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Nehmen Allergien & Lebensmittelunverträglichkeiten tatsächlich zu?

Nehmen Allergien & Lebensmittelunverträglichkeiten tatsächlich zu?

Lebensmittelallergien, Lebensmittelunverträglichkeiten

Sind Sie noch intolerant oder schon allergisch? Spätestens seit der EU weiten Allergen-Verordnung sind Allergene allgegenwärtig – und verpflichtend auf jeder Speisekarte auszuweisen. Die Gastronomie hat strikte Auflagen und jammert über all zu viel Bürokratie, die Befürworter wiederum meinen, dass durch die Auszeichnungspflicht eine stärkere Auseinandersetzung mit Nahrungsinhaltsstoffen erfolgt. Aber ist diese Aufmerksamkeit überhaupt gerechtfertigt, und worin unterscheiden sich überhaupt Intoleranz und Allergie?



Nehmen Nahrungsmittelunverträglichkeiten tatsächlich zu, oder erleben wir hier einfach nur einen medialen Hype, oder gar eine Art selbsterfüllende Prophezeihung? Werden wir eventuell immer wehleidiger, schreiben kleine Unpässlichkeiten gleich einer Unverträglichkeit oder gar Allergie zu? Wir haben uns die Sachlage etwas genauer angesehen …


Nahrungsmittelunverträglichkeit

Ja, es gibt sie tatsächlich, die traurigen Fälle, in denen ‚echte‘ Allergiker während eines Restaurantbesuchs eine lebensbedrohende Reaktion erleben – aber sie sind und waren immer selten! Und ob die Allergen-Verordnung dazu beitragen kann, diese Fälle noch weiter zu dezimieren, ist mehr als umstritten….

Tatsächlich scheint es so, als wären Probleme in diesem Bereich stark im Vormarsch. Zwar haben die meisten ‚Allergiker‘ in Wahrheit ’nur‘ eine Lebensmittelintoleranz, also eine Unverträglichkeit bestimmter Inhaltsstoffe, die Aufmerksamkeit ist aber gestiegen weil die Industrie das Interesse schürt, schließlich ist damit gutes Geld zu verdienen.

Außerdem gibt es seit einigen Jahren und nun nochmals verstärkt durch die EU Allergenverordnung, eine gesellschaftliche Sensibilisierung für das Thema. Auch führen veränderte Essens- und Lebensbedingungen dazu, dass wir mit mehr Nahrungsmitteln konfrontiert sind, als alle Generationen vor uns.

Die Globalisierung ermöglicht uns den Konsum von Lebensmitteln, die noch vor ein paar Jahrzehnten in unseren Breiten völlig unbekannt waren. Und da geht es nicht nur um natürliche Nahrungsmittel, wie Früchte, oder z.B. rohen Fisch für Sushi, sondern auch um künstliche Nahrungsmittelzusatzstoffe, die Fertiggerichten beigemischt werden.

Auch der verstärkte Einsatz von Pestiziden und Antibiotika, sowie Genveränderungen in Nahrungsmitteln werden von manchen Experten als mögliche Ursachen für die Zunahme an Unverträglichkeiten verantwortlich gemacht.

Allergieexperten meinen auch, dass die fortschreitende Verstädterung ebenfall mitverantwortlich für vermehrte Unverträglichkeiten sein könnte: eine eher sterile Umwelt, wie sie in vielen Städten Europa vorherrscht, führt dazu, das Kinder weniger Immunität aufbauen können und auf verschiedenste Stoffe verstärkt allergisch reagieren.

Tatsächlich „reagiert“ jeder Fünfte auf bestimmte Lebensmittel, sei es mit Kopfschmerzen, Bauchschmerzen, Hautirritationen oder gar Übelkeit. Doch sind all diese Menschen Allergiker? Und was ist eigentlich der Unterschied zwischen Allergie und Unverträglichkeit?


Lebensmittelallergie

Nahrungsmittelallergien liegen spezifische immunologische Mechanismen zu Grunde: Allergene sind üblicherweise Eiweiß-Bruchstücke, die vom Immunsystem fälschlicherweise als gefährlich eingestuft und entsprechend bekämpft werden. Der Körper ‚überreagiert‘ in Folge mit zum Teil heftigen Maßnahmen.

Irrtümlicherweise wird ein Abwehrprozess in Gang gesetzt und es werden ungewöhnlich große Mengen von Abwehrstoffen (meist Antikörper vom Typ IgE) gebildet. Diese veranlassen dann weitere Zellen, Histamin und andere Gewebshormone freizusetzen. Und da liegt das Problem, denn Histamin ist der Auslöser für die typischen allergischen Reaktionen, wie z.B. Hautrötungen, juckende rote Augen und geschwollene Lider, Asthmaanfälle, Schwellungen an Mund/Atemwegen bis hin zur Verengung der Luftröhre.

Besonders gefährlich sind Veränderungen an den Schleimhäuten der Bronchien, die zu einem Asthmaanfall mit Luftnot bis hin zur Erstickung führen können. Aber auch Veränderungen im Darm, die zu akutem Durchfall, oder an Auge und Nase, die zu Tränen und rinnender Nase führen können, sind unangenehm genug. Ebenfalls äußerst unangenehm sind Ekzeme, also allergiebedingte Hautausschläge, die zu Pusteln, Rötung und Jucken der Haut bis hin zu Nesselsucht bzw. Urtikaria führen können.

Ab welcher Dosis Personen allergische Reaktionen zeigen ist ganz unterschiedlich. Bei manchen Menschen reichen tatsächlich schon Spuren eines bestimmten Lebensmittels um Reaktionen auszulösen, manche reagieren erst bei größeren Mengen des allergieauslösenden Stoffes.

Gut zu wissen: “Spuren“ eines Lebensmittels gelten laut Allergenverordnung nicht als Zutat: „… Enthält das Etikett eines Herstellers neben der Kennzeichnung der Allergene darüber hinaus den Zusatz: „kann Spuren von … enthalten“, muss darüber nicht informiert werden, weil Spuren nicht als „Zutat“ im Sinne der Informationsverordnung gelten…“ informiert die WKO auf ihrer Homepage. Für diese Spuren von Nahrungsmitteln, die für machen Allergiker aber schon gefährlich sein können, gibt es laut EU-Verordnung also keine (!!!) Kennzeichnungspflicht!

Typische Beschwerden bei Allergien

  • Bindehautentzündung, Lidschwellung
  • Geschwollene Zunge, geschwollene Lippen, geschwollenes Gesicht
  • Erbrechen, Magenkrämpfe, Durchfall, Koliken
  • Plötzlich rinnende Nase
  • Schwellung des Kehlkopfes, Asthma, Atemnot
  • Juckende Haut, Ausschlag, Schwellungen
  • Migräne, Kopfschmerz, Fieber
  • Blutdruckabfall
  • Anaphylaktischer Schock (kann zu Kreislauf-Zusammenbruch und Tod führen)

Medizinisch kann eine Allergie übrigens nicht geheilt werden, Arzneien können lediglich die Symptome lindern. Ansonsten muss man gefährliche Lebensmittel meiden.


Nahrungsmittelintoleranzen

Bei Intoleranzen hingegen setzt sich der Köper gegen eine bestimmte Substanz – ohne dass das Immunsystem beteiligt ist – zur Wehr: Meist aufgrund eines Enzymmangels werden bestimmte Lebensmittelbestandteile – am häufigsten Laktose, Histamin oder Fruktose – nicht gut verarbeitet.

Bei der Laktoseintoleranz kann durch den Mangel des Enzyms Laktase der aufgenommene Milchzucker nicht oder nur in kleinen Mengen aufgespalten werden, was zu Beschwerden im Magen-Darm-Trakt führt.

Der Grund für die Unverträglichkeit von Fruchtzucker ist ein Defekt im Transportmechanismus des Darms. Der Fruchtzucker kann bei der sogenannten Fruktosemalabsorption im Dünndarm nicht ausreichend aufgenommen werden und wird zum Teil in den Dickdarm weitertransportiert. Die dortige Darmflora ist aber für die Verarbeitung nicht optimal ausgestattet, und die Abbauprodukte, die dort entstehen, können Blähungen, Durchfälle, und fallweise depressive Verstimmungen verursachen.

Neben der unangenehmen Fruktosemalabsorption gibt es auch noch die lebensbedrohlichen Fruktoseintoleranz, eine angeborene Genmutation. Der Mangel eines bestimmten Leberenzyms führt dazu, dass Fruchtzucker nicht abgebaut werden kann, was zu lebensbedrohlich geringem Blutzuckerspiegel (Hypoglykämie) und Leberfunktionsstörungen führt.

Die Histaminintoleranz entsteht durch ein Missverhältnis zwischen dem Nahrungsbestandteil Histamin und dem abbauenden Enzym Diaminoxydase. Überschüssiges Histamin gelangt so in den Blutkreislauf, dockt an den Histaminrezeptoren an und löst allergieähnliche Symptome aus

Typische Symptome bei Nahrungsmittelintoleranz

  • Entwicklungsstörungen (bei Kindern)
  • Müdigkeit, Kopfschmerzen
  • Blähungen, Durchfall, Verstopfung, Bauchkrämpfe, Fettstuhl
  • Heißhunger auf Süßes
  • Zungenbrennen, Schluckstörungen
  • Herzrasen
  • Erröten im Gesichts- und Halsbereich


Unverträglichkeiten auf dem Vormarsch!

Aktuell sind im deutschsprachigen Raum rund ein bis zwei Prozent der Erwachsenen von ‚echten Allergien‘ betroffen, bei Kindern kommen Lebensmittelallergien viermal häufiger vor – acht bis zehn Prozent der Kleinen leiden darunter.

Doch viele frühe Allergien verschwinden wieder spontan innerhalb der ersten Lebensjahre, da die Darmflora reift und lernt, mit verschiedenen Eiweißmolekülen umzugehen – allerdings nicht mit allen! Nuss-, Sellerie-, Meeresfrüchte-, und Fischallergien bleiben meist ein Leben lang bestehen und sind hochgefährlich!

Bereits kleinste Mengen dieser Lebensmittel können starke Überreaktionen auslösen, bis hin zum anaphylaktischen Schock, der schwersten Form einer allergischen Reaktion: hier sind lebenswichtige Organe betroffen, und im schlimmsten Fall kann ein anaphylaktischen Schock sogar zu tödlichem Kreislaufversagens führen.

Gut zu wissen:

90 Prozent der tödlich verlaufenden Fälle von Nahrungsmittelallergien sind auf den Konsum von Erdnüssen, Paranuss, Pistazie oder Walnuss zurückzuführen.

Fisch-Allergiker sind in unseren Breiten eher auf Meeresfisch und weniger auf heimische Fische allergisch, 40 Prozent gar nur auf eine bestimmte Fischart.

Die Art der Verarbeitung hat Einfluss auf die mögliche Reaktion: je zubereiteter – desto verträglicher lautet die Kurzformel. Bei Obst und Gemüse senken bereits Schälen, Reiben oder Entsaften die Allergenität, (Ein-) Kochen ist immer besser als roh!

Vorsicht bei Nüssen: küchentechnische Verarbeitung (z.B. Erwärmung) ändert nichts an ihrer Allergenität!

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Quelle:

– WKO Information zur Allergenverordnung

Linktipps:

– Allergien – Entgleisung des Immunsystems
– Lebensmittelunverträglichkeit – histaminarme Nahrung hilft
– Nahrungsmittelallergie: Ursache, Symptome, Prävention
– Allergischer Notfall – was tun?