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Fasten und Entschlacken – das Geschäft mit dem Essensverzicht

Fasten und Entschlacken – das Geschäft mit dem Essensverzicht

Fasten- und Entschlackungskuren in der Kritik - Foto

Viele nehmen die Fastenzeit als Gelegenheit, ein paar überschüssige Kilos loszuwerden. Fasten- und Entschlackungskuren stehen gerade vor Ostern hoch im Kurs. Die Abnehmwilligen schwören auf den Nahrungsverzicht auf Zeit, und die Wellnessindustrie schürt mit Heilsversprechen deren große Erwartungen. Doch wissenschaftliche Belege dafür, dass Heilfasten, Entschlackungskuren oder Nulldiät dem Organismus wirklich guttun, gibt es nicht.



„Frühjahrsputz für Körper und Seele“, „Fit durch Fasten“, „Erfolgreich Entgiften und Entschlacken“, so oder so ähnlich lauten die Werbeaussagen, die sich im Frühjahr durch sämtliche Medien ziehen. Kein Wunder, viele Menschen haben über die Weihnachtsfeiertage ordentlich über die Stränge geschlagen und in der kalten Jahreszeit einige Kilos zusätzlich angesetzt und sind daher für derartige Botschaften empfänglich.

Doch leider lassen sich die Essenssünden eines Jahres nicht in wenigen Wochen korrigieren, auch wenn Lifestylemagazine, selbsternannte oder tatsächliche Ernährungsexperten etwas anderes behaupten.


Entschlacken – Mythos und Fakten

Der Begriff Schlacken oder Schlackenstoffe geistert immer wieder durch die Medien, ist aber ernährungswissenschaftlich nicht klar definiert und fehlt in der Schulmedizin gänzlich. Allgemein werden darunter Stoffwechselprodukte verstanden, die nicht oder nicht schnell genug ausgeschieden werden und dadurch gesundheitliche Probleme verursachen können. Doch gerade an Letztgenanntem stößt sich ein Gutteil der Ernährungsmediziner, manche stellen die Existenz von Schlackenstoffen sogar in Abrede. Es liegt offensichtlich ein Definitionsproblem vor, denn bestimmte Stoffwechselprodukte fallen sehr wohl in diese Kategorie – Harnsäure etwa, welche Gicht verursacht, ist auch schulmedizinisch unbestritten und daher gut erforscht.

Korrekterweise sollte also von „Stoffwechselschlacken“ die Rede sein – eliminationspflichtige Zwischen- und Endprodukte des Stoffwechsels, die beim kontinuierlichen Ab- und Umbau in unserem Körper entstehen. Durch zuviel, falsche oder einseitige Ernährung kann es tatsächlich zu Störungen beim Abtransport dieser Stoffwechselschlacken kommen, für den normalerweise Nieren und Leber zuständig sind.

So kann etwa eine vermehrte Einlagerung von Kollagen in die Gefäßwand und das Bindegewebe den Stoffaustausch zwischen Blut und Zelle – also den Zustrom von Nährstoffen, wie auch den Abtransport von Stoffwechselendprodukten – erschweren. Das Bindegewebe ist dabei nicht nur Transmittersubstanz, sondern auch Depot für Stoffwechselprodukte und hat in diesem Zusammenhang eine wichtige Regulierungsfunktion, um die anfallenden Stoffwechselsäuren abzupuffern.

Um den Körper in einem ausgeglichenen Säure-Basen-Verhältnis zu halten, hilft ausgewogene Ernährung dabei, diese Pufferkapazität des Bindegewebes zu unterstützen. Eine überproportionale Zufuhr vor allem an tierischem Eiweiß, die Menge und Qualität der aufgenommenen Kohlenhydrate und Fette beeinträchtigen diese Pufferkapazität offenbar und können zu einem Ungleichgewicht im körpereigenen Säure-Basen-Haushalt führen.¹ Ob allerdings eine metabolische Azidose (Übersäuerung des Blutes) tatsächlich über die Nahrung beeinflusst werden kann, gilt in Fachkreisen als umstritten.

Die möglichen Auswirkungen auf den Organismus und die gesundheitlichen Folgen dieses oftmals als „Übersäuerung“ bezeichneten Zustandes bieten Geschäftemachern und selbsternannten Experten daher ein ergiebiges Betätigungsfeld für Spekulationen. Umfassende wissenschaftliche Untersuchungen stehen allerdings noch aus, auch wenn die mediale Darstellung oft einen anderen Eindruck vermittelt.


Fasten – Raubbau am eigenen Körper?

Vom ayurvedischen Heilfasten bis zur spirituellen Fastenkur im Rahmen eines Klosterurlaubes spannt sich der Bogen an Kurangeboten für ernährungs- und gesundheitsbewusste Menschen. Längst ist die Ernährung für manche zu einer Ersatzreligion geworden, tatsächlich ist die Wirkung solcher Kuren unter Fachleuten aber sehr umstritten.

Die Hauptaufgabe der Nahrung liegt darin, unser Gehirn, unsere Nerven, Muskeln und Organe ausreichend mit der nötigen Energie und aureichend Nährstoffen zu versorgen. Wird mehr Energie aufgenommen als der Körper tatsächlich brauchen kann, speichert der Körper diese Energie, was sich in Übergewicht und gesundheitlichen Folgeerkrankungen äußert. Drastischer Essensverzicht in Form von Fastenkuren mag theoretisch ein effizientes Mittel zur Gewichtsreduktion sein, praktisch sind solche Kuren kontraproduktiv.

Der Internist und Ernährungsmediziner Dr. Kurt Moosburger bezeichnet Fasten gar als „Raubbau am eigenen Körper“. „Damit induzieren Sie nämlich einen Hungerstoffwechsel, bei dem nicht nur Fett, sondern auch Muskelprotein abgebaut wird, dieser Abbau an Muskelmasse ist vor allem in der ersten Woche des Fastens enorm.“² Der Essensverzicht hat tatsächlich drastische Folgen: Beim Versuch, das Gehirn mit Glucose zu versorgen, werden zuerst die Kohlenhydratreserven der Leber angezapft, sind diese erschöpft, greift der Körper auf Muskelprotein zurück, und erst zuletzt werden die Fettreserven angezapft.

Der Körper verliert ungleich mehr Muskel- als Fettmasse, es entsteht ein Eiweißmangel, und durch den Nahrungsverzicht wird eine Unterversorgung mit Vitaminen, Mineralstoffen und Spurenelementen provoziert. Dazu ist die Gewichtsreduktion nicht nachhaltig – wird nach dem Fasten wieder normal gegessen, sind die Kilos rasch wieder oben. Denn durch das Fasten ist der Grundumsatz und damit der Energiebedarf gesunken, was zur Folge hat, dass bei normaler Nahrungszufuhr die nicht verwendete Energie sofort in Form von Fettdepots gespeichert wird.


Langsame Ernährungsumstellung, nachhaltiger Erfolg

Fazit: diätische Ernährung hat aus medizinischen Gründen – etwa zur Darmsäuberung bei chronischer Verstopfung – sehr wohl seine Berechtigung, Fasten als Heilanwendung wird von den meisten Medizinern allerdings abgelehnt. Wer sich überflüssiger Kilos auf Dauer entledigen möchte, kommt um eine Ernährungs- und Lebensstiländerung nicht herum. Nicht der leere Teller, sondern einzig und allein das Richtige am Teller führt zum gewünschten Erfolg.

Guter Rat ist nicht teuer: Eine energiereduzierte, fettarme, kohlenhydratmoderate und vitalstoffreiche Ernährung zusammen mit einem ausgewogenen Bewegungsprogramm – optimalerweise aus 2/3 Ausdauer und 1/3 Krafttraining – ist in den allermeisten Fällen das Erfolgsrezept für eine gesunde und nachhaltige Gewichtsreduktion.

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Quellen:

¹ Nährstoff-Akademie Salzburg
² MedStandard 2.1.2012

Linktipps:

– Rezept: Fastensuppe
– Heilfasten: richtig Hungern
– Entschlacken und entgiften
– Fett und Kalorien beim Kochen sparen