1 Star2 Stars3 Stars4 Stars5 Stars (Noch keine Bewertungen)
Sexuelle Gesundheit – was ist das?

Sexuelle Gesundheit – was ist das?

Sexuelle Gesundheit

Sex ist die schönste Nebensache der Welt – wenn alles klappt. Aber wehe, wenn nicht! Sexualität ist ein bio-psycho-soziales Phänomen, und auch sexuelle Gesundheit unterliegt dieser Dreidimensionalität. Sie ist untrennbar mit Gesundheit insgesamt, mit Wohlbefinden und Lebensqualität verbunden. Es geht längst nicht nur um Defizite und Funktionsstörungen, Lust oder Lustlosigkeit. Sexualität stillt ein Grundbedürfnis nach Nähe und Sicherheit, das Verlangen danach ist aber höchst individuell und unterliegt auch Schwankungen.



Mehr als 46 Prozent der Frauen und 39 Prozent der Männer erleben im Laufe ihres Lebens zumindest vorübergehend ’sexuelle Probleme‘. Die Definition, was ein sexuelles Problem ist, wann also die individuelle sexuelle Gesundheit beeinträchtigt wird, ist nicht generalisierbar – Sexualität ist schließlich ein sehr intimes und subjektives Erlebnis.

Das Recht auf Lust

Wir alle wissen: Sexualität ist ein wesentlicher Bestandteil der körperlichen und seelischen Gesundheit und hat einen entsprechend starken Einfluss auf unsere Lebensqualität. Entsprechend hat die Weltgesundheitsorganisation WHO sexuelle Gesundheit bereits 1975 als ‚untrennbar mit Gesundheit insgesamt, mit Wohlbefinden und Lebensqualität verbunden‘, definiert. Der Zustand des körperlichen, emotionalen, mentalen und sozialen Wohlbefindens in Bezug auf die Sexualität wurde betont, und klar gegen das Fehlen von Krankheit, Funktionsstörungen oder Gebrechen abgegrenzt.

Eine positive und respektvolle Haltung zu Sexualität und sexuellen Beziehungen vorausgesetzt, umfasst der Begriff sexuelle Gesundheit auch die Möglichkeit, angenehme und sichere sexuelle Erfahrungen zu machen – und zwar frei von Zwang, Diskriminierung und Gewalt. Sexuelle Gesundheit lässt sich weltweit also nur durchsetzen und erhalten, wenn die sexuellen Rechte aller Menschen geachtet und geschützt und werden.

Gut 20 Jahre später ging man dann noch einen Schritt weiter und erweiterte das Recht auf sexuelle Gesundheit um das Recht auf sexuelle Freiheit: die internationale Vereinigung für Sexuelle Gesundheit (WAS, World Association for Sexual Health) formulierte diese Recht 1997. 2008 wurde das Recht auf sexuelle Freiheit als WAS Declaration „Sexual Health for the Millenium“ noch breiter gefasst und erneuert.

Als weiterer Meilenstein wurde 2010 erstmals der Welttag der sexuellen Gesundheit am 4. September ins Leben gerufen. Das Ziel dieses Tages ist es, wiederholt und laut darauf aufmerksam zu machen, dass sexuelle Gesundheit ein ganzheitlicher und wesentlicher Teil der Gesundheit eines jeden einzelnen Menschen ist.

Let’s talk about Sex

Aber auch bei uns ist sexuelle Gesundheit, bzw. eben die Beeinträchtigung derselben zwar weit verbreitet, wie die Zahlen beweisen, aber dennoch nahezu ein Tabuthema: Über Sex im medizinischen Kontext zu sprechen, fällt nicht leicht.

Einerseits fühlen sich viele Mediziner auf diesem Terrain nicht sicher, und auch Patienten ‚drucksen‘, wenn es um sexuelle Probleme geht, oft herum. Unklare Andeutungen wiederum werden von Ärzten oft nicht ‚verstanden‘ und das Problem bleibt im schlechtesten Fall unbesprochen. Andere ‚Betroffene‘ wiederum fallen mit der Tür ins Haus und überfordern mit ihrer Offenheit den Arzt – auch so kann ein vertrauensvolles Arzt-Patient Gespräch nur schwer entstehen.

Die Gesprächsqualität rund um das Thema Sex im Gesundheitswesen zu verbessern, und sexuelle Gesundheit und Funktionalität als das zu sehen was es ist, nämlich als menschliches Grundrecht eines jeden gesunden Menschen, ist erklärtes Ziel entsprechender Einrichtungen.

Es geht um das Erlernen „guter Gesprächsführung“, gerade bei Tabuthemen ein zentrales, diagnostisch und therapeutisch wichtiges Werkzeug. In Österreich hat sich die AfSG, die Akademie für Sexuelle Gesundheit zum Ziel gesetzt, sexuelle Gesundheit durch Wissen zu fördern und die entsprechenden Empfehlungen der WHO österreichweit und international umzusetzen.

Die AfSG will enttabuisieren, Wissen verbreiten und professionell vertiefen. Der interdisziplinäre Zugang dient der breiten Bewusstseinsbildung; gezielte Öffentlichkeitsarbeit ist wesentlicher Bestandteil des niederschwelligen Ansatzes.

Sexualität und (psychische) Gesundheit

Wer zu viel um die Ohren hat, ‚vergisst‘ oft auf die wichtigen Dinge im Leben – oder nimmt sich nicht ausreichend Zeit dafür. Doch genau da beginnt der Teufelskreislauf: Wer seine sexuellen Bedürfnisse ignoriert, ignoriert ein Urbedürfnis und zudem das Verlangen nach Nähe und Sicherheit. Das führt über kurz oder lang zu einem Defizit im Gefühlsbereich, man fühlt sich immer schlechter, hat in Folge noch weniger Lust auf Sex und ein menschlicher Urinstinkt bleibt unbefriedigt.

Stress und Zeitmangel sind oftmals eine Ursache für unerfüllte Sexualität, Versagensängste wiederum können Ursache wie auch Folge sein. Diese Ängste wiederum führen oftmals zu Sprachlosigkeit – bevor das ‚Problem‘ thematisiert wird, wird es lieber totgeschwiegen und Vermeidungsverhalten tritt ein. So wird der Sexualität, statt dass sie die Beziehung stärkt, die Kraft entzogen und ein schleichender Entfremdungsprozess – bedingt durch verschämte Sprachlosigkeit – ist die oft beziehungstötende Folge.

Auch in der Onkologie ist es wichtig, mögliche mit der Therapie einhergehende sexuelle Probleme im gesamten Krankheitsverlauf im Auge zu behalten und zu thematisieren. Sexuelle Gesundheit ist eine multiprofessionelle Angelegenheit und idealerweise sollten alle betroffenen Fachbereiche zusammenarbeiten. Patienten, die auf mögliche sexuelle Beeinträchtigungen vorbereitet werden, können mit diesen wesentlich besser umgehen und erleben dadurch nicht noch ein zusätzliches Stigma.

Millennium Deklaration

Millennium Deklaration

Sexuelle Freiheit umfasst die individuelle Möglichkeit, das volle sexuelle Potenzial zu entfalten. Ausgeschlossen davon sind jegliche Formen von sexueller Nötigung, Ausbeutung oder Missbrauch.

Das Recht auf sexuelle Autonomie, sexuelle Integrität und Schutz des Körpers bezieht sich auf die Möglichkeit der freien Entscheidungen im eigenen Sexualleben auf persönlicher und sozialer Ebene. Außerdem Selbstkontrolle über und Freude und Genuss am eigenen Körper, frei von Qual, Verstümmelung und Gewalt.

Das Recht auf sexuelle Privatsphäre bezieht sich auf das Recht auf freie Entscheidungen und freies intimes Verhalten so lange damit nicht die sexuellen Rechte anderer verletzt werden.

Das Recht auf sexuelle Gleichheit bezieht sich auf die Freiheit von allen Formen von Diskriminierung bezüglich Sexualität, Geschlecht, sexueller Orientierung, Alter, Rasse, sozialer Stellung, Religion oder physischer und psychischer Behinderung.

Das Recht auf sexuelle Freude, auch an sich selbst, ist eine Quelle physischen, psychischen, intelektuellen und spirituellen Wohlbefindens.

Das Recht auf emotionalen sexuellen Ausdruck meint mehr als sexuelle Betätigung. Menschen haben auch das Recht, ihre Sexualität durch Kommunikation, Berührung, emotionalen Ausdruck und Liebe zu zeigen.

Das Recht, sich sexuell frei zu verbinden meint die Möglichkeit von Heirat, Scheidung oder anderen Formen verbindlicher sexueller Assoziationen.

Das Recht auf freie Verantwortung in Fragen der Fortpflanzung umfasst das Recht sich zu entscheiden, ob und wie viele Kinder man will sowie freien Zugang zur Empfängnisverhütung.

Das Recht auf wissenschaftlichen Erhebungen basierende Information beinhaltet, dass sexuelle Informationen allen gesellschaftlichen Schichten frei zugänglich sein sollten.

Das Recht auf eine ausgedehnte sexuelle Bildung beschreibt einen Prozess des lebenslangen Lernens, an dem soziale Institutionen beteiligt sein sollten.

Das Recht auf sexuelle Gesundheitsvorsorge setzt entsprechende Gesundheitsfürsorgeeinrichtungen für alle Menschen voraus.

Fazit

Sexualrechte sind universale Grund- und Menschenrechte denn sie sind ein wesentlicher Bestandteil der körperlichen und seelischen Gesundheit und haben einen starken Einfluss auf unsere Lebensqualität.

Sexuelle Erfahrungen gehören zum Leben und unterliegen auch der Veränderung: sie sind in verschiedenen Lebensphasen unterschiedlich und haben auch unterschiedliche Implikationen.

Unabdingbar für eine sexuell gesunde Gesellschaft ist, dass alle, auch sogenannte ‚Rand-Gruppierungen‘ Unterstützung erfahren. Das bedeutet, dass Wissen frei verfügbar und ein Austausch über Wünsche, Fähigkeiten und Wertvorstellungen möglich sein muss. Ds ist nur dann sichergestellt, wenn ein offener Zugang zu evidenzbasierten Informationen und Gesundheitsdiensten gewährleistet wird.

Die WHO tritt daher für ein ganzheitliches Vorgehen ein, um junge Menschen weltweit unvoreingenommen und wissenschaftlich fundiert über alle Aspekte der Sexualität aufz klären. Es muss sichergestellt werden, dass eigene Wertvorstellungen, Einstellungen und Fähigkeiten zur Bestimmung der eigenen Sexualität in verschiedenen Lebensphasen entwickelt werden können. Nur dann werden junge Menschen befähigt werden, Sexualität und Partnerschaften erfüllt und verantwortlich zu leben.

Doch wie so oft klaffen auch bei dieser Thematik Theorie und Praxis noch weit auseinander, und es bleibt noch viel zu tun! Doch der schönsten Nebensache der Welt endlich die Aufmerksamkeit zu widmen, die ihr gebührt wäre ein wichtiger und wertvoller Beitrag um unsere gemeinsame Welt ein Stückchen zu verbessern – zum Wohl jedes einzelnen, und zum Wohl aller, denn sexuell gesunde Menschen sind zufrieden – und meist auch friedvolle – Menschen!

Quelle

¹ Declaration of Sexual Rights
² Österreichische Akademie für Sexuelle Gesundheit

Linktipps:

– Wichtigkeit von Sex
– Weibliche Hormone
– Sexualität – Gesundheit – Wohlbefinden
– Depression – Auswirkung auf den Körper