Agoraphobie – Ursachen, Symptome, Hilfe

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Agoraphobie

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Unter Agoraphobie werden eine Reihe psychischer Störungen zusammengefasst, die dazu führen, dass die Betroffenen generell nicht mehr aus dem Haus gehen möchten weil sie Angst vor Menschenansammlungen und Situationen haben, in denen sie ihre Umgebung als unsicher empfinden.

Wörtlich aus dem Altgriechischen übersetzt bedeutet Agoraphobie zwar „Platzangst“, mit Klaustrophobie hat das seelische Leiden aber nur wenige Gemeinsamkeiten.

Was ist Agoraphobie – Artikelübersicht:

Im folgenden Artikel erfahren Sie die Hintergründe und Ursachen der in Österreich zunehmend verbreiteten Agoraphobie und erhalten wertvolle Tipps für eine schnelle Hilfe, wenn Sie selbst oder jemand, der Ihnen nahe steht, betroffen ist.

Was ist Agoraphobie

Weil es immer wieder zu Mißverständnissen kommt, haben wir Experten befragt, um herauszufinden, was denn nun Agoraphobie wirklich ist und welche Auslöser einen Ausbruch der Krankheit begünstigen.

Agoraphobie zählt zu den Angststörungen und ist durch die Angst vor Menschenmassen, vor Plätzen, Orten und Siuationen gekennzeichnet, an denen es schwierig ist zu entkommen oder an denen möglicherweise keine Hilfe verfügbar ist.

Häufig wird eine Agoraphobie in Kombination mit anderen Krankheiten wie einer Panikstörung diagnostiziert. Dabei können sich die Betroffenen schon beim Gedanken an die große weite Welt derartig verkrampfen, dass mitunter sogar medikamentös nachgeholfen werden muss, um die normalen Körperfunktionen wiederherzustellen.

Typisches Symptom sind bei betroffenen Person mit Agoraphobie, Panikattacken. Diese Panikattacken können entweder leicht oder extrem ausfallen und von einer harmlosen Hyperventilation bis hin zur kompletten Bewusstlosigkeit führen.

Typische körperliche Symptome

  • Druck und/oder Schmerzen in der Brust
  • Übelkeit oder andere Magenbeschwerden
  • Schwindel oder Ohnmacht
  • Kurzatmigkeit
  • Herzrasen
  • Schwitzen
  • Zittern

Woher kommt die Angst vor Menschenansammlungen und großen Plätzen?

Die genaue Ursache der Agoraphobie ist nach wie vor unbekannt. Es wird aber angenommen, dass Agoraphobie auf einer Kombination von genetischen und Umweltfaktoren beruht.

Agoraphobie tritt manchmal auf, wenn eine Person eine Panikattacke hatte und beginnt, Situationen zu fürchten, die zu einer weiteren Panikattacke führen könnten.

Häufigkeit

  • Angststörungen treten bei Frauen wesentlich häufiger auf als bei Männern.
  • Das häufigste Alter liegt zwischen 25 und 35 Jahren.
  • Agoraphobie zählt zu den am wenigsten häufigen Formen innerhalb der Angststörungen (z.B. Generalisierte Angststörung, Soziophobie bzw. soziale Angststörung, Spezifische Phobien, Zwangsstörungen, Posttraumatische Belastungsstörung).

Die 12-Monats-Prävalenz von Panikstörung / Agoraphobie beträgt nur etwa 6%. Diese Kennzahl für die Krankheitshäufigkeit sagt aus, dass über diesen Zeitraum nur 6 Prozent aus der Patientengruppe mit Angststörungen unter dieser bestimmten Form leiden.

Zu den prominentesten Vertretern von Menschen mit Agoraphobie zählen laut Online-Enzyklopädie Wikipedia unter anderem die österreichische Schriftstellerin Elfriede Jelinek, der US Schauspieler, Autor und Regiesseur Woody Allen, seine amerikanischen Kollegen Daryl Hannah und Kim Basinger, sowie der US Sänger Brian Wilson von der Band The Beach Boys.

Unterschied zwischen Klaustrophobie und Agoraphobie

Klaustrophobie wird umgangssprachlich häufig als Platzangst bezeichnet. Doch das ist falsch und schwer irreführend, denn Klaustrophobie bezeichnet die Angst vor engen Räumen (und wenig Platz), während hingegen die Psychologie den Begriff Platzangst für die Agoraphobie verwendet, bei der die Betroffenen Furcht vor offenen, weiten Plätzen haben.

Agoraphobie (Platzangst) ist also in Wirklichkeit das genaue Gegenteil von Klaustrophobie (Angst vor kleinen Räumen und/oder großen Menschenansammlungen).

Ein Beispiel zur Veranschaulichung des Unterschieds: Ein sich schließender Aufzug stellt für Klaustrophobiker eine besondere Bedrohung dar, während sich ein an Agoraphobie leidender Mensch gelassener und sicherer fühlt und daher sofort mehr entspannt, sobald sich die Aufzugstür geschlossen hat.

Therapie: Behandlungsmöglichkeiten bei Agoraphobie

Zu den Therapiemöglichkeiten zählen neben der Psychotherapie auch die medikamentöse Behandlung.

Psychotherapie

  • Konfrontationstherapie
  • Wie bei jeder Form der Angststörung ist eine Konfrontationstherapie am besten geeignet, im Fall von Agoraphobie bedeutet das, dass trotz großer Angst keine Menschenansammlungen oder öffentliche Plätze gemieden werden sollten.

  • Psychodynamische Psychotherapie
  • Dabei handelt es sich um eine Form der Tiefenpsychologie, deren Fokus darauf liegt, den unbewussten Inhalt der Psyche eines Klienten aufzudecken, um psychische Spannungen und Angstzustände zu lindern.

  • Kognitive Verhaltenstherapie (KVT)
  • Basis dieser gut etablierten Therapieform ist die Annahme, dass belastende Erlebens- und Verhaltensweisen im Verlauf des Lebens erworben bzw. erlernt und durch ungünstige Reaktionen aufrechterhalten werden. Durch gezielte Verhaltensänderung sollen vor allem die aufrechterhaltenden Bedingungen abgebaut werden.

Pharmakotherapie

Bei den psychopharmazeutischen Medikamenten haben sich bei Agoraphobie vor allem Antidepressiva aus der Gruppe der sogenannten Selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmer bewährt. Das größet Plus: sie sind relativ gut verträglich und verursachen keine Abhängigkeit.

Allerhöchste Vorsicht und hohe Erfahrungswerte des behandelnden Arztes sind allerdings beim Einsatz von direkt angstlösenden Medikamenten aus der Wirkstoffgruppe der Benzodiazepine geboten. Sie haben zwar kurzfristig eine sehr gute Wirksamkeit, weil sie bereits kurz nach der Einnahme eine deutliche Minderung der Angst bewirken, doch längerfristig führen sie zu einer Abhängigkeit, die dann nur schwer behandelbar ist.

Gehen Sie mit einem ängstlichen Menschen im Freundes- oder Verwandtenkreis behutsam und verständnisvoll um, denken Sie vor allem daran, selbst ruhig zu bleiben und sich von der Panik nicht anstecken zu lassen!

Viele Menschen mit Angststörungen profitieren vom Besuch einer Selbsthilfegruppe.

Offenbar zeigt das Teilen von Problemen und Erfolgen mit anderen sowie das Teilen verschiedener Selbsthilfetools in diesen Gruppen Erfolg.

Dabei können insbesondere Stressbewältigungstechniken und verschiedene Arten von Meditationspraktiken und Visualisierungstechniken Menschen mit Angststörungen helfen, sich zu beruhigen.

Verhalten von Freunden und Angehörigne bei einer plötzlichen Angstattacke

Geduld und Verständnis hilft den Betroffenen am meisten. Auf keinen Fall sollten irrationale Ängste oder Gedanken aber bestärkt werden: Ein großer Platz hat zunächst nichts Unheimliches an sich, auch von großen Menschenmengen geht zunächst keine Gefahr aus.

Es ist aber wenig sinnvoll, einen an Agoraphobie leidenden Mitmenschen zur nächsten Faschingsveranstaltung mitnehmen zu wollen, um zu demonstrieren, dass große Menschenmassen fröhlich und ausgelassen miteinander feiern.

Fließt viel Alkohol oder kommt es in der allgemeinen Feierlaune zu einem großen Gedränge, passiert schnell einmal ein Unfall, was die Ängste der Betroffenen unnötig bestärkt. Besser ist es, gemeinsam große Plätze aufzusuchen zu Zeiten, an denen sich dort erfahrungsgemäß nur wenige Menschen aufhalten.

Klappt das gut, kann anschließend versucht werden, gemeinsam mit anderen fremden Personen ein öffentliches Verkehrsmittel zu benutzen. Hierfür sollte nicht gerade die Stoßzeit morgens und nachmittags im Berufsverkehr gewählt werden.

Am besten helfen Sie einem ängstlichen Menschen, wenn Sie geduldig und ruhig bleiben und auch mitten in einer heftigen Panikattacke nicht selbst die Nerven verlieren.

Geben Sie dem Betroffenen lieber immer wieder das Gefühl: „Du bist okay, so wie du bist. Und diese Umgebung ist es auch – zur Angst besteht im Moment gerade kein wirklicher Grund“. Häufig empfehlen Fachärzte eine sogenannte Situationskontrolle, bei der alle akuten Gefahren aufgezählt werden.

Schnell merken die Betroffenen dadurch von selbst, dass es gerade nicht wirklich gefährlich ist.

Natürliche Mittel gegen Angst

Zu den natürlichen Ansätzen übermäßige Angst zu verhindern, zählt regelmäßige körperliche Betätigung. Ein gesundes Maß an Sport trägt dazu bei, dass sich die Symptome nicht in ihrer ursprünglichen Schwere darstellen.

Auch pflanzliche Hilfsmittel und homöopathische Ansätze sind durchaus in Erwägung zu ziehen, zumindest solange das Problem keine chronischen Ausmaße erreicht hat.

Auf der Seite „Mein Weg aus der Angst“ etwa, finden sich zahlreiche natürliche Mittel, die in Österreich ohne Rezept frei verkäuflich sind, um der teilweise sogar angeborenen Krankheit Agoraphobie ohne die Nebenwirkungen von Psychopharmaka begegnen zu können.

Beruhigende Nahrungsergänzungsmittel, auch wenn diese pflanzlichen Ursprungs sind, sollten Sie aber nicht einfach so verabreichen, denn diese können bei gleichzeitiger Medikation vom Facharzt zu unerwünschten Wechselwirkungen oder unabsehbaren Begleiterscheinungen führen.

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Quellen:

¹ Spezifische Phobien (Öst LG. – Spezifische Phobien. In: Margraf J., Schneider S. (eds) Lehrbuch der Verhaltenstherapie. Springer, Berlin, Heidelberg; 2009)
² „Mein Weg aus der Angst“ – Erfahrungsberichte & Blog eines Betroffenen
³ S3-Leitlinien: Behandlung von Angststörungen (PDF)

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Linktipps

– Klaustrophobie
– Phobien: Angst vor allem und jedem
– Sozialphobie – die Angst vor anderen Menschen
– Depression und ihre Auswirkung auf den Körper
– Psychopharmaka: Allheilmittel bei seelischen Problemen?

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