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Faulenzen – dürfen Kinder das?

Faulenzen – dürfen Kinder das?

Kinder: Faulenzen in den Ferien und zu Hause

Die großen Ferien sind da und zunächst atmen alle mal auf – Eltern wie Kinder! Kein Prüfungsmarathon, kein Zeugnisstress, lange schlafen und am Besten mal ab in den Urlaub! Doch die Sommerfreien dauern in Österreich volle neun Wochen, und immer mehr Erwachsene wie Kinder haben Schwierigkeiten die freie Zeit zu genießen.




Was tun in den Ferien?

Wichtig ist eine gute Mischung – die ersten Tag nach anstrengenden schulischen oder beruflichen Phasen soll man am besten dazu nutzen, so richtig ‚runter zu krachen‘. Faulenzen, ausschlafen, tag-träumen, die vergangenen Ereignisse Revue passieren lassen… Einfach den Gedanken nach zu hängen ist die beste Methode, zu reflektieren und aus gewohnten Denkmustern heraus zu kommen.

Das gilt für Erwachsene übrigens ebenso wie für Kinder. Und wer kleine Kinder beobachtet, weiß, dass diese das auch noch instinktiv begreifen. Wer kennt nicht den versonnen Ausdruck, wenn jemand ‚ins Narrenkastl schaut‘ und den Eindruck erweckt, er wäre der Welt um ihn entrückt? Doch im täglichen Alltag gönnen wir uns diese kleinen Auszeiten viel zu selten. Umso wichtiger ist es, sich in den ersten Ferientagen bewusst Zeitfenster zu gönnen, und den Gedanken einfach ihren Lauf zu lassen.

Doch gerade Kinder brauchen auch Anregungen. In Zeiten wo digitale Unterhaltung durch Smartphone & Co jederzeit verfügbar ist, muss der Nachwuchs oft erst dazu animiert werden, die freie Zeit nicht nur passiv zu konsumieren, sondern aktiv zu gestalten.

Kindern die Möglichkeit zu geben, sich verschiedene Dinge an zu sehen und in ’neue Bereiche‘ reinschnuppern zu können ist ein wichtige Elternaufgabe. Die Angebote sind mittlerweile ja wirklich vielfältig: Diverse Ferienspiele, Freizeitlager, Sport- und Kreativwochen, etc.,… bieten für Kinder jeden Alters Möglichkeiten, neues auszuprobieren.

Ob das nun Tennis oder Boccia, Skateboard oder Tischtennis, Holz- oder Keramikarbeiten, Schauspielen oder Singen, Bergsteigen oder Orientierungsspiele, oder…. sind – es gibt sehr viele Möglichkeiten, Kindern aktives Freizeitvergnügen anzubieten und ihnen die Möglichkeit zu geben zu erfahren, was Freude macht.

Beim Angebot an Ferienkursen gibt es zwar ein starkes Stadt-Land-Gefälle, dafür gibt es auf dem Land aber andere Angebote – zum Beispiel Vereine. Auf dem Land haben Kinder auch viel mehr Möglichkeiten, sich ‚unangeleitet‘ zu beschäftigen. In den Wald gehen, selbstständig und frei Dinge entdecken, mit den Nachbarkindern unterwegs sein und die Natur erkunden, sich mit den Tieren beschäftigen – das alle sind – und waren schon immer – typische Freizeitaktivitäten von ‚Landkindern‘.

Anregungen sind also gut, ebenso wichtig ist es aber, Kindern nicht permanent Entertainment zu bieten. Kinder sollen auch aus sich heraus Dinge entdecken können. Doch das gelingt nur, wenn ausreichend Muße vorhanden ist. Sich zu langweilen, gar nichts zu tun, nur in den Tag hinein zu leben um zu erfahren, was ‚in einem steckt und heraus will’ ist ein wichtiger Zugang zur eigenen Kreativität.


Freizeitstress

Der durchschnittliche Europäer hat in den vergangenen 90 Jahren ein Drittel an Lebenszeit dazu gewonnen, während sich die gesamte Erwerbsarbeitszeit nahezu halbiert hat. Durch technische Errungenschaften hat sich auch der Aufwand für die Hausarbeit verringert – wir müssten also eigentlich alle über unglaublich viel freie Zeit verfügen.

Tatsache ist: subjektiv erleben wir eine Zeitknappheit: „80 Prozent der Menschen geben an, über weniger Zeit als je zuvor zu verfügen“, so Peter Zellmann vom österreichischen Institut für Freizeit- und Tourismusforschung. „Die Freizeitindustrie hat uns fest im Griff. Die technischen Möglichkeiten stehlen uns letztlich mehr Zeit als sie uns geben,“ so Zellmann weiter.

Nach aktuellen Umfragen werden aktuell vom durchschnittlichen Österreicher rund 19 Freizeitaktivitäten regelmäßig ausgeübt – 2011 waren es 17,7, 1996 erst 14,2. Diese Aktivitäten werden in folgende Untergruppen unterteilt:

  • Mediennutzung: 40 Prozent
  • „Mediennutzung“ umfasst Tätigkeiten wie Fernsehen, Radio hören, Zeitung lesen, Telefonieren, Video/DVD schauen, Nutzung von Internet oder E-Mail.

  • Aktive Freizeitgestaltung: 19 Prozent
  • Unternehmungen außer Haus und/oder aktive Beschäftigungen wie Spazierengehen/Wandern, Sport treiben, Radfahren, Wochenendfahrten, Essen gehen, Tagesausflüge, oder Shoppen

  • Erholung im häuslichen Bereich: 14 Prozent
  • 14 Prozent der ‚freien Zeit‘ dient der Erholung im häuslichen Bereich. Dazu gehören Ausschlafen, Nickerchen, Nichtstun, sich pflegen oder Plaudern.

  • aktive Tätigkeiten zu Hause: 14 Prozent
  • Weitere 14 Prozent sind für aktive Tätigkeiten zu Hause verplant. Darunter fallen Beschäftigung mit der Familie, gemeinsames Spielen und Basteln, Gartenarbeit oder die Ausübung eines Hobbys.

  • Pflege von sozialen Kontakten: 9 Prozent
  • Nicht einmal 10 Prozent der Zeit werden für die Pflege von sozialen Kontakten genutzt: Man geht in ein Lokal, lädt jemanden ein bzw. wird eingeladen, und unternimmt mit Freunden etwas.

  • Kultur und Weiterbildung: 3 Prozent
  • Seit fünf Jahren unverändertes Schlusslicht im Rahmen der Befragungen: Lediglich drei Prozent der Freizeitaktivitäten werden für kulturelle Angebote, wie Besuch von Theater, Kino oder Ausstellungen sowie musikalischen Darbietungen oder persönliche Weiterbildung genutzt.

Nun, eine statistische Aufstellung dieser Art hat zwar nicht all zu viel Aussagekraft, Tendenzen sind aber erkennbar: die passive Mediennutzung nimmt zu (1996 haben erst 29 Prozent der Aktivitäten in diesem Bereich stattgefunden), die häusliche Erholung ab.

Zellmanns Resümee: In den ohnedies knappen Zeitbudgets wird immer mehr untergebracht, was wohl bedeutet „mehr Freizeitquantität, weniger Freizeitqualität.“

Hauptverantwortlich für diese Zunahme bei der Mediennutzung ist ohne Zweifel das Aufkommen von Internet und Smartphone – und damit verbunden die dauernde Verfügbarkeit und der Anspruch überall dabei sein zu müssen – Schlagwort „Social Media“.


Auch Faulenzen darf sein

Immer mehr Menschen fühlen sich ohne Smartphone in Griffnähe regelrecht nackt! Nach dem Motto ‚Nur ja nix verpassen‘ wird im Minutentakt aufs Display geschaut, gewischt, getippt und gescrollt.

Und das in der Freizeit! Egal ob im Bad, im Freundeskreis, am Strand, beim Essen mit Freunden, oder auch mit Buch im Garten – ohne regelmäßigen Blick auf das Display geht gar nichts. Wenn man diese Zeitgenossen dann auf ihr Verhalten anspricht, dann meinen diese meist, sie wären ‚eh entspannt ‚ – doch das ist ein Irrtum.

Erst wer sich wirklich aus dem Alltag ausklinkt und ‚Pause macht‘ erholt sich wirklich! Faulenzen darf, soll und muss ein wichtiger Teil der Freizeitgestaltung sein! Das gilt auch – und gerade – für Kinder. Wichtig ist, den Begriff ‚faulenzen‘ einzugrenzen. Wer stundenlang vor dem Fernseher hockt, faulenzt nicht, sondern lässt sich berieseln und ’nutzt Medien‘, und auch wer mit Freunden im Einkaufscenter rumhängt, ist nicht faul, sondern aktiv unterwegs.

Faulenzen ist etwas anderes: Einfach nichts tun, den Blick schweifen lassen und einfach zusehen, wie der Tag vergeht….. Das ist Müßiggang! Und Faulenzen ist wichtig! Nur wer ab und an mal faul ist, kann auch große Ideen gebären.

Längst ist wissenschaftlich unumstritten, dass eine bestimmte Hirnregion nur dann aktiviert ist, wenn wir im „Faulenzer-Modus“ sind. Diesen Zustand nennt man „default mode“. Wenn das Gehirn von außen keine Reize empfängt, beschäftigt es sich (endlich!) mit sich selbst – und erst dann wird Kreativität frei gesetzt.


Wenn Langeweile bedenklich wird

wischen dem notwendigen und erstrebenswerten „default mode“ und Dauerfades die richtige Balance zu finden ist mitunter aber nicht so einfach – besonders bei Kindern. Wer kennt ihn nicht, den Satz “ Mir ist soooo fad..“ ? Doch was tun?

Der Spagat zwischen Daueranimation, gesundem Faulenzen und bedenklicher Langeweile ist gar nicht so einfach hin zu kriegen. Sollten sich bei Ihnen, oder auch bei Ihrem Nachwuchs folgende Symptome einstellen, dann ist die Langeweile kein default mode mehr, sondern ein erst zu nehmendes Problem:

Traurig: Das Zugestehen von Phasen der Langweilest ist die eine Sache – wenn Ihr Kind aber permanente Anzeichen von Traurigkeit aufweist und an nichts mehr Freude zeigen kann, dann ist Vorsicht angeraten.

Kinder, die auch im Urlaub oder bei Ausflügen kein Interesse zeigen, und sich immer mehr zurückziehen, schleppen oft unausgesprochene Probleme mit sich herum: Ärger in der Schule oder mit Freunden, Lernstress, Mobbying – die Ursachen könne vielfältig sein und Eltern sollten behutsam herausfinden, welches Problem sich hinter der vordergründigen Interesselosigkeit verbirgt.

Gestresst: Auch permanente Reizüberflutung kann ein Grund für subjektiv erlebte und ausgestrahlte Langeweile sein. Wenn Kinder stundenlang vor dem Bildschirm sitzen, werden sie genauso träge wie wir Erwachsenen. Als Gegenmittel bietet sich für Kinder wie Erwachsene das gleiche Rezept an. Aktiv werden, rausgehen, ab in die Natur, Sport machen, Malen, Tanzen, Schreiben oder auch ein gutes Buch lesen – so gut wie jede Tätigkeit ist aktiver und ‚unlangweiliger’ als permanenter, passiver Medienkonsum.

Einsam: Kinder, die über Langeweile klagen, meinen oft auch etwas anderes: sie wünschen sich in Wahrheit keine organisierte Unterhaltung, sondern sehnen sich nach Zuneigung. Sie wollen Aufmerksamkeit und Anerkennung, sie wollen Zeit mit ihren Eltern verbringen und in ihrer Persönlichkeit wahr und ernst genommen werden.

In diesem Sinn: Wenn Ihren Kinder das nächste Mal wieder fad ist – fragen Sie nach! Und überlegen Sie gemeinsam, was sie tun können, um die richtige Balance zwischen Aktivität und Faulenzen zu finden! Eltern sind oft viel zu schnell mit einem Angebot da und machen Vorschläge, um kurzfristig Ruhe zu haben. Kinder sind dann aber meist nur kurz abgelenkt, weil es nicht das ist, was für sie passt. Man muss Kindern deshalb auch Zeit lassen, selbst Ideen zu entwickeln – das Quengeln bis zur Entdeckung dessen, was dem Nachwuchs Spaß macht, muss man dabei wohl oder übel in Kauf nehmen.

Last but bot leaset: Seien Sie sich Ihrer Vorbildwirkung bewusst und schalten Sie das Handy und den Fernseher zwischendurch aus. Unternehmen Sie etwas, spielen Sie, lesen Sie, malen, basteln oder musizieren Sie gemeinsam. Und lassen Sie Ihr Kind selbst entdecken, was es will und was ihm Freude macht. Jedenfalls: interessieren Sie sich für ihr Kind! Kinder brauchen kein 24h-Animationsprogramm, lassen Sie ihnen auch genügend Platz um Fantasie zu entwickeln, denn daraus entsteht dann Kreativität und die Fähigkeit sich auch alleine zu beschäftigen.

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Quellen:

¹ Mehr Konzentration durch Meditation
² Institut für Freizeit und Tourismusforschung

Linktipps:

– Tipps für bessere Work-Life Balance
– Eltern als Vorbild
– Entspannungstipps
– Smartphones & Internet – Elternguide für Kids und Teens