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Was ist eigentlich Epilepsie?

Was ist eigentlich Epilepsie?

Was ist eigentlich Epilepsie?

„Gewitter im Gehirn“: So kann man Epilepsie wohl am treffendsten beschreiben. Dabei kommt es zu überschießenden Entladungen von Nervenzellen des Gehirns. Symptom ist der plötzlich auftretende Krampfanfall. Davon kann der gesamte Körper mit Verlust des Bewusstseins oder einzelne Körperregionen betroffen sein.



Wissenswertes über Epilepsie

Bei der Fallsucht, wie Epilepsie früher genannt wurde, verursachen überschießende Entladungen von Nervenzellen im Gehirn spontane Krämpfe, die den gesamten Körper betreffen und bis zur
Bewusstlosigkeit führen können. Als Ursache für Epilepsie gelten genetische Transmitterstörungen im Gehirn, sie kann aber auch als Folge von Operationen, Verletzungen oder Gehirninfarkten auftreten. Rund fünf Prozent der österreichischen Bevölkerung erleiden zumindest ein Mal im Leben einen epileptischen Anfall, ca. 65.000 Menschen sind in Österreich generell von dieser Krankheit betroffen.

Wir haben mit Univ. Prof. Dr. Christoph Baumgartner, Leiter des Epilepsiezentrums am neurologischen Zentrum Rosenhügel in Wien, und Mag. Simone Geiblinger, klinische Neuropsychologin in Wien, über das Krampfleiden gesprochen.

Epilepsie – Interview mit Univ. Prof. Dr. Christoph Baumgartner

 

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Dr. Baumgartner: Die Anfälle können mit unterschiedlicher Häufigkeit auftreten, das heißt bei manchen Patienten mehrfach pro Tag, bei anderen einmal im Jahr. Trotzdem ist es bei allen Patienten gemeinsam das Problem der Unvorhersehbarkeit, weil das eben zu einer Funktionsstörung des Gehirns führt und diese Funktionsstörung unvorhersehbar ist.

Anmerkung: Univ. Prof. Dr. Christoph Baumgartner ist der Leiter eines der renommiertesten Epilepsiezentren Österreichs am neurologischen Zentrum Rosenhügel in Wien. Seine Forderung: Menschen mit epileptischen Anfällen müssen von einem Spezialisten untersucht und behandelt werden.

Dr. Baumgartner: Ein Epilepsiepatient muss von einem Neurologen behandelt werden und wenn er innerhalb von drei bis sechs Monaten nicht anfallsfrei ist, muss dieser in ein spezialisiertes Zentrum. Wir sind ein Zentrum, wo eben gerade diese Patienten hinkommen. Wir können einerseits die bisherige medikamentöse Therapie überprüfen, andererseits bieten wir das sogenannte intensive Video-EEG-Monitoring an. Hierbei wird der Patient für eine Woche stationär aufgenommen und das EEG kontinuierlich unter Videokontrolle 24 Stunden am Tag, aufgezeichnet. Dies ermöglicht eine genaue Diagnosestellung, also welche Art von Epilepsie hat der Patient und wo sind diese Entladungen im EEG. Die Frage lautet: Handelt es sich um eine lokale Epilepsie die von einem Punkt ausgeht, oder von einer generalisierten Epilepsie, die von beiden Gehirnhälften gleichzeitig ausgeht.

Anmerkung: Die Ursachen für Epilepsie sind unterschiedlich. Zum Einen können genetische Transmitterstörungen im Gehirn vorliegen, zum Anderen kann sich Epilepsie in Folge von Operationen, Verletzungen und Gehirninfarkten entwickeln. Rund fünf Prozent der Bevölkerung erleiden zumindest einmal im Leben einen epileptischen Anfall. Etwa 65.000 Menschen sind in Österreich generell von dieser Erkrankung betroffen. Neben den unvorhergesehenen Anfällen sind Depressionen und Konzentrationsstörungen ein großes Problem für die Betroffenen Patienten. So die klinische Neuropsychologin Mag. Simone Geiblinger.

Mag. Geiblinger: Es kommt natürlich zu einer Unsicherheit. Fragen wie: Was passiert wenn ich einen Anfall bekomme? Wie werden die Leute reagieren? Wie geht es mit meiner Arbeit weiter? Auch durch die kognitiven Defizite die dabei auftreten. Vor allem im Bereich der Konzentration. Es kommt teilweise zu Fehlern in der Arbeit oder die Patienten nehmen diese als solche war und machen sich dann Sorgen um ihren Arbeitsplatz, um die Familie oder um ihre Beziehung.

Anmerkung: Dazu kommt noch dass Epilepsie immer noch mit einem Stigma in unserer Gesellschaft behaftet ist. Umso wichtiger dass eine frühe und exakte Diagnose gestellt wird. Nur durch diese kann eine rasche Therapie diesen Teufelskreis durchbrechen.

Dr. Baumgartner: Wesentlich ist das Gespräch mit dem Patienten. Was verspürt er vor dem Anfall. Wie erlebt er den Anfall. Von der Zusatzdiagnostik gibt es zwei Säulen, das ist einerseits das EEG, also die Elektroenzephalografie, andererseits die strukturelle Abklärung, also wie sieht das Gehirn aus. Dies erfährt man aus der Kernspintomographie. Diese wurde in den letzten Jahren sehr gut weiterentwickelt. Heute kann man die Ursache einer Epilepsie finden, wo man früher keine gefunden hat und man kann kleinste Narben feststellen.

Epileptischer Anfall


Anmerkung:
Daraus ergeben sich viele Therapieansätze. Der Wichtigste ist der Einsatz von Medikamenten. Auf diesem Gebiet läuft die Forschung auf Hochtouren, mit sehr guten Ergebnissen im Vergleich zu früher.

Dr. Baumgartner: Der wesentliche Vorteil dieser neuen Medikamente ist, dass sie gut wirksam sind, sprich weniger Nebenwirkungen, weniger Müdigkeit, weniger Konzentrationsstörungen, weniger Gedächtnisstörungen usw.

Anmerkung: Damit kann man bei rund zwei Drittel aller Patienten eine lange oder gänzliche Anfallsfreiheit erreichen. Wenn Medikamente jedoch nicht helfen, das ist bei rund 30 Prozent aller Patienten der Fall, gibt es operative Alternativen.

Dr. Baumgartner: Einem Teil dieser Patienten ist es möglich, einen operativ chirurgischen Eingriff anzubieten, das heißt man versucht zu lokalisieren wo diese Anfälle im Gehirn herkommen und was auch ganz wesentlich ist, festzustellen ob dieser Teil keine wichtigen Funktionen trägt, wie Sprache, Gedächtnis oder Motorik. Dann kann man durch eine Entfernung dieses Hirnteils den Patienten unter Umständen heilen.

Eine weitere Möglichkeit ist die Tiefe Hirnstimulation¹, die mittlerweile zugelassen ist. Hier gibt es große Studien. Es werden gewisse Zielstrukturen im Gehirn mit Elektroden implantiert, die das Gehirn, ähnlich wie ein Schrittmacher, stimuliert.

Anmerkung: Welche Therapieform für Betroffene letztlich in Frage kommt, sollte durch Experten an einem spezialisiertem Zentrum geklärt werden. Der Patient muss dabei stets einbezogen und aufgeklärt werden. Generell muss dieser und seine Angehörigen, die Krankheit kennen. Letztlich sollten diese auch im Anfallsgeschehen wissen, was zu tun ist.

Dr. Baumgartner: Im Allgemeinen dauert ein Anfall ein bis maximal zwei Minuten. Wenn man mit dabei ist ist das natürlich eine kleine Ewigkeit. Man sollte grundsätzlich einmal den Patienten schützen, sodass er sich nicht verletzt, da ist insbesondere mal der Kopf wichtig. Das heißt den Kopf stützen, sprich irgendeine Jacke oder ein Kleidungsstück darunter legen. Wichtig ist dem Patienten nichts in den Mund stecken, weil man ihn dabei nur verletzt oder sich selbst verletzt. Die Rettung ist nur unter drei Bedingungen zu rufen: Erstens, der Patient verletzt sich, zweitens der Anfall hört nicht auf und drittens nach dem ersten Anfall tritt sofort ein zweiter Anfall auf.

Anmerkung: Ansprechpartner für Betroffene und Angehörige sind Fachärzte für Neurologie und in Folge Psychiater, Neuropsychologen und Personen in spezialisierten Netzwerken die meist in Selbsthilfegruppen organisiert sind.

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¹ Die Tiefe Hirnstimulation (THS) – im anglo-amerikanischen Raum als Deep Brain Stimulation (DBS) oder umgangssprachlich als „Hirnschrittmacher“ bezeichnet – stellt eine mittlerweile fest etablierte Behandlung von Bewegungsstörungen dar.

Linktipps:

Epilepsie | Krankheitslexikon
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Epilepsie Interessensgemeinschaft Österreich
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Kave Atefie





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