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Risiko Schwangerschaftsdiabetes: nicht erkannt, gefährdet er Mutter und Kind

Risiko Schwangerschaftsdiabetes: nicht erkannt, gefährdet er Mutter und Kind

Schwangerschaftsdiabetes

Als Gestationsdiabetes (Schwangerschaftsdiabetes) wird eine erstmals in der Schwangerschaft aufgetretene oder diagnostizierte Glucosetoleranz-Störung bezeichnet. Sie bedingt für Mutter und Kind eine Vielzahl akuter sowie langfristiger Risiken. Neben einer frühzeitigen Diagnose ist eine adäquate Therapie notwendig. Therapieziel ist das Erreichen normaler Blutzuckerwerte.



Silvia S. (36) freut sich auf ihr erstes Kind. Sie ist in der 25. Woche schwanger und schien bis jetzt keine Probleme zu haben. Doch nach der letzten Ultraschalluntersuchung teilte ihr der Gynäkologe mit, dass der Fötus für das derzeitige Stadium der Schwangerschaft viel zu groß sei. Der Arzt erklärte der Schwangeren, dass hinter dem ungewöhnlichen Größenwachstum des Kindes evtl. eine mütterliche Stoffwechselkrankheit – Gestationsdiabetes – stecken könne.

„Gestatio ist das lateinische Wort für Schwangerschaft. Deshalb wird diese spezielle Form der Zuckerkrankheit (Diabetes), die erstmalig während einer Schwangerschaft auftritt, Gestationsdiabetes genannt“, erklärt Dr. Birgit Tillenburg, Leiterin des Diabetes-Zentrums am Essener Elisabeth-Krankenhaus.

„Gestationsdiabetes gehört heute weltweit zu den häufigsten Schwangerschaftskomplikationen“, fährt Dr. Tillenburg fort. „Bei etwa fünf bis zehn Prozent aller Frauen in Deutschland treten zumeist im letzten Schwangerschaftsdrittel erhöhte Blutzuckerwerte auf. In 80 bis 90 Prozent der Fälle bleibt die Krankheit jedoch unerkannt und somit unbehandelt. Das liegt daran, dass dieser Diabetestyp selten auffällige Probleme verursacht. Bei den Vorsorgeuntersuchungen in Deutschland wird leider nicht gezielt nach der Krankheit gesucht, da diese Leistung nicht in den Richtlinien zur Mutterschaftsvorsorge verankert ist. Durch den Urintest, der bei allen Schwangeren durchgeführt wird, entdeckt man nur einen Bruchteil der Erkrankten, denn Zucker lässt sich erst im fortgeschrittenen Stadium der Erkrankung im Urin nachweisen.“

Schwangere brauchen mehr Insulin

Bei der Entwicklung eines Gestationsdiabetes spielt das in der Bauchspeicheldrüse produzierte Hormon Insulin die entscheidende Rolle. Es ist dafür verantwortlich, dass Glukose vom Blut in die Zellen gelangt und sorgt so für eine Senkung des Blutzuckerspiegels. Schwangerschaftshormone und Hormone, die in der Plazenta gebildet werden, wirken hingegen blutzuckererhöhend. Um dies auszugleichen, braucht eine schwangere Frau also mehr Insulin. Kann die Bauchspeicheldrüse diesen erhöhten Bedarf nicht liefern, entwickelt sich der Gestationsdiabetes.

Risikofaktoren

„Zwar benötigt jede Frau während der Schwangerschaft mehr Insulin, aber nicht jede entwickelt deshalb einen Diabetes“, so Dr. Tillenburg. „Zur Risikogruppe gehören Frauen mit Übergewicht. Sie haben gegenüber Normalgewichtigen ein bis zu 20fach erhöhtes Risiko, einen Gestationsdiabetes zu entwickeln. Auch Frauen, die über 35 Jahre alt sind, neigen eher dazu. Erbliche Vorbelastung spielt ebenfalls eine entscheidende Rolle. Jede Schwangere, deren Eltern oder Geschwister Diabetiker sind, sollte ihren Arzt darüber informieren. Hatte eine Frau in einer vorangegangenen Schwangerschaft bereits einen Diabetes, ist die Wahrscheinlichkeit groß, diesen während einer weiteren Schwangerschaft erneut zu entwickeln. Frauen, die schon einmal eine Früh- oder Totgeburt hatten oder ein Kind mit einem Geburtsgewicht von mehr als 4000 Gramm geboren haben, sollten sich bei erneuter Schwangerschaft ebenfalls immer auf Gestationsdiabetes untersuchen lassen.“

Belastungstest mit Zucker

„Bei Frauen, die ein erhöhtes Risiko haben, einen Schwangerschaftsdiabetes zu entwickeln, sollte grundsätzlich ein Glukosetoleranztest durchgeführt werden. Aber auch bei Frauen ohne erkennbar erhöhtes Risiko ist ein solcher Test zwischen der 24. und 28. Schwangerschaftswoche ratsam“, erläutert die Diabetesexpertin aus Essen. „Die Frau trinkt für den einfachen und ungefährlichen Test eine Lösung, bei der 50 Gramm Glukose in Wasser gelöst sind. Nach einer Stunde wird der Blutzuckerspiegel bestimmt. Ist der Blutzuckerwert erhöht, besteht der Verdacht auf Gestationsdiabetes. Ein weiterer Test mit drei Messungen bringt Sicherheit: Dabei wird der Blutzuckerspiegel einmal nüchtern bestimmt sowie ein und zwei Stunden später, nachdem die Frau eine Testlösung mit 75 mg Glukose getrunken hat. Bei erhöhten Blutzuckerwerten sollte man keine Zeit verlieren und sofort mit der Therapie beginnen.“

Gefahren für Mutter und Kind

Der Gestationsdiabetes kann für Mutter und Kind gefährlich sein. Frauen mit Diabetes sind anfälliger für Infektionen. Sie leiden viermal häufiger als gesunde Schwangere an Entzündungen der Harnwege und der Vagina. Außerdem haben sie ein erhöhtes Risiko für einen schwangerschaftsbedingten Bluthochdruck. Die Kinder im Mutterleib werden durch den erhöhten Zuckergehalt im mütterlichen Blut, das sie ernährt, übergewichtig. Bei der Geburt wiegen die meisten über 4000 Gramm. Dieses enorme Gewicht kann zu Problemen während des Geburtsvorgangs führen und so zum Risiko sowohl für die Mutter als auch für das Kind werden. Gestationsdiabetikerinnen müssen deshalb doppelt so häufig wie gesunde Frauen per Kaiserschnitt entbinden.

Die größte Gefahr liegt jedoch in der Störung der Plazentaentwicklung. Dies kann zu einer kindlichen Mangelversorgung, Frühgeburten und sogar zum Absterben des Kindes führen. Es wird geschätzt, dass bis zu 400 Totgeburten in Deutschland pro Jahr durch einen unentdeckten Schwangerschaftsdiabetes verursacht werden. Die Ausreifung des ungeborenen Kindes kann ebenfalls verzögert ablaufen. Oft sind die Organe der Kleinen zwar groß, aber dennoch unterentwickelt. Besonders bedeutsam ist die langsamere Ausreifung der kindlichen Lungen, was nach der Geburt zu Atemproblemen führen kann.

Eine komplikationslose Schwangerschaft ist möglich

Wird ein Gestationsdiabetes festgestellt, muss – um eine weitere Entgleisung des Stoffwechsels zu vermeiden – unverzüglich mit der Behandlung begonnen werden. Zunächst sollte die Ernährung der werdenden Mutter umgestellt werden. Kalorienzufuhr und Inhaltsstoffe müssen auf ihre Bedürfnisse zugeschnitten sein. In besonderen Schulungen erhalten die Schwangeren eine individuelle Ernährungsberatung und erlernen die Selbstbestimmung ihres Blutzuckers. Körperliche Aktivität, z.B. regelmäßiges Schwimmen, unterstützt die Normalisierung der Blutzuckerwerte dabei zusätzlich. Übergewichtige Frauen sollten in der Schwangerschaft nicht gezielt abnehmen, sondern versuchen, ihr Gewicht in etwa zu halten. Gelingt es so jedoch nicht, den Blutzuckerspiegel in den Griff zu bekommen, muss möglichst rasch mit Insulininjektionen begonnen werden. Ungefähr ein Viertel der betroffenen Frauen benötigt eine Insulintherapie. Tabletten, die den Blutzuckerspiegel senken, dürfen in der Schwangerschaft und Stillzeit nicht eingenommen werden. Sie könnten zu schweren Entwicklungsstörungen des Kindes führen.

Nach der Geburt verschwindet die Krankheit oft

Nach der Geburt braucht die Mutter wieder weniger Insulin, daher bildet sich der Diabetes in den meisten Fällen innerhalb weniger Wochen wieder zurück. Nur in etwa vier Prozent der Fälle bleibt die Stoffwechselstörung bestehen. Blutzuckertests sollten daher auch in der ersten Zeit nach der Entbindung regelmäßig durchgeführt werden. „Frauen, die einen Schwangerschaftsdiabetes hinter sich haben, sind aber auch zukünftig gefährdet, an einer Zuckerstoffwechselstörung zu erkranken“, mahnt Dr. Tillenburg. „In etwa einem Drittel der Fälle wiederholt sich der Diabetes bei späteren Schwangerschaften. Außerdem ist das Risiko sehr groß, dass die Frau später Diabetikerin wird.

Quelle: EKE – Elisabeth Krankenhaus Essen

Linktipps:

– Was ist Schwangerschaftsdiabetes?
– Blutzuckermessung | Medizinlexikon
– Ernährung in der Schwangerschaft: Vitamine und Mineralstoffe
– Schwangerschaft & Geburt 1. – 4. Monat
– Schwangerschaft & Geburt 5. – 9. Monat