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Das Bauchgehirn – Erkenntnisse der Neurogastroenterologie

Das Bauchgehirn – Erkenntnisse der Neurogastroenterologie

Das Bauchgehirn – Erkenntnisse der Neurogastroenterologie Das Bauchgehirn – Erkenntnisse der Neurogastroenterologie

Unser Bauchgefühl ist oft die erste spürbare Reaktion auf einen Eindruck, den wir mit unseren anderen fünf Sinnen wahrnehmen. Wie gibt’s das und wie genau funktioniert die Verbindung zwischen Hirn und Bauch? Ist unser Bauchgefühl eine Art sechster oder gar siebenter Sinn? Gibt es ein „Bauchgehirn“?



Im Darm befindet sich ein Netz aus über 100 Millionen Nervenzellen – das enterale oder enterische Nervensystem – das sich von der Speiseröhre bis zum Enddarm zieht. Es besteht aus einem komplexen Geflecht von Nervenzellen (Neuronen), das nahezu den gesamten Magen Darm Trakt durchzieht.


Das enterische Nervensystem

Das enterische Nervensystem besitzt beim Menschen vier- bis fünfmal mehr Neuronen als das Rückenmark und befindet sich – als eigenständiges Nervensystem – als dünne Schicht zwischen den Muskeln des Verdauungsapparates. Im Englischen auch treffend als „second brain“ oder „abdominal brain“ bezeichnet das Bauchgehirn nach Ansicht einiger Forscher eigentlich eine Kopie des Gehirns, denn die Zelltypen und Rezeptoren des Magen- Darmtraktes seien identisch mit denen des Gehirns und kommunizieren miteinander über ihre eigenen Botenstoffe (Serotonin und Dopamin). Ferner besteht eine Nervenstrangverbindung zu der Großhirnrinde und somit zum limbischen System, unserem Emotionszentrum im Gehirn. Das Bauchgehirn scheint auch somatische Marker zu besitzen, die uns für gewisse Dinge ein „Vorgefühl“ geben, es sendet Informationen vom Bauch an das Großhirn und ist somit auch für Stimmungen und Emotionen von Bedeutung.

Das enterische Nervensystem verfügt demnach auf chemischer und neuronaler Ebene über Ähnlichkeiten mit dem Gehirn und der Name Bauchhirn ist durchaus gerechtfertigt. Es ist evolutionstechnisch zwar älter, gleicht ihm aber neurochemisch. Diese Nervenzellen steuern nicht nur die Funktion des Darms, der Darm befindet sich vielmehr in einem regen Austausch zwischen dem Gehirn und anderen Organen – er kommuniziert. 
Neben der traditionellen Sichtweise von Krankheiten des Magen-Darm-Trakts als Manifestation psychosomatischer Störungen wird besonders in der neurogastro- enterologischen Forschung gezeigt, dass psychische Störungen durch Einflüsse vom Magen-Darm-Trakt bedingt sein können. 



Bauchhirn an Kopfhirn oder Kopfhirn an Bauchhirn

Kopf- und Bauchgehirn stehen im ständigen Kontakt. Allerdings werden 90 Prozent der Informationen vom Darm zum Gehirn geschickt, aber nur zehn Prozent in die andere Richtung – vom Gehirn an den Bauch. Eine typische „Kommunikation“ vom Bauch zum Kopfhirn entsteht z.B. wenn man etwas Schlechtes gegessen hat:
Das Bauchgehirn meldet Gifte und in Folge sendet das Kopfgehirn Signale, um beim enterischen Nervensystem motorische Reflexe auszulösen um so Erbrechen zu provozieren.

Von den Informationen, die das Bauchgehirn tagtäglich zum Gehirn schickt, nehmen gesunde Menschen nur wenig bewusst wahr, während Menschen mit Reizmagen oder Reizdarm, die an chronischen Bauchschmerzen, Blähungen, Durchfall oder Verstopfung leiden viel empfindlicher auf diese Informationen reagieren. Diese erhöhte Sensibilität schlägt sich auch in umgekehrter Richtung nieder, indem Patienten mit Reizmagen oder -darm überdurchschnittlich oft an Migräne, Depressionen, Schlafstörungen oder Angst leiden.


Die Leistung des enteralen Nervensystems

Das enterale Nervensystem von Magen und Darm koordiniert eigenständig die Verdauung, beispielsweise die Peristaltik, die die Nahrung im Zuge der Verdauung durch den Körper transportiert. Seit Ende des 19. Jahrhunderts weiß man von diesem Nervensystem des Verdauungstrakts, in den 70er-Jahren des vorigen Jahrhunderts wurde die neurochemische Analogie zum Gehirn entdeckt. Das Bauchhirn arbeitet unabhängig vom Kopfhirn; die Nervenzellen treffen alle für den Darm wichtigen Entscheidungen selbstständig. Alles, was mit Verdauung und Transport zu tun hat wird vom Bauchhirn gesteuert.

Der Darm ist somit nicht nur das größte Immunorgan im Körper, vielmehr sitzen im Darm auch mehr als 70 Prozent aller Abwehrzellen, die wiederum direkt mit dem Bauchhirn verbunden sind. Auch die Steuerprozesse und Reaktionen des Bauchhirns laufen völlig unabhängig vom Kopfhirn ab und spielen eine große Rolle bei der gefühlsmäßigen Erfahrung von Freud und Leid. Aber auch was das Kopfhirn wahrnimmt oder sich einbildet, bleibt dem Bauchhirn nicht verborgen.


Neurogastroenterologie

Wenn sie einen Chirurgen nach dem Bauchgehirn fragen, wird er antworten, dass er noch keines gesehen habe. Nun, dies ist wohl die simple Wahrheit. Unumstritten ist allerdings, dass es etwas in unserem Bauch gibt, das – von uns unbemerkt – ähnlich wie ein Gehirn funktioniert und z.B für die Bauch Peristaltik verantwortlich ist. Umgekehrt haben die meisten Menschen auch untrügerische ‚Bauchgefühle‘, wenn ihnen etwas gegen den Strich geht.

Tatsache bleibt, dass der Zweig der Neurogastroenterologie erst am Anfang der Erkenntnis steht und wir wahrscheinlich noch viele Wahrheiten über unser zweites Gehirn erfahren werden. Denn dass es neben Hunger und Bauchschmerzen noch „Etwas Anderes“ in unserem Bauch gibt, ist mittlerweile jedenfalls unumstritten.

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Quellen:

¹ Deutsche Gesellschaft für Neurogastroenterologie und Motilität
²
Das enterische Nervensystem

Linktipps:

– Der Darm – Spiegel des körperlichen Befindens
– Medizinlexikon – Darm
– Körperatlas – Der Darm