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Hyperbare Sauerstofftherapie | Medizinlexikon

Hyperbare Sauerstofftherapie | Medizinlexikon

Hyperbare Sauerstofftherapie

Die Hyperbare Sauerstofftherapie (HBO), also die Verabreichung von Sauerstoff unter Überdruckbedingungen, ist eine vielversprechende Behandlungsform mit breitem Einsatzspektrum. Patienten werden dabei in einer Druckkammer einem erhöhten Umgebungsdruck ausgesetzt, während sie gleichzeitig konzentrierten Sauerstoff einatmen. Durch diese Methode kann etwa auch Gewebe erreicht werden, das nicht mehr ausreichend mit Sauerstoff versorgt ist und sich deshalb nicht erholen kann. Das Problem: stationäre Druckkammern mit moderner Druckkammertechnologie sind rar und entsprechend teuer. Ein österreichisches Unternehmen hat nun ein mobiles System entwickelt, das sich durch geringen Platzbedarf, sowie niedrigen Personal- und Wartungsaufwand auszeichnet.



Die hyperbare Sauerstofftherapie, kurz HBO-Therapie (auch hyperbare Oxygenierung; englisch: hyperbaric oxygen therapy) nutzt mehrere pysikalische Grundgesetze. Das Prinzip der Anwendung basiert auf der Löslichkeit von Gasen in Flüssigkeiten (Gesetz von Henry). Dieses Beschreibt den Umstand, dass umso mehr Gas in einer Flüssigkeit gelöst werden kann, je höher der Druck ist. Erste Experimente mit der Verabreichung von Sauerstoff (Gas) in Blut (Flüssigkeit) unter Überdruck sind bereits in den 1940er Jahren erfolgt.

Nachdem sich die Erhöhung des Sauerstoffgehaltes im Blut als vielversprechender Ansatz für zahlreiche therapeutische Anwendungsgebiete entpuppt hat, wurde die Forschung in den folgenden Jahrzehnten intensiviert. Deshalb gibt es mittlerweile zahlreiche wissenschaftliche Arbeiten zu Indikationen der HBO-Therapie, doch nach wie vor ist der Umfang des Potentials nicht ausreichend erforscht, weshalb er Gegenstand weiterer Forschungsbemühungen ist.


Klassische Anwendungsgebiete und sonstige Indikationen

Mittlerweile wird der Effekt des sauerstoffangereicherten Blutes nicht nur bei Notfallindikationen wie Tauchunfällen, Rauchgasvergiftungen und Gasembolien genutzt, er wird nun auch bei Sportverletzungen und chronischen Wunden eingesetzt, da er auch nachweislich zur schnelleren Wundheilung beiträgt.

Auch bei bestimmten Diabeteserkrankung (z.B. Diabetisches Fußsyndrom), bei denen das Gewebe schlecht durchblutet wird, Wunden sich entzünden können und nur schwer abheilen, wird die Hyperbare Sauerstofftherapie eingesetzt.

Durch die Sauerstoffzufuhr wird nämlich jenen Zellen, die bei der Heilung von Wunden für den Aufbau von neuem Gewebe verantwortlich sind, die für ihre Funktion benötigte Menge Sauerstoff zur Verfügung gestellt. Ohne die notwendige Mindestmenge kommt es zu Wundheilungsstörungen, da die Blutzufuhr in großen oder kleinen Gefäßen vermindert ist. Derartige Störungen im Heilprozess treten z. B. als sogenannte „offene Beine“ häufig bei Diabetes-Patienten auf. Eine Verbesserung der Sauerstoffversorgung während der HBO-Therapie kann diese Heilungszellen aktivieren und den Wundverschluss fördern.

Untersuchungen der Wundheilungsprobleme nach einer Strahlentherapie haben aufgezeigt, dass durch die HBO-Therapie auch die Neubildung kleiner Blutgefäße (Kapillaren) angeregt wird, weshalb sie auch bei der Behandlung von Bestrahlungs-Spätfolgen eingesetzt wird. Auch bei akuten und subakute Innenohrerkrankungen und Funktionsstöhrungen des Innenohrs (Gehörsturz mit und ohne Tinnitus, Tinnitus, Morbus Menière, Schalltrauma) ist die Therapie – abhängig von der jeweiligen Grunderkrankung – eine Option.

Die oben angeführten Indikationen zur hyperbaren Sauerstofftherapie sind nur ein Auszug des Gesamtspektrums und wurden auf den Konsensuskonferenzen der medizinisch wissenschaftlichen Fachgesellschaften u.a. vom Europäischen Komitee für Hyperbar-Medizin (ECHM), der Europäischen Tauch- und Überdruckmedizin (EUBS) und der Deutschen Gesellschaft für Tauch- und Überdruckmedizin e.V (GTÜM) festgelegt. Dennoch haben sich in den einzelnen Ländern teilweise unterschiedliche Indikationsspektren etabliert, woraus zum Teil beträchtliche Unterschiede in der Kostenerstattung der Krankenkassen resultieren.

Folgende weitere Einsatzbereiche werden unter anderem derzeit genauer wissenschaftlich untersucht:

– Sportverletzungen
– Schlaganfall Rehabilitation
– Migräne und sogenannter Cluster-Kopfschmerz
– Durchblutungsstörungen der Netzhaut des Auges
– chronische Lymearthritis bzw. Borreliose
– Knocheninfarkte (aseptische Knochennekrosen)


Behandlungsablauf

Üblicherweise erfolgt die Behandlung in Druckkammerzentren von öffentlichen Spitälern oder privaten Kliniken. Dabei wird Medizinischer Sauerstoff (O2, flüssig, LOXmed-AM), entweder über Konverter mit Hilfe einer Atemmaske, eines Tubus oder eines Kopfzeltes unter einem Behandlungsdruck, der über dem atmosphärischen Luftdruck liegt eingeatmet. Der therapeutisch genutzte Druckbereich liegt zwischen 1,5–3,0 bar absolut, dies entspricht einem Überdruck von 0,5–2,0 bar. Dauer und Anzahl der Sitzungen sind von der jeweiligen Indikation abhängig.

Da es aktuell in Österreich nur eine Druckkammer an der Medizinischen Universität Graz gibt, die noch dazu bundesweit für alle Tauchunfälle zuständig ist, ist die Behandlung hyperbare Oxygenierung nur unter Berücksichtigung beträchtlicher Vorlaufzeiten möglich.


Mobile Druckkammer soll neue Tätigkeitsfelder erschließen und Zugang für Patienten erleichtern

Bislang sind die Möglichkeiten, eine HBO-Therapie zu nutzen beschränkt. Druckkammern für mehrere Personen sind – auch in Deutschland – rar und stehen nur großen Einrichtungen zur Verfügung, sind sie doch sowohl in der Anschaffung als auch Wartung kostspielig. Nun hat ein Österreichisches Unternehmen in Linz eine mobile Druckkammer entwickelt, die ohne die angesprochenen Nachteile stationärer Druckkammern genutzt werden können.

Die mobile Druckkammer von BlueO2 bietet nun auch einer breiten Öffentlichkeit die Möglichkeit, die Vorzüge einer HBO-Therapie zu nutzen: „Wir sehen vor allem in der Wellnessbranche sowie bei Arztpraxen und Sportstätten ein großes Nachfragepotenzial, da es einen nachweisbaren medizinischen Nutzen gibt und die Therapie zu mehr Wohlbefinden führt. Unsere Kunden schätzen neben dem geringen Platzbedarf vor allem den niedrigen Personal- und Wartungsaufwand“, erklärt Franz Seba, Geschäftsführer von BlueO2.

Das Unternehmen möchte also mit der Innovation auch die Einsatzbereiche Regeneration und Leistungssteigerung erschließen. Zielgruppe sind demnach auch nicht Einzelpersonen sondern Sportinstitute, Kur- und Wellnesshotels, sowie Thermen.

Verwiesen wird auf die USA, dort hat man den Trend zu mehr natürlicher Leistungsfähigkeit bereits erkannt, wie die breite Anwendung von HBO-Therapien im amerikanischen Spitzensport zeigt. Tatsächlich ist die HBO-Therapie im Spitzensport dort mittlerweile Standard und wurde durch diverse wissenschaftliche Vorträge der European Underwater & Baromedical Society immer wieder in ihrer Wirksamkeit positiv hervorgehoben.

„Diese spezielle Kombination sorgt dafür, dass die gesättigte Sauerstoffaufnahme der roten Blutkörperchen physikalisch umgangen wird und der Sauerstoff durch den erhöhten Druck stattdessen in der Blutflüssigkeit gelöst wird“, erklärt der Wiener Internist Prof. Dr. Felix Stockenhuber.

„Nicht nur Raucher leiden unter Durchblutungsstörungen. Auch im Sport- und Wellnessbereich profitieren Nutzer von der zusätzlichen Energie des Sauerstoffs. Eine HBO-Therapie mit BlueO2 sorgt dafür, dass der Sauerstoff auch in entlegene Körperregionen transportiert wird, wodurch sowohl die dortige Unterversorgung kompensiert wird als auch das Wohlbefinden steigt“, so Prof. Dr. Stockenhuber weiter.

Dass die HBO-Therapie nachweislich bei Sportverletzungen wirkt, zeigt der Unfall des bekannten österreichischen Ski-Springers Lukas Müller auf. Der Sportprofi stürzte Anfang des heurigen Jahres schwer auf dem Kulm. In Folge wurde bei ihm eine inkomplette Querschnittlähmung diagnostiziert. Mithilfe der hyperbaren Sauerstofftherapie machte Müller jedoch erste Fortschritte und konnte bald seine Zehen bewegen und ist heute bereits in der Lage, dass er im Wasser gehen kann.


Risiken, Nebenwirkungen und Kritik

Nebenwirkungen der Hyperbaren Sauerstofftherapie sind insgesamt selten, kommen aber vor. Die überwiegende Zahl an unerwünschten Nebenwirkungen ergibt sich aus Druckausgleichsproblemen, die vor allem bei Erkältungen, Heuschnupfen oder behinderter Nasenatmung auftreten können. Folge sind meist Druckverletzungen des Trommelfells (Barotrauma), die von einer leichten Rötung der Trommelfelle bis hin zu einem Einriss reichen können. Auch Schmerzen in den Stirnhöhlen oder anderen Nasennebenhöhlen sind dokumentiert. Lungendruckverletzungen (Barotrauma der Lunge) sind äußerst selten, es besteht aber ein geringes Risiko eines Lungenrisses bzw. Lungenfibrose.

Die üblichen HBO-Behandlungen sind so angelegt, dass Sauerstoffunverträglichkeiten äußerst selten vorkommen. Reversible Sauerstoff-Überempfindlichkeit des Gehirns verursacht durch hohe Dosen an reinem Sauerstoff können zu Sauerstoffkrampf, Taubheitsgefühl in den Fingern oder im Gesicht, sowie kurzfristigen Seh- oder Hörstörungen führen. Eine vorübergehende Verschlechterung des Sehvermögens (z.B. bei Kurzsichtigkeit) bzw. eine vorübergehende Besserung des Sehvermögens (z.B. bei Weitsichtigkeit) ist recht häufig und betrifft etwa 40-50% der Patienten mit mehr als 15 Therapieeinheiten HBO.

Obgleich es zahlreiche evidenzbasierte Studien der höchsten Evidenzklasse zu Indikationen der HBO gibt und daher viele nationale Gesundheitssystemen entsprechende Indikationskataloge anerkannt haben, ist die Therapie in einigen Ländern der EU nicht unumstritten. Kritisiert wird der Einsatz vor allem bei vielen Indikationsgebieten, die aufgrund einer ungenügenden Zahl qualitativ hochwertiger Studien derzeit höchstens als experimentell anzusehen wären. Unbestreitbar ist, dass die limitierte Verfügbarkeit von Einrichtungen zur HBO und die hohen Therapiekosten nicht gerade förderlich für die Durchführung von Studien sind.

Ungeachtet dessen ist in Deutschland mittlerweile die Mehrzahl an therapeutischen Einrichtungen in privater Trägerschaft. Die Institute erfreuen sich steigender Beliebtheit, obwohl die Kosten nur in seltenen Fällen von den Krankenkassen übernommen werden – z.B. bei Dekompressionskrankheit, Kohlenmonoxidvergiftung, Diabetisches Fußsyndrom, clostridialer Myonekrose, Arterielle Gasembolie.

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Quellen:

¹ Hyperbare Sauerstofftherapie, Hyperbare Oxygenation, HBO-Therapie, Sauerstoffüberdrucktherapie (Dr. Christian Plafki; in medizin-netz.de)
² Indikationen zur hyperbaren Sauerstofftherapie (HBO Zentrum Bozen)
³ Blue O2 Sauerstoffdrucktherapie

Literaturangaben:

1. Mathieu, Daniel (Ed.) Handbook on Hyperbaric Medicine. 2006; Springer. ISBN: 978-1-4020-4448-9.
2. ao. Univ. Prof. Dr. Harald Andel MSc Hyperbarmedizin: Grundlagen und Anwendungen in der Sportmedizin.
3. Risiken und Nebenwirkungen der HBO (PDF)

Fotocredit: © by Katharina Schiffl

Linktipps:

– Raucherentwöhnung
– Menière-Krankheit (Drehschwindel)
– Diabetischer Fuß – was Betroffene tun können
– Hörverlust – Ursachen für die Verringerung des Hörvermögens