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Ayurveda jenseits des Wellness-Booms

Ayurveda jenseits des Wellness-Booms

Ayurveda - Wissen vom Leben

Erstmals wird eine grundlegende Abhandlung des Ayurveda – der wichtigsten und ältesten medizinischen Tradition Indiens – in Teilen anhand von Manuskripten textlich analysiert und historisch ergründet. So wird im Rahmen eines Projekts des Wissenschaftsfonds FWF zur Rekonstruktion einer authentischeren Form dieser Abhandlung und ihres Inhalts beigetragen. Sogar Methoden aus der Evolutionsbiologie kommen dabei zum Einsatz, um die Varianten des in Sanskrit verfassten Textes auf ihre Ursprünglichkeit hin zu analysieren.



Gesundheit zu erhalten und Krankheiten zu heilen, sind die Ziele, die heute weltweit Wellness-Resorts füllen, allerdings bereits eine jahrtausendelange Tradition haben. Bereits die über 2000 Jahre alte indische Heilkunst Ayurveda eiferte diesen Zielen nach. Aufgrund der unveränderten Bedeutung dieser Wünsche entwickelte sich der Ayurveda im Laufe seiner Geschichte immer weiter; die alten Grundlagenwerke wurden dabei nicht nur immer wieder abgeschrieben, sondern auch umgeschrieben und ergänzt. Gewollt und ungewollt wurden im Zuge dieser Überlieferung ursprüngliche Aussagen verändert. Jetzt wird in einem Projekt des Wissenschaftsfonds FWF die Rekonstruktion des möglichst ursprünglichen Wortlauts von Textpassagen eines ausgewählten Werkes des Ayurveda in Angriff genommen.

Ein Buch mit vielen Siegeln

Die Wahl fiel dabei auf die sogenannte Caraka Samhita (auch: Carakasamhita): Diese Schrift ist eines der wichtigsten und ältesten Zeugnisse des Ayurveda. Wörtlich übersetzt bedeutet Ayurveda Lebensweisheit oder auch Lebenswissenschaft. Der Begriff stammt aus dem indischen Sanskrit und setzt sich aus den Wörtern Ayus (Leben) und Veda (Wissen) zusammen. Ayurveda ist eine Kombination aus Erfahrungswerten und Philosophie, die sich auf die für menschliche Gesundheit und Krankheit wichtigen physischen, mentalen, emotionalen und spirituellen Aspekte konzentriert. Sie ist in acht Bücher gegliedert, welche unterschiedliche Bereiche und Themen der Medizin behandeln. Die Caraka Samhita ist zusammen mit der Sushruta Samhita das älteste noch erhaltene medizinische Werk Indiens.

Die Komplexität und der Umfang des Werkes verlangen eine schrittweise Analyse der einzelnen Teile: Ein Wiener Forscher-Team widmet sich daher einzelnen Kapiteln des dritten Buches der Caraka Samhita, des Vimanasthana, und des vierten Buches – des Sarirasthana. Die Projektleiterin Prof. Karin Preisendanz, Vorständin des Instituts für Südasien-, Tibet- und Buddhismuskunde an der Universität Wien, erklärt die Bedeutung der untersuchten Kapitel folgendermaßen: „Gerade diese Abschnitte behandeln grundlegende Themen für das ayurvedische Denken. Wissen über die menschliche Anatomie, Embryologie, Pathologie und den natürlichen gesunden Zustand des Menschen wurde ebenso darin aufgezeichnet wie Gedanken über und Wege zur Realisierung der vollen Lebensspanne.“

“Alles Leid wurzelt in Unwissenheit, alles Glück in reinem Wissen.” (Sutrasthanam 30.84)

Nach anfänglicher mündlicher Überlieferung wurde der Text der Caraka Samhita in seiner fast 2000-jährigen Geschichte immer wieder abgeschrieben. Dabei kam es aber unvermeidlich zu Veränderungen des Wortlauts, sodass es heute eine Fülle an divergierenden Manuskripten gibt. Welche Teile dieser „Textmutationen“ die ursprünglichen Gedanken am genauesten wiedergeben, ist bis dato unbekannt. Genau dies wird nun von Prof. Preisendanz und ihrem Team analysiert.

Die Forscher bedienen sich dazu unter anderem einer Methode, die im Bereich der Textanalyse durchaus innovativ ist und aus der Evolutionsbiologie stammt: Dort wird die Entwicklung verschiedener Arten aus einem gemeinsamen Ursprung mittels sogenannter Kladogramme analysiert. Vereinfacht gesagt sind dies Stammbäume mit jeweils nur zwei Verzweigungen pro Ast. Diese erlauben es, verschiedene Lebewesen aufgrund eines Vergleiches von Merkmalen auf einen gemeinsamen Ursprung zurückzuführen.

Textevolution

Diese Methode wurde nun für die Erforschung der Caraka Samhita adaptiert. So helfen die Analysen mittels Computerprogrammen dabei, festzustellen, was die gemeinsame Quelle der verschiedenen Textversionen war. Auf Basis dieser Analyse und des Einsatzes textkritischer Methoden kann dann das Projektziel verwirklicht werden: die Rekonstruktion einer ursprünglicheren Version der Caraka Samhita.

Doch für Prof. Preisendanz ist es auch wichtig, diese „Ur-Version“ oder „kritische Ausgabe“ in einem weiteren Schritt mit Detailinformationen zu versehen: Vor allem sollen Einblicke in die eingesetzten Analysemethoden und die Überlieferungsgeschichte des Werkes gegeben werden. Auf der Grundlage der „kritischen Ausgabe“ können dann inhaltliche Untersuchungen zur Geschichte der Medizin, Philosophie, Religion und Kultur Indiens im Spiegel der Caraka Samhita durchgeführt und in wissenschaftlichen Beiträgen präsentiert werden.

Das Projekt steht in einer über 100-jährigen Tradition der philologisch-historischen Südasien-Forschung in Wien. Im Rahmen von drei von Prof. Preisendanz geleiteten Vorgängerprojekten, die ebenfalls vom FWF finanziert wurden, konnten seit 2001 neue Ressourcen wie das weltweit größte digitale Archiv medizinischer handschriftlicher Sanskritwerke erstellt werden, auf welchem das aktuelle Projekt aufbauen kann und das weiter ergänzt wird.

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Quelle:

Prof. Dr. Karin C. Preisendanz, Universität Wien
Institut für Südasien-, Tibet- und Buddhismuskunde

Linktipps:

– Wissenschaftsfonds FWF
– Caraka Samhita – Ayurveda & Gesundheit
– Tibetische Medizin
– Fasten – Gleichgewicht für Körper und Seele
– Gesundheit & Wellness – Erlebnisgeschenke boomen