In ihrem Buch “Deutschlands sexuelle Tragödie: Wenn Kinder nicht mehr lernen, was Liebe ist” stellen die Autoren Bernd Siggelkow, Jugendpastor und Gründer des Berliner Jugendwerks “Arche”, und des Sprechers der Einrichtung, Wolfgang Büscher fest, dass es”in unserer freizügigen, scheinbar enttabuisierten Gesellschaft ist es zum Tabu geworden ist, über die Schattenseiten der sexuellen Freizügigkeit zu sprechen – und die sehen so aus: Mädchen haben im Schnitt zwischen elf und zwölf Jahren das erste Mal Geschlechtsverkehr, Jungen nur ein Jahr später, Aufklärung findet über Pornos statt, die Pärchen auf dem Schulhof küssen sich nicht mehr, weil sie das im Porno nicht gezeigt bekommen, Zwölfjährige haben Gruppensex, der Partnerwechsel wird unter Teenagern zur sportlichen Herausforderung, Verhütung spielt kaum eine Rolle.”
Pornografie — etymologische Aspekte
Pornographie/Pornografie gilt als Bezeichnung für obszöne sprachliche
und/oder bildliche Darstellung sexueller Akte. Der Begriff wurde im 19. Jh. aus dem französischen Pornographie mit gleicher Bedeutung entlehnt. Etymologisch handelt es sich um eine Wortbildung aus pornograph = Verfasser unzüchtiger Schriften, entlehnt aus dem griechischen pornographos = Jemand, der über Huren schreibt. Das griechische Wort enthalt als ersten Bestandteil porn = Hure und zum zweiten graphein = schreiben.
Pornografie ist so alt wie die Menscheit, doch moderne, leistungsfähige Technologien zur Herstellung und Verbreitung ermöglichen es heute jedermann (einschließlich Jugendlichen
und Kindern) alle Formen sexueller Betätigung heranzuziehen, und zwar in graphischer Detailfülle, in authentischen Farben und bewegten Bildern – so perfekt wie noch nie. Jedes Mitglied der Gesellschaft ist, so scheint es, aufgeklärt über sexuelle Möglichkeiten, die meist noch jenseits der eigenen begrenzten Vorstellungen (und praktischen Realität) liegen.¹
Sexualität von Liebe und Lust entkoppelt
Die Pornoindustrie habe vor allem für Burschen eine wichtige Aufklärungsrolle übernommen, die Sexualität aber von Liebe und Lust entkoppelt. Problematisch sei nicht nur der unkontrollierte Zugang zur pornografischen Filmen, sondern auch die mangelnde Kritikfähigkeit in Bezug auf das Gezeigte. Dinge, die rein anatomisch nicht vorstellbar sind, werden als “möglich” erachtet. “Vor 20 Jahren etwa war Oralsex ein anderes Thema als heute”, meinte Kostenwein. Früher lag dem ein intensives Kennenlernen des Partners zuvor, nun ist eine Art “Muss”. War Analsex damals bei Jugendlichen kein Thema, fragen Mädchen heute an, was sie tun können, damit es nicht wehtut. In dieser Entwicklung sei die Handschrift der Pornoindustrie deutlich zu erkennen.” sagt der klinische Sexologe und Gesundheitspsychologe Mag. Wolfgang Kostenwein.
Gruppensex, Geschlechtsverkehr mit Tieren oder Bisexualität – den Älteren sind diese Formen der Sexualität keine Unbekannten, wie eine Umfrage unter 17-Jährigen an baden-württembergischen und rheinland-pfälzischen Schulen in Deutschland ergab.
Gerade die Jüngeren werden mit den Pornos aufgeklärt, bestätigt der Sozialpädagoge Michael Malina von der Beratungsorganisation pro familia in Villingen-Schwenningen: “Die jugendliche Neugier setzt mit der Pubertät ein. Etwa in der 6., spätestens in der 7. Klasse haben die Jungendlichen die Standardsachen im Internet gefunden, die es so gibt — oder haben sie von älteren Jugendlichen erhalten. Ab 8. und 9. Klasse wird es dann fast wieder — Jugendliche würden wahrscheinlich sagen “langweilig”. Da hat man das meiste schon gesehen und ist ein bisschen abgeklärter, hat eventuell auch schon eigene Erfahrungen gemacht. Dann gibt sich das so ein bisschen.”
Sexualentwicklung als Stress
Allgemein unbestritten scheint, dass die Konfrontation mit derartigen Darstellungen die Kinder und Jugendlichen überfordert und in den allermeisten Fällen den Betrachtern keine Antworten bringt, sondern immer neue Fragen aufwirft. Allerdings wird nicht das Gezeigte an sich hinterfragt, sondern bloß die Möglichkeiten der Umsetzung in die Realität.
Wenn Jugendliche durch Pornos aufgeklärt werden, erhalten sie völlig falsche Maßstäbe für die eigene Sexualentwicklung. Besonders bei Jungs ist festzustellen, dass sie Pornografie als das Orientierungsmuster ansehen, für das, was Sexualität offenbar ist und sein muss. Dementsprechend brüsten sich bereits 14-Jährige mit angeblichem Wissen – oder wollen bewusst schockieren.
Dies sei in erster Linie ein Stress-Faktor für die Jugendlichen, so Sozialpädagoge Michael Malina von der Beratungsorganisation pro familia: “Früher hat man von nichts gewusst, ging in die erste Beziehung und musste alles irgendwie selbst rausfinden. Heute denkt man, man weiß alles, geht in die erste Beziehung und muss alles selbst rausfinden.”
Sex-Praktiken besser bekannt als Verhütungsmethoden
So paradox es klingen mag: Trotz aller Informationsmöglichkeiten, die das Internet auch bringt, steigt das Wissen um Verhütung und Schutz vor Geschlechtskrankheiten und Aids nicht annähernd in gleichem Maße.
“In unserer Zeit sind junge Menschen in Bezug auf Sexualität “Over-newsed and Under-informed”, das heißt, sie wissen unglaublich viel über Sexpraktiken, aber viel zu wenig über den verantwortungsvollen Umgang mit Sexualität. Der leichte Zugang von pornografischen Darstellungen über das Internet, Videos und Fernsehen scheint das Sexualverhalten von Jugendlichen stark zu beeinflussen. Der emotionale Aspekt von Sexualität wird dabei allerdings völlig ausgeklammert. Auch Information über wirkungsvolle Verhütung und Prävention gegen Krankheiten bleiben dabei oft auf der Strecke”, so Gesundheitspsychologe Kostenwein.
Was die Zahl der Teenagerschwangerschaften anlangt, liegt Österreich im europäischen Vergleich auf dem Niveau der Tschechischen Republik. Laut UNO Weltbevölkerungsbericht, schneidet Österreich mit einem Wert von elf Geburten pro 1.000 Frauen im Alter von 15 bis 19 Jahren in Westeuropa am schlechtesten ab. Im Vergleich dazu liegt der Wert in Frankreich bei eins, in der Schweiz bei vier und in Deutschland bei neun. In den Zahlen ist allerdings nicht enthalten, wie viele Schwangerschaften davon abgebrochen wurden.
Säumige Eltern, säumige Schulen
Sexualaufklärung geschieht heute in den wenigsten Fällen bei den gewöhnlich engsten Bezugspersonen – den Eltern. Die Hälfte der in der Studie befragten Schüler haben keine Möglichkeit, innerhalb der Familie über intime Fragen zu sprechen. Sexuelle Themen werden zu Hause von jedem dritten Befragten generell vermieden.
Bisherige Beobachten bestätigen: Jugendliche machen an allen Schulen Erfahrungen mit Pornos – unabhängig von Intelligenz, Bildung und Schultyp. Allerdings sind bisher nur wenige Schulen bereit, sich dem Problem offen zu stellen. “Gleichaltrige Klassenkollegen, aber auch einschlägige Medien sind immer häufiger für die Aufklärung von Kindern verantwortlich. Da in beiden Fällen nicht von einer umfassenden Aufklärung im Sinne des Wohlergehens von heranreifenden Menschen ausgegangen werden kann, ist die aktive Aufklärungsarbeit bei Jugendlichen von großer Bedeutung.”²
Die sexualpädagogische Reaktion müsse die Vermittlung von emotionaler und körperlicher Kompetenz sein. Das heißt, die Fähigkeit zu fördern, den eigenen Körper anzunehmen, körperlich und emotional schmerzhafte Wünsche des Sexualpartners/der Sexualpartnerin zurückzuweisen und die eigenen Sehnsüchte zu formulieren. Sexualität solle wieder von Sehnsüchten und Lust geleitet sein.
Jugendschutz & Internet
Verwahrlosen zusehends große Teile der Jugend, wenn es um Sexualität geht? Das hält der Sexualforscher Volkmar Sigusch für überbewertet. Trotzdem fände er es falsch, Pornos schon für Jugendliche offiziell zu erlauben, wie dies in Deutschland zuweilen gefordert wird. “Ich halte gar nichts davon. Es gibt keinen sinnvollen Grund, Heranwachsende neben unserer ohnehin niveaulosen Sexografie auch noch mit der Darstellung von sexueller Gewalt in Berührung zu bringen.”
Außerdem sei aus der Forschung bekannt, dass sich Jugendliche im Allgemeinen nicht für harte Pornografie interessieren. Seine These: “Nichts macht das Sexuelle kleiner und weniger interessant als dieses permanente Bombardement, das das Geheimnis zerstört.” Gegen sexuelle Verwahrlosung von Heranwachsenden helfe nur, die Lage ihrer Familien zu verbessern. Wenn schon Kinder Pornos gucken, sei das unmittelbar mit der Situation ihrer Eltern verknüpft, sagt Sigusch – Langeweile, Arbeitslosigkeit, Alkoholismus.
Die sexuelle Verwahrlosung der Gesellschaft – sofern es sie tatsächlich gibt – muss also mit umfassenderen Maßnahmen bekämpft werden, der Ruf nach Zensur hieße das Problem vollkommen zu verkennen. Kurzfristig allerdings müsse Aufklärung im Vordergrund stehen, darüber sind sich die Experten einig. So hat der Berufsverband österreichischer Gynäkologen hat die Initiative “mädchensprechstunde” ins Leben gerufen. Ein Angebot von Ärzten, Mädchen in die Praxis einzuladen und ihnen Basisinformationen zum Thema Sexualität und Verhütung zu geben.
[red]
Quellen:
¹ Pornografie in den Medien – Prof. Dr. med. Volker Faust
² Aufklärung auf die harte Tour – Wilm Hüffer; swr.de
Linktipps:
…. Aufklärung – wie erkläre ich “es” meinem Kind?
…. Sexualität & Schamverhalten von Jugendlichen
…. Wie man ein Kondom richtig benutzt
…. Jugendliche & Sexualität
…. Safer Sex auch im Urlaub
…. Lust & Liebe: Das erste Mal
…. Lust & Liebe: Sex & Pubertät
…. Lust & Liebe: Geschlechtskrankheiten
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