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Bio-Geflügel: glückliche Hühner oder faule Eier?

Bio-Geflügel: glückliche Hühner oder faule Eier?

Bio-Geflügel: glückliche Hühner oder faule Eier?

Auch wenn es uns die Werbung noch so sehr vermitteln möchte, glückliche Hühner, die entspannt auf der Wiese nach Körnern picken, sind in der modernen Lebensmittelproduktion pure Illusion. Diese Aussage trifft leider auch auf die allermeisten Geflügelprodukte aus biologischer Landwirtschaft zu. Dennoch macht es einen Unterschied wie Hühner, Puten, Enten und Gänse aufgezogen werden. Bio ohne Schmäh, geht das? Bio-Geflügel – ein Fakten-Check.



Die Vorgaben für Bio-Geflügel sind klar definiert: Aufzucht, Fütterung, Haltungsanforderung sind bis ins kleinste Detail von den Herausgebern von Bio-Siegel reglementiert. Bio-Siegel sind Güte- und Prüfsiegel, mit welchen Erzeugnisse aus ökologischem Landbau gekennzeichnet werden. Wir haben bewusst den Plural verwendet, denn es gibt eine Menge unterschiedlicher Prüfsiegel in diesem Bereich, nicht alle garantieren tatsächlich Bioprodukte. Die Unterschiede zwischen echten Bio- und bloßen Verbandssiegeln von Herstellern und Vermarktern sind für den Konsumenten nicht immer auf den ersten Blick ersichtlich. Sie sehen, bereits hier beginnt das Problem, denn selbst die scheinbar eindeutige Kennzeichnung als Bioprodukt ist so eindeutig nicht.

Kann man sich also als Konsument auf gar nichts mehr verlassen? Wenn selbst staatliche Siegel keine verbindliche Auskunft über die Rahmenbedingungen des Herstellungs-prozesses von Bioprodukten liefern, woran soll sich ein Konsument dann noch orientieren? Die Antwort: es ist alles nicht so einfach.

Tatsächlich gibt es mittlerweile EU-weit klare Reglements zu den nunmehr geschützten Begriffen „bio“, „Biologischer Landwirtschaft“, „aus kontrolliert biologischem Anbau“ und „Öko“ – dies gilt auch für Produkte, die als „Bio“ beschrieben werden, sie müssen ebenfalls den Kriterien des 2010 EU-weit eingeführten Bio-Siegels entsprechen, egal ob Hersteller das Siegel-Logo tragen oder nicht. Das Problem ist, dass Konsumenten nicht bewusst ist, was diese Reglementierung tatsächlich bedeutet und was nicht. Das führt zwangsläufig zur nächsten Frage:

Was ist bio?

Die Richtlinien sind beim Biolandbau durchaus streng und unterliegen genauen Kontrollen. Lebensmittel mit dem EU-Bio-Siegel gehören zu den Produkten mit dem höchsten gesetzlich gesicherten lebensmittelrechtlichen Standard. Die Betonung liegt auf gesetzlich, denn es gibt nicht-staatliche Bio-Siegel (z.B. Demeter), die sehr wohl darüber hinausreichende Standards garantieren (wollen).

EU-Bio-Siegel

Ein Beispiel: ein Geflügelprodukt kann das europäische Bio-Siegel erhalten, wenn

  • höchstens 0,9 % gentechnisch verändertes Material enthalten ist und
  • mindestens 95 % der Inhaltsstoffe aus Öko-Anbau kommen.

Für den Erhalt des Demeter-Siegels werden allerdings höhere Standards – etwa Inhaltsstoffe aus hundertprozentigem Ökoanbau – verlangt. Sie sehen also: bio ist nicht gleich bio.

Bio-Eier und das Problem mit den Küken

Wir möchten Ihnen den Umfang der Problematik anhand des sogenannten „Küken-Problems“ verdeutlichen. Ein engagierter Leser (Name der Redaktion bekannt) hat folgende Anfrage an die Firma „Toni’s Freilandeier“ geschickt:

„Liebes Team, wie werden bei Ihren Bauern Legehennen gezüchtet? Werden die 50% männlichen Küken getötet (so wie ich es durch Medien erfahren habe) oder haben sie eine legale, tierfreundliche Lösung?“

Die Antwort fiel nicht nur prompt sondern auch überraschend ehrlich und präzise aus, wir wollen Sie Ihnen nicht vorenthalten:

[…] Mit Ihren Fragen sprechen Sie die heikle Seite der Hühner- und Nutztierhaltung an. Es sind aber genau diese Fragen die uns weiterbringen und zu hoffentlich nachhaltigen Lösungen führen.

Zu Ihrem Verständnis möchte ich Ihnen kurz näher bringen, wie Toni´s Freilandeier arbeitet. Toni´s Freilandeier werden von rund 140 Bauern in kleinstrukturierter Landwirtschaft produziert. Unsere Eier werden von handverlesen, direkt am Bauernhof beschriftet, sortiert und in die Kleinverpackungen gegeben. Somit erfolgt die erste Kontrolle der Freilandeier direkt am Bauernhof durch den Bauern selbst. Nachdem der Bauer jedes einzelne Ei in die Hand nimmt, sieht er sofort wenn das Ei nicht den qualitativ höchsten Anforderungen entspricht. Auf unseren Höfen stehen jeder Henne 10m2 im Freien zur Verfügung und im Stall teilen sich 6-8 Hennen einen Quadratmeter. Alle unsere Betriebe halten maximal 3000 Hennen in einem Stall somit gewährleisten wir dass jede Henne ausreichend Zugang ins Freie hat.

Fast alle unsere Betriebe beziehen Junghennen von Aufzuchtbetrieben, nur vereinzelt werden Küken selbst aufgezogen, diese erhalten die Betriebe von Brütereien. Auch bei uns in der Glein, am Hof von Toni Hubmann, werden seit dem letzten Jahr Küken aufgezogen, es ist für uns sehr interessant und eine große Freude in diesem Bereich neue Erfahrungen sammeln zu können. In den Brütereien werden alle geschlüpften Küken dem Geschlecht nach sortiert, wobei die weiblichen Hennen als Legehenne zu einem Aufzuchtbetrieb weitergeliefert werden.

Diese Aufzuchtbetriebe sind bestens für die Bedürfnisse der Küken ausgestattet und gewährleisten eine optimale Entwicklung der Tiere. Wenn die Junghenne ein Alter von 18-20 Wochen erreicht hat wird sie an die Legehennenbetriebe ausgeliefert. Alle Toni´s Betriebe müssen unsere strengen Richtlinien einhalten und werden durch externe Kontrollstellen und interne Controller (selbst Toni’s Bauern der ersten Stunde) regelmäßig überprüft und unangemeldet besucht.

Wie bereits erwähnt werden alle frisch geschlüpften Küken sortiert. Dabei werden die männlichen Küken ausselektiert und durch Kohlenmonoxid betäubt und getötet (das ist leider die übliche Vorgehensweise wie, sie von den Brütereien durchgeführt werden). Diese Tiere werden für Tiernahrung und für Zoos verwendet. Die Brüder der Legehennen werden bisher, wie Sie schon richtig erkannt haben, für die Eierproduktion nicht benötigt. Bis auf einige wenige männliche Exemplare die innerhalb einer Hühnerherde zum allgemeinen Wohlbefinden und für ein besseres Sozialgefüge gehalten werden, sind alle anderen (so meint man zumindest) nutzlos.

Ein Umstand der gleichermaßen erschütternd wie unnötig ist. Das ist auch der Grund, warum wir vor einiger Zeit damit begonnen haben, statt reinen Legehennenrassen sogenannte „Zweinutzungsrassen“ auf unserem Hof einzusetzen. Die Idee ist keinesfalls neu, es ist die Art der Hühnerhaltung wie sie unsere Großväter betrieben haben. Das Problem ist also bereits seit etwa 70 Jahren bekannt (seit die industrielle Hühnerhaltung aufkam), die Lösung des Problems ist aber schon viel länger bekannt.

Zweinutzungsrassen, sind Rassen bei der sich die weiblichen Küken zum Eierlegen, die männlichen hervorragend zur Mast eignen. Keines der Küken muss getötet werden. Wir alle haben diese Art des Umganges mit den Lebewesen in der Zwischenzeit verlernt und müssen uns erst wieder an die Möglichkeiten die sich uns dadurch bieten gewöhnen. Ein Hahn kommt auf den Speiseplänen der wenigsten Familien vor, umso wichtiger ist es, dass wir uns dieses Themas annehmen. Bei uns läuft dieses Projekt unter dem Namen Toni´s Henne und Hahn, mehr Informationen finden Sie unter www.tonishennehahn.at.

Wir haben diese Initiative letztes Jahr gestartet und bereits ca. 10.000 Hähne großgezogen. Jetzt zur Zeit haben wir wieder 2000 Küken die in ca. drei Wochen ausgewachsen sind und uns delikates Fleisch liefern. Noch ist dies nur ein kleiner Anteil in Relation zu den restlichen Legehennen die wir für die Freilandeierproduktion halten. Es hat sich aber bereits heuer herausgestellt, dass wir die Menge an Zweinutzungstieren erhöhen konnten und so das Projekt immer weiter ausgedehnt werden kann. […]

Qualitätsvoll, biologisch, ethisch korrekt

Die Antwort zeigt klar auf, dass auch Produkte aus biologischer Landwirtschaft im Bereich der industriellen Lebensmittelproduktion bestimmten ökonomischen Vorgaben entsprechen müssen, die wiederum Produktionsbedingungen schaffen, die kaum etwas mit der Konsumentenerwartung zu tun haben.

Ist „bio“ also eine reine Täuschung? Auch wenn längst nicht alles eitel Wonne ist, ist die Bioidee sicherlich ein Schritt in die richtige Richtung, zumal es einige „echte“ Bio-Pioniere gibt, deren Angebot – im Rahmen des Möglichen – über jeden Zweifel erhaben ist. Problematisch ist die Vereinnahmung der Bioproduktion durch Großkonzerne – mit dieser geht nämlich bei den bäuerlichen Produzenten durch den Kostendruck ein Zwang zum Wachsen oder Weichen einher. Derart hergestellte und vermarktete „biologische“ Produkte unterscheiden sich ethisch und auch geschmacklich kaum von Artgenossen aus konventioneller Haltung.

„Wenn die Unterschiede zwischen Bio und Konventionell im Wesentlichen Futtermittel und Betriebsmittel betreffen, ist das zu wenig. Tiere müssen artgerecht behandelt werden, damit sie gesund sind“, ist Ethnobotaniker und Kulturanthropologe Wolf-Dieter Storl überzeugt.

Doch so einfach das klingt, so schwierig ist es. Denn gerade Geflügel ist oftmals sehr anfällig für Krankheiten. Um einen großen Tierbestand hygienisch, veterinärmedizinisch und ethisch einwandfrei managen zu können, sind große Sorgfalt und ein hohes Maß an verantwortungsvollem Tierhaltergeschick erforderlich. Große Tierbestände sind zwar unter ökonomischen Gesichtspunkten sinnvoll, aus hygienischer Sicht allerdings höchst problematisch. Kleinere Bestände erhöhen aber automatisch den Preis …

Aber es gibt Alternativen, so werden bereits erfolgreich mobile Ställe für das Federvieh eingesetzt. Dabei sind die Einzelställe mit wenigen hundert Tieren auf Kufen gebaut, die der Landwirt mit dem Traktor regelmäßig auf der Wiese bewegen kann. Die Tiere haben Auslauf, können ihr arteigenes Verhaltensmuster ausleben, haben weniger Stress und geschlachtet wird auf dem Hof. Zudem muss der Zuchtmarkt aufgebrochen werden – bei Hühnern etwa beherrscht eine Handvoll multinationaler Agrarkonzerne den Zuchtmarkt. Bioproduzenten plädieren für eine Rückkehr zu reinerbigen Zweinutzungshühnern, um sich von der Abhängigkeit zu befreien.

Doch all das wird wohl nur ein Tropfen auf dem heißen Stein bleiben, wenn sich nicht das Verhalten der Konsumenten grundlegend ändert. Nach Ansicht von Ökobauern bedeutet dies für die Konsumenten der Industrienationen: weniger ist mehr. Fleisch maximal zwei mal pro Woche, besser einmal Fleisch, einmal Fisch – beides aus regionalem Angebot – dafür dann beim Einkauf auf Bioprodukte höchster Qualität zurückgreifen und genießen.

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Linktipps:

– Biolebensmittel: warum Bio wirklich besser ist
– Biolebensmittel: Gesundheitspodcast mit Mag. Petra Lehner (Gesundheitsministerium)
– Lebensmittelkennzeichnung – Inhaltsstoffe verstehen
– Lebensmittel-Check.at – Konsumenten kontrollieren Lebensmittel
– Biobluff statt zurück zum Ursprung (derstandard.at)
– Biologisches Geflügel (Wissensdatenbank für biologische Landwirtschaft)
– Eier von freilaufenden Hühnern: Alles nur Schwindel? (peta)