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Cannabis als Medizin

Cannabis als Medizin

Cannabis als Medizin

Der schlechte Ruf des berauschenden Krauts eilt Cannabis nach wie vor voraus. Dabei kann die Hanfpflanze viel mehr als bloß die Sinne vernebeln, vor allem Schmerzmediziner fordern immer lauter den Einsatz zu therapeutischen Zwecken. Und doch wird kaum ein Thema derzeit in Österreich, Deutschland und der Schweiz so kontrovers diskutiert wie Cannabis. Die einen fordern eine vollständige Legalisierung, die anderen setzen sich für die Freigabe von medizinischem Cannabis ein.



Es ging durch die Medien: in Köln wurde drei Schmerzpatienten, denen es bisher schon erlaubt war, medizinischen Cannabis zu konsumieren, gar der Eigenanbau zu Hause zumindest theoretisch genehmigt. Die Schweiz steht an der Schwelle zur Einführung von Cannabis Social Clubs, in deren Rahmen Cannabis angebaut, verkauft und geraucht werden darf. Österreich tut sich hingegen nach wie vor schwer in der Legalisierungs-Debatte. Dabei ist Cannabis eines der ältesten bekannten medizinischen Heilmittel.


Alt bekannte Kulturpflanze wird neu entdeckt

Cannabis, wie die Hanfpflanze botanisch heißt, zählt zu den ältesten Kulturpflanzen der Welt und wird schon seit Jahrtausenden als Arzneimittel eingesetzt. Die älteste Erwähnung datiert auf das Jahr 2737 vor Christus. In einem chinesischen Buch über Ackerbau und Heilpflanzen wird von seiner heilenden Wirkung bei Krankheiten wie Verstopfung, Gicht, Malaria oder Rheuma aber auch Frauenbeschwerden berichtet. In die Schulmedizin hielt Cannabis durch den irischen Arzt William Brooke O’Shaughnessy Einzug.

Dieser hatte die schmerzlindernde und krampflösende Wirkung von Cannabis indica beobachtet und empfahl es anschließend für die Anwendung bei Rheuma, Cholera und Tetanus. Erst in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde Cannabis zunehmend als Rauschmittel klassifiziert und ebenso wie Arzneimittel auf Cannabis-Basis letztlich verboten. In dieser Zeit war auch die Forschung mit Cannabis untersagt, erst Ende der 1980er Jahre gelang die Entdeckung des Endocannabinoid-Systems, was die Basis für ein umfassendes Verständnis der Wirkungsweise der Cannabinoide legte.

Heute ist Cannabis wieder häufiger in der medizinischen Anwendung zu finden und kann, wenn gesetzlich erlaubt, bei zahlreichen Beschwerden auf Rezept verschrieben werden. Unter anderem wird es zur Bekämpfung der Krankheitssymptome von Multipler Sklerose, Krebs, Aids, Rheuma, Arthritis, Tourette-Syndrom, Grünem Star oder auch chronischen Schmerzen eingesetzt. Trotz der erwiesenen Wirksamkeit ist Cannabis allerdings längst nicht in allen Ländern als Arznei erlaubt. Bisher haben Kanada, Spanien, Israel, die Niederlande, Finnland, Italien, Portugal und 22 Bundesstaaten der USA medizinischen Cannabis legalisiert. Im Rest der Welt herrschen immer noch große Vorbehalte gegenüber der Pflanze.


Hanf ist nicht gleich Hanf: Rohstoff, Rausch- oder Arzneimittel

Hanf ist nicht gleich Hanf, in Deutschland darf seit 1996 wieder Nutzhanf angepflanzt werden. Diese Bestimmung schließt Sorten ein, deren THC-Gehalt (Tetrahydrocannabinol) sehr gering ist und damit als Rauschmittel nicht in Frage kommt. Nutzhanf wird als Alternative zu Kunstfasern in der Textilindustrie verwendet, kann aber auch zu Papier verarbeitet werden oder als Dämmstoff verwendet werden.

Für die Medizin sind allerding gerade die THC-haltigen Hanfsorten interessant. THC, beeinflusst zwar das Bewusstsein, wirkt aber auch schmerzstillend, entzündungshemmend und appetitanregend. Neben THC haben auch die Inhaltsstoffe Cannabidiol (CBD), Cannabinol (CBN) und Cannabichromen (CBC) nachweisbare positive Effekte gegen einige Krankheiten.

2011 wurde Cannabis dann auch in Deutschland als Medikament zugelassen – seither dürfen deutsche Ärzte ihren Patienten in bestimmten Fällen THC verordnen. In Österreich hingegen unterliegt natürliches Cannabis nach wie vor einem generellen Verschreibungsverbot.

Paragraph 14, Abschnitt 3 der Suchtgiftverordnung besagt, dass „Zubereitungen aus Heroin, Cannabis, Cocablättern, Ecgonin und den im Anhang V dieser Verordnung angeführten Stoffe“ nicht verschrieben werden dürfen. Zu den in Anhang V erwähnten Stoffen gehört auch Tetrahydrocannabinol (THC), neben Cannabidiol (CBD) der Hauptwirkstoff in Cannabis.²

Diese Vorgabe lässt jedoch eine Lücke in der Gesetzgebung offen, denn Arzneimittel, die auf der Basis von synthetisch hergestelltem THC produziert werden, sind im Verbot nicht mit eingeschlossen. Synthetisch hergestelltes THC ist keine Zubereitung aus Cannabis und kann daher ganz legal verschrieben werden. Der international gültige Name für synthetisches THC lautet Dronabinol. Medikamente, die auf dessen Basis entstehen, sind seit 1998 verschreibungsfähig und können nach entsprechendem Auftrag von den Apotheken hergestellt werden. In den USA und Kanada gibt es mit Marinol ein offizielles Fertigarzneimittel, das Dronabinol enthält.


Cannabis für medizinische Zwecke

Für den Wiener Allgemeinmediziner Dr. Kurt Blaas – Unterstützer der Petition für den Einsatz von Cannabis als Medizin in Österreich – sind diese Details allerdings nur Nebenschauplätze. Seiner Erfahrung nach bietet die Einnahme von THC vor allem bei Nervenschmerzen (Rückenschmerzen, eingeklemmter Nerv, aber auch neurologische Beschwerden nach Schlaganfällen) enormes therapeutisches Potenzial.

„Gemütsleiden wie etwa Depressionen, Erschöpfungszustände wie das Burnout-Syndrom oder Schlafstörungen können sehr effektiv mit THC behandelt werden“, so Dr. Blaas. Zudem kann Cannabis bei Patienten mit Multipler Sklerose eingesetzt werden, da es hilft Muskelkrämpfe und Spasmen zu reduzieren und dabei auch schmerzlindernd wirkt. So überrascht es wenig, dass etwa in Frankreich bereits knapp 30 % der Multiple-Sklerose-Patienten Cannabis nehmen um ihre Schmerzen zu lindern.

Auch bei Krebs, AIDS, Hepatitis, Tourette-Syndrom, Myopathie oder Darmerkrankungen lassen sich viele Symptome mit Hilfe von Cannabis-Medikamenten lindern oder das Fortschreiten der jeweiligen Krankheit verlangsamen. Wie beinahe jeder Wirkstoff, hat aber auch Cannabis unerwünschte Wirkungen. Zu den häufigsten Nebenwirkungen zählen Schwindel, Gedächtnisverlust, Konzentrations- und Wahrnehmungsstörungen. Bei der gegenwärtigen Forschung geht es deshalb auch darum, diese zu identifizieren und zu beseitigen, damit der Wirkstoff der Hanfpflanze möglichst rasch in Arzneimitteln verwendet werden kann.

Vor einer unkontrollierten Freigabe warnen Experten aber auch aus anderen Gründen. „Wenn Cannabis in der Jugend geraucht wird, kommt es zu irreversiblen Schädigungen. Da die Gehirnentwicklung von Jugendlichen bis in die späte Pubertät reicht, würden in dieser Phase die Hirnsynapsen nicht mehr korrekt gebildet, was zu permanenten Veränderungen des Gehirns sowie zu einem erhöhten Auftreten von Psychosen und Schizophrenie führen kann.“ so der Professor Beat Lutz, Experte in Sachen Endocannabinoide am Institut für Physiologische Chemie der Universitätsmedizin Mainz.

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Quellen:

¹ sensiseeds.com: Medizinisches Cannabis auf Rezept
² Österreichische Suchtgiftverordnung
³ Dr. Kurt Blaas, Cannabismedizin

Linktipps:

– Cannabis gegen Schmerzen
– Cannabis und Gesundheit
– Wundermittel Hanf: vom Rausch- zum Arzneimittel