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Die “neuen” Süchte unter der Lupe

Die “neuen” Süchte unter der Lupe

Shoppingsucht, Onlinesucht, Internetsucht

Internetsucht, Arbeitssucht, Kaufsucht: Was wissen wir wirklich? Wer ist gesund, wer ist krank? Es gibt zwar klinische und therapeutische Erfahrungen mit dem Leid der von diesen Suchtformen betroffenen Menschen, aber bislang noch relativ wenige spezifische, wissenschaftlich untermauerte Behandlungskonzepte.



„Wenn wir uns die österreichische Sucht in Zahlen ansehen, so ist sie nach wie vor von den so genannten legalen Drogen dominiert. Alkohol stellt hierzulande zweifellos neben der Nikotinsucht nach wie vor das zentrale Abhängigkeitsproblem dar“, sagt Prim. Univ.-Prof. Dr. Michael Musalek, der neue Leiter des Anton Proksch Institut Wien/Kalksburg. Anlässlich seiner Antrittsvorlesung informierte der neue Chef der größten europäischen Suchtklinik bei einer Pressekonferenz in Wien über Trends und neue Erkenntnisse in der Suchttherapie.

Auch der Europavergleich zeige, dass in Österreich die legalen Substanzen gegenüber den illegalen Drogen das weit größere Gesundheitsproblem darstellen, sagt der Suchtexperte. „Beim problematischen Konsum illegaler Drogen liegt Österreich im EU-Vergleich gemeinsam mit Deutschland und den Niederlanden im niedrigsten Bereich.“ Hier hätten also die verbreiteten Dramatisierungen keine empirische Basis.

Die „neuen“ Süchte unter der Lupe

Zunehmend ins Blickfeld von Suchtforschern und -therapeuten geraten seit einigen Jahren so genannte nicht stoffgebundene Formen der Abhängigkeit. Prof. Musalek: „Diese Süchte sind auf dem Vormarsch. Nach Essstörungen und Glücksspielsucht, über die wir inzwischen relativ viel wissen, sind das heute auch Phänomene wie die Arbeitssucht, die Internetsucht, die Sexsucht oder die Kaufsucht.“

Sucht ohne Drogen: Das heißt nicht kontrollierbares Verlangen nach einem exzessiven Alltags-verhalten – und passt bisher nicht so recht in die Diagnosesysteme. „Hier sind wir in der Ab-grenzung zum Normalverhalten, zur übersteigerten Aktivität noch ganz am Beginn einer brauchbaren Diagnostik, die Abgrenzung ist in vielen Fällen extrem schwierig“, sagt der Suchtexperte. „Und hier ist sicher eine abwägende Debatte notwendig. Denn wenn der Suchtbegriff zu inflationär verwendet wird, kann das auch zu einer Verharmlosung der tatsächlichen Sucht-krankheit führen.“

Andererseits erfüllen einige der neuen Süchte durchaus alle wesentlichen Merkmale, wie sie auch von den substanzgebundenen Süchten bekannt sind: Kontrollverlust, Toleranzentwick-lung, laufend notwendige Dosiserhöhung, psychische Entzugserscheinungen, zentraler Lebensinhalt, negative soziale Folgen wie finanzieller Ruin oder zerrüttete Beziehungen.

Von den substanzungebundenen Süchten ist heute nur die Spielsucht inzwischen in Form des „pathologischen Spielens“ in die internationalen psychiatrischen Diagnoseschlüssel aufgenommen. Von Spielsucht betroffen sind etwa vier bis sechs Prozent der Bevölkerung, 90 Prozent der Betroffenen sind Männer. Eine andere dieser neuen Suchtformen, die Internetsucht, ist mittlerweile recht gut untersucht, wir bieten hier auch ein einschlägiges Beratungsangebot an. 50.000 Menschen, schätzen unsere Experten, sind heute in Österreich schon krankhaft vom Internet abhängig.

Arbeitssucht: Wenn die Arbeit zur Sucht wird

Schwieriger ist eine zuverlässige Abgrenzung schon bei anderen neuen Suchtformen wie der Arbeitssucht: Nicht jeder, der viel arbeitet, ist arbeitssüchtig. Wir haben hier keine verlässlichen Zahlen. Zu einem Suchtverhalten in Bezug auf Arbeit gehört mehr: Unter anderem, dass Arbeit zentrales Lebensthema ist und die Sozialbeziehungen völlig in den Hintergrund treten. Die Arbeit darf aus Sicht des Süchtigen – wie Alkohol – nie zu Ende gehen, Arbeit wird ver-steckt und gehortet. Der Süchtige arbeitet wie im Rausch, er verliert den Rhythmus von Arbeit und Privatem.

Kaufsucht: Süchtiges Kaufen

Nach Untersuchungen der Universität Stuttgart-Hohenheim sind fünf Prozent aller Erwachse-nen stark und 20 Prozent deutlich von Kaufsucht oder Oniomanie gefährdet. Doch nicht jeder, der kaufsuchtgefährdet ist, wird oder ist kaufsüchtig. Die Grenze zwischen einem einfachen Frustkauf und der Sucht liegt unter anderem im ständig wiederkehrenden Drang, Dinge zu kau-fen, die man nicht benötigt. Es geht weniger darum, die Dinge zu besitzen, sondern der Prozess des Einkaufens selbst gibt den Abhängigen eine tiefe Befriedigung. Es besteht überhaupt kein Bedarf am Gekauften, der Kick stellt sich in der Kaufsituation selbst ein, kurz darauf kehrt aber wieder die innere Leere zurück, verbunden mit Niedergeschlagenheit und Enttäuschung. Hohe Schulden gehören mit zu den dramatischen Folgen dieser Sucht.

Alle Alter-, Einkommens- und Bildungsschichten scheinen gleichermaßen betroffen zu sein. Es gibt aber deutliche Anzeichen, dass Kaufsucht eine eher weibliche Sucht ist, was man aber auch dadurch erklären könnte, dass Frauen allgemein therapiewilliger und selbstkritischer sind als Männer und deshalb in den Behandlungsstatistiken häufiger aufscheinen.

Kann Sex süchtig machen?

Sexsucht ist unter den „neuen Süchten“ bisher als Phänomen noch besonders umstritten. Eine genaue Suchtanamnese ist jedenfalls wichtig, denn nach internationalen Untersuchungen liegen bei 60 Prozent der möglicherweise Betroffenen gleichzeitig andere Abhängigkeiten vor, etwa von Alkohol und/oder Medikamenten. Deutsche Zahlen sprechen von einer Häufigkeit von ein bis drei Prozent, die Angaben schwanken stark, eine umfassende Studie zur Prävalenz steht noch aus. Das Anlegen der klassischen Suchtkriterien wie Kontrollverlust, Toleranzentwick-lung und Entzugssymptome erscheint in diesem Bereich besonders problematisch. Verlässliche diagnostische Kriterien für die Sexsucht sowie vor allem Kriterien für die Abgrenzung von den mannigfachen Formen gesteigerter sexueller Bedürfnisse fehlen derzeit noch.

Welche Therapien für die neuen Süchte?

Für die meisten der genannten neuen Süchte sind heute keine festgeschriebenen Diagnosen verfügbar. Es gibt zwar klinische und therapeutische Erfahrungen mit dem Leid der von diesen Suchtformen betroffenen Menschen, aber bislang noch relativ wenige spezifische, wissenschaftlich untermauerte Behandlungskonzepte.

Eines ist jedenfalls neu. Während die Abstinenz bei den stoffgebundenen Süchten beispielswei-se ein zentraler Teil der Therapie ist, ist es hier viel schwerer, ganz auf das Suchtmittel zu verzichten. Anders als bei der Alkoholkrankheit, wo man lernen kann, das Glas stehen zu lassen, kann man nicht ein Leben lang nie mehr arbeiten oder nie mehr einkaufen. Das Therapieziel ist also ein anderes: Nämlich zu lernen, dass der Betroffene auch ohne seine Exzesse etwas wert ist. Da der Kontrollverlust aber ein wesentliches Suchtmerkmal ist, ist der selbstkontrollierte Umgang hier allerdings eine besonders schwierige Aufgabe.

Wie bei den stoffgebundenen Formen der Sucht auch muss die Gesamtsituation der Betroffenen beachtet werden. Es muss geklärt werden, ob – und wenn ja, welche – psychiatrische Grundstörung vorliegt, die dann zuerst behandelt werden muss. Und natürlich müssen die Angehörigen in die Behandlung einbezogen werden – wie bei allen Suchtstörungen. Bei Suchtformen, die ein großes Verschuldungspotenzial mit sich bringen wie Kaufsucht oder krankhaftes Glücksspielen sind meistens auch sozialtherapeutische Maßnahmen unbedingt notwendig, etwa eine Schuldnerberatung.

Bei gleicher Diagnose können unterschiedliche Therapieansätze zum Erfolg führen. Es gibt keinen Schulenstreit mehr: Was hilft, das hilft.

Suchtpräventionsstellen in Österreich:

Fachstelle für Suchtvorbeugung in Niederösterreich
kontakt+co – Suchtprävention Jugendrotkreuz
SUPRO – Werkstatt für Suchtprophylaxe Vorarlberg
Drogenberatungsstellen in Wien

Institut für Suchtprävention der Sucht- und Drogenkoordination Wien
Modecenterstraße 14/Block C/2.OG, 1030 Wien
E-Mail: isp@sd-wien.at
Tel.: 01/4000-87320

Linktipps:

– Raucherentwöhnung
– Risiko Sucht – Suchtrisiko
– Sucht überwinden – Wege aus der Abhängigkeit
– Smartphones: Internet, Handy & Co – Elternguide für Kinder und Teens
– Sucht beginnt im Alltag, Prävention auch
– Alkoholsucht
– Alkohol ist Österreichs Volksdroge Nr. 1
– Suchtmerkmale

Kave Atefie





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