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Fasten – Gleichgewicht für Körper und Seele?

Fasten – Gleichgewicht für Körper und Seele?

Fasten - Gleichgewicht für Körper und Seele

Von Aschermittwoch bis Ostern ist Fastenzeit – für viele ein willkommener Anlass nach der üppigen Weihnachtzeit und der unmittelbar darauffolgenden trubelvollen Faschingszeit das Leben wieder zu entschleunigen. Die ursprünglich religiösen Motive für das Fasten treten heute immer mehr in den Hintergrund – vielmehr wird Enthaltsamkeit quasi zum Luxusgut in unserer immer schnelllebigeren Zeit. Doch was hat es mit dem Verzicht auf sich? Wir haben die Hintergründe für Sie recherchiert.



Wir leben im Konsumzeitalter und können so gut wie alles immer und sofort haben. Doch noch immer verzichten Menschen während dieser paar Wochen ‚Fastenzeit‘ auf das Auto oder das Smartphone, auf Fernsehen, auf Alkohol, Zigaretten oder Süssigkeiten, auf Fleisch oder gänzlich auf feste Nahrung. Die Anzahl der Menschen, die bewusst Verzicht üben, nimmt sogar zu. Doch was war der ursprüngliche Zweck der Fastenzeit? Warum entsagen Menschen auch heute noch bewusst?

Fasten – religiöser Hintergrund

Fastenzeiten sind fixer Bestandteil nahezu aller Religionen. Die Religionsstifter der großen Weltreligionen haben alle gefastet und eine Phase des Verzichts durchlebt, bevor sie Offenbarungen erlebten: Mohammed fastete, bevor ihm die Lehren des Koran bewusst wurden, Moses stieg auf den Berg Sinai und fastete 40 Tage, bevor er Gottes Wort empfing und Jesus zog sich 40 Tage zum Fasten in die Wüste zurück.

Lediglich Buddha lehrte den Weg der Mitte: Selbstkasteiung lehnte er ebenso ab wie Völlerei. Aber auch den Buddhisten ist bewusst: Wenig essen erleichtert die Meditation und ebnet den Weg zum inneren Frieden und der Erleuchtung. Essensverzicht nach zwölf Uhr Mittag für Mönche und Nonnen bzw. einzelne Fasttage gibt es daher auch bei Buddhisten.

Auch heute noch gibt es in allen großen Weltreligionen Fastenzeiten mit dem Ziel, die Menschen wieder mehr auf den Glauben zu konzentrieren um Gott näher zu kommen. Im Islam ist das Fasten eine der fünf tragenden Säulen. Gefastet wird im Ramadan, dem neunten Monat des islamischen Mondjahres. 30 Tage lang dürfen Muslime zwischen Sonnenauf- und Sonnenuntergang nicht essen, trinken und rauchen. Das abendliche Fastenbrechen findet dann in größeren Gruppen statt, und hat so einen stark familiären und gemeinschaftsfördernden Charakter.

Im Judentum ist Jom Kippur der große Versöhnungs- und Fastentag. An diesem Tag darf weder gegessen, getrunken noch geraucht werden, man wäscht sich auch nicht, ist sexuell enthaltsam und geht nicht zur Arbeit. Darüber hinaus gibt es im Judentum fünf weitere allgemeine Fastentage, an denen der jüdischen Geschichte gedacht wird. An weiteren Tagen ist das Fasten eine Option, aber nicht fest vorgeschrieben: beispielsweise am Vorabend des monatlichen Neumonds, am eigenen Hochzeitstag oder am Todestag der Eltern.

Bei den Christen dauert die Fastenzeit von Aschermittwoch bis Ostern. Es gibt heute aber keine strengen Fastenregeln mehr, vielmehr soll jeder Christ für sich selbst entscheiden, wie er die Fastenzeit gestalten will. Die Orthodoxe Kirche verlangt ihren Gläubigen ein strengeres Fasten mit vier mehrwöchigen Fastenzeiten im Kirchenjahr ab; außerdem wird an jedem Mittwoch und Freitag gefastet. An allen Fastentagen sind Fleisch, Eier und Milchprodukte verboten, an strengen Fastentagen auch Fisch, Wein und Öl.

Doch für uns Europäer ist der religiöse Hintergrund des Fastens immer stärker in den Hintergrund gerückt. Aber wir fasten trotzdem, doch warum eigentlich?

Fasten als Lifestyletrend?

Für wenig Essen und kein Programm relativ viel zahlen? Wie geht das denn? Wer will das überhaupt? Der eine Pol der Freizeitindustrie bietet immer mehr und schnelleres und das möglichst rund um die Uhr: egal ob der Cluburlaub im Sommer oder die institutionalisierte Hüttengaudi währen der Winterferien, egal ob der Besuch im animierten Freizeitpark oder im interaktiven Museum: Hauptsache, ‚es ist was los!‘

Doch vor lauter Entertainment rund um die Uhr fehlt die Zeit für echte Erholung, für Einkehr, für Besinnung. Doch die Freizeitexperten haben auch diese Nische erkannt und bedienen – der andere Pol der Industrie – die Sehnsucht nach Ruhe und Langsamkeit: Fastenwochen boomen, und je einsamer die Gegend, je weniger Entertainmentangebote, je weniger Ablenkung desto besser! Die Menschen sehnen sich nach Einfachheit, sie suchen den Verzicht – und das nicht nur beim Essen.

Ist Fasten also ein Lifestyletrend geworden? Wir denken – Ja! Trends erkennt man nicht zuletzt daran, dass es Nachfrage gibt und Angebote aus dem Boden schießen: Egal ob Heilfastenwoche, um sich von „unnötigem Ballast“ zu befreien, Fasten nach Buchinger und Lützner, Basenfasten, Fasten für Eilige oder Berufstätige, Saftfasten, veganes Fasten, Suppenfasten – das Angebot ist vielfältig und mittlerweile gibt es tatsächlich so etwas wie eine eigenen Fastenindustrie.

Doch so verschieden die Fasten-Varianten auch anmuten, das Ziel ist immer das gleiche: es geht um den Frühjahrsputz von innen, um die Reinigung von Körper und Geist durch bewussten Verzicht. Und um diesen Verzicht zu erleben und den Luxus der Leere ‚auszukosten‘ sind immer mehr Menschen bereit, mehr oder weniger tief in die Tasche zu greifen und für im wahrsten Wortsinn ’nichts‘ relativ viel zu bezahlen.

Heilfasten – Der Luxus des Nichts

Zunächst gilt es, einem weit verbreitetem Irrtum entgegenzutreten: Fasten, also reine Nahrungseinschränkung ohne auch die seelische Komponente zu berücksichtigen, ist nicht gesund – und der Begriff ‚Heilfasten‘ sollte für eine so einseitige Einschränkung der Lebensumstände nicht missbraucht werden.

Schon der Erfinder des ‚Heilfastens‘, der deutschen Arzt Otto Buchinger, legte größten Wert darauf, dass seine Patienten während des Fastens neben der körperlichen Reinigung auch die seelische Regeneration betrieben. Würden beim Heilfasten nämlich Muße und innere Einkehr vernachlässigt, nütze die Kur meist gar nichts, so Buchinger. Vielmehr bestünde sogar das Risiko, dass sich Krankheiten verschlimmern könnten.

Wer also ‚heilfastet‘, um lediglich sein Gewicht zu reduzieren, hat das Prinzip nicht verstanden, und missbraucht die ursprüngliche Idee. ‚Echtes Heilfasten‘ nach Buchinger kombiniert nämlich eine niederkalorischen Trinkkur obligatorisch mit Bewegungstraining und Entspannungseinheiten. Neben fastenunterstützenden Maßnahmen wird in klassischen Heilfastenwochen auch Wissen über die Zusammenhänge zwischen Ernährung und körperlicher und seelischer Gesundheit vermittelt.

Heilfasten ist eine einfache und wirkungsvolle Gesundheitsförderungsmaßnahme. Es dient der Prävention zahlreicher Krankheiten und kann ein idealer Einstieg in eine Lebensstilmodifikation sein. Es geht um Achtsamkeit gegenüber den eigenen Bedürfnissen, aber auch die Sensibilität gegenüber den Bedürfnissen der Mitmenschen und ein Rückbezug auf die Natur und die Umwelt werden gefördert.

Fasten, Schweigen, Meditieren

Heilfasten ist also ein Prozess, der den Menschen in seiner Gesamtheit erfasst und die Wahrnehmung auf das Wesentliche reduziert bzw. fokussiert. Die Sinne werden geschärft und die Genussfähigkeit wieder gesteigert. Doch wann hat man schon Zeit für diesen Prozess?

Der schnelllebige Alltag fordert seinen Tribut: Wer kennt es nicht, das Gefühl von Überforderung, von Leere, von Erschöpfung… Der Tag war anstrengend, man war unentwegt in Bewegung, da ein Mail, da ein Anruf, noch ein Meeting, doch am Ende des Tages hat man Gefühl, eigentlich nichts geleistet zu haben. Man ist ausgelaugt, antriebslos, und fühlt sich wie ein Gefäß ohne Inhalt – einfach nur leer.

Doch anstatt diese Leere zu betrachten und zu überlegen, was das bedeuten kann und was unser Körper oder unsere Seele uns mit dieser Empfindung sagen wollen, versuchen die meisten Menschen diese Leere möglichst rasch wieder zu füllen – in der Regel mit Ablenkung und passivem Konsum anstatt mit Einkehr und Selbstbetrachtung. Doch die Chance, die in dieser Leere liegt, ist die Möglichkeit, sie – und damit sich selbst – mit positiven Gedanken und guter Energie auf zu laden.

Es ist ganz einfach: In ein volles Gefäß kann man nichts mehr einbringen, in ein leeres hingegen schon. Doch im Alltag halten wir diese Leere, die für die innere Regeneration notwendig wäre, immer weniger aus und lassen sie daher auch immer weniger zu. Erst die bewusste Entscheidung, diese Leere erleben zu wollen und zu nutzen, hilft uns, uns zu entschleunigen. Eine der Methoden zur Entschleunigung ist Fasten, aber auch Schweigen und Meditieren helfen dabei, den Alltag hinter sich zu lassen und eine Art ’neue Dimension‘ zu entdecken und zu erleben. Ziel ist es, sich bewusst zu entleeren um sich danach wieder neu aufladen zu können – körperlich wie seelisch.

Wer regelmäßig fastet, schweigt und meditiert – oder auch nur eines davon – kann seine Routinen verändern, Automatismen hinterfragen und die vermeintliche Komfortzone wertfrei analysieren: Macht mich mein Alltag wirklich glücklich? Was kann ich verändern, was tut mir gut, was schadet mir? Und was ist nur eine dumme Routine an der man aus Gewohnheit festhält, und die man eigentlich schon längst hinter sich lassen möchte?

Diese Möglichkeit des bewussten Heraustretens aus dem Alltag ist der Grund, warum viele Fachleute den Trend zum Fasten sehr positiv gegenüber stehen. Jede bewusste Lebensstilveränderung, also auch und gerade eine Veränderung des Essverhaltens, macht etwas mit uns. Mit dem Fasten können wir ein bewusstes Gegenzeichen zum hektischen Alltag setzen, wir nehmen uns eine Auszeit! Und diese Auszeit bietet Momente der Selbstreflexion, und macht somit Verzicht zum „Luxus“. Wer diesen Luxus schon einmal erlebt hat, versteht auch, warum Fasten zum Trend geworden ist!

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Quellen:

¹ Selbstheilung – Das Gefühl von Leere als Chance
² Deutsche Fastenakademie

Linktipps:

– Heilfasten
– Fasten, Entschlacken, Essenverzicht
– Klosterurlaub – Enspannung durch Entschleunigung
– Gesund Abnehmen