Schmerztherapie bei Kindern wird oft vernachlässigt

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Schmerztherapie bei Kindern wird oft vernachlässigt

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Kinder erleben Schmerzen genauso intensiv wie Erwachsene – werden in der Versorgung aber oft benachteiligt. Neue Forschung zeigt, wie gezielte Therapien helfen können.


Schmerztherapie bei Kindern – Artikelübersicht:

Kinderschmerz ernst nehmen

Schmerzen sind kein Problem nur für Erwachsene. Schon im Schulalter haben viele Kinder wiederholt Erfahrungen mit Kopfschmerzen gemacht, und bei schwerwiegenden Erkrankungen wie Krebs sind starke Schmerzen bei Diagnosestellung häufig.

Eine adäquate und kindgerechte Schmerztherapie ist daher entscheidend, um Leiden zu lindern und Lebensqualität zu erhalten. Fachleute betonen: Kinderschmerz muss genauso ernst genommen werden wie Erwachsenenschmerz.

Mythen und Versorgungsdefizite

Kinder gelten in der Schmerztherapie noch immer als benachteiligte Gruppe. Fehlannahmen – etwa dass Analgetika bei Kindern grundsätzlich anders wirken oder dass Kinder weniger Schmerz empfinden – führen dazu, dass effektive Behandlungen zurückgehalten werden.

Auch die Angst von Eltern und Fachpersonal, bei der Gabe von Schmerzmitteln Fehler zu machen, trägt zu einer Unterversorgung bei.

Schmerzempfinden bei Kindern

Die für das Schmerzempfinden relevanten Nervenbahnen sind bereits bei Früh- und Neugeborenen vollständig ausgereift. Forschungen zeigen sogar, dass Kinder besonders empfindlich auf wiederholte Schmerzreize reagieren können.

Während Erwachsene ihre Beschwerden klar äußern, ist die Schmerzerkennung bei Säuglingen und Kleinkindern schwieriger. Daher ist geschultes Fachpersonal entscheidend, um Leiden frühzeitig zu erkennen und angemessen zu behandeln.

Kopfschmerzen und Migräne im Kindesalter

Kopfschmerzen gehören zu den häufigsten Beschwerden bei Kindern und Jugendlichen. Studien zeigen, dass bis zu 80 Prozent bereits einmal darunter litten, und rund 10 bis 12 Prozent entwickeln Migräne.

Spezialisierte Ambulanzen, wie die Kinderkopfschmerzambulanz am AKH Wien, leisten hier wertvolle Arbeit. Dort erfolgt die Betreuung durch interdisziplinäre Teams aus Medizin, Psychologie, Pflege und Physiotherapie – ein Modell, das die hohe Versorgungsrelevanz verdeutlicht.

Großer Bedarf an neuer Kopfschmerztherapie

Aktuelle Studien weisen darauf hin, dass Lebensstilfaktoren bei Jugendlichen erheblich zur Häufigkeit von Kopfschmerzen beitragen. Lange Bildschirmzeiten, unregelmäßige Mahlzeiten, spätes Zubettgehen und auch Cannabiskonsum sind wichtige Auslöser.

Eine kanadische Bevölkerungsstudie bestätigte zudem den Zusammenhang zwischen Alltagsgewohnheiten und Kopfschmerzbelastung. Dies unterstreicht den dringenden Bedarf an präventiven Programmen und innovativen Therapieansätzen, die Lebensstilmodifikationen stärker einbeziehen.

Nicht-medikamentöse Maßnahmen

Die Schmerztherapie bei Kindern muss nicht immer mit Medikamenten beginnen. Zuwendung, Schonung, Ruhigstellung, Kühlung oder eine angepasste Lagerung können bereits wirksam sein. Ergänzend sind psychologische Unterstützung, Physiotherapie, Entspannungsverfahren oder Biofeedback wertvolle Bausteine. Solche Methoden helfen nicht nur bei akuten Schmerzen, sondern fördern auch einen bewussteren Umgang mit chronischen Beschwerden.

Medikamentöse Behandlung

Wenn nicht-medikamentöse Maßnahmen nicht ausreichen, stehen prinzipiell dieselben Substanzen wie bei Erwachsenen zur Verfügung.

Entscheidend ist eine kindgerechte Darreichungsform: Während Injektionen oft Angst auslösen, sind geschmacksneutrale Lösungen, Emulsionen oder Zäpfchen besser geeignet. Bei der Dosierung gilt es, das Alter, Gewicht und den individuellen Bedarf des Kindes zu berücksichtigen.

Akupunktur bei Kindern

Auch komplementärmedizinische Verfahren wie die Akupunktur finden zunehmend Anwendung in der kindlichen Schmerztherapie. Studien deuten darauf hin, dass Akupunktur bei bestimmten Indikationen wie Kopfschmerzen, postoperativen Schmerzen oder funktionellen Bauchschmerzen hilfreich sein kann.

Besonders geschätzt wird, dass die Methode nebenwirkungsarm ist und in spezialisierten Zentren kindgerecht durchgeführt werden kann. Wichtig bleibt, dass Akupunktur eine ergänzende und keine alleinige Behandlungsstrategie darstellt.

Tumorschmerzen und Schmerzpumpen

Bei Kindern mit Krebserkrankungen treten häufig schon früh starke Schmerzen auf. Hier können auch Opioide notwendig und sinnvoll sein. Entgegen verbreiteter Vorurteile führt der fachgerechte Einsatz nicht zu Suchtentwicklungen.

Internationale Leitlinien empfehlen das WHO-Stufenschema, das bei Bedarf auch die Gabe starker Opioide vorsieht. Entscheidend ist eine sorgfältige Dosierung und regelmäßige Anpassung an den Schmerzverlauf.

Eine zusätzliche Möglichkeit stellen Schmerzpumpen dar, die bei Tumorschmerzen oder nach Operationen zum Einsatz kommen. Sie ermöglichen eine kontinuierliche, gleichmäßige Abgabe von Medikamenten und sorgen dafür, dass starke Schmerzen besser kontrolliert werden können. Dieses Verfahren kann die Lebensqualität betroffener Kinder deutlich verbessern und die Belastung für Familien reduzieren.

Patientenkontrollierte Analgesie

Eine moderne Option ist die patientenkontrollierte Analgesie (PCA), bei der Kinder innerhalb sicherer Grenzen selbst über eine Pumpe Schmerzmittel zuführen können.

Dieses Verfahren stärkt die Selbstbestimmung, senkt den Gesamtverbrauch an Medikamenten und führt zu einer schnelleren Schmerzlinderung. Erste Erfahrungen zeigen, dass PCA auch bei Kindern erfolgreich eingesetzt werden kann.

Fazit für Eltern und Betroffene

Eine gute Schmerztherapie bei Kindern ist nicht nur medizinisch notwendig, sondern auch ein wichtiger Beitrag zur Lebensqualität der ganzen Familie. Eltern sollten sich bewusst machen, dass Schmerzen bei Kindern genauso ernst genommen werden müssen wie bei Erwachsenen – und dass wirksame Behandlungen existieren.

Mythen über Schmerzmittel oder Opioide dürfen nicht dazu führen, dass Kinder unnötig leiden. Entscheidend ist eine enge Zusammenarbeit von Eltern, Ärztinnen und Ärzten sowie spezialisierten Teams, um den besten individuellen Behandlungsweg zu finden.

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Quellen:

¹ Kopfschmerzursachen bei Jugendlichen: Lange Bildschirmzeiten, unregelmäßige Mahlzeiten, spätes Zubettgehen, Cannabis [Deutsche Gesellschaft für Neurologie e.V. (DGN)]
² Großer Bedarf für neue Kopfschmerztherapie bei Kindern und Jugendlichen (Universitätsklinikum Dresden)

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Linktipps

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– Akupunktur: feine Nadeln, starke Wirkung
– Schmerzen & Schlafstörungen
– Gespaltene Gefühle: Lippen-, Kiefer-, und Gaumenspalten
– Wachstumsschmerzen bei Kindern und Jugendlichen
– Späte Mütter: Glücksgefühle und Risiken

[Verfasst 10/2002, Update: 08/2025]

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