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Museum für Verhütung und Schwangerschaftsabbruch und die Geschichte der Sexualität

Museum für Verhütung und Schwangerschaftsabbruch und die Geschichte der Sexualität

Verhütungsmuseum

Das weltweit einzigartige Museum für Verhütung und Schwangerschaftsabbruch (MUVS), das 2007 in Wien eröffnet wurde, leistet seitdem Pionierarbeit bei der wissenschaftlichen und didaktischen Aufbereitung heikler Themen rund um den Bereich Sexualität. Das Wiener Verhütungsmuseum gilt bei Wienbesuchern bereits als regelrechter Geheimtipp abseits der touristischen Trampelpfade. Dabei ist die Einrichtung weit mehr als bloß eine schrullige Institution, die Bibliothek beherbergt die weltweit einzige öffentlich zugängliche wissenschaftliche Sammlung von historischen Büchern zum Thema Verhütung. Die historische Literatur wurde nun digitalisiert und online verfügbar gemacht.



Auch wenn die Erzählung darüber zumeist ungläubiges Staunen hervorruft: mitten in Wien, genau am Mariahilfer Gürtel 37 im 15. Gemeindebezirk, steht das weltweit einzige Museum für Verhütung und Schwangerschaftsabbruch. Das Verhütungsmuseum ist mit nur 120 m² Ausstellungsfläche klein aber fein: weit mehr als 25.000 Besucher haben die Institution seit der Eröffnung im März 2007 bereits besucht.

Informationen für ein unbeschwertes Sexualleben

Doch was erwartet die Besucher des kleinen Museums? Zu besichtigen ist etwa das Femidom, das beim Verkehr quietscht, oder der Penisstöpsel zum Einführen in die männliche Harnröhre. Auch Kondome vielfältiger Machart werden präsentiert: Modelle aus feinem Schafsdarm oder aus Fischblasen. Anschauungsmaterial ist also reichlich vorhanden. Damit liefern die Betreiber wissenschaftliche Informationen über die angstbesetzte Zeit vor der Entwicklung der Pille. Die dargestellten riskanten Verhütungs- und Abtreibungsmethoden von früher bringen selbst aufgeklärte Besucher zum Staunen. Sie sollen zum Dialog anregen und die Einrichtung zum Brennpunkt und Diskussionsraum für Fruchtbarkeit und Gesellschaftspolitik machen.

Das vom Gynäkologen DDr. Christian Fiala gegründete und von der nunmehr bereits verstorbenen ehemaligen österreichischen Frauenministerin Johanna Dohnal eröffnete Museum sieht sich als Ort der Aufklärung und der Enttabuisierung intimster Fragen. Das Museum bereitet emotionsgeladene Themen sachlich auf und übernimmt somit Aufgaben, die eigentlich in der öffentlichen Bildungsverantwortung liegen. „Unser Museum zeigt die jahrhundertelangen Bemühungen der Menschheit nach Sex ohne ungewollter Schwangerschaft und die damit einhergehenden gesellschaftspolitischen Diskussionen, die bis heute andauern“, führt Gynäkologe Fiala aus.

Von Schulklassen wird das Museum jedenfalls regelrecht gestürmt – bis zu vier Klassen täglich kommen zu Führungen. Im Rahmen der einfühlsamen Museumsführungen würden sich gerade die Heranwachsenden oft ihre intimen Verhütungsnöte von der Seele reden oder erführen erstmals kompetente und sachliche Aufklärung, erklärt der Gründer DDr. Christian Fiala.

„Viele Mädchen erfahren hier erstmals präzise medizinische Details über die eigene Fruchtbarkeit“, sagt auch Museumsführerin Anna Pichler. Von Gymnasiasten, Berufsschülern bis zu Lehrlingen – es sind hauptsächlich Jugendliche die großes Interesse an dem ungewöhnlichen Museum haben. Wenig überrschend liegt das Durchschnittsalter der Besucherinnen und Besucher denn auch deutlich unter zwanzig Jahren.

Historische Literatur ab sofort online verfügbar

Auf der Homepage konnten User bereits bisher auf alle Objekte, Publikationen, Filme und Beschreibungen kostenlos zugreifen. Doch nun wurde der Fundus stark vergrößert: mittels neuer Scantechnologie wurden nun nämlich über 250 wertvolle antike Bücher digitalisiert um sie so online verfügbar zu machen.

Mit der innovativen Scan-Technologie ScanRobot® des Jungunternehmens TREVENTUS Mechatronics konnten die Bücher automatisch gescannt werden, ohne weit aufgeklappt werden zu müssen, so blieben die wertvollen fragilen Werke geschont. Zudem wurden die Bücher nicht nur gescannt, sondern auch – weil viele Werke in Fraktur oder einer anderen altmodischen Schrift gesetzt, und damit schwer lesbar waren – mittels Texterfassung les- und bearbeitbar gemacht. Sie stehen online im PDF-Format zur Verfügung , womit es nun erstmalig möglich, in den historischen Büchern gezielt nach Begriffen zu suchen.

Bereits gescannt wurde etwa das umfangreiche Knaus-Dokumentationsarchiv. Hermann Knaus leistete wichtige Aufklärungsarbeit über den weiblichen Fruchtbarkeitszyklus, die Sammlung umfasst über 170 Publikationen. Auch umfangreiche Dokumentationen der österreichischen Ärzte Otto Ottfried Fellner und Ludwig Haberlandt liegen bereits digital vor – sie haben mit ihren Grundlagenforschungen die Erfindung der Pille erst ermöglichten. Ebenfalls gescannt wurde „Jenny Springer, Die Ärztin im Hause. Ein Buch der Aufklärung und Belehrung 1911“ mit – für die damalige Zeit schockierend-amoralischen – anatomischen Darstellungen von Mann und Frau illustriert.

Die Sammlung ist damit die weltweit die einzige öffentlich zugängliche wissenschaftliche Sammlung von historischen Büchern zum Thema Verhütung und Schwangerschaftsabbruch und nicht nur für Wissenschafter, Historiker, Sozialwissenschafter und Mediziner, sondern auch für interessierte Laien ausgesprochen interessant.

Insgesamt spiegeln die Bücher auch die Sexual- und Sittengeschichte der vergangenen hundert Jahre wider, kurzweilig ebenso wie ernst, wissenschaftlich ebenso wie belletristisch. „Unsere Sammlung zeigt auch die historische Auflehnung für mehr Selbstbestimmung in der Sexualität und Fruchtbarkeit wider, gegen die Bevormundung durch Staat und Kirche“ sagt Museumsgründer DDr. Christian Fiala.

Verhütungsmuseum

Mariahilfer Gürtel 37/1. Stock, 1150 Wien
Öffnungszeiten: Mi bis So 14:00 – 18:00 Uhr
Eintritt für Erwachsene: € 8,-
Ermäßigter Eintritt für BesucherInnen unter 22 Jahren: € 4,-

2010 bekam das ungewöhnliche Museum den „Kenneth Hudson Preis“ des „European Museum Forum“ der für „bahnbrechende Arbeiten, beispielhafte Darstellung der Inhalte, innovative Denkansätze und das Aufgreifen kontroversieller Themen“ verliehen wird.

Programm, Information und Anmeldung: Museum für Verhütung und Schwangerschaftsabbruch

Linktipps:

– Die größten Verhütungsirrtümer
– Notfallverhütung: Nachträgliche Verhütungsmittel
– Was gesundheitsdienstleister in Social Media beachten müssen