Schmerztherapie bei Kindern wird oft vernachlässigt

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Schmerztherapie

Schmerz-Experte Beubler: „Kinderschmerz muss man ernst nehmen“
Schmerzen sind kein „Privileg“ der Erwachsenen: Fast jedes zwölfjährige Kind hat bereits Erfahrungen mit Kopfschmerzen; mehr als zehn Prozent haben Migräne, und rund 60 Prozent der krebskranken Kinder leiden bereits bei Diagnosestellung unter starken Schmerzen. Was sie dringend brauchen ist eine adäquate Schmerztherapie, die von erfahrenen Experten durchgeführt werden sollte.

2. Österreichische Schmerzwoche

„Kinder sind in der Schmerztherapie eine besonders benachteiligte Gruppe, denn viele falsche Mythen verhindern, dass sie die Behandlung bekommen, die sie brauchen“, sagt Univ.-Prof. Dr. Eckhard Beubler, vom Institut für Experimentelle und Klinische Pharmakologie der Universität Graz, anlässlich der von der Österreichischen Schmerzgesellschaft (ÖSG) organisierten 2. Österreichischen Schmerzwoche. „Aus den besten Absichten heraus wird die Schmerztherapie oft stark eingeschränkt oder gar nicht durchgeführt: aufgrund der irrigen Annahme, dass Analgetika bei ihnen anders wirken; aus Angst, etwas falsch zu machen, oder weil man nach wie vor glaubt, Kinder empfänden weniger Schmerzen als Erwachsene.“

Gleicher Schmerz – anderer Ausdruck

Tatsächlich beginnt die Reifung der für das Schmerzempfinden verantwortlichen Schmerzbahnen bereits beim 30-wöchigen Embryo und ist bei Früh- und Neugeborenen vollständig abgeschlossen. Jüngste Forschungsergebnisse zeigen sogar, dass bei ihnen bereits harmlose Schmerzreize zu Schmerz-Überempfindlichkeit führen können. Anders als bei Erwachsenen ist bei Kindern lediglich die Artikulation von Schmerz. Prof. Beubler: Deshalb bedarf es großer Erfahrung bei Ärzten und Betreuungspersonal, um das Leiden von Säuglingen und Kleinkindern zu erkennen und die Wirkung einer Schmerzbehandlung abzuschätzen.“

Vorzeigeprojekt Kinderkopfschmerzambulanz

An der Universitätsklinik für Neuropsychiatrie des Kindes- und Jugendalters am Wiener AKH zum Beispiel hat man diesen Erkenntnissen bereits Rechnung getragen: Seit rund zehn Jahren gibt es dort eine Kinderkopfschmerzambulanz, in der pro Jahr etwa 300 neue Patienten von einem interdisziplinären Team aus Ärzten, Psychologen, Pflegepersonal, Sozialarbeitern, Psycho- und Physiotherapeuten betreut werden. „Die dringende Notwendigkeit, eine solche Spezialambulanz einzurichten, ergab sich aus unseren Beobachtungen und aus den erhobenen Zahlen“, sagt die Initiatorin des Projekts, Univ.-Prof. Dr. Cicek Wöber-Bingöl, „60 bis 80 Prozent der Kinder haben bereits mindestens einmal in ihrem Leben Kopfschmerzen gehabt, und bis zu zwölf Prozent der Jugendlichen leiden an Migräne.“

Zäpfchen statt Spritzen

Eine adäquate Behandlung von kindlichem Schmerz ist oft eine höchst einfache Angelegenheit: Bereits besondere Zuwendung, bessere Lagerung, Kühlung oder Ruhigstellen können die notwendige Schmerzlinderung bringen. Ist der Schmerz damit aber nicht zu beseitigen, so soll und muss man nach Ansicht der Experten schmerzlindernde Medikamente einsetzen. Dafür stehen grundsätzlich die gleichen Substanzen wie für Erwachsene zur Verfügung. Wichtig ist allerdings, so Prof. Beubler, eine Darreichungsform zu wählen, die weder den kleinen Patienten Angst macht noch unangenehm ist: „Injektionen sind schmerzhaft und bedrohlich und sollten nach Möglichkeit vermieden werden. Auch Tabletten, Dragees und Kapseln sind manchmal schwierig zu verabreichen. Am besten eignen sich geschmacksneutrale Lösungen und Emulsionen sowie Zäpfchen.“

Keine Angst vor „starken Waffen“ bei Krebsschmerz

Die unter vielen Eltern verbreitete Angst vor dem Einsatz stark wirksamer Medikamenten ist selbst bei extrem heftigen Schmerzen ihres Kindes, zum Beispiel starken Tumorschmerzen, nach Angaben der Experten unbegründet. Die Weltgesundheitsorganisation entwickelte für die Schmerztherapie ein Drei-Stufen-Schema das für Erwachsene und Kinder gleichermassen gültig ist:“einfache“ Schmerzmittel – zusätzlich „schwach“ wirksame Opioide – oder zusätzlich „stark“ wirksame Opioide. Sie empfiehlt eine sinnvolle Steigerung verschiedener medikamentöser Behandlungen, die dem individuellen Schmerzausmaß der Betroffenen angepasst werden müssen.

Prof. Beubler empfiehlt jedoch für krebskranke Kinder, von denen mehr als die Hälfte bereits bei Diagnosestellung starke Schmerzen hat, gegebenenfalls den sofortigen Einsatz starker Opioide: „Bei richtiger Dosierung und langsamem Absetzen bei Beendigung der Therapie kommt es dabei weder zu psychischer noch zu körperlicher Abhängigkeit“, stellt er noch immer verbreitete falsche Vorurteile richtig.

Gute Erfahrungen machte man auch mit der Anwendung von Schmerzpumpen, die von Kindern selbst bedient werden können. Prof. Beubler: „Innerhalb der voreingestellten Grenzen können sich die Kinder jederzeit per Knopfdruck eine Opioid-Dosis verabreichen. Das macht sie im Alltag unabhängiger und senkt auch den Schmerzmittel-Verbrauch, da die Schmerzen schneller gelindert werden.“

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Linktipps

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