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Depressionen: Frauen häufiger betroffen, aber schlechter versorgt

Depressionen: Frauen häufiger betroffen, aber schlechter versorgt

Depressionen bei Frauen - ungleiche Behandlung

Die Depression zählt zu den Erkrankungen, die in überwiegendem Maße Frauen betreffen. Der aktuelle Frauenbericht des Bundesministeriums für Gesundheit zeigt: Doppelt so viele Frauen wie Männer leiden an Depressionen, Frauen bekommen mehr als doppelt so viele Antidepressiva verabreicht als Männer. Obwohl das Geschlecht bei der Diagnose und Behandlung von Depressionen eine wichtige Rolle spielt, wird dieser Umstand nur von wenigen Medizinern und Psychologen adäquat berücksichtigt.



Nach Schätzungen des britischen National Health Service (NHS) dürfte im Laufe eines Lebens fast jeder Mensch einmal unter Depressionen leiden. In Österreich schätzt man aktuell bis zu 400.000 Erkrankungen, wenngleich die tatsächlichen Zahlen unbekannt sind; vor allem, weil viele Betroffene, auch aus Scham, keinen Arzt aufsuchen. Dass eine Depression bei Frauen wesentlich häufiger auftreten kann als bei Männern, ist seit Längerem bekannt. Tatsächlich tritt bei doppelt so vielen Frauen eine Depression auf als bei Männern. Von vier Frauen erlebt eine in ihrem Leben eine Depression, bei Männern ist es nur einer von acht.

Ebenso ist die Anzahl der Suizidversuche bei Frauen deutlich höher als bei Männern. Bei Kindern treten Depressionen selten auf, bei Jugendlichen wächst der Anteil der Betroffenen. Vor der Pubertät sind laut Statistik mehr Buben krank, danach mehr Mädchen. Die psychische Gesundheitsversorgung in Österreich ignoriert aber weitgehend das Leid der betroffenen Mädchen und Frauen: Es herrscht immer noch ein Mangel an frauenspezifischen stationären psychiatrischen Angeboten, und Frauen bekommen in den meisten Fällen ältere, billigere Antidepressiva, die weit mehr Nebenwirkungen auslösen können.

Trotz dieser Bedingungen ist die Therapiebereitschaft der Frauen bemerkenswert: 66,8 % der stationären Aufenthalte mit der Indikation “affektive Störungen” (Depression, Angst- und Zwangsstörungen) gehen auf das weibliche Geschlecht zurück. Zusätzlich dazu nehmen Frauen auch die Form der medikamentösen Therapie an: 66 % der Antidepressiva-Verordnungen gingen laut einer Studie des Hauptverbandes der Österreichischen Sozialversicherungsträger und der SGKK an Frauen.

Frauen erhalten mehr, aber billigere Antidepressiva

Besorgniserregend ist jedoch, dass bei Frauen auch in diesem Bereich gespart wird: Sie werden mit billigeren, älteren Antidepressiva versorgt, wie eine Studie der OÖGKK nachgewiesen hat. Besonders diskriminiert werden bei dieser Vorgehensweise die einkommensschwächeren und arbeitslosen Frauen, denn diese erhalten einen Großteil der Antidepressiva-Verordnungen.

Männer hingegen erhalten großteils moderne, patentgeschützte und daher teurere Antidepressiva. Fakt ist auch, dass Frauen bei psychischen Problemen meist beim oftmals überforderten Allgemeinmediziner landen, wohingegen Männer vorwiegend in fachärztlicher, sprich psychiatrischer, Behandlung sind.

Gender und Gesundheit

Unterschiede dieser Art herauszuarbeiten ist Aufgabe der Gendermedizin, eines Teilbereichs der Genderforschung. Krankheiten und Gesundheitsprobleme sind in deren Betrachtungsweise auf geschlechtsspezifische Unterschiede, damit in Zusammenhang stehende physische und psychosoziale Faktoren sowie auf Wechselwirkungen mit dem sozialen und gesundheitspolitischen Umfeld zu untersuchen. Ergebnisse der Gesundheitsforschung, insbesondere der Frauengesundheitsforschung und der sich langsam entwickelnden Männergesundheitsforschung, verdeutlichen, dass Frauen und Männer

  • anders krank sind,
  • im Alltag anders handeln, wenn es um Gesundheit und Krankheit geht,
  • die medizinische Versorgung anders in Anspruch nehmen,
  • andere Gesundheits- sowie Krankheitskonzepte besitzen,
  • sich in ihrem Gesundheitswissen unterscheiden.

Bei der Behandlung von psychischen Erkrankungen ist die Wirkung von Medikamenten von der Verstoffwechselung und von Wechselwirkungen mit körpereigenen Hormonen und deren Veränderungen im Leben abhängig. Eines der größten Probleme der Psychopharmakologie ist der Mangel an guten Studien über die Auswirkung des Geschlechts hinsichtlich von Nebenwirkungen der Medikation. Gerade im Hinblick auf die notwendige Dosierung bzw. Wechselwirkungen mit den weiblichen Hormonen ist nur wenig bekannt. So haben die meisten Hersteller bisher jüngere Frauen aus Angst vor einer möglichen Schwangerschaft während des Untersuchungszeitraums aus Medikamentenstudien bewusst ausgeschlossen.

Initiative für seelische Gesundheit und Lebensqualität

Anlässlich des 101. Weltfrauentags fordert die “innenwelt” als Initiative für seelische Gesundheit und Lebensqualität den Abbau der geschlechtsspezifischen und sozialen Ungleichheiten im psychiatrischen Bereich und die Umsetzung neuester Erkenntnisse der Gendermedizin. Die Initiative hat es sich zur Aufgabe gemacht, Menschen mit psychischen Erkrankungen eine Plattform zu geben und sie und ihre Angehörigen, aber auch alle anderen, deren Interesse der seelischen Gesundheit gilt, im Kampf gegen die Stigmatisierung und Tabuisierung von seelischen Erkrankungen zu unterstützen.

Demnach müssen Frauen Zugang zu für sie optimalen medizinisch-therapeutischen Behandlungsmöglichkeiten haben: sowohl zu psychotherapeutischen Angeboten für Frauen mit Kind, als auch zu modernen, gut verträglichen und erstatteten (von der Krankenkassa bezahlten) Medikamenten.

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Quellen:

- Sylvana Otto: Gender und Gesundheit – Geschlechtsdifferentes Gesundheitsverhalten und Gesundheitswissen – differente Partizipation; Dez. 2006
- Bundesministerium für Gesundheit: Frauengesundheitsbericht 2010/11
- Initiative innenwelt

Linktipps:

- Die Postpartale Depression
- Depressive Erkrankungen – Leitlinie vorgestellt
- Was ist eine Bipolare Störung?
- Lichttherapie gegen Depressionen