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Barrierefreiheit im Netz

Barrierefreiheit im Netz

Barrierefreiheit im Netz

Das Hineintauchen in das Online-Universum bietet Menschen das Tor zu einer anderen Welt: ob durch Artikel aus entfernten Ländern, Fotostrecken von vergangenen Veranstaltungen oder um an Informationen und Nachrichten zu Politik und Wirtschaft zu kommen. Doch haben tatsächlich alle Menschen ungehinderten Zugang zu diesen Möglichkeiten? Auf welche Schwierigkeiten stoßen etwa blinde Menschen im Internet? Wir haben ein Experten-Interview geführt.



Websites barrierefrei zu machen hat nicht nur der gesetzlichen Vorgaben wegen Sinn, es hilft auch Websites besser und schneller auffindbar zu machen, denn auch der Suchgigant Google profitiert von zusätzlichen Informationen und kann so mehr Besucher bringen. Doch noch immer gibt es unterschiedliche Auffassungen des Begriffs „Barrierefreiheit“ und viele Webmaster trauen sich nicht an das Thema heran. Dabei geht es einfach gesprochen bloß darum Webseiten so zu gestalten, dass auch Menschen mit Sehbehinderung und Blinde diese sinnvoll nutzen können.

Wenn etwa Beschreibungstexte von Bildern fehlen, oder lange komplizierte Formatierungs- und Layoutanweisungen die eigentlichen Textinhalte verstümmeln, so ist dies für Menschen mit Sehbeeinträchtigung nicht nur ärgerlich, sondern auch diskriminierend. Zumeist ist es freilich keine Bösartigkeit sondern schlicht fehlendes Problrmbewusstsein, das Webmaster so arglos agieren lässt. Wir wollten genauer wissen, mit welchen Problemen User in diesem Bereich zu kämpfen haben und welche Möglichkeiten Seitenbetreiber haben ihre Webpräsenz barrierefrei zu gestalten.


Interview Barrierefreiheit im Netz

Die Leiterin des Braille-Blindendruckverlag, welches Zeitschriften für Schulen in ganz Österreich sowie taktile Medien wie den Blinden-Atlas produziert, Eva Papst ist mit Erich Schmid, Mitglied im Österreichischem Blinden und Sehbehindertenverband, sowie Informatiklehrer und Programmierer in der zweitältesten Blindenschule der Welt im Gespräch mit Anastasia Lopez.

gesund.co.at: Wie barrierefrei ist das Netz?

Eva Papst: Aufgesetzte Barrierefreiheit funktioniert nicht! Wenn Sie ein Haus ohne Lift bauen, und dann kommt ein Rollstuhlfahrer, müssen sie dann von außen einen Lift dranbauen. Wenn man das von Anfang an konzipiert, sind die Kosten zwar auch höher als wenn ich keinen Lift hätte, aber im Endeffekt deutlich geringer als im Nachhinein.

Das Bewusstsein wie notwendig es ist Barrieren abzubauen ist in den letzten 15 Jahren größer geworden – die praktische Umsetzung hinkt immer sehr weit hinterher. Weil in den meisten Fällen die Fragestellung eine falsche ist: es wird eine Website fertig gemacht und knapp vor Online-Schaltung kommt man dann auf die Idee „Uh wir sollten ja eigentlich etwas für die Barrierefreiheit machen“, und dann ist es definitiv zu spät!

Welche barrierefreien Seiten sind gut bedienbar?

Eva Papst: Die Nachhaltigkeit spüre ich bei der Seite der Stadt Wien. Es hilft mir nichts wenn eine Seite heute barrierefrei ist, und in zwei Jahren nach dem Relaunch nicht mehr. Über Geschmack lässt sich streiten, was ist schön? Oft genug sind sogenannte schöne Seitenganz schnell aus der Mode, weil sie langsam zu bedienen sind. Das ist ja auch ein Problem: 5MB große Datei nicht auf den Server zu laden, sondern sie vorher für das Web zu optimieren. Das hilft allen, nicht nur Blinden. Die wichtigsten Basics kennt ein gut ausgeschlafener Techniker: Ein Absatz ist immer noch ein Absatz! Die wichtigste Richtlinie ist Trennung von Inhalt und Layout.

Erich Schmid: Barriere-Armut ist ein besseres Wort, denn richtige Freiheit für alle ist schwer zu erreichen. Wer kann schon für sich sagen, dass er vollständig, alle Gruppen von Behinderten gleich gut zugänglich macht? Es gibt wunderbare Webseiten: jedes Jahr für meinen Jahresausgleich die „Finanz Online“-Seite.

Welche Seiten sind besonders schlecht zu bedienen?

Eva Papst: Amazon ist ein gutes Beispiel dafür, wie man es nicht machen sollte: beschriftete Grafiken, leere Listen. Die Seite ist grafisch überladen, mag hübsch aussehen, der Warenkorb ist für Blinde ganz unten, nicht wie bei Sehenden mitten auf der Seite an prominenter Stelle. Aber man muss auch zugeben dass die Seite immer wieder relaunched wurde: sie sollten die Seite mal komplett neu aufsetzen, und das ist bei solch einem Betrieb sicherlich nicht einfach. Überall dort, wo die Schnittstelle Mensch und Maschine in Kraft tritt, treten Probleme auf.

Erich Schmid: Online Shops sind schwer zu navigieren, auch E-Learning Plattformen sind kompliziert, die Seiten die zu viel anbieten im Allgemeinen. Es ist zu viel Info drauf, die zu wenig gut gegliedert ist. Wenn der Warenkatalog auf einer Einkaufsseite schlecht sortiert ist, dann verbrauche ich unglaublich viel Zeit um das zu finden, was ich suche.
Der größte Hemmfaktor ist die Zeitverschwendung!

Wie funktioniert das Arbeiten mit dem Handy bzw. mit Apps?

Eva Papst: Das Blindenschriftgerät kann bei Bedarf zugeschalten werden, für kurze Texte geht’s auch ohne, die Kombination macht es möglich, je nach Bedarf anders zu reagieren. Manche benutzen Siri, das geht so schnell, wie von Meisterhand!

Wie geht’s (Jugendlichen) mit den Social Media Kanälen?

Erich Schmid: Digital Natives, das ist Alltag! Klar ist ein Smartphone nicht ganz so leicht zu bedienen, aber Word beherrschen, das können die Jugendlichen schnell.

Eva Papst: Facebook ist schlecht bedienbar, am Besten nimmt man Apps oder mobile Versionen. Jugendliche kommen aber viel besser damit zurecht. Durch Vorlesefunktionen können sie sich dann recht schnell einfinden. Die Hemmschwelle ist bei den Kindern geringer. Es gibt fast nur noch Smartphones, irgendwann sind alle Blinde dazu gezwungen, sich damit auseinander zu setzen. Ich möchte es nicht mehr missen, es hat gedauert sich das anzueignen, aber es hat sich gelohnt!

Wie geht es Menschen die das wiederum nicht in der Schule gelernt haben, der älteren Generation?

Erich Schmid: Mühsam! Diese PCs-Systeme sind alle auf Intuition ausgerichtet: Sehende können Farben unterscheiden, oder bestimmte Sachen blinken oder bewegen sich und sind dadurch hervorgehoben: irgendwo finden sie den richtigen Weg. Bis der Blinde das heraus hat kann es dauern, denn eine andere Technik ist notwendig, da er keine Maus zum klicken hat, er drückt Tastenkombinationen.

Warum gibt es so wenig barrierefreie Webseiten?

Erich Schmid: Weil alle sich zu selbsternannten Webdesignern machen! Oder man will schnell einen Webshop einbauen, und das bindet man ohne Überlegung ein. Die „Spaghetti-Technik“ nenn ich das: da häng’ ma noch was an, und da auch noch: und die Nudel wird immer länger! Es braucht einen langen Atem der Vorbereitung für eine gute Website, und den haben wenige: man will so schnell wie möglich online gehen! „In zwei Wochen wollen wir die Website“, und dann kommen solche Fehler zustande.

Eva Papst: „Ich mach das seit 10 Jahren so“ ist ein beliebtes Argument. Es gibt viele verständliche Gründe, die sich aber negativ bemerkbar machen, aber böser Wille ist es in den seltensten Fällen. Wenn ich etwas gelernt habe, dann das schauen über den Tellerrand: nicht nur sehen wie schlecht es mir mit den Barrieren im Internet geht, sondern dass ich sehe welche Probleme haben die anderen mit der Umsetzung!


Tipps für Webmaster

Webmaster sollten die Bedienbarkeit der eigenen Website ohne Maus (Tastatur: Reihenfolge der Tab-Links) testen und die Lesbarkeit der Inhalte (Reihenfolge im Quellcode, Auszeichnugen von Überschriften etc.) kontrollieren. Eine große Hilfe sind dabei Textbrowser wie z.B. Lynx – sie beschränken die Darstellung der Seite auf den Inhalt und „blenden“ das Layout komplett aus. Viele Fehler werden dadurch schnell offensichtlich und können meist ganz einfach behoben werden.

Anregungen zur Barrierefreiheit kann man sich auch automatisiert holen. So liefert etwa das Wave-Werkzeug erste Tipps und zeigt Fehler auf. Es kann freilich nur automatisiert erkennbare Merkmale auswerten.

Hinweis in eigener Sache

Auch unser Portal ist trotz großer Anstrengungen keineswegs barrierefrei, immer wieder zwingen technische Notwendigkeiten (das verwendete Contentmanagementsytem, Darstellungsoptionen der Werbung, eingebaute Formulare und Sonderfunktionen usw.) zu Kompromissen. Schritt für Schritt verabschiedet man sich bei der Realisierung des Erscheinungsbildes von den ursprünglich hehren Zielen.

Aktuell können wir unseren Besuchern aber eine – wie wir meinen – durchaus akzeptable Alternative anbieten, nämlich die Verwendung der Mobilversion von gesund.co.at. Diese ist den Anforderungen von Abfragen über mobile Endgeräte angepasst (Smartphones, Tablets, usw.) und daher programmiertechnisch von – für Blinde und sehbehinderte Menschen – unnötigem grafischen Ballast befreit. Zu finden unter: m.gesund.co.at

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Quellen:

¹ Lynx Testtool für Webmaster
² Lynx Text Browser
³ WAVE – Barrierefreiheit testen

Linktipps:

– Barrierefrei Surfen für Menschen mit Sehbehinderungen?
– Was eine gute Sehleistung für die Lebensqualität bedeutet
– Sehschwäche: die richtige Therapie wirkt Wunder

Anastasia Lopez