Omikron: milder Verlauf, aber Long Covid?

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Coronainfektion: milder Verlauf, aber Long Covid?

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Die häufiger milden Verläufe der Omikron-Variante sind möglicherweise trügerisch. Noch ist nämlich nicht klar, ob nicht Menschen auch bei dieser Virusvariante nach einer überstandenen Infektion Long Covid entwickeln.

Omikron ist zwar nachweislich für Einzelpersonen weniger riskant als Delta, doch allein die schwindelerregenden Infektionszahlen bergen gehöriges Gefahrenpotenzial für die Gesellschaft. Stichwort: Long Covid, das wie ein Damoklesschwert über der Pandemie hängt. Die Datenlage dazu ist allerdings noch recht dünn.

Omikron, milder Verlauf, Long Covid – Artikelübersicht:

Aktuell wird viel über „milde Verläufe“ bei Covid-19 Infektionen geschrieben und gesprochen. Das hängt vor allem damit zusammen, dass die sogenannten Omikron-Variante des Coronavirus nicht so sehr auf die Spitalszahlen drückt, ergo viele Infektionen entweder gar keine oder eben nur geringe Symptome auslösen und seltener schwere Verläufe hervorrufen.

Allerdings ist diese Darstellung grob vereinfacht, denn die zentrale Frage lautet: „Milder“ im Verhältnis wozu? „Diese vermeintlich milderen Verläufe sind nur im Vergleich zur Delta-Variante milder. Bei der Schwere der Erkrankung bewegen wir uns bei Ungeimpften in der Größenordnung von Alpha“, sagt die Virologin Monika Redlberger-Fritz von der MedUni Wien, die Mitglied des Nationalen Impfgremiums (NIG) ist.

Zudem sind viele Verläufe allein deshalb milder, weil die Betroffenen schon geimpft sind und deren Immunsystem deshalb mit der Virenattacke gut umgehen kann.

Es wird also Zeit für ein paar Begriffserklärungen und Entwirrungen um die Lage etwas besser einordnen zu können.

Was bedeutet „milder Verlauf“ bei COVID?

Das Hauptproblem des Pandemiemanagements ist, dass Verantwortliche vorausschauend agieren müssen um mögliche zukünftige Probleme zu minimieren oder zu verhindern, dabei können Sie aber nur in den seltensten Fällen auf valide Untersuchungen und abgeschlossene Studien zurückgreifen, weil diese natürlich Zeit brauchen und entsprechende Fallzahlen.

Deshalb hinken entsprechende Auswertungen mit dem aktuellen Geschehen oftmals hinterher, so auch bei der Beurteilung von Krankheitsverläufen. Nun liegen erstmals konkrete Zahlen zu sogenannten „milden“ Verläufen nach Coronainfektionen vor, diese basieren allerdings auf einer Untersuchung im 1. Quartal 2020, also am Beginnn der Pandemie.

Dabei wurde ursprünglich der Verlauf und nachfolgende Symptome von COVID-19 wurden im Detail für Patienten mit schweren Verläufen und der Notwendigkeit für einen Klinikaufenthalt untersucht. Forscher analysierten nun nachträglich, wie sich Symptome bei Patienten mit milden Verläufen im Zeitverlauf darstellten.

Wie sieht also der COVID-19-Verlauf bei mild erkrankten Patienten aus?

Dazu wurden Daten von COVID-19-Patienten in Berlin analysiert, die zwischen März und Mai 2020 Labor-bestätigt mit SARS-CoV-2 infiziert waren und sich zuhause isolierten.

Ergebnis: jeder 3. war mindestens zwei Wochen lang krank, jeder 5. leidet über 2 Monate unter grippeartigen Symptomen, dazu Antriebslosigkeit und Erschöpfungszustände.

In den ersten zwei Wochen von COVID-19 traten vor allem ein allgemeines Krankheitsgefühl, Kopfschmerz und Schnupfen auf.

Das Krankheitsgefühl hielt im Schnitt 11 Tage an, wobei jeder Dritte dieses Symptom auch noch nach 14 Tagen berichtete.

Unter Kopfschmerz und Muskelschmerz litten die Patienten meist in der ersten Krankheitswoche, während Geruchsstörungen und Geschmacksstörungen meist in der zweiten Woche einsetzten. Die Symptome waren nach 30 Tagen noch bei 41 % der Patienten, nach 60 Tagen immerhin noch bei jedem 5. Patienten (also 20 %) zu spüren.

Entscheidende Anmerkung zur dieser Untersuchung: die erkrankten Personen waren allesamt ungeimpft, da zu diesem Zeitpunkt noch keine Impfungen ausgerollt wurden.

Welche Medikamente helfen bei einer Coronainfektion mit leichtem Verlauf?

Die symptomatische Behandlung einer Omikron-Infektion ohne besonderen Verlauf entspricht im Wesentlichen jener von grippalen Infekten. Zum Einsatz kommen klassische Wirkstoffe, die entzündungshemmend, fiebersenkend, gegebenenfalls schleimlösend und/oder schmerzlindernd wirken. Fachkundige Auskunft dazu erteilt ihnen Hausarzt und Apotheker ihres Vertrauens.

Damit können die Symptome gelindert und erträglicher gemacht werden, den Rest erledigt das Immunsystem. Dieses unterstützt man am besten mit Schlaf, Ruhe und Schonung.

Fieber sollte nur gesenkt werden, wenn es eine zu starke Belastung des Organismus darstellt, denn Fieber ist eine wichtige Selbsthilfe-Maßnahme des Körpers, um Krankheitserreger zu bekämpfen.

Achtung: Kurzatmigkeit und Atemnot, dazu ein anhaltend sehr schneller Puls sind Anzeichen für einen schweren Verlauf und möglicherweise für eine Lungenentzündung. Dann ist es unbedingt nötig ein Spital aufzusuchen. Dahin gelangt man am besten mit der Rettung, die vorab über den Verdacht der Infektion zu informieren ist.

Alles anders bei Omikron?

Nun stellt sich zwangsläufig die Frage: Wie sieht es nun bei Omikron aus?

Judith Löffler-Ragg, Fachärztin für Innere Medizin und Pneumologie von der Medizinischen Universität Innsbruck fasst es so zusammen: „Auch Menschen mit mildem Verlauf ohne Hospitalisierung selbst Monate nach der Infektion über vielfältige Symptome klagen: über Müdigkeit, Atembeschwerden, Herzrasen und neurologische Beschwerden. Diese Beschwerden fasst die Wissenschaft schon seit längeren unter dem Begriff „Long Covid“ zusammen.“

Im Gespräch mit DER STANDARD fügt sie an: „Die Bevölkerung sollte schon ein Bewusstsein dafür entwickeln, dass auch milde Verläufe nicht immer harmlos sind.“

Wie schwer ein Verlauf mit Omikron wird, hängt vor allem von zwei Faktoren ab: Impfstatus und Vorerkrankungen.

Zu den Risikofaktoren, die einen schweren Verlauf begünstigen zählen unter anderem:

  • höheres Alter
  • Fettleibigkeit (Adipositas)
  • bestimmte Herz-Kreislauf-Krankheiten wie Bluthochdruck oder koronare Herzerkrankung
  • bestimmte chronische Lungenerkrankungen wie COPD
  • bestimmte chronische Leber- oder Nierenerkrankungen
  • Diabetes mellitus
  • geschwächtes Immunsystem
  • Krebserkrankungen
  • Trisomie 21

Männer erkranken übrigens häufiger schwer an Covid-19 als Frauen, über die genauen Ursachen dafür gibt es Vermutungen aber noch keine endgültigen Beweise.

Gut belegen lässt sich, dass Impfungen das Risiko symptomatischer und schwerer Verläfe reduzieren. Wie stark, das hängt von der Anzahl der Impfungen und/oder einer Genesung ab.

Genauer, wie oft der Organismus Kontakt mit dem sogenannten Spike Protein des Coronavirus hatte.

Nach den jüngsten Erkenntnissen sind drei Spike-Kontakte für gute Immunantwort erforderlich, das weist jedenfalls eine aktuelle Forschungsarbeit aus Deutschland aus. Demnach muss das Immunsystem dreimal mit dem Spike-Protein in Kontakt gekommen sein, um eine qualitativ hochwertige Immunantwort aufzubauen – auch gegen die Omikron-Variante.

Dies trifft auf folgende Personengruppen zu:

  • dreifach Geimpfte („Geboosterte“)
  • Genesene, die zweimal geimpft sind
  • Personen, die nach doppelter Impfung an einer Durchbruchsinfektion litten

Zusätzlich ist zu berücksichtigen, dass diese Personen das Virus weniger lang ausscheiden und somit auch eine geringere Gefahr für die unmittelbare Umgebung sind.

Wie viele Menschen nach einer überstandenen leichten, moderaten oder schweren Infektion überhaupt Long Covid entwickeln, ist bisher aber noch unklar. Aktuell gehen die meisten Forscher von zumindest zehn Prozent der Infizierten aus.

 

Long Covid, Post Covid – was ist das eigentlich?

Aufgrund der hohen Infektionszahlen in der Omikronwelle, wird über die möglichen Konsequenzen für das Gesundheitssystem diskutiert. Dadurch das die hohen Infektionszahlen nicht zu einem ebenso hohen Anstieg der Hospitalisierungen und Belegung der Intensivbetten geführt hat, wird medial von einer „kontrollierten Durchseuchung“ gesprochen.

Laut Schätzungen des Komplexitätsforschers Peter Klimek, Österreichs Wissenschaftler des Jahres 2021, könnten sich im Lauf der Omikron-Welle bis zu 1,7 Millionen Menschen in Österreich mit dem Virus anstecken.

Geht man davon aus, dass – laut vorsichtigen Schätzungen – etwa zehn Prozent der Infizierten an Long Covid laborieren werden, so ist der Schluss naheliegend, dass diese Infektionswelle alles andere als harmlos ist. Betroffen wären nach dieser Einschätzung dann etwa 170.000 Menschen – zu deren persönlichem Leid auch noch der wirtschaftliche Schaden durch Krankenstände und gänzlichen Arbeitsausfall kommt.

Doch was versteht man eigentlich unter Long Covid und der ebenfalls häufig auftauchenden Bezeichnung Post Covid?

Beide Begriffe bezeichnen längere Verläufe, beziehungsweise Spätfolgen, allerdings gibt es (noch) keine einheitliche Definition, die wissenschaftlich bei allen Studien konsistent herangezogen wird.

Long-Covid bezeichnet die Beschwerden, die ab der vierten Woche nach Erstinfektion noch fortbestehen. Anders als der Name vermuten lässt, bezieht sich Long Covid nur auf Beschwerden im ersten Monat nach der Erkrankung.

Von Post-Covid-Syndrom spricht man, wenn die Folgeerscheinungen bzw. Beschwerden bis nach der 12. Woche nach der Erstinfektion andauern oder neu enstehen und durch keine andere Erkrankung erklärbar sind. Hinweis: Menschen, die an Long-Covid leiden, sind übrigens nicht ansteckend.

Die Symptome umfassen Beeinträchtigungen sowohl der körperlichen wie auch der psychischen Gesundheit, welche die Funktionsfähigkeit im Alltag und die Lebensqualität einschränken. Manche fallen mild aus, manche sind lebensverändernd und bestehen über Monate hinweg.

Infografik – Long COVID – die häufigsten Symptome

Infografik – Long COVID – die häufigsten Symptome

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Häufig werden Abgeschlagenheit, Müdigkeit, Erschöpfung, Kurzatmigkeit und eingeschränkte Belastbarkeit (Fatigue), sowie Konzentrations- und Gedächtnisprobleme, Schlafstörungen, Muskelschwäche und Gliederschmerzen genannt. Dazu gesellen sich mitunter auch psychische Probleme wie depressive Symptome und Ängstlichkeit.

Auch Jugendliche sind vor Post-Covid-Symptomen nicht gefeit – betroffen sind vor allem Jugendliche zwischen 15 und 17 Jahren. Bei Kindern bis etwa 11 Jahre ist Long Covid eher selten und meist von kurzer Dauer. Aktuell gilt die These, dass Kinder insgesamt seltener an Long Covid erkranken als Erwachsene.

Allerdings weist Susanne Greber Platzer, Leiterin der Uniklinik für Kinder- und Jugendheilkunde darauf hin, dass auch Kinder und Jugendliche ohne Covid-Erkrankung enorm belastet seien. „Viele sind müde, ob mit oder ohne Infektion. Der ursprüngliche Ausnahmezustand ist längst chronisch geworden, Angst und Stress sind mittlerweile der Normalzustand.“

Nach wie vor wird in Österreich nicht automatisch erhoben, wie viele und wie lange Menschen nach einer Corona-Infektion anhaltende gesundheitliche Probleme haben. Damit ist es auch schwer herauszufinden, ob und in welchem Ausmaß Impfungen auch explizit vor einer Long-Covid-Erkrankung bzw. Post Covid Symptomen schützen.

Der Wiener Neurologe Michael Stingl betont jedenfalls die Notwendigkeit die Langzeitfolgen Long Covid und Post Covid im Pandemiemanagement einzubeziehen. Diese entwickle sich nach aktueller Datenlage unabhängig von der Schwere der Krankheit und häufig auch nach mildem Verlauf.

Zwar reduzieren Impfungen schwerer Verläufe und somit auch die Anzahl länger anhaltender Probleme – auch bei Durchbruchsinfektionen, „aber wie groß diese Reduktion ist, wissen wir einfach nicht.“

Es gibt zwar Rehabilitationsangebote, doch alle unterschiedlichen Symptome, die von Geschmacks- und Geruchsverlust über Organschäden (Lunge, Herz) bis zu neurologischen Schäden reichen können, müssen individuell behandelt werden. „Es gibt bis jetzt keine verlässlich wirksame [einheitliche, Anm. der Redaktion] Therapie.“ so Stingl.

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Quellen:

¹ A longitudinal study on symptom duration and 60-day clinical course in non-hospitalised COVID-19 cases in Berlin, Germany, March to May, 2020
² Three exposures to the spike protein of SARS-CoV-2 by either infection or vaccination elicit superior neutralizing immunity to all variants of concern in Nat Med (2022). https://doi.org/10.1038/s41591-022-01715-4
³ Patientenleitlinie “Long-/Post-COVID-Syndrom“ (PDF)

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