Hausärzte in der Systemfalle

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Hausärzte, Allgemeinmediziner, praktische Ärzte

Allgemeinmediziner sind weit mehr als ärztliche Nahversorger. Andere Länder weisen ihnen die entscheidende Rolle im Gesundheitssystem zu: die des Lotsen und Begleiters ihrer Patienten durch den Angebotsdschungel. Doch was andernorts als sinnvoll gilt, ist hier noch kein Thema.

Unser Gesundheitssystem gleicht einem Haus mit vielen Eingängen, und vor jedem liegt auch noch ein roter Teppich. Die Patienten können sich aussuchen, welchen sie nehmen wollen.“ So wählen sie entweder den Direktzugang zum Facharzt, den in die Spitalsambulanz, den ins Ambulatorium. Diese Beschreibung stammt von Josef Lohninger, praktischem Arzt aus Hof bei Salzburg und Hausärztesprecher der Salzburger ärztekammer.

Die Schweizer beispielsweise haben vor die Eingangstüren ihres Gesundheitswesens ihre praktischen ärzte gesetzt. Diese wachen darüber, dass jeder ihrer Patienten den für ihn am besten geeigneten Weg im System nimmt oder aber, wenn weder Spezialist noch Krankenhaus benötigt werden, in der Praxis des Allgemeinmediziners bleibt. Dahinter steht nicht Zwang, sondern ein ausgeklügeltes Anreizsystem. So erhält der eidgenössische Facharzt weniger Honorar für die Behandlung eines Patienten ohne überweisungsschein als für einen, den der Hausarzt geschickt hat.

Das System wurde freilich nicht erfunden, um den Hausärzten Gutes zu tun und ihnen Kunden zukommen zu lassen. Es entstand aus der Einsicht, dass die billigste Versorgung in der Allgemeinpraxis erfolgt; dass niemand den Patienten besser kennt, als der Hausarzt. Auch die grüne Gesundheitsministerin in Deutschland will das System in diesem Sinn umbauen. In österreich dagegen ist man noch nicht soweit. Hierzulande gibt es nicht einmal Vergleichsrechnungen, wieviel denn nun ein Fall im Spitalsambulatorium kostet und wieviel in der Praxis des niedergelassenen Arztes. So stoßen diejenigen, die dem Hausarzt unter Berufung auf die Finanzen oben geschilderte Lotsenfunktion geben wollen, auf den Hinweis: es sei keineswegs bewiesen, dass die Behandlung im niedergelassenen Bereich zwangsläufig billiger sei als im Spital.

Viele Praktiker sind zudem wenig motiviert, ihre Patienten durch die Klippen des Systems zu lotsen. Denn dazu braucht es Zeit. Und Zeit ist naturgemäß Mangelware in einem System, das darauf angelegt ist, möglichst viele Krankenscheine in möglichst kurzer Zeit zu sammeln. Lohninger sagt es drastisch. „Wenn ich fünf Minuten für den Patienten aufwende, dann ist es ein Geschäft“: der Schein bringt pro Quartal 215 S brutto; kommt der Patient mehrmals pro Vierteljahr, gibt’s für jede zusätzliche Ordination zusätzliche 73 S brutto. Und die Abrechnung von Einzelleistungen sind einer Limitierung unterworfen. Wobei Lohninger keineswegs die Aufhebung der Limits für Einzelleistungen fordert. „Das ist auch sinnvoll“, meint er. Auch wenn viele Honorarpositionen nachgebessert gehörten, „das große Füllhorn alleine nutzt nichts“.

„Es gibt keinen Stand, der sich so intensiv fortbildet, wie die Praktiker“

Mindestens ebenso wichtig sei ein generelles Umdenken. Denn der gute, alte Familiendoktor habe „seine Wertigkeit verloren“. Das liege an zweierlei: zum einen sei der Patient heute viel mündiger und selbstbewußter und agiere nach dem Motto: „Lieber gleich zum Schmied und nicht zum Schmiedl“. So sehe der Gemeindearzt die Kinder meist nur noch als „Nothelfer in der Nacht“; für Vorsorgeuntersuchungen und Impfungen gehe man mit dem Nachwuchs zum Kinderarzt. Auch die Statistik spiegelt die umgekehrten Prioritäten wider: es gibt unter den niedergelassenen ärzten bereits mehr Spezialisten als Praktiker.

Zum anderen sei sein Berufsstand nicht ganz unschuldig an der Talfahrt des Images. Weil mittlerweile eine ärztedichte erreicht sei, die zu einem harten überlebenskampf geführt habe. In dieser Situation böten viele alternative Behandlungen an, manches von dem, „was sonst Heilpraktiker machen“. Die Folge sei, dass „nun uns die Qualität abgesprochen wird“, glaubt Lohninger. Zu Unrecht, wie er versichert: „Es gibt keinen Stand, der sich so intensiv fortbildet wie die Praktiker.“

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