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Cybersex-Sucht: wenn Online-Pornos zur Droge werden

Cybersex-Sucht: wenn Online-Pornos zur Droge werden

Cybersex-Sucht

Abhängigkeiten rund ums World Wide Web sind vielfältig. Das Bedürfnis sich mitzuteilen, zu chatten, zu spielen, Selfies zu posten,… nimmt zu und der Vormarsch der Smartphones mit ihrer dauernden Verfügbarkeit verstärkt den Trend. Auch die Tatsache, dass sexuelle Inhalte oder gar sexuelle Anbahnung via Handy in jedem Moment möglich sind, hat für viele Menschen einen unwiderstehlichen Reiz. Wer es nicht schafft, diesen Reizen zu widerstehen landet allerdings in der Cybersex-Sucht. Die Folge: Pornos werden ständig und unaufhörlich online über den Computer oder das Smartphone konsumiert.

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Studien besagen, dass rund 40 Prozent aller Internetnutzer und Nutzerinnen – das Verhältnis ist allerdings ungefähr 1:9 – auch pornographische Seiten ansehen. Sex und Porno sind leicht verfügbar und das Angebot wird auch genutzt. Doch wenn aus dem Kick ab und zu ein täglicher Zwang wird, und manche nicht einmal mehr Stunden ohne Pornokonsum ‚durchhalten‘, dann spricht man von Internet-Sexsucht bzw. Cyber Sexsucht.
Visuelle Reize allzeit verfügbar

Visuelle Reize allzeit verfügbar

Dass das Verhältnis mit 9:1 stark männerlastig ist, hat vielleicht damit zu tun, dass Männer prinzipiell mehr Interesse an Sex haben als Frauen. Bestätigt ist das allerdings nicht. Vielmehr liegt die Erklärung im Faktum begründet, dass Männer visuell schlichtweg viel leichter stimulierbar sind als Frauen, meinen Experten.

Über das Verlangen wieder und wieder Pornos zu suchen wird selten offen gesprochen. Internetsexsucht ist eine Schamsucht. Sie wird oft lange verdrängt, man frönt ihr still und heimlich, solange bis der Leidensdruck zu groß wird.

Die Internetsex-Sucht, ist die 2.0. Variante der Sexsucht. Allerdings kann man ihr jederzeit und überall und auch alleine nachgehen. Online ist einfach, diskret, günstig und anonym.

Internetsexsucht und Partnerschaft

Betroffene gestehen sich oft lange nicht einmal selbst ein, dass sie ein Problem haben. Der allzeitverfügbare Reiz ist stärker als die Erkenntnis, dass hier ein Thema die Oberhand gewinnt und immer weniger Zeit für andere Aktivitäten und Interessen lässt.

Doch früher oder später fällt der regelmäßige Griff zum Smartphone, ohne dass man den Inhalt mit dem anderen teil – und das ist in den seltensten Fällen der Fall – dem Partner auf.

Was folgt ist meist leugnen und herunterspielen, ja, man sehe sich das ab und zu an, aber so schlimm sei das ja nicht. Was ja auch stimmt, solange aus diesem Verhalten kein zwanghaftes wird. Doch eine Sucht ist eben ein zwanghaftes Verhalten und alles andere wird ihr untergeordnet – auch der Partner. Fazit: nicht nur die Betroffenen selbst leidet früher oder später, auch Partnerschaften können an dem zwanghaftem Verhalten zerbrechen.

Sexualität wird beeinträchtigt

Partnerinnen von sexsüchtigen Männern erleben den ‚Zeitvertreib‘ ihrer abhängigen Männer oft auch als Betrug. Es wird das Gefühl vermittelt, als Partnerin nicht zu entsprechen und die Bedürfnisse des anderen nicht zu befriedigen. Viele Internetsexsüchtige verlieren auch das Interesse an realem Sex , immer gravierendere Beziehungsstörungen sind die Folge.

Die individuelle Sexualität im real life gerät in den Hintergrund, denn das, was im Internet geboten wird, hat mit der Realität kaum zu tun. Der ‚Online-Thrill‘ verdirbt die Wirklichkeit. Aber das betrifft nicht nur die Ansprüche an die Partnerin, sondern auch an sich selbst, denn Pornographie lebt von allzeit potenten Männern mit Riesengenitalien. Das verunsichert zusätzlich und unterm Strich bleiben oft Leere, Vereinsamung und Schuldgefühle.

Sucht oder Impulskontrollstörung?

Bezüglich Begriffsdefinition herrscht Unklarheit. Experten diskutieren seit Jahren: Ist diese Online-Sucht tatsächlich eine Sucht oder nicht doch eher eine Impulskontrollstörung? Univ. Dozent Dr. Raphael M. Bonelli, Facharzt für Psychiatrie, Neurologie und psychotherapeutische Medizin sowie ausgewiesener Experte zu diesem Thema meint: „Die Sucht beginnt dort, wo die eigene Kontrolle verschwindet und der Drang selbstständig wird.“

Ein weiterer Indikator für suchthaftes Verhalten ist die Tatsche, dass man immer mehr ‚Stoff‘ braucht – wie bei jeder anderen Sucht auch. Wobei die Dosissteigerung zwei Dimensionen aufweist. Einerseits wird immer mehr Zeit mit dem Konsum von Cyberpornos verbracht, andererseits geht es auch um die ‚Qualität‘ des Angebots. ‚Blümchensex‘ reicht bald nicht mehr – der Internetsexsüchtige will mehr, Härteres und Brutaleres. Immer wieder einen neuen Kick.

Dr. Kornelius Roth, ein weiterer Experte und auch Facharzt für Psychiatrie: „Man kann Internetsexsucht mit Alkoholsucht vergleichen. Um die gleiche Wirkung zu erzielen, braucht man immer mehr. Im „Rausch“ ist dann alles gut, aber nachher folgt oft Scham und Ernüchterung.

Gute Erfolge mit Psychotherapie

Doch ob Impulskontrollstörung oder Sucht – für Betroffene, die unter ihrem zwanghaftem Verhalten leiden, ist diese Frage wohl zweitrangig. Fakt ist auch: Nicht jeder ist suchtgefährdet, und viele leben ganz großartig mit ihrem sporadischem Pornokonsum im Netz. Aber auch bei Internetsexsucht gilt was für alle Süchte gilt: die Lebensumstände eines Betroffenen bedürfen einer genaueren Betrachtung, denn oft liegt die Ursache für welche Sucht auch immer ganz woanders ‚begraben‘.

Dennoch: Die Chancen auf ‚Heilung‘ seien gut, meint Bonelli, die Erfolgsquote mit und nach Therapie höher als bei vielen anderen Süchten. Oft schafften schon das alleinige Ansprechen, das Thematisieren des Problems und das Eingeständnis, dass es sich um eine Sucht handelt, Erleichterung.

Der Experte abschließend: „Ich habe schon viele Gesundungen von Beziehungen erlebt, weil sich im Zuge der Therapie die Sexualität weg vom Internet wieder auf die eigene Partnerin gerichtet hat.“

Auch das offene Gespräch, das Ende des Versteckens und das Wissen, dass man mit diesem Problem nicht alleine ist, und es Möglichkeiten und Wege davon wegzukommen gibt, schafft Betroffenen einen Ausweg aus der Isolation.

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Quelle:

¹ Internetsexsucht


Linktipps:

– Was ist Persönlichkeitsentwicklung
– Die “neuen” Süchte: Arbeitssucht, Kaufsucht, Sexsucht
– Suchtrisiko
– Stress & Sucht: Abhängigkeiten in der Leistungsgesellschaft

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