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Autoaggression: wenn man sich selbst verletzt

Autoaggression: wenn man sich selbst verletzt

Autoaggression

Sie schneiden und stechen sich mit spitzen oder scharfen Gegenständen, verbrennen, verätzen oder vergiften sich: Rund 0,4 Prozent der Bevölkerung verhalten sich autoaggressiv. In Sachen Autoaggression – also gegen sich selbst gerichtete Gewalt – halten Frauen, besonders junge Mädchen, den traurigen Rekord. Sie verstümmeln sich wesentlich häufiger als Burschen und Männer. Selbstverletzendes Verhalten kann unterschiedlichste Ursachen haben, doch ihre Heilungschancen sind mittlerweile sehr gut. Das Mittel der Wahl ist eine Psychotherapie – je früher ein Therapiekonzept erstellt wird desto besser die Heilungschancen.



Die Vielfalt selbstverletzenden Verhaltensweisen ist erstaunlich und beängstigend gleichermaßen. Sie findet sich bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen. Sie kann auf spezifische Art einen einzelnen Körperteil betreffen, sie kann aber auch auf viele unterschiedliche Art und Weisen so gut wie alle Körperteile einschließen. Neben Verletzungs-Ort und -Methode sind auch Schweregrad und Regelmäßigkeit Indikatoren für ie Ursache und Ausprägung des selbstverletzenden Verhaltens.

Autoaggressionen sind für die Betroffenen nicht kontrollierbar, ihr Verhalten unterliegt nicht der freien Entscheidung. Häufig liegt der Selbstverletzung der Verlust des Körpergefühls zugrunde. Mit autoaggressivem Verhalten wird es wieder hergestellt. Die Betroffenen verspüren keinen Schmerz, sondern ein angenehmes Gefühl wie beispielsweise wohlige Wärme.

Vielleicht ein Hilfeschrei, aber kein Suizidversuch

Manche wollen mit ihren Verletzungen Aufmerksamkeit oder Mitleid erregen, andere verheimlichen es. Autoaggression ist in der Regel kein Suizidversuch. Ganz im Gegenteil: Es geht darum, sich Verletzungen zuzufügen, um weiterleben zu können. Auch wenn es bei autoaggressivem Verhalten in der Regel keinen suizidalen Aspekt gibt, kann unbehandelte Autoaggression letztlich im Suizid münden.

Frauen häufiger betroffen

Meist tritt das autoaggressive Verhalten erstmals im Alter zwischen 14 und 17 Jahren auf. Unbehandelt geht die Verhaltenstörung mit zunehmendem Alter häufig in eine andere Krankheit über. Oft wird eine Sucht entwickelt, beispielsweise Alkoholismus. Betroffen sind deutlich mehr Frauen als Männer: Auf acht bis zehn Frauen kommt ein Mann. Eine wissenschaftliche Erklärung für die geschlechtsspezifische Verteilung gibt es bislang nicht. Frauen neigen in der Regel eher dazu, Aggressionen an sich selbst auszulassen, während Männer sich an ihrem Umfeld abreagieren. Bis zur Pubertät sind Mädchen und Jungen allerdings gleichermaßen betroffen.

Straffällig und autoaggressiv

Auffällig ist die Häufung von autoaggressivem Verhalten bei straffällig gewordenen Männern, sowohl im Gefängnis als auch in der forensischen Abteilung der Psychiatrie (Straftaten aufgrund psychischer Krankheit).

Ursachen

Der stärkste bekannte Auslöser für Autoaggression ist Vernachlässigung. Ein Mangel an Zuwendung und häufiges Alleinsein in der Pubertät äußert sich vor allem bei Mädchen in einem Gefühl innerer Leere und Spannungszuständen, die zu autoaggressivem Verhalten führen. Autoaggression wird als Mittel genutzt, um Druck abzubauen. Durch nicht verarbeitete traumatische Erlebnisse wie sexuellen Missbrauch oder Prügel entsteht ein großer emotionaler Druck.

Aber auch unerträgliche Spannungszustände, Essstörungen wie Anorexie oder Bulimie, Depressionen oder Persönlichkeitsstörungen (etwa Borderline Syndrom) können autoaggressives Verhalten verursachen.

Autoaggression bei Jugendlichen: Vorwürfe sind fehl am Platz

Insbesondere Eltern sollten betroffene Kinder zunächst nicht abrupt mit ihrem Verhalten konfrontieren. Vorwürfe sind nicht hilfreich. Besser ist, genau zu beobachten und vorsichtig nachzufragen. Bei Jugendlichen besteht die Chance, dass sich die Autoaggression wieder legt. Wenn man zu massiv vorgeht, kann es passieren, dass die Betroffenen an der Störung festhalten und alle Konflikte darüber austragen. Keinesfalls darf man jedoch autoaggressives Verhalten ignorieren. Tritt nach einem halben bis dreiviertel Jahr keine Besserung ein, sollte man konsequent dafür sorgen, dass dem Betroffenen geholfen wird.

Hilfe durch Psychotherapie

Alle der drei folgenden Therapien haben sich in der Praxis bewährt. Bei der Wahl der vielversprechendesten Therapieform, können Psychotherapeuten individuelle Entscheidungshilfe leisten.

1. Die Verhaltenstherapie konzentriert sich auf die Symptome und übt mit den Patienten, diese zu vermeiden. Verletzungen sollen so lange wie möglich hinausgezögert werden.

2. Bei der psychoanalytische Gesprächstherapie steht die Vergangenheitsbewältigung im Vordergrund. Man versucht, die Ursache der Störung aufzudecken und zu verarbeiten.

3. Trauma-Bewältigung: Bei der Vergangenheitsbewältigung gilt es, ein zentrales traumatisches Ereignis zu bewältigen.

Störung ist heilbar

Achtzig Prozent der Patienten zeigen nach abgeschlossener Behandlung keine Symptome mehr und benötigen allenfalls noch ambulante Behandlung oder Beratung. Hat sich das Körpergefühl einmal wieder normalisiert, funktioniert das selbstverletzende Verhalten nicht mehr.

Linktipps:

– Depressionen Tipps und Links
– Anhedonie – wenn das Leben nur noch aus Sorgen besteht
– selbstverletzendes Verhalten (www.psychosoziale-gesundheit.net)

Kave Atefie





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