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Die Pubertät – was ist normal, wann ist ärztlicher Rat gefragt?

Die Pubertät – was ist normal, wann ist ärztlicher Rat gefragt?

Pubertät und pubertäre Entwicklung

Wenn Kinder zu jungen Erwachsenen heranreifen beginnt für Familien oft eine anstrengende Zeit. Wer jedoch weiß, was sich in den Körpern und Seelen der jungen Menschen abspielt, hat voraussichtlich mehr Verständnis für die Veränderungen in den Verhaltensweisen der Pubertierenden. Doch was tun, wenn es ‚Störungen‘ in der pubertären Entwicklung gibt?



Doch die ‚gesunde‘ Pubertät ist das eine, noch komplizierter wird es, wenn es ‚Störungen‘ in der pubertären Entwicklung gibt. Es wird für Sie und Ihre Kinder einfacher, wenn Sie um den ’normalen‘ Ablauf der Pubertät wissen, um gegebenenfalls Abweichungen zu erkennen und Unsicherheiten von Anfang an auszuräumen bzw. zu thematisieren.

Zunächst geht es darum, die Phasen der gesunden Pubertät und die damit einhergehenden körperlichen und psychischen Veränderungen zu kennen und darauf vorbereitet zu sein, dass Kinder sich am Weg zum Erwachsen-Werden verändern. Einerseits natürlich im Aussehen, aber andererseits auch im Verhalten – und dass beides Hand in Hand geht und ganz normal ist, sollte man sich auch regelmässig in Erinnerung rufen.


Stadien der pubertären Entwicklung

Zwischen dem 8. und 11. Lebensjahr – bei Mädchen meist früher als bei Buben – führen erste hormonelle Veränderungen dazu, dass die Pubertät einsetzt. Die Kinder werden geschlechtsreif, die äußeren und inneren Geschlechtsorgane verändern sich, die Hormone spielen verrückt, erstes Verliebtsein und erotische Fantasien stellen sich ein. Sexualität in all ihren Ausprägungen wird ein Thema, entsprechende Impulse und Triebe erwachen und die Lust an der Selbstbefriedigung wird entdeckt.

James M. Tanner, ein britischer Kinderarzt und Fachmann auf dem Gebiet Auxologie (Lehre vom menschlichen Körperwachstum) entwickelte und definierte 1969 unterschiedliche Entwicklungsstufen gemessen an externen primären und sekundären Geschlechtsmerkmalen. Konkret geht es um die Entwicklung der weiblichen Brust und der Geschlechtsorgane sowie um den Schamhaarwuchs.

Die Klassifizierung der Entwicklung der Schambehaarung (Pubarche), der weiblichen Brust (Thelarche) und des männlichen Genitales (Gonadarche) wird in je fünf (bei manchen Autoren auch sechs) Stufen unterteilt:

Brustentwicklung – Stadien der Thelarche

  • T1: Präpuberal – kindlich – nur die Brustwarze ist leicht erhöht
  • T2: Brust- und Brustwarze sind leicht erhöht; der Warzenhof ist leicht vergrößert
  • T3: Die Brustdrüse insgesamt ist größer als der Warzenhof
  • T4: Der Warzenhof formt einen erhöhten Hügel, der aus der umgebenden Brust herausragt
  • T5: reife, voll Brust: Nur die Brustwarze ist erhöht, der Warzenhof ist wieder auf gleichem Niveau mit der restlichen Brustkontur

Schambehaarung – Stadien der Pubarche

  • P1: Präpuberal – kein Behaarungsunterschied zum restlichen Körper
  • P2: Wenige, leicht pigmentierte Schamhaare, glatt und flaumig oder leicht gekräuselt, erscheinen an den Labien bzw. an der Peniswurzel
  • P3: Kräftigere, dunklere und stärker gekräuselte Behaarung bei größerer flächenmässiger Ausdehnung
  • P4: Behaarung wie beim Erwachsenen aber geringere Ausdehnung (keine Behaarung auf den Oberschenkeln)
  • P5: Behaarung des Erwachsenen mit zunächst noch horizontaler Obergrenze

Genitalentwicklung des Mannes – Stadien der Gonadarche

  • G1: Präpuberal – Hodenvolumen < 3 ml, kleiner Penis, Größen und Proportionen der Genitalien entsprechen noch denen der frühen Kindheit
  • G2: Hodenvolumen > 4 ml; vergrößerter Hodensack (Skrotum), beginnende Fältelung; Penis wie in G1
  • G3: Hodenvolumen > 6 ml; Skrotum stärker gefältet und größer; Hoden größer, Penis wächst in die Länge
  • G4: Hodenvolumen > 12 ml; Skrotum wird dunkler; Penis wächst in die Länge und auch im Durchmesser
  • G5: Hodenvolumen > 20 ml; männliche Genitalien sind ausgewachsen


Entwicklungsverzögerungen?

Weltweit hat sich das Eintrittsalter in die Pubertät in den vergangenen 140 Jahren um etwa vier Jahre nach vorne verschoben. Ein fixes Datum für das Einsetzen der Pubertät gibt es also heute nicht – und hat es auch nie gegeben. Hier spielen zu viele Faktoren (kulturelle, ernährungsbedingte, genetische, etc..) eine Rolle. Nichts desto trotz gibt es Richtwerte.

Tabelle Pubertät

Das Durchschnittsalter der ersten Regelblutung liegt aktuell in Deutschland bei 12,8 Jahren. Doch auch Abweichungen von den Richtwerten sind noch kein Grund zur Beunruhigung. Hat ein Elternteil eine Abweichung von der durchschnittlichen pubertären Entwicklung von mindestens einem Jahr im Vergleich zum Bevölkerungsdurchschnitt (Menarche mit 13 Jahren, Beginn Peniswachstum mit 13-14 Jahren) erlebt, so ist eine Abweichung um ebenfalls ein Jahr bei den Kindern durchaus im Rahmen der Norm. Wichtig ist es, mit möglicherweise betroffenen Kindern darüber zu sprechen, damit sie auf die Entwicklungsabweichung vorbereitet sind.

Auch adoptierte Kinder aus anderen Kulturkreisen erleben häufig eine verfrühte Pubertät. Eltern dieser Kinder sollten dies wissen, und sich selbst und ihre Kinder entsprechend darauf vorbereiten.


Pubertas Praecox

Bei Pubertas präcox vera, der ‚echten‘ vorzeitigen Pubertät, kommt es neben dem verfrühten Auftreten von sekundären Geschlechtsmerkmalen auch zur Reifung von Samen- und Eizellen. Am häufigsten ist diese Störung durch eine verfrühte Aktivierung der übergeordneten Hormonregelkreisläufe bedingt, deren Ursache in der Regel unbekanntbleibt. Es können aber auch akute und chronische Hirnerkrankungen verantwortlich sein.

Bei der „unechten“ vorzeitigen Pubertät, der Pseudopubertas präcox, kommt es zwar zur verfrühten Ausbildung der sekundären Geschlechtsmerkmale wie einer vorzeitigen Scham- und Achselbehaarung, betroffene Mädchen bekommen aber keine Regelblutung und die Hoden der Jungen bleiben klein.

Pseudopubertas präcox ist auf eine vermehrte Produktion von weiblichen oder männlichen Sexualhormonen zurückzuführen. Ein Auslöser für die Erkrankung kann im Gehirn liegen. Ein Tumor – egal ob gut- oder bösartig – der auf das Areal des Hypothalamus, der die Hormonproduktion steuert, drückt, kann eine veränderte oder beschleunigte Ausschüttung von Hormonen bedingen und so zu Pseudopubertas präcox führen.

Stellen Sie vorzeitig Zeichen einer beginnenden Pubertät fest, sollten Sie sich ärztlichen Rat holen; der zuständige Facharzt ist ein pädiatrischer Endokrinologe und Ihr Kinderarzt wird Sie bei begründetem Verdacht umgehend überweisen.

Eine frühzeitige Diagnose und Behandlung der Erkrankung ist essentiell: Wenn Pubertas präcox unbehandelt bleibt, stellt sich ein frühzeitiger Wachstumsschub aufgrund der hormonbedingten beschleunigten Knochenreifung ein. In Folge kann es dann später zum vorzeitigen Wachstumsstopp kommen – und damit zum Kleinwuchs.

Eine Therapie ist aber auch deshalb ausgesprochen wichtig, weil die psychosoziale Belastung bei den Betroffenen – und den Angehörigen – sehr groß ist. Oftmals wird fälschlicherweise angenommen, dass vorzeitige körperliche Reife auch frühzeitige mentale Reifung bedeutet. Doch das ist ein Irrglaube! Die mentale Reife erfolgt bei Pubertas präcox eben nicht parallel zur körperlichen Entwicklung, sonder erst später.

Gerade Kinder, die ‚ausgewachsen‘ wirken, sind wegen ihrer frühzeitigen körperlichen Veränderung sogar häufig stark verunsichert, obwohl Sie von außen betrachtet so reif wirken. Die frühzeitigen körperlichen Veränderungen können Betroffenen Angst machen, da sie sich gegenüber Gleichaltrigen, die noch keine Geschlechtswentwicklung haben, ausgeschlossen fühlen. Mögliche Folgen können sein, dass sich die Patienten aufgrund ihrer Verunsicherung zurückziehen oder – das andere Extrem – unbedachte, frühe sexuelle Aktivitäten haben – mit allen damit verbundenen Folgen!

Mögliche Behandlungsmethoden

Die echte verfrühte Pubertät (Pubertas präcox vera) kann mit einer nebenwirkungsarmen Hormontherapie behandelt werden. Diese Therapie zielt darauf ab, die frühzeitige Pubertätsentwicklung vorübergehend und solange zu stoppen, bis der Zeitpunkt des normalen Pubertätsbeginns erreicht ist. Handelt es sich hingegen um Pseudopubertas präcox, muss die auslösende Ursache für die frühzeitigen Pubertätsmerkmale identifiziert und entsprechend behandelt werden.


Hypogonadismus – verzögerte Pubertät

Auch zu spät einsetzende Pubertät kann belastend sein und Beratung und Unterstützung für betroffene Jugendliche sind notwendig. Immerhin 2,5% der Jugendlichen entwickeln sich zwei Jahre später als der Durchschnitt ihrer Altersgenossen und eine medizinische Abklärung kann Leid verhindern helfen. In den meisten Fällen und bei sekundärem Hypogonadismus kann die Beschleunigung der Entwicklung mit einer leichten Abgabe von Sexualhormonen stimuliert werden; bei primären Hypogonadismus gilt es jedoch die Ursachen zu erforschen und medizinisch entsprechend gegen zu steuern.

Exkurs: Klinefelter und Turner Syndrom

Bei Männern ist häufig das Klinefelter-Syndrom der Auslöser für die vermeintlich verzögerte Pubertät. In Wahrheit handelt es sich aber um keine verzögerte Entwicklung sondern um eine Chromosomenstörung: Betroffene Männer haben ein Chromosom mehr als andere Männer und so ergibt sich statt des regulären Chromosomensatzes 46, XY der Satz 47, XXY. Etwa jeder 500. Mann ist davon betroffen, manche wissen es gar nicht, leiden aber ein Leben lang unter sehr kleinen Hoden und Zeugungsunfähigkeit.

Das weibliche Pedant zum Klinefelter Syndrom ist das Turner-Syndrom, es betrifft nur Mädchen beziehungsweise Frauen: Etwa eines von 3.000 neugeborenen Mädchen leidet unter dieser Chromosomenanomalie bei dem anstatt zwei X Chromosomen nur ein X Chromoson vorhanden ist. Merkmale des Turner Syndroms sind Kleinwüchsigkeit und eine ausbleibende Pubertät, die zu Kinderlosigkeit führt.


Gynäkomastie bei Buben

Unter Gynäkomastie versteht man das Vorhandensein von Brustdrüsengewebe beim Mann. Die Gynäkomastie ist in der Pubertät recht häufig und in 80 Prozent der Fälle kann die genaue Ursache nicht eruiert werden. Das Drüsengewebe verschwindet in den meisten Fäden nach wenigen Monaten wieder; sollte die pubertäre Gynäkomastie bei einem Buben aber länger als zwei Jahre andauern, ist eine Spontanrückbildung unwahrscheinlich. In diesem Fall kann bei starker Ausprägung eine plastische Korrektur vorgenommen werden.


Gesunde Pubertät

Doch auch wenn die Pubertät gänzlich normal und unpathologisch abläuft, haben alle Beteiligten mit Veränderungen des Zusammenlebens klar zu kommen: Kinder suchen Ungestörtheit oder die Gesellschaft Gleichaltriger, die Eltern ’nerven‘ und die Entdeckung der eigenen Sexualität stellt die Pubertierenden selbst aber auch das gesamte Familiensystem auf eine harte Probe.

Etwa zwischen dem 12. und 16. Lebensjahr befinden sich die meisten Jugendlichen in der Hochphase der Pubertät. Die körperlich-seelische und natürlich auch sexuelle Entwicklung läuft auf Hochtouren. Nackt sein wird zunächst zunehmend peinlich, heimliche Vergleiche mit Gleichaltrigen stehen auf der Tagesordnung, scheinbar unmotivierte Gefühlsausbrüche oder auch provokantes Verhalten um Grenzen aus zu testen, gehören in dieser Phase einfach dazu. Teenager suchen ihren Platz in der Gesellschaft und der eine oder andere Kollateralschaden ist bei diesem Prozess wohl unvermeidlich.

Fragen ums abendliche Ausgehen, bzw. dem richtigen Zeitpunkt um nach Hause zu kommen, Modethemen und Musikgeschmack, Schule und Freunde, etc…- Sie können sicher sein, dass Ihre Kinder ganz andere Vorstellungen davon haben, was cool und selbstverständlich ist, als Sie selbst. Hier gilt es zu verhandeln und gut zu argumentieren – und vorallem geduldig und verständnisvoll zu bleiben.

In der Hochpubertät werden meist auch das erste Mal Liebe und Sex erlebt; das andere – oder auch das eigene Geschlecht – werden zunehmend ein Thema und der erste Austausch von Zärtlichkeiten beginnt. Stellen Sie sicher, dass Ihre Kinder aufgeklärt sind und Zugang zu Verhütungsmitteln haben. Und erinnern Sie sich an Ihre eigene Sturm- und Drangphase! Tipps rund um das Thema Enthaltsamkeit – gut und schön, aber in diesem Alter soll Sexualität auch ausgelebt werden können – und in den meisten Fällen wird sie das auch!

In der spätpubertären Phase, so aber dem 16., 17. Lebensjahr, haben sich die Wogen dann meist wieder etwas geglättet. Sowohl Eltern als auch Kinder haben sich in ihre neue Rollen gefügt. Nun beginnt ein neuer Abschnitt in der Beziehung und aus den ehemals Erziehungsberechtigten werden im optimalen Fall beste Freunde. Und später werden aus den eigenen Kindern selbst Eltern und Sie dürfen die Pubertät der Enkerl dann aus der entspannten Großeltern Rolle nochmals durchleben…

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Quellen:

¹ Informationsbroschüre Pubertätsentwicklung
² Kinder- und Jugendgynäkologie

Linktipps:

– Sexualität und Pubertät
– Pubertät – Kinder in der Achterbahn der Gefühle
– Lust & Liebe – Verhütungsmittel
– Selbsthilfegruppen Österreich