt findet sich ein 60 bis 100 cm langer massiger Körper. Die Färbung variiert stark von hellgrau mit einem kräftigen schwarzen Zickzackband auf dem Rückenüber gelbbraun bis rötlich mit graubräunlicher Bandzeichnung. Die Sandvipper ist eine der gefährlichsten Giftschlangen.

Wiesenotter: Die kleinste der europäischen Giftschlangen erreicht eine Länge von nur 40 bis 50cm. Charakteristisch ist der ovale, wenig vom restlichen Körper abgesetzte Kopf mit abgerundeter Schnauzenspitze. Die Farbe ist gelb, braun, grau oder olivgrün.

Gegengifte

Schlangengegengifte bezeichnet man als Antivenin oder Antivenom. Zur Herstellung verwendet man entsprechende Antikörper zu deren Herstellung man Pferde oder Schafe den Toxinen aussetzt. Die daraufhin von den Tieren gebildeten Antikörper werden aus dem Blut extrahiert und als Impfstoff aufbereitet. Die WHO empfiehlt den Einsatz von Antivenin bei Schlangenbissen nur dann, wenn sich eindeutige Vergiftungssymptome am gesamten Körper oder schwere Komplikationen an der Bisswunde zeigen.

Das in Afrika am bereiteste eingesetzte Antivenin, Fav-Afrique von Sanofi, das gegen die zehn giftigsten Schlangengifte südlich der Sahara wirksam war, wird aus Kostengründen nicht mehr hergestellt – mit ein Grund, warum die WHO Schlangenbisse wieder auf die Liste der vernachlässigten Tropenkrankheiten gesetzt hat.

Da üblicherweise jedes Schlangengift ihr eigenes Gegengift braucht das zudem nur begrenzt lagerfähig ist, ist die Produktion schwierig – und für Pharmafirmen zunehmend unrentabel, da Schlangenbissopfer üblicherweise aus der ärmlichen Landbevölkerung stammen und kaum Zugang zu medizinischen Einrichtungen haben – und wenn doch, sich die medizinische Behandlung kaum leisten können.

Mit ein Grund, warum ÄRZTE OHNE GRENZEN sich darum bemühen, das Thema nicht in Vergessenheit geraten zu lassen.

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Quellen:

¹ The global burden of snakebite (PLoS Med. 2008 Nov 4;5(11):e218; Kasturiratne A. et al.) PMID: 18986210
² Snakebite envenoming (José María Gutiérrez, Juan J. Calvete, et al. Instituto Clodomiro Picado, Facultad de Microbiología, Universidad de Costa Rica; 2017)

Linktipps

– Seltene und vernachlässigte tropische Krankheiten
– Reisemedizin: Gesundheitstipps für einen beschwerdefreien Urlaub
– Ebola – die Fieberkrankheit
– Malaria | Krankheitslexikon

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