Dumm und krank durch das Smartphone?

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Dumm und krank durch das Smartphone?

Ein Leben ohne Smartphone ist für die meisten von uns nicht mehr vorstellbar. Es gibt nur wenige Erfindungen der Neuzeit, die unser aller Leben so sehr verändert haben wie dieses kleine Gerät, mit dem man eben nicht nur telefonieren kann. Aber was macht das mit uns, wenn wir nicht nur ständig erreichbar sind – via Telefon, sms, Whats App, Mail & Co – sondern auch jede freie Minute unseres Lebens dazu nutzen können, uns durch einen Blick auf den Bildschirm abzulenken? Ist das Smartphone tatsächlich ein Segen oder macht es uns vielmehr dumm und krank?

Dumm und krank durchs Smartphone?- Artikelübersicht:

Als das Iphone vor rund 12 Jahren erstmals präsentiert wurde, hat wohl nicht mal sein Erfinder Steve Jobs damit gerechnet, dass es so rasch weltweite Verbreitung findet. Allein sechs Millionen Österreicher nutzen das „schlaue Telefon“, wie die wörtliche Übersetzung heißt, täglich und das im Durchschnitt 3,25 Stunden pro Tag. Und ja, das Smartphone erleichtert unser Leben ohne Zweifel in vielerlei Hinsicht. Aber was so oft im Leben gilt, gilt auch für die Nutzung des Smartphones: auf die Dosis kommt es an, und wer nicht ab und zu sein Gerät auch mal abschaltet, tut sich und seiner Umwelt nichts Gutes.

Dumm und krank durchs Smartphone?

Wissenschafter unterschiedlichster Fachrichtungen beklagen zunehmend die Schattenseiten des Smartphones. Übermäßige Nutzung sei mitverantwortlich dafür, dass unser aller Konzentrationsfähigkeit seit Jahren abnimmt. Das beklagen nicht nur Pädagogen, sondern auch Psychologen und Psychiater. Immer mehr Professionen befassen sich auch mit der neuen Suchtausprägung „Handysucht“.

Es gibt mittlerweile tatsächlich Einrichtungen und Selbsthilfegruppen für Menschen, die zwanghaft ihr Handy checken müssen und dafür sogar nachts aufstehen um keine Entzugserscheinungen zu spüren.

Aber auch Unfallchirurgen und Orthopäden haben smartphone-bedingt regen Zulauf. Da gibt es den Tetris- oder SMS Daumen – quasi ein Tennisarm 4.0 – und Social Media Opfer, die im Selfierausch verunfallen.

Eigentlich kaum zu glauben, welches Gefährdungspotential so ein kleines Gerät hat. Sind wir also nicht smart genug sind, um mit dem smarten Gerät vernünftig umzugehen?

Teufelskreis Ablenkung

Das Smartphone bietet permanente Ablenkung. Man kann telefonieren, Nachrichten schreiben, im Internet surfen, den Facebook Account checken, lesen, fotografieren, Banküberweisungen tätigen, Fernsehen, einkaufen…

Doch diese Multifunktionalität des Smartphones verleitet uns dazu, anzunehmen, auch wir seien multitaskfähig und könnten sekundenschnell zwischen verschiedenen Tätigkeiten „herumswitchen“. Doch Fakt ist: immer mehr Menschen haben immer kürzere Aufmerksamkeitsspannen. Und gleichzeitig verlangt unser Gehirn immer nach „mehr“, nach noch mehr Abwechslung – und diese wiederum bietet das Smartphone. Ein Teufelskreis?

Wissenschafter haben herausgefunden, dass das schnelle Hin- und her-switchen zwischen verschiedenen Betätigungen rund 40 Prozent unseres Gehirnarbeitsspeichers verbraucht. Alleine nur das Switchen – ohne Tätigkeit selbst!

Zudem verlernen wir durch das Herumgewische uns auf eine (sic!) Sache zu konzentrieren. Der häufige Wechsel zwischen den meist nur sehr kurz andauernden Smartphoneaktivitäten führt nämlich dazu, dass unsere Konzentrationsfähigkeit messbar abnimmt. Studien haben gezeigt, dass sich nur wenige Menschen – und es werden jährlich weniger – länger als zwei Minuten auf eine Sache konzentrieren können!

Das Fatale daran ist, dass viele der Betätigungen, die wir am Handy durchführen, dergestalt sind, dass unser Gehirn „mehr“ davon will. Soziale Medien, wie Facebook, Instagram und Co funktionieren über Belohnungssysteme. Wir posten etwas, freuen uns über likes, unser Gehirn schüttet das Glückshormon Dopamin aus, wir wollen noch mehr likes, weswegen wir wieder etwas posten… und so weiter und so fort.

Wo ist mein Fokus?

Dr. Dominik Batthyány, Leiter des Instituts für Verhaltenssüchte an der psychotherapeutischen Ambulanz der Wiener Sigmund Freud Privat Universität beschäftigt sich wissenschaftlich mit dem Thema. Er hat festgestellt, dass ein Übermaß an Smartphone bedingter Mediennutzung schlichtweg und in aller Kürze zusammengefasst „dumm“ macht.

Die dauernd verfügbare Ablenkung verhindert nämlich, dass Menschen auch mal nichts tun und ihre Gedanken schweifen lassen. Die Redewendung „ins Narrenkastl schauen“ hat mittlerweile eine völlig neue Bedeutung gewonnen. Denn früher meinte sie, dass jemand einfach „in die Luft schaut“…

Jahrtausendelange waren die größten Erfindungen und Entdeckungen unter anderem Ergebnis von Müßiggang und Langeweile. Man denke nur an Newton unter dem Apfelbaum und seine Entdeckung der Schwerkraft. Doch wer sich dauernd mit seinem Smartphone ablenkt kriegt den Kopf ja gar nicht mehr frei für neue Ideen. Im wahrsten Wortsinn fehlen Raum und Zeit um in Gedanken zu schwelgen oder aktiv an einem Thema zu arbeiten, wenn man sich permanent passiv berieseln lassen kann. Mittlerweile gilt als sicher, dass Smartphones unsere Phantasie beeinträchtigen.

Doch nicht nur unsere Phantasie leidet unter der Dauernutzung des Smartphones. Auch emotional kann ein übermäßiger Gebrauch Schaden anrichten. Ganz abgesehen davon, dass wir unsere Mitmenschen und deren Emotionen einfach umso weniger wahrnehmen, je mehr wir uns nur mit unserem Smartphone beschäftigen und den Blick einfach nicht heben, gibt es noch eine ganz essentielle Frage, die uns in den nächsten Jahrzehnten beschäftigen wird. Wie wirkt sich der Dauergebrauch dieses kleinen Gerätes eigentlich auf die Entwicklung von Kindern aus?

Vater, Mutter, Kind, Smartphone

Wer mit offenen Augen durch die Straßen geht, wird nicht widersprechen: Smartphones haben ihren fixen Platz im Familiensystem. Egal, ob bei der Straßenbahnhaltestelle, am Spielplatz, oder im Kaffeehaus – immer mehr Eltern schauen lieber auf ihr Smartphone anstatt in den Kinderwagen oder den größeren Kids beim Spielen zu.

Ebenfalls häufig zu beobachten sind Väter oder Mütter, die ihren Kindern ein Smartphone oder Tablett in die Hand drücken, um sie zu „beschäftigen“ – und ihre Ruhe zu haben. Doch bedingt durch den Dauerblick aufs Smartphone verpassen wir soziale und emotionale Erlebnisse und das gilt nicht nur für Erwachsene, sondern – viel bedenklicher – auch für Kinder.In Wahrheit kann heute noch niemand voraussagen, wie sich diese Entwicklung auf die Erwachsenen von morgen auswirkt. Was Psychologen aber wissen, ist, dass zunhemend Emotionalität verloren geht.

Wer sich in sein Smartphone zurückzieht und keinen Blick für das Außen hat, verpasst etwas. Denn wir Menschen sind soziale Wesen und erleben uns – auch – durch die Wahrnehmung der anderen. Wem diese Erfahrung fehlt, hat weniger Chance, sich selbst zu spüren und seinen Körper und Geist kennenzulernen. Doch wer sich selbst nicht spürt, wird auch den anderen nicht spüren lernen. Experten befürchten daher, dass die „Generation Smartphone“ weniger emphatisch sein wird, einfach weil sie viel weniger Gelegenheit hat, Empathie zu lernen.

Offline Luxus

Doch was tun? Handyverbot aussprechen? Smartphone-freie Plätze einrichten? Was für manche wie ein Scherz klingt ist vielerorts Realität. Immer mehr Lokale und sogar ganze Hotels richten „Smartphone-Erholungszonen“ ein und auch Reise- und Seminaranbieter springen auf den Zug auf und bieten „Smartphone-Fastenkuren“ oder „Offline-Coachings“ an.

Doch eigentlich sollten ein wenig Disziplin und der gesunde Menschenverstand ausreichen, um zu verhindern, dass einen das eigene Smartphone dumm und krank macht. Natürlich ist es verlockend, all die Möglichkeiten, die das Phone bietet, immer und überall zu nutzen. Doch wie eine alte Redewendung schon weiß: Gelegenheit macht Diebe und es wäre sicher schlauer, wenn wir und ab und zu der Möglichkeit, alles immer sofort machen zu können, entsagen.

Das kann entweder mittels eigener Apps, die z.B. sicherstellen, dass You Tube und Co nur zu bestimmten Zeiten „funktionieren“, gelingen. Oder durch Einstellungen am Gerät selbst oder indem man sich die Mails eben nicht aufs Handy weiterleiten lässt oder schlichtweg durch Disziplin.

Probieren Sie es einfach aus – Sie werden sehen, es tut gut! Denn abgesehen davon, dass uns die Dauererreichbarkeit unter permanenten Stress setzt, schadet uns der regelmässige Blick aufs Display auch körperlich. Kopf und Nackenschmerzen, trockene Augen, entzündete Finger sind nur einige der „Smartphone Symptome“.

Es gibt sehr viele Gründe, das Smartphone auch mal abzuschalten – und zwar nicht nur uns, sondern auch unseren Mitmenschen und vor allem unseren Kindern zu liebe.

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Quellen:

¹ Association between Exposure to Smartphones and Ocular Health in Adolescents (Kim J., Hwang Y. et al. in Ophthalmic Epidemiol. 2016 Aug;23(4):269-76)
²
Handy ohne Risiko? Mit Sicherheit mobil – ein Ratgeber für Eltern

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Linktipps

– Handystrahlen – Experten raten zu verantwortungsvollem Umgang mit Mobiltelefonen
– Kindgerechter Umgang mit Handy und Smartphone
– Smartphones als Gesundheitsmanager
– Smartphones & Internet – Elternguide für Kids und Teens

Fotocredit: Bild von Free-Photos auf Pixabay.com

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