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Hyperaktivität | Kinderkrankheiten

Hyperaktivität | Kinderkrankheiten

Zappelphillip - Hyperaktivität

Der Zappelphilipp aus dem Kinderbuch Struwwelpeter, das der Arzt Heinrich Hoffmann 1847 veröffentlichte, gilt heute noch als Paradebeispiel eines hyperaktiven Kindes: überaktiv, unaufmerksam und impulsiv. Die Medizin bezeichnet diese Verhaltensstörungen als Aufmerksamkeitsdefizitssyndrom (ADS) und Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätssyndrom (ADHS). Doch nicht jede Konzentrationsschwäche enspricht gleich einer Erkrankung …



Bemerkenswert ist, dass Hoffmann schon in der Mitte des 19. Jahrhunderts mit scharfem Blick die Symptome beschrieb, ohne allerdings damals um die Krankheit zu wissen, von der hier die Rede sein soll. Einiges spricht aus heutiger Sicht dafür, dass der berühmte Frankfurter Nervenarzt selbst an einer Aufmerksamkeitsstörung litt und möglicherweise deshalb so ein sensibles Auge für sie hatte.

Die aktuell im deutschen Sprachraum verwendete Bezeichnung für das Krankheitsbild lautet ADHS, was Aufmerksamkeitsdefizit-/ Hyperaktivitätsstörung heißt und aus dem amerikanischen Attention Deficit / Hyperactivity Disorder (ADHD) übersetzt wurde. Die Bezeichnung soll deutlich machen, dass es sich primär um eine Aufmerksamkeitsstörung handelt und die Hyperaktivität je nach Ausprägung hinzukommen kann oder nicht.

In Deutschland ist die Zahl der diagnostizierten Kinder mit deutlich unter 5 % geringer als z.B. in den USA (über 10 %) oder Israel, wo fast 20 % erreicht werden. Ursache dafür ist die wenig verbreitete Kenntnis des Krankheitsbildes, z.B. bei Kinderärzten, Lehrern aber auch Psychologen, die – Sigmund Freud folgend – häufig auch bei ADHS-lern analytische Ansätze verfolgen und damit fast immer den Holzweg beschreiten.

Kennzeichen

Die Entwicklungsgeschichte in verschiedenen Altersstufen sieht bei ADHS-lern ungefähr so aus:

Es beginnt oft schon im Baby- und Kleinkindalter. Unruhig sind sie manchmal bereits im Mutterleib, danach Schreikinder, Speikinder. Hohe Experimentier- und Erkundungsfreude bei geringem Gefahrenbewußtsein führen häufig zu Unfällen, die gottlob meist glimpflich ausgehen.

Im Kindergarten- und Vorschulalter wird erkennbar, dass sie schwer in Gruppen integrierbar sind, eine geringe Frustrationstoleranz macht z.B. Mensch- ärgere-Dich-Nicht-Spielen oft unmöglich. Sie stehen gern im Mittelpunkt,  sind immer auf Achse und können nur schwer bei einer Sache bleiben: Jetzt Lego spielen, in der nächsten Minute Holzeisenbahn, danach zum Zeichenblock und dann wird die Bauklötzchen-Kiste ausgekippt …. . Entsprechend sieht das Kinderzimmer aus! Aufräumen können sie aber trotz gutem Willen nicht: Kaum haben Sie begonnen, kommt irgend etwas in ihre Hände, das sie ablenkt und das Zimmer sieht auch nach Stunden nicht besser aus.

Im Schulalter geraten sie oft in eine Außenseiterposition, sind Störenfried oder Klassenkaspar. Die Disziplin, die im Klassenzimmer nun von Ihnen verlangt wird, stellt für sie eine unlösbare Aufgabe dar. Gedanken, die ihnen durch den Kopf schießen, müssen sie sofort in die Klasse rufen und können nicht warten, bis der Lehrer sie drannimmt, nachdem sie sich gemeldet haben. Ihr übersteigerter Gerechtigkeitssinn und ihre unberechenbare Impulsivität ist oft genug Anlaß oder Verstärker bei verbalen und manchmal auch handgreiflichen Auseinandersetzungen.

Sie können sich auch mit größter Anstrengung nur wenige Minuten auf den Unterrichtsstoff konzentrieren. Je nach Ausprägung des Krankheitsbildes verfallen sie danach in Tagträume, gucken Löcher in die Luft, kritzeln in ihrem Heft herum oder werden zappelig, kippeln mit ihrem Stuhl, laufen im Klassenzimmer herum oder necken Mitschüler.

Ihr hüpfender, oberflächlich abtastender Wahrnehmungsstil macht es ihnen schwer, Unterrichtsinhalte systematisch zu erfassen und sich zielorientiert auf eine Aufgabe zu konzentrieren.

Hausaufgaben sind ein Drama für diese Kinder. Es beginnt mit dem Schreiben, das ihnen schwer fällt. Verkrampft liegt der Füller in der Hand und wird mit hohem Druck über das Papier geführt. Hoffentlich mault Mutter nicht und ich muss alles noch mal schreiben, weil es nicht schön genug ist, geht es ihm durch den Kopf. Stundenlang dauert das Ganze, denn es ist nicht möglich, konzentriert bei der Sache zu bleiben.

Trotz häufig überdurchschnittlicher Intelligenz, haben diese Kinder Probleme in der Schule. Nicht selten treten in Verbindung mit ADHS Teilleistungsschwächen auf wie Lese-Rechtschreib-Schwäche, Dyskalkulie, visuelle / auditive oder taktile Wahrnehmungsstörungen, welche die Kinder zusätzlich belasten.

Fratz & Co.

Im Jugendalter läßt die motorische Unruhe meist nach. Stärker noch als andere Jugendliche sind sie ausgesprochen stimmungslabil: Von himmelhoch jauchzend bis zu Tode betrübt wechseln sie innerhalb kürzester Zeit. Häufig sind sie depressiv verstimmt, ohne dass es dafür erkennbare Gründe gibt. Ihre Ausdauer ist gering. Sie sind leicht beeinflußbar und stets auf der Suche nach Extremen. Sie müssen alles ausprobieren und neigen zu risikoreichem Verhalten. Oft werden sie viel zu früh Eltern. Suchtgefahren können sie schlecht widerstehen, wenngleich sie nicht zu harten Drogen neigen. Viele Hypies, wie sie oft genannt werden, sind bei ungünstigem Verlauf aber in Gefahr alkoholabhängig zu werden.

Selbst im Erwachsenenalter sind manche Menschen noch immer erkennbar betroffen. Eine gestörte Selbstorganisation, impulsiver Handlungsstil, Selbstwertprobleme, nicht zuhören können, hohes Aktionsniveau, sensation seeking (die Suche nach dem Kick) und in ungünstigeren Fällen Suchtprobleme (vor allem Alkohol) und Kleinkriminalität können Ausprägungen im Erwachsenenalter sein. Frau Neuhaus wußte von Patienten zu berichten, die selbst jenseits der Fünfzig in bestimmten Situationen noch medikamentös behandelt werden müssen, z.B. im Arbeitsleben bei der Umstellung auf Computerverarbeitung oder um jeden Montag die langatmige Vorstandssitzung schadlos zu überstehen.

Ritalin & Co. – so wirken Medikamente

Handelsübliche Medikamente wie Ritalin helfen hyperaktiven Kindern auf verblüffende Weise: Rund zwei Drittel der Betroffenen bändigen ihr Verhalten, sind nicht so unruhig und unkonzentriert. Während viele ärzte das Medikament empfehlen, warnen andere vor den Nebenwirkungen dieser Stimulanzien.

Bei den üblichen Medikamenten handelt es sich nicht wie viele meinen um Tranquilizer und Sedativa, die hyperaktive Kinder ruhig stellen sollen, sondern paradoxerweise um Anregungsmittel, so Kinderarzt Klaus Skrodzki. Heute weiß man, dass der Wirkstoff Methylphenidat für eine höhere Dopamin-Konzentration im Gehirn sorgt und so eine schnellere Reizleitung zwischen Nervenzellen gewährleistet.

Die Wirkung des Medikaments zeigt sich bei hyperaktiven Kindern bereits eine halbe Stunde nach der Einnahme und hält zirka drei Stunden an. Werden die Kinder erst ruhiger, aufmerksamer, ausgeglichener, so zeigen sie danach wieder das übliche Verhalten. Rund 80 Prozent der Kinder sprechen auf das Medikament an, so Skrodzki. Zu den Nebenwirkungen von Ritalin, das unter das Betäubungsmittelgesetz fällt, zählen Appetitlosigkeit, Bauch- und Kopfschmerzen sowie Schlaflosigkeit. Langzeitnebenwirkungen sind nicht erkennbar, so Johanna Krause, Nervenärztin und Psychotherapeutin in München. Eine Abhängigkeit von dem Medikament wurde in der Fachliteratur nicht beschrieben.

Im Gegensatz dazu warnt der Pharmakonzern Novartis auf dem Beipackzettel seines Produktes vor einem psychischen Abhängigkeitpotential bei nicht bestimmungsmäßigem Gebrauch. Neue Studien widersprechen sich darin, ob das Medikament die Abhängigkeit von Nikotin, Kokain und anderen Drogen fördere.

Therapien, Diäten & Co. –  die Alternativen zu Medikamenten

Neben Medikamenten bieten sich zahlreiche alternative Therapien an. Die Angebote sind so vielfältig, dass Eltern Probleme haben, eine geeignete Behandlungsform zu finden. Wir stellen Ihnen an dieser Stelle die wichtigsten vor:

  • Psychotherapie
  • Verhaltenstherapie
  • Behandlung mit Diät
  • Bewegungstherapien

Eine Kombination von Therapie und Medikamenten wird häufig empfohlen. Unter Umständen können therapeutische Methoden erst wirklich greifen, wenn das Kind durch Medikation ‚erreichbar‘ geworden ist, schreibt Heilpädagogin Cordula Neuhaus in ihrem Buch Das hyperaktive Kind. Eine ausschließliche Behandlung mit Ritalin ist immer ein Fehler, sagt Helmut Remschmidt, Präsident der Europäischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie. Eltern sollten sich deshalb immer überlegen, durch welche Therapien sie eine medikamentöse Behandlung ergänzen können.

Linktipps:

– Kinderärzte Österreich: Fachärzte für Kinder- und Jugendheilkunde
– Hängen Übergewicht und ADHS bei Kindern zusammen?
– Schulangst bei Kindern & Jugendlichen
– Psychopharmaka als Allheilmittel bei seelischen Problemen?
– www.ads-hyperaktivitaet.de
– www.hyperaktiv.de
– Bundesverband Hyperaktivität