Reaktorunfall in Japan – medizinische Fakten und Konsequenzen

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Strahlenschutz, Strahlung, Dr. Staudenherz

Durch die unpräzise Berichterstattung vieler Medien und die zögerliche und unvollständige Informationspolitik der Betreiber des Reaktors in Fukushima ist die Verunsicherung in der Bevölkerung groß. Wir sprachen deshalb mit Dr. Anton Staudenherz, dem Leiter der Szintigraphieambulanz der Univ. Klinik für Nuklearmedizin im AKH und geschäftsführenden Vizepräsidenten des Verbandes für medizinischen Strahlenschutz in Österreich, über die medizinischen Fakten eines solch gravierenden Zwischenfalls und welche Konsequenzen sich daraus ergeben können.

gesund.co.at: Inwiefern unterscheiden sich die beiden Katastrophen von Tschernobyl und Fukushima?

Dr. Staudenherz: Es handelt sich um zwei unterschiedliche Reaktortypen! Tschernobyl ist ein graphitmoderierter Siedewasser-Druckröhrenreaktor (RBMK = Bolschoi Moschtschnoski-Kanalny bzw. Hochleistungsreaktor mit Kanälen), Fukushima ist ein Siedewasserreaktor.

Laut Angaben der Regierung in Japan wurde nur 1/10 der Aktivität von Tschernobyl in Fukushima freigesetzt. Es gab auch keine gleichzusetzende Explosion in Fukushima. Trotzdem sind beide Unfälle in der Internationalen Bewertungsskala für nukleare Ereignisse (INES) auf Stufe 7 eingeordnet (= katastrophale Unfälle). Diese Skala wurde von der IAEO und OECD entwickelt. Wenn man Fukushima mit einem vorangegangenen Unfall vergleichen will, ist am ehesten der Unfall in Three Mile Island geeignet (INES: 5).

gesund.co.at: Welche Arten radioaktiver Strahlung gibt es und welche Bedrohung für die Umwelt geht davon aus?

Dr. Staudenherz: Es gibt Alpha-, Beta-, Gamma- und Neutronenstrahlung. Wobei Radioaktivität generell ein natürliches Phänomen ist. Das heißt, wir Menschen sind ständig natürlicher Radioaktivität ausgesetzt. Die weltweite durchschnittliche Dosisleistung pro Jahr beträgt 2,4 mSv (Millisievert). Der Mensch hat vor allem durch oberirdische Atombomenversuche in den 40-iger bis 60-iger Jahren dazu beigetragen, diese natürliche Hintergrundstrahlung zu erweitern. Das heißt, es sind einige µSv an Dosisleistung hinzugekommen. Für die Umwelt gibt es keine wesentliche Bedrohung, außer direkt am Ort der Katastrophe – in dieser Hinsicht sind andere menschliche Fehler wesentlich gravierender, wie z. B. die Ölkatastrophen, die das Ökosystem wirklich belasten!

gesund.co.at: Bleiben Kontaminationen örtlich begrenzt oder stellen Vorfälle wie jener in Fukushima eine nachhaltige globale Bedrohung für Mensch und Tier dar – Stichwort verseuchte Lebensmittel?

Dr. Staudenherz: Kontaminationen stellen in erster Linie örtlich ein Problem dar. Dieses kann beträchtlich sein, vor allem, wenn Grundwasser kontaminiert wird. Durch den Verdünnungsfaktor bei der Verfrachtung über Luft und Meerwasser haben wir aber sicher keine globale Bedrohung zu erwarten. Die bisherigen Messwerte zeigen und beweisen dies auch.

gesund.co.at: Ab wann und in welchen Dosen ist Strahlung schädlich – mit welchen Folgen ist kurz-, mittel- und langfristig zu rechnen?

Dr. Staudenherz: Radioakivität bzw. ionisierende Strahlung ist nur dann akut, d. h. kurzfristig, für den Menschen schädlich, wenn eine sehr hohe Dosis einwirkt. Ab etwa 250 mSv sind akute Effekte messbar. Mittel- oder langfristige Effekte sind genetische Veränderungen bzw. die Entstehung von Karzinomen. Hier gibt es keine Grenzwerte. Hier gilt das „ALARA“ Prinzip („As Low As Reasonably Achievable“ = „so niedrig wie vernünftigerweise erreichbar“). Das heißt, ich werde niemandem einer (zusätzlich zur natürlichen) radioaktiven Strahlung aussetzen, wenn nicht notwendig, und mich so weit wie möglich von der Strahlenquelle fernhalten bzw. auch den Aufenthalt in der Nähe dieser Strahlenquelle so kurz wie möglich halten. Wichtig ist vor allem, dass man radioaktive kontaminierte Lebensmittel vermeidet! All dies ist in Österreich durch die Strahlenschutzgesetzgebung geregelt und wird vor allem im medizinischen Bereich vorbildlich durchgeführt.

gesund.co.at: Warum sind stillende Mütter, Babys und Kleinkinder besonders gefährdet, welchen sinnvollen Schutz gibt es im Anlassfall?

Dr. Staudenherz: Babys wachsen und dies bedeutet eine enorme Zellteilung, und sie haben eine andere Physiologie (Stoffwechselvorgänge und Durchblutung). Das macht sie empfindlicher gegenüber ionisierender Strahlung. Deswegen werden auch Untersuchungen oder Verfahren, bei denen radioaktive Strahlung in der Medizin eingesetzt werden, sehr streng überwacht. Bei stillenden Müttern ändert sich die Jodkonzentration in der Muttermilch (nicht radioaktives Jod ist wichtig für die Entwicklung des Kindes) mit der Laktationsperiode. Das gleiche gilt für Caesium und Strontium. Alle drei Isotope erscheinen also wirklich in der Muttermilch.

Deshalb ist es besonders wichtig, einen Transfer dieser Elemente auf die Kleinkinder zu verhindern. Solange aber die Mutter diese Elemente nicht aufnimmt, kann auch keine Übertragung stattfinden. Das heißt, der wirksamste Schutz ist die Vermeidung einer Kontamination (im Anlassfall also zu Hause bleiben) und das Vermeiden des Verzehrs radioaktiv kontaminierter Lebensmittel. In Österreich wird die Luft ständig überwacht, eine relevante Erhöhung dadurch registriert und entsprechend gewarnt. Überdies werden die Lebensmittel von der AGES überwacht.

gesund.co.at: Zwanzig Jahre nach der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl: Wie hoch war die Strahlenbelastung in Österreich damals und wie sieht das Verhältnis zur natürlichen, kosmischen bzw. medizinischen Strahlenbelastung im Alltag aus – verursacht etwa durch nuklearmedizinische oder radiologische Untersuchungen bzw. Langstreckenflüge usw.?

Dr. Staudenherz: Im Fall der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl wissen wir, dass die zusätzliche Dosisleistung im Jahr 1986 für Österreich im Durchschnitt bei 0,5 mSv lag. Im Vergleich dazu liegt die durchschnittliche natürliche Hintergrundstrahlung bei 2,4 mSv/Jahr (weltweit). Bei medizinischen Untersuchungen liegt die Dosis bei < 0,01 mSv bis 20 mSv pro Untersuchung. Es hängt von der Untersuchung selbst ab und vom Aufnahmeverfahren (z. B. Computertomografie, Szintigrafie, usw.). Bei Flugreisen ist man ebenfalls einer radioaktiven Strahlung ausgesetzt. Diese ist abhängig von der Route, Flugdauer, Flughöhe und liegt in etwa bei etwa 80 µSv (also 0,08 mSv) bei einem Transatlantikflug (Wien-New York-Wien).

Interview: Kave Atefie

Linktipps

– Was ist Nuklearmedizin?
– Verband für medizinischen Strahlenschutz in Österreich
– Radioaktive Strahlung – Auswirkungen auf die Gesundheit

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